27. Oktober 1940

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Ende Okto­ber 1940 began­nen im deutsch­be­setz­ten Bel­gi­en die ers­te Maß­nah­men, die sich direkt gegen die jüdi­sche Bevöl­ke­rung rich­te­ten. Foto Bri­ga­de Piron, ohne Datum, lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

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Sonn­tag, am 27. Okto­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter Du! Mein gelieb­ter [Roland]!

Sonn­tag früh 8 Uhr ist es. Ich bin eben mit mei­ner Mor­gen­toi­let­te fer­tig. Und erst kommt mein Herz­lieb dran, es ist mir ja viel­tau­send­mal lie­ber, als der Mor­gen­kaf­fee! Ich möch­te heu­te eigent­lich schon an mei­nem Plat­ze sein. Die Eltern sind schon gegan­gen. Aber ich habe mein Zusa­ge für mei­ne Mit­hil­fe gar­nicht [sic] erst unter der Bedin­gung gege­ben, daß ich Dir erst schrei­ben will, ehe ich run­ter kom­me. Sie ver­ste­hen nicht, daß ich nicht auch nur mal einen Tag aus­las­se, an dem ich Dir nicht schrei­be. Ich bemü­he mich auch nicht, ihnen das ver­ständ­lich zu machen, es wür­den mich Zeit und Wor­te reu­en.

Ich sage nur soviel: Wer mich nicht ver­ste­hen will, wer sich hier­in mei­nem Wil­len nicht fügen will, der soll mal die Hän­de von mir las­sen.

Und über­dies ste­he ich ja hier in kei­nem Arbeits­ver­hält­nis, das bezahlt wird. Es ist ja mein frei­er Wil­le.

Ulkig — ges­tern abend, als ich mit den Eltern heim­zu lief, sag­ten wir 3 wie aus einem Mun­de: Nein, nie und nim­mer für immer da in dem Betrieb mithelf[en] — wir haben uns nun für die Kir­mes zur Ver­fü­gung gestellt und haben somit [Zeit] ver­tan. Der Vater könnt[‘] es gar­nicht [sic] durch­hal­ten, wenn er Dienst im Betrieb hät­te oben­drein. Und Mut­ter kann am Mon­tag­früh auch nicht ins Geschäft gehen. Es ist aus­ge­schlos­sen, daß wir vor Mit­ter­nacht heim kön­nen. Ges­tern habe ich mit Vater den Saal, die Kegel­bahn, Wein­die­le und Saalstu­be fer­tig gemacht. Erst alle Tische und Stüh­le von der Büh­ne holen, set­zen, alles mit hei­ßem Was­ser wischen, decken. Die Wän­de hat Va[ter] selbst abge­kehrt und [den] Saal gekehrt, das ande­re wur­de gescheu­ert. Eine Zie­ge habe sie geschlach­tet, Kalbs­nie­re[,] Ente, Karp­fen gibt es noch. Was glaubst Du, wie­viel Gäs­te sich ges­tern den gan­zen Tag tele­pho­nisch ange­mel­det haben! Das wird heu­te ein unheim­li­cher Betrieb. Und die heu­te ren­nen sonst wohin, wenn es etwas mar­ken­frei zu essen gibt! Vori­ge Woche zur K.er Kir­mes, wäre es die reins­te Völ­ker­wan­de­rung gewe­sen. Eben­so haben [wir] es auch in K. erlebt, wenn in den umlie­gen­den Dör­fern Kir­mes war. Heu­te gilt es nun auf­zu­tap­pen. Für das war­me Essen haben wir ges­tern alles schon zube­rei­tet. Kraut; Kar­tof­feln geschält; Kom­pott; Vieh­zeug ange­bra­ten! Karp­fen sind lebend im Kel­ler, die macht die Oma tot. Die ist ener­gisch auf die Art! Kuchen schnei­den müs­sen wir noch, Bestecks alle put­zen. Ach, was weiß ich noch alles. Das hört nie auf mit der Arbeit. Und ich wer­de froh sein, wenn die­ser Sonn­tag zu Ende geht.

Cas­par David Fried­rich, Win­ter­land­schaft mit Kir­che (Dort­mund), über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
[Ic]h will ger­ne, ach wie ger­ne Dei­ner den­ken heu­te, damit wenigs­tens die Gedan­ken eine fro­he hel­le Bahn zie­hen, Du! Wo wirst Du wohl heu­te wei­len?

Es ist sehr kalt drau­ßen bei uns, der Schnee liegt noch an vie­len Stel­len. Nun ist’s mit einem Mal Win­ter. Noch 4 Tage tren­nen uns von Dei­ner Ver­set­zung.

Wo ist nur die Zeit hin? So lan­ge dünk­te es uns anfangs, die Wochen­zahl betrach­tet. Und am 30. steigt Euer ‘Fest’, die Besich­ti­gung. Ach, wer weiß, wie sie Euch nun die paar Tage noch ran neh­men. Hof­fent­lich machen sie es gnä­dig! Tei­le mir nur gleich Dei­ne neue Num­mer mit, wenn es soweit ist, mein [Roland]! Die Wäsche bekommst Du doch hof­fent­lich nach­ge­schickt, wenn sie Dich nicht mehr errei­chen soll­te am alten Stand­ort! Denk an, heu­te früh um 5 [Uhr] war Alarm. Und Vater hat das ein­zel­ne Flug­zeug schon vor ½ 5 [Uhr] gehört und nach L. zu mit Licht krei­sen sehen. Knapp ¼ St[un]d[e]. Dann war[‘]s gut. In den Kel­ler sind wir nicht run­ter. Mein Gelieb­ter! [Roland]! Dein Bote kam! Herz­lieb!! Ich dan­ke Dir, Du! Du! Ich will ganz still und gedul­dig war­ten, ich will mich bemü­hen, Du!! Es wird alles gut wer­den. Ob Du bei mir—ob ich bei Dir, ach wenn wir nur bei­sam­men sind! Du! Ich ant­wor­te Dir mor­gen auf Dei­ne Fra­gen!

Bundesarchiv Bild 146-1985-075-09, Royal Air Force Bomber.jpg
Pro­pa­gan­da­mo­ti­ve wuss­ten die Kame­ra­bli­cke der Foto­gra­fen in den Pro­pa­gan­da­kom­pa­ni­en beein­dru­ckend auf Foto zu benen­nen. Hier Roy­al Air Force Bom­ber, Foto­graf unbe­kannt, DBA, Bild 146‑1985-075–09 / CC-BY-SA 3.0. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

Mein gelieb­ter [Roland]! Du hast mir Glück und Freu­de gebracht, ich gehe nun froh­ge­mut aus Werk! Laß Dir dan­ken mein Herz, Du!! Ich küs­se Dich Du!! Ganz innig! Ich lie­be Dich aus tiefs­tem Her­zen! Ich kann Dich nie mehr von mir las­sen, Gelieb­ter! Ich kann nur Dir gehören—Behüte Dich mir Gott auf allen Wegen. Erhal­te er Dich froh und gesund! Mein [Roland]!! Ich bin in gro­ßer Lie­be, in Treue immer­dar nur Dei­ne Hol­de. Und Du bist mein!!T&Savatarsm

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