27. Oktober 1940

Von Braz­za­vil­le aus ver­brei­te­te Charles de Gaul­le am 28. Okto­ber 1940 sein Mani­fest, in dem er die fran­zö­si­schen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger zu allen Anstren­gun­gen in die­sem Krieg auf­ruft.

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Sonn­tag, den 27. Okto­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Herz­al­ler­liebs­te, Hol­de mein!

Hol­de, komm! Setz Dich neben mich, lehn Dein Köpf­chen an mei­ne Schul­ter, laß Dir Dein lie­bes Köpf­chen strei­cheln. Dein alter, lan­ger, dum­mer, guter [Roland] sitzt neben Dir, Dein Hubo, Dein Dicker­le. Und jetzt als Dein Beschüt­zer. Für einen Augen­blick ver­gißt er, daß [er] die lie­be, schö­ne, hei­ße jun­ge [Hil­de] in sei­nen Armen hält, er fühlt jetzt nur sei­nen Schütz­ling, sein [Hilde]kind, sein [Hilde]herz. Du magst ihn fort­ja­gen, magst ihn verwünschen,—er wird nicht von Dei­ner Sei­te wei­chen und wird Dir folgen—aus Lie­be. Und was er Dir jetzt sagt mit ruhi­ger, väter­li­cher Stimme—er sagt es aus lau­ter Lie­be: Mußt Dich fein brav und ruhig hal­ten. Liebs­te,! [sic] wie schreck­lich wäre das, wenn Dei­ne Augen mich nicht mehr erkenn­ten, wenn Dei­ne Stim­me an mir vor­bei­gin­ge in die Irre, wenn Du nicht mehr wüß­test, daß ich bei Dir bin! Fein still und gedul­dig! Mußt Dich dazu zwin­gen, Herz­lieb, mußt dar­um beten, daß Du stark bleibst! Mein lie­bes [Hilde]herz! Denk an Dei­ne Gesund­heit, denk an uns[e]re Zukünft, denk dar­an, daß wir uns doch noch ein gan­zes lan­ges Leben lieb­ha­ben wol­len!

Wirst jetzt bös[‘] und schmol­lend zu mir auf­bli­cken? „Er hat gut reden und trös­ten.“ Herz­lieb! Soviel Jubel und Freu­de ich mit Dir tei­le, Du, Gelieb­te, über alles Gelieb­te! Ich muß Dir auch von die­ser Sor­ge sagen. Du weißt, daß ich Dir ganz gehö­re, und daß mein gan­zes Sin­nen und Trach­ten Dir gibt, Dir vor allen und zu aller­erst! Und ich seh­ne mich nach Dir! Ich will zu Dir!! Aber froh und gesund und stark möch­te ich bei Dir sein, und so möch­te ich Dich emp­fan­gen! So. Küß­chen! Rührt Euch!

Herz­al­ler­liebs­te, Hol­de mein!

Sei tau­send­mal bedankt, daß Du mich so leben­dig teil­neh­men läßt an Dei­ner Freu­de. Freu­de woll­te ich Dir berei­ten. Daß Du soviel Trä­nen dar­um ver­gie­ßen mußtest—das woll­te ich nicht. Du liebst mich! Du liebst mich so sehr! Du liebst mich zu sehr!! Mein Herz! Mei­ne lie­be [Hil­de]! Du machst mich so glück­lich, Du! Machst mich zu glück­lich, Gelieb­te! Ich möch­te nun wirk­lich ein wenig ban­ge wer­den, weißt, Du? Das ist zu viel Lie­be für einen Men­schen! Wie soll ich sie fas­sen? Es möch­te doch auch kein Strahl davon ver­lo­ren gehen! Ich möch­te sie doch auch so ganz erwi­dern, Gelieb­te! Wie kann ich das? Du sollst doch auch kei­nen Augen­blick unzu­frie­den sein mit Dei­nem Hubo! Sollst doch kei­nen Atem­zug lang emp­fin­den, daß er Dir nicht genügt, daß sein Herz nicht groß genug ist, die­se Lie­be alle zu fas­sen. Du! Gelieb­te! Ich sehe nur einen Aus­weg dann! Du! Weißt? Unser Kind­lein! Nie­man­dem sonst möch­te ich Dei­ne Lie­be gön­nen, mit nie­man­dem sonst möch­te ich sie tei­len. Und da ich nun weiß, daß sie so, so groß ist, will ich sie auch gern tei­len, es wird dann immer noch genug für mich blei­ben. Du!? Wird es?

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Leucht­turm Bülk bei Stran­de, 2006, Foto von Kue­bi (Armin Kübel­beck), lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

Son­nen­schein ist drau­ßen. Son­nen­schein ist drin­nen, auch bei Dir, dank­ba­res Herz! Er ist das sicht­ba­re Zei­chen von Got­tes Gna­de, die­ses hel­le, war­me, rei­ne Licht, das täg­lich sich erneut, auch nach der dun­kels­ten Nacht. Zwei­mal steck­ten wir im Kel­ler. Dabei war es gar nicht so arg wie ander­mal [sic]. Nun ist Mor­gen­stun­de. Der Ofen ist schon in Gang. 19 Mann quir­len durch­ein­an­der, bab­beln durch­ein­an­der, meist nicht viel Gescheits (ree­sen [sic: wohl platt­deutsch] sagt man hier), schrei­ben, rau­chen, schmö­kern, kom­men und gehen. Schmö­kern ist die neue Pest. Bil­li­ge Schwar­ten machen die Run­de. Sau­fen und Rau­chen ist zu teu­er auf die Dauer—die Zeit wird lang. Du! Dei­nem Hubo ist die Zeit nicht lang. Meist ist sie ihm zu knapp.

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Eine sol­che Schwar­te war wohl das Buch Mein Kampf von A. Hit­ler, das in der ers­ten Hälf­te der 1940er Jah­re mit einer Auf­la­ge von über 10 Mil­lio­nen Best­sel­ler­sta­tus erlang­te. Hier die 9. Auf­la­ge von 1932, Foto von Dia­gram Lajard, lizen­ziert unter CC0 über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

Herz­liebs­te! Dein lie­ber, lie­ber Bote kam zu mir in die Mit­tags­stun­de. Er hat mir viel Freu­de gebracht. Ich habe sie mit­ge­nom­men auf unse­ren Spa­zier­gang mit Kame­rad Hengst. Ich weiß Dich nun heu­te zur Kir­mes. Du wirst mir berich­ten. Wir sind am Strand ent­lang zum Leucht­turm und nach Stran­de. Die Son­ne schien. Von See blies ein schar­fer Wind. Am liebs­ten wäre ich allein gegan­gen. Dei­ne Brie­fe und Bil­der waren mit mir, und in Gedan­ken war ich immer um Dich, ich muß­te mich zur Auf­merk­sam­keit im Gesprä­che zwin­gen. Gern hät­te ich mei­nem Scherz vom ver­gan­ge­nen Sonn­tag fort­ge­setzt. Aber nun blieb zu wenig Zeit, und der schö­ne Tag lock­te zum Aus­ge­hen. Hast ganz recht: So voll heim­li­cher Freu­de war ich schon am Sonn­tag um die Über­ra­schung für Dich. – Gleich will ich mal die dunk[e]le Stel­le aus einem Dei­ner letz­ten Brie­fe suchen:

Du, daß ich nicht ver­ges­se, Dicker­le! Erkält[e] ihn Dir nicht im Trep­pen­flur!! Wenn Du mein Gesicht dabei gese­hen hät­test!! Du, bist ja auch mit allen Was­sern gewa­schen! Aber ich ver­ste­he, Du! Ver­ste­he sehr gut, wie es einem zumut ist!!“ Bekennst Dich zu die­sen Zei­len, Schlin­gel? Sie Dir als Ver­schrei­ben oder Ver­se­hen oder Unge­reim­tes aus­zu­le­gen, dazu bist Du mir zu schlau, Du! Ich ver­mu­te doch irgend­wie „hin­ter­lis­ti­ge“ Zwe­cke, kann mir nur nicht deu­ten, wie da plötz­lich Dein Gesicht dane­ben kommt. Oder zweif­lest, daß ich vor­be­sag­ten Kör­per­teil nicht mit allen Was­sern wasche? Na, war­te! Nun mußt Du Dich erklä­ren, her­aus­re­den gilt nicht—höchstens los­kau­fen. Über das Löse­geld kann nur münd­lich ver­han­delt wer­den. So, Liebs­te! Ein biß­chen Über­mut muß ich mir auf­he­ben für die nächs­ten Brie­fe, den grö­ße­ren Teil aber für unser Wie­der­se­hen, sonst wer­de ich mit Dei­nem Mut nicht fer­tig.

Mei­ne lie­be [Hil­de]! Ich möch­te immer wei­ter mit Dir plau­dern, mich immer mehr in Dein Wesen versenken—aber die Zeit drängt,—und die Sehn­sucht nach Dir, Gelieb­te, wird dabei grö­ßer und schmerz­li­cher. Und ich zwin­ge mich des­halb und gebie­te Halt, um unse­ret­wil­len, für unser Wie­der­se­hen, Du! Herz­lieb!

Wann wirst nach Hau­se kom­men heut abend? Du, bit­te, schreib mir alles! ‚Wat et mich allens jibt!’ [sic: platt­deutsch: was es nicht alles gibt] sage auch ich zu Eurem neu­en Kan­tor. Wie ver­trägt sich das in die­sem Fall auch mit der brau­nen Uni­form? Na, das ist nicht uns[e]re Sache.

Herz­al­ler­liebs­te! Behü­te Dich Gott auf allen Wegen!

Gelieb­te! Dei­nen Mon­tag­brief [sic] darfst [Du] noch abschicken—und dann erst mal das Gan­ze Halt! Es heißt, daß wir schon Don­ners­tag, spä­tes­tens Frei­tag umzie­hen. Ich möch­te nicht, daß auch nur einer uns[e]rer Brie­fe in unrech­te Hän­de gerät. Unse­re Brie­fe, Dei­ne Brie­fe Du! Unser Geheims­tes, Liebs­tes! Ich wür­de mich schä­men, wenn jemand dar­in sehen würde,—nicht weil Unrech­tes dar­in steht,—sondern weil dann ein­ge­drun­gen wür­de in uns[e]re Welt, in unser Herz, in uns[e]re eigens­te Welt, in unser Inne­res, das ich nur Dir zei­gen mag, alle Sehn­sucht und Zärt­lich­keit, allen ande­ren Bli­cken ent­zo­gen, nur Dir! Hol­de! Gelieb­tes Weib!

Wie glück­lich bin ich, Du!

So unsag­bar glück­lich mit Dir!! Du mein Leben! Mein Ein und Alles! Mein lie­be, gute [Hil­de]! Ich bin und blei­be Dein Hubo und Dicker­le, Dein [Roland]! Ganz Dein!! Und Du, Du bist mein!!!T&Savatarsm

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