20. Oktober 1940

Statue of J.S. Bach in Leipzig
Sta­tue von Johann Sebas­ti­an Bach, das Inbe­griff von Kom­po­nis­ten der Kunst­mu­sik in Sach­sen, vor der Tho­mas­kir­che in Leip­zig. Foto: Zara­fa, 25.09.2007, unter Crea­ti­ve Com­mons Attri­bu­ti­on-Sha­re Ali­ke 3.0 Unpor­ted lizin­ziert, über Miki­me­dia Com­mons, 10.2015.
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Sonn­tag den 20. Okto­ber 1940.

Mein lie­bes, teu­res Herz! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du! Hol­de mein!

Ganz häus­lich ist Dein Hubo heu­te. Zu Mit­tag hat er sich ein Bäu­chel ange­ges­sen von Schwei­ne­bra­ten, Kar­tof­feln und Rot­kraut. Dann ist er in den Dusch­raum gesprun­gen und hat ein Bad genom­men. Split­ter­nackt hat er sich unter dem Strahl der Brau­se getum­melt und alle Kör­per­tei­le mit dem lie­ben Naß bekannt gemacht, die in der Woche dar­in zu kurz kom­men.

Pierre Mas­se, Fran­zö­si­scher Sena­tor von Hérault schrieb 18. Okto­ber 1940 einen Pro­test­brief an Fr. Staats­chef und Mar­schall Phil­ip­pe Pétain, ob Mas­se und sei­ne Fami­li­en­mit­glei­der die vie­len mili­tä­ri­schen Stel­len und Ehren­be­zeich­nun­gen jetzt abge­ben muss­ten, da Juden von dem fran­zö­si­schen Mili­tär aus­ge­trie­ben wur­den. Er wur­de in Ausch­witz wohl 10.1942 ermor­det.

Dann hat er sich mit einer woh­li­gen Mat­tig­keit auf sein Bett­lein gestreckt — das Stüb­chen hat er schon vor dem Essen gefeu­ert — und nun fehl­te nur noch eines zu einem erqui­cken­den, süßen Mit­tags­schläf­chen — der Kuß und die Nähe der Liebs­ten. Und er kam! Du! Welch[’] schö­ne, lie­be Stun­de an die­sem Sonn­tag! Dazu ein Päck­chen mit Nasch­werk von der Kan­to­rei. Wenn ich es über mich brin­ge, bekommst auch noch was ab davon.

Hol­de! Gelieb­te! Sei tau­send­mal bedankt! Bedankt auch für das erlö­sen­de Wort, Du! Es geht mich eigent­lich nichts an, Du! Aber ich freue mich ganz sehr mit Dir. Und es geht mich doch etwas an, bin doch Dein Gärt­ner, Du! Viel­leicht hat es gera­de an sei­ner Mühe­wal­tung gefehlt. Weil nur nun alles in Ord­nung geht! Bin ich nicht ein guter Rechen­meis­ter? Ach Du! Er hat auch schon wei­ter gerech­net, und einst­wei­len will sei­ne Rech­nung noch gar nicht auf­ge­hen. Besuchst [Du] mich vor dem 15. Nov., kann ich noch nicht ver­spre­chen, ob mei­ne Vor­be­rei­tun­gen alle been­det sind. Besuchst [Du] mich her­nach, kom­men wir so weit hin­ein ins Jahr. Ach Liebs­te! Es wird sich erge­ben. Und wir hof­fen, daß alles gut wird.

Hawker Hurricanes of 85 Sqn RAF in flight 1940
Haw­ker Hur­ri­ca­ne Mk.Is, No 85 Squa­dron, König­li­che Luft­waf­fe, Okto­ber 1940. Foto: Impe­ri­al War Muse­ums, CH 1499, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
[Du] Bist nun frei von einer Sor­ge und darfst erleich­tert in Got­tes Tag schau­en, Du! 4 Uhr ist es. Kühl ist es drau­ßen. Die Son­ne ver­brei­tet heu­te ein mat­tes fah­les Licht. Ich will zu Haus blei­ben heu­te. Wir sind nur noch 6 Mann auf der Stu­be. Gemüt­lich ist es nun und unge­stört kann ich mit Dir plau­dern. Nichts Bes­se­res wuß­te ich, um die­se Sonn­tags­stun­den aus­zu­fül­len. Ich sehe Dich mit den Eltern, läufst neben ihnen her, sprichst mit ihnen — und bist doch halb abwe­send, und die Bei[n]chen schlen­kern ein wenig unfolg­sam zur Sei­te, als könn­ten sie jeden Augen­blick durch­ge­hen mit mei­ner [Hil­de], weit, weit, nach Nor­den, dort­hin, wo das Ring­lein weist von Dei­ner lie­ben Hand, zu sei­nem Bru­der. Über den Berg geht Euer Weg. Die­ser Berg, der den Blick frei­gibt in den hohen, wei­ten Nor­den, die Sehn­sucht kann einer dort ler­nen, wenn er sie noch nicht kann­te.

[Johann Sebas­ti­an Bach, Cho­ral­kan­ta­te 140 — Wachet auf, ruft uns die Stim­me, BWV 140; MIT Con­cert Choir, Diri­gent: W. Cut­ter, Crea­ti­ve Com­mons Attri­bu­ti­on-Sha­re Ali­ke 2.0 Gene­ric licen­se, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.]

Und wenn Ihr dann Heim­kommt, hast Du die Musik, die ich nun schon schon [sic] so lan­ge ent­beh­re. Ver­lo­ren und ver­las­sen wie ein Kind, das sich ver­lau­fen hat, drin­gen ihre Töne zuwei­len aus dem Qualm und Bier­dunst der Kan­ti­ne. Ohne zu wer­ten: die Emp­fäng­lich­keit für die gute Musik schei­det die Men­schen. Und die dafür emp­fäng­lich sind, wird man fest­stel­len kön­nen, sind emp­find­sa­mer, emp­find­li­cher, zar­ter besai­tet. Der Mensch läßt sich wohl für die­se Kunst erzie­hen. Aber ich glau­be, die rohen Genüs­se des Alko­hols zumal machen den Men­schen taub für die fei­ne­ren Regun­gen im Rei­che der Kunst. Dem scheint zu wider­spre­chen, daß Betrun­ke­ne gern sin­gen (aber der Gesang ist auch danach). Meist liebt man im Gast­haus eine Musik dicker Gemüt­lich­keit. Zum andern auch, daß etli­che Kom­po­nis­ten hand­fes­te Trin­ker waren. Also es wird wie­der sicht­bar: es ist undank­bar, nach fes­ten Regeln zu suchen, weil es kei­ne gibt. Wich­ti­ger ist, daß wir bei­de auch in die­sem wich­ti­gen Punk­te zusam­men­pas­sen. Das wäre über­haupt ein­mal ein ergie­bi­ges The­ma, das ohne einen Schuß Humor und Über­mut gar nicht abzu­han­deln wäre, und bei dem ich auf Dei­ne Mit­hil­fe nicht ver­zich­ten könn­te: In wel­chen Stü­cken wir zusam­men pas­sen, Du! Auf ein furcht­ba­res oder über­ra­schen­des Ergeb­nis brau­chen wir uns nicht zu spit­zen, denn es ist schon bekannt: Gelieb­te, Hol­de! Gut pas­sen wir zusam­men. Gut? ist gar kein Wort dafür. Wir bei­de gehö­ren zusam­men, unzer­trenn­lich für alle Zeit! Wir wis­sen es, wir glau­ben es, wir füh­len es! Du und ich. Kei­nes mag mehr sein ohne das ande­re. Inbrüns­tig stre­ben uns[e]re Wesen zuein­an­der, wol­len ein­an­der durch­drin­gen und ver­schmel­zen — unser Kind­lein, Du! Wer von uns bei­den könn­te die­ses Glück ver­ra­ten? Undenk­bar!

Aber nun in die Ein­zel­heit! In der Län­ge? Gut pas­sen wir zusam­men. Ein biß­chen län­ger bin ich doch! Mußt auf­schau­en zu mir Herz­lie­bes! Respekt­voll? Das mag ich nicht, steht Dir auch nicht. Aber so wie auf Dei­nem Bil­de, Du! mit Dei­nen gro­ßen, lie­ben tie­fen Augen, weißt so ver­liebt, Du? Dann kann Dein Hubo nicht mehr gera­de­aus gucken, dann ver­zich­tet er gern auf die 5 cm und läßt sich her­ab. Du weißt es nur zu gut, Schelm, süßer! Und es tut ihm auch nicht weh, sind ja nur 5 cm. So wie die­se Län­ge im Gan­zen uns zupas­se kommt, so auch die Län­ge der ein­zel­nen Tei­le. Ich den­ke an die Bei­ne. Kannst Dich nicht her­aus­re­den und ent­schul­di­gen mit kur­zen Bei­nen, mußt brav Schritt hal­ten. Ich habe mich auch noch nicht bekla­gen kön­nen.

In der Arm­län­ge bist ja reich bedacht wor­den. Ich fürch­te mich nicht davor. Kann mich leich­te­ren Gewis­sens ein­mal mit Dir häkeln und bal­gen, und Du kannst mir nicht vor­wer­fen, daß ich mit unglei­chen Waf­fen kämp­fe. Von der Län­ge mag ich nun nicht län­ger reden, es könn­te ver­fäng­lich wer­den, mei­ne Sach­kennt­nis reicht dazu auch nicht aus. Ich dach­te eben nur an die Zun­ge.

In der Brei­te? Du weißt, wor­an ich da zuerst den­ke, an Dein mäch­ti­ges Rücken­schild, Du Mann­weib!, es ist mir ein wenig zu breit, Du, ist auch das Ding, das Dir den Vor­sprung im nas­sen Ele­ment sichert, ja, ja! Aber ich habe mich schon damit aus­ge­söhnt, die Aus­nah­me, die zur Bestä­ti­gung jeder Regel gehört. Und für das Mann­weib darfst mir einen ande­ren Kose­na­men an den Kopf wer­fen.

Und nun zur drit­ten Dimen­si­on. Gut pas­sen wir zusam­men, mei­ne ich. Der Ver­gleich ist nicht so ein­fach. Die Pols­ter sind hier zu ver­schie­den ver­teilt. Über­haupt ver­trägt das Ver­hält­nis in die­ser Dimen­si­on aller­lei Schwan­kun­gen, ohne daß die Har­mo­nie sogleich gestört wird. Man spricht auch vom dicken Köpf­chen. Du spielst gera­de in Dei­nem letz­ten Brie­fe davon dar­auf an. Ich freue mich auf das dicke Köpf­chen, das durch die Wand will. Wenn ich dann bei Dir bin, bin ich die Wand. Liebs­te! Bei­sei­te­schie­ben läßt sie sich nicht ein­fach. Und wenn auch kei­ne Beu­len, ein paar dicke Lip­pen wird sich das Köpf­chen wohl holen, wenn es gar so stur vor­wärts will! Aber ich will nicht prah­len mit mei­ner Kraft und will Dir mei­ne Waf­fen nicht ver­ra­ten. Du möch­test sie benut­zen zur Abwehr mei­nes dicken Köpf­chens. Genug für heu­te mit die­sem The­ma. Die­ser Bote soll Dich in Dei­ner Hei­mat erwar­ten und emp­fan­gen. Herz­lie­bes! Dar­an muß ich den­ken, wie ich Dei­ner war­te­te auf dem Bahn­hof in Dres­den: voll seli­ger Freu­de, ver­hal­te­nen Jubel ver­mischt mit lei­sem Sor­gen und Ban­gen. Wenn dann der Zug ein­fuhr — die Men­schen sich zur Sper­re wälz­ten, frem­de gleich­gül­ti­ge Men­schen — und Eine wuß­te ich dar­un­ter, die Ver­trau­te mei­nes Her­zens, die Mei­ne — und wenn ich dann Dich erblick­te und unbe­merkt Dir folg­te — wie Dein Auge mich such­te — ein wenig scheu, ein wenig ängst­lich, aber wach und gespannt von hei­ßem Seh­nen,— wie Du mich such­test, Gelieb­te! ich wer­de es nie ver­ges­sen!! — und wenn dann uns[e]re Hän­de zum Gru­ße sich umschlun­gen hiel­ten, Du! Dann ging eine Tür auf, und schloß sich hin­ter uns: Die Tür zum Glück, zur Selig­keit des Zwei­seins und doch Eins­seins. So war­te ich Dei­ner wie­der, jetzt in Gedan­ken — will[’]s Gott, recht bald in Wirk­lich­keit! Alles Gute wün­sche ich Dir für Dei­ne Rei­se, Lie­bes! Gott sei mit Dir auf allen Wegen! Er schen­ke Dir ein star­kes Her­ze!

Ein feste Burg 1545
Ein fes­te Burg ist unser Gott als Lied zum ers­ten Fas­ten­sonn­tag, Johann Span­gen­berg: Kir­chen­ge­sen­ge Deudtsch / auff die Son­ta­ge und für­nem­li­che Fes­te / durchs gant­ze jar, Mag­de­burg 1545, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Dann weiß ich Dich wie­der daheim, in Dei­nem Wir­kungs­kreis, in Dei­ner Hei­mat; an dem Ort, da die Quel­le unse­res Glü­ckes liegt; ich lie­be ihn, lie­be ihn dop­pelt dar­um, und bin froh, Dich dort zu wis­sen. Hol­de mein! Wohin wird Dich die nächs­te Rie­se füh­ren? Näher und näher rückt unser Plan! Wir wol­len Hof­fen, und froh Gott ver­trau­en! Wie lieb und köst­lich etwas ist, wir ermes­sen es erst, wenn wir es ent­beh­ren. Wir wuß­ten es schon, als wir Abschied neh­men muß­ten, Gelieb­te! Aber nun aus der Fer­ne leuch­tet es noch herr­li­cher, der Schatz Dei­ner Lie­be, das Gold Dei­ner Treue, das Glück Dei­nes Besit­zes. Aus Dei­nen Augen leuch­tet mir das glei­che, hei­ße Seh­nen, zu mei­nem Glü­cke, zu mei­nes Her­zens Selig­keit! Laß Dich küs­sen, Liebs­te! Laß Dich her­zen, Gelieb­te! Nimm an mei­nen Dank, mei­ne Lie­be, Du! Gelieb­tes Weib! Mei­ne lie­be [Hil­de] Du! Hol­de mein! Ich lie­be Dich aus gan­zem Her­zen, Dich allein, in Treue auf alle Zeit!

Dein [Roland]! Nur Dein!

T&SavatarsmUnd Du bist mein! Hol­de! Mein!!

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