20. Oktober 1940

Buckling.jpg
Bück­ling, Foto: Chris­to­pher Bertram (Nut­zer­nah­me: bris­to­least), 4.12.2006, unter CC BY-SA 3.0 lizen­ziert, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

[401020–1‑1]

Sonn­tag, den 20. Okto­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de] Du! Hol­de mein!

Wohl­be­hal­ten bin ich aus Kiel zurück um die­sel­be Stun­de wie am ver­gan­ge­nen Sonn­abend. Es war ein erle­se­ner Tag ges­tern, gegen Mit­tag, som­mer­lich warm, ich habe geschwitzt auf dem Wege zum Auto­bus. Habe wie­der ein­ge­kauft in Kiel, eine gro­ße Trau­be, Äpfel, Bück­lin­ge, ein paar Klei­nig­kei­ten für die Kame­ra­den.

Bundesarchiv Bild 200-Ub0113, Kiel, Indienststellung U-45
Indienst­stel­lung G.580/U‑45, Kiel, 25.06.1938. Samm­lung Fried. Krupp Ger­ma­nia­werft Akti­en­ge­sell­schaft, DBa, Bild 200-Ub0113 / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Am Bahn­hof begeg­ne­te ich mei­nem Bett­nach­barn Hengst. Mit ihm bin ich durch den Hafen gefah­ren. Inter­es­sant ist die­se Fahrt. Die Schif­fe zu sehen, Kriegs­schif­fe dar­un­ter, die aus­ge­dehn­ten Werf­ten, die Abwehr­maß­nah­men. Alles hier um Kiel dient der Mari­ne. Im Frie­den mag die­ses Bild noch groß­ar­ti­ger sein. Gegen 5 kehr­te ich von der Rund­fahrt zurück. Genau am Bahn­hof legen die Damp­fer an. Ein Ansicht vom Haupt­bahn­hof hat­te ich Dir wohl zuge­dacht. Ges­tern habe ich nun eine auf­ge­trie­ben. Von den Schä­den der feind­li­chen Bom­ben ist so gut wie nichts zu sehen. An der Ufer­mau­er umstan­den vie­le Men­schen ein gro­ßes Loch. Ich hielt es nicht für loh­nend, mich dazu­zu­stel­len. In einer vom Angriff betrof­fe­nen Stra­ße unter­hielt ich mich mit einem Man­ne, der mich sogar in sei­nen Hof führ­te. Was ich von ihm erfuhr, erzäh­le ich Dir. Die Haupt­sa­che: Men­schen­le­ben sind noch nir­gends zu bekla­gen. Froh kehr­te ich heim. Dein lie­ber Bote lag schon auf mei­nem Bett­lein. Und als ich über die­sem Tage die Hän­de fal­te­te, durch­ström­te es mich warm von Lie­be und Dank zu Dir, Gelieb­te, Hol­de mein! Ich bin noch ohne Sor­ge um Dich und war­te gedul­dig und getrost auf das erlö­sen­de Wort. Fast, als soll­te ein Kind­lein kom­men, Du! Vol­ler Geheim­nis­se ist der Schoß des Wei­bes, ihm selbst ein Geheim­nis. Um eines bit­te ich Dich, Gelieb­te: Wenn Du ein­mal krank wür­dest, daß zu Sor­gen anlaß ist, ver­birg es mir nicht, rufe mich, mach es ein wenig schlim­mer, als es ist, schi­cke ein Tele­gramm, damit ich kom­men kann und nicht zu spät kom­me.

Ernst Deger Maria als Himmelskönigin mit Kind
Ernst Deger, Maria als Him­mels­kö­ni­gin mit dem Jesus­kind, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Eine Mords­ge­schich­te, die Du mir erzählst – sie klingt von hier so unwirk­lich – sie hat zu uns[e]rer Welt der Emp­fin­dun­gen so wenig Bezie­hun­gen: Haß, Treu­bruch, Eifer­sucht. Gelieb­te, die­se Gäs­te des Teu­fels las­sen wir nicht in unser Haus. Ich ken­ne die­sen jüngs­ten S. nicht. Ich muß­te an den den­ken, den wir bei­de ken­nen. Liebs­te, ohne Eifer­sucht und ohne ihm weh­tun zu wol­len, sage ich: Hüte Dich vor ihm! Der Pfar­rer soll­te sie alle drei beer­di­gen, ohne irgend­wie zu rich­ten. Das ist auch mei­ne Mei­nung. Er soll aus schwarz nicht weiß machen. Aber er hat hier ein sel­te­nes Exem­pel für die Gewalt des Bösen, für die gott­feind­li­chen und gott­frem­den Mäch­te, für ein furcht­ba­res Got­tes­ge­richt, aus dem mensch­li­che Ohn­macht und Schwach­heit eben­so sicht­bar wird wie Got­tes Hand, zur Leh­re für jeder­mann, zu einer Pre­digt von sel­te­ner Ein­dring­lich­keit. Als Du so allein warst am Don­ners­tag und mei­ner dach­test, befan­den wir uns auf dem Rück­marsch vom Scharf­schie­ßen in Hol­ten­au. Das Buch, das Dir Elfrie­de gab, ist nicht das gesuch­te. Ist auch gut so. Die­sen Roman [“Amor Dei”! Erwin Gui­do] Kol­ben­he­yer] lesen wir, wenn wir froh wie­der mit­ein­an­der sind, allein machst [Du] Dir zuviel [sic] Gedan­ken dar­über, und ich kann Dir nicht hel­fen sie [zu] ord­nen.

This picture, taken during the first mass air raid on London, 7th September 1940, describes more than words ever... - NARA - 541917
Der ers­te mas­si­ve Luft­an­griff gegen Lon­don 07.09.1940. Foto: U.S. Infor­ma­ti­on Agen­cy, New York Times Paris Bureau Collec­tion, War and Con­flict Num­ber 1004, U.S. NARA, NWDNS-306-NT-2743V, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Herz­al­ler­liebs­te! Heut[’] abend will ich noch ein­mal Dei­ner schrei­bend den­ken, aber nun schon in die and[e]re Rich­tung, Du! Nach O., nach Dei­ner, uns[e]res Hei­mat, nach unse­rem Käm­mer­lein, Hol­de! Ver­le­be noch ein paar fro­he Tage und Stun­den in mei­nem Eltern­hau­se. Laß Dir noch recht viel Süßes träu­men in mei­nem Bett­lein! Scho­ne Dich recht! Hal­te Dich schön warm! Rege Dich nicht unnö­tig auf! Blei­be stark Herz­lie­bes! Es schmerzt wohl, aber des­to schö­ner wird die Erfül­lung sein, auf die wir bei­de sehn­lich war­ten und hof­fen. Behü­te Dich Gott! Er hel­fe Dir gnä­dig durch alle schwa­chen Stun­den! Sei froh, Herz­al­ler­liebs­te! Ich bin Dein [Roland], nur Dein [Roland] für alle Zeit! Ich mag nur Dir gehö­ren. Du bist mei­ne Hei­mat, mein Glück, mein Leben! Ich las­se Dich nie und nim­mer!

Ich küs­se Dich, Du! Ich her­ze Dich, Gelieb­te! Ich lie­be Dich über alles, Hol­de! In unwan­del­ba­rer Treue blei­be ich Dein [Roland].

T&SavatarsmUnd Du bist mei­ne [Hil­de]! Mei­ne Hol­de! Du!!

Plea­se fol­low and like us:
error

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.