19. Oktober 1940

Birmingham Blitz D 4126
Bom­ben­scha­den von deut­schem Luft­an­griff, Bir­ming­ham, Groß­britta­ni­en, 1940. Quel­le: Impe­ri­al War Muse­ums, D 4126, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
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Sonn­abend, am 19. Okto­ber 1940 in K..

Herz­al­ler­liebs­ter! Du mein lie­ber, lie­ber [Roland]! Gelieb­ter!

Wie­der will es Sonn­tag wer­den, die Welt ist vol­ler Son­nen­schein. Ich freue mich so, auch für Dich mein [Roland]. Kön­nen wir doch mit uns[e]ren Gedan­ken, mit uns[e]ren Sehn­süch­ten drau­ßen für uns allein sein, kön­nen hin­ein wan­dern in die schö­ne Herbst­zeit und müs­sen nicht trau­rig und hoff­nungs­los sein dabei. Weil ja der lie­be Son­nen­schein alles ver­gol­det, alle Pracht in der Natur und unwill­kür­lich auch unser Gemüt erhellt. Man kommt gar­nicht [sic] so leicht übers [sic: ins] Grü­beln wenn es drau­ßen so schön ist, wenn das Wet­ter hin­aus­lockt und so viel gibt es ja zu schau­en; es ist, als wol­le uns die Natur noch ein­mal mit all ihrer Schön­heit erfreu­en, bevor der lan­ge, kah­le Win­ter kommt. Und ich wün­sche mir so sehn­lich, daß der Novem­ber auch schö­nes Wet­ter brin­gen möge—der Dezem­ber ver­geht dann schell. Ach, wenn es so grau und trü­be ist, tage — wochenlang—die Zeit wird einem doch zur Ewig­keit über’m Stu­ben­ho­cken. Du hast nun auch Fei­er­tag mein Hubo! Du wirst Dir schon ein schö­nes Pro­gramm auf­ge­stellt haben, damit es Dir nicht zu öde wird in der Kaser­ne. Ich freue mich, wenn Du so in der Umge­gend [’]rum­stö­berst. Ich erfah­re doch davon und kann mir so viel bes­ser eine Vor­stel­lung machen, in wel­cher Land­schaft Du Dich nun bewegst.

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Pan­ora­ma, Kiel, 1902. Post­kar­te. Foto: Pra­tye­ka, unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons lizen­ziert, 10.2015.

Glaubst mir, daß ich mich rie­sig dar­auf freue, mit Dir das alles zu erle­ben? Nur Sscha­de, daß es dem [sic] Win­ter zugeht. Ich glau­be in die­ser Jah­res­zeit gehen uns vie­le Rei­ze ver­lo­ren, die eben nur die Som­mer­zeit bie­ten kann. Wenn man sagt: ich fah­re an die See, in einen Bade­ort, so steht zunächst das Bild vor Augen: Son­nen­schein, Was­ser, wei­ßer Dünen­sand und alle Herr­lich­keit, die noch dabei ist. O ja, dar­auf wür­de ich mich auch freu­en, sehr. Mit Dir mich tum­meln nach Her­zens­lust, im Wind, in der Son­ne — ach, Du weißt ja längst, wie ger­ne ich auch schwim­me.

Aber jetzt, wenn ich rei­sen soll­te, dahin­aus, Du!

Der Bismarck, weltweit größter Schlachtschiff, im Kieler Kanal, mit Rendsburger Hochbrücke im Hintergrund, 16 September 1940. Über KBismarck.com, 10.2015.
Die Bis­marck, das welt­weit größ­te Schlacht­schiff, im Kie­ler Kanal, mit Rends­bur­ger Hoch­brü­cke im Hin­ter­grund, 16 Sep­tem­ber 1940. Über KBismarck.com, 10.2015.

Weißt, ich käme ja in der gro­ßen Haupt­sa­che nur um Dei­net­wil­len. Alles ande­re ist zwei­ten Ran­ges. Erst will ich ganz nur Dir gehö­ren und dann, Du! Kommt’s dar­auf an, wie­viel [sic] Zeit uns noch (Zeit) blie­be, damit ich auch noch etwas and[e]res zu sehen bekom­me von Dei­ner Umge­bung! Du müß­test aber auch paar Tage wenigs­tens, von denen ich bei Dir wei­le, ganz frei sein von Dienst. Wenn es dann schon recht kalt drau­ßen ist, Du! Und Du hast für mich eine gute Blei­be aus­fin­dig gemacht, dann neh­me ich Dich mit zu mir—ganz, ganz für mich allein will ich Dich haben, und ich las­se Dich gar nim­mer fort von mir. Mein Roland, ich darf es nicht ausdenken—es wär[’] zu schön um wahr zu sein, Du! Du!

Wie ich mich danach seh­ne, von Dir mit aller Zärt­lich­keit umge­ben zu sein, Du! Ob sie mir wohl­tut? Du! Dum­mer­le! Wie kannst Du denn fra­gen!! Ich kann es nicht in Wor­te fas­sen Du, was ich dabei emp­fin­de, wenn Du so lieb und gut zu mir bist.

Ich habe dann nur einen ein­zi­gen Wunsch: Die Zeit möch­te stil­le ste­hen; immer, immer möge es so blei­ben im Leben — mein [Roland].

Winston Churchills Geheimrede im Parliament über dem Luftkrieg, 17.09.1940. Die Briten hatten keinen Zweifel an das Endsieg. Über Parliament.uk, 10.2015.
Win­ston Chur­chills Geheim­re­de im Par­la­ment über den Luft­krieg, 17.09.1940. Die Brit­ten gaben auf kei­nem Fall auf. Über Parliament.uk, 10.2015.

Herz­al­ler­liebs­ter! Dein lie­ber Bote vom Mitt­woch kam heu­te an. Sei recht schön bedankt, Liebs­ter! Die Eng­län­der waren wie­der über Euch. War es am Don­ners­tag oder Mitt­woch, als die Nach­rich­ten mel­de­ten in Kiel sind Schä­den ent­stan­den? Ich erschrack dar­über, Du!

Wenn Du wüß­test wie ich ban­gend hor­che, wo sie wie­der gehaust haben, bit­te, Du! Bit­te sei nicht leicht­sin­nig! Bei uns ist gott­lob noch Ruhe. Wie es zu Haus steht, weiß ich nun nicht. Dein Vater erzähl­te die­ser Tage, in Chem­nitz sei Alarm gewe­sen.

Es ist nur für Euch so schwer da drau­ßen: Kiel, das begehr­te Ziel so nahe, kann denn auch etwas gesche­hen durch die Spreng­stü­cke von der Flak? Man ist nur auf das eine gespannt, ob vor Weih­nach­ten eine Ent­schei­dung fällt.

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Reichs­rund­funk, Foto: Fries DKE38, 24.01.2013. Unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons lizen­ziert, 10.2015.

Wenn ich in 4 Tagen werd[’] wie­der daheim sein, ver­mis­se ich bestimmt sehr das Radio. Die Eltern spra­chen ver­gan­gen ein­mal davon eines zu kau­fen. Das Geld ist da. Aber Mut­ter ist sich nur noch ein Zwei­fel ob Radio, oder Matrat­zen, die sind bit­ter not. Na, nach einer Sei­te hin wird sich’s schon noch ent­schei­den. Ich ent­hal­te mich hier­in vor­läu­fig mei­ner Mei­nung. Ich möch­te nicht bestim­men dar­über, ich will aber auch spä­ter kei­ne Vor­wür­fe ern­ten. Das ist nun so ein klei­ner Kampf. Fast wie bei Euch auch.

Vori­gen Sonn­tag­mit­tag ging’s ab nach dem S..

Vor­mit­tags waren wir auf der L..

Wo es mor­gen hin­geht, steht noch dahin. Vater ist noch nicht heim. Ich schrei­be Dir dar­um gleich noch! Am Nach­mit­tag wol­len wir auch ein Stück gehen, es ist zu schön drau­ßen. Heu­te früh lag der ers­te Reif! Ich bin ganz fein warm ange­zo­gen, Du!

Mein [Roland]! Ich wün­sche Dir von Her­zen einen fro­hen, ange­neh­men Sonn­tag! Was ich heu­te ver­gaß, kommt mor­gen dran.

Es ist so weit, Vater kommt heim. Kar­tof­fel­sa­lat gibt’s.

Alles ist in Duft gehüllt, Du! Rate mal in wel­chen Duft?? Die Über­ra­schung für uns[e]re lie­ben Feld­grau­en ist sooo [sic] gelun­gen! Mein gelieb­ter, guter Rudolf! Du, daß ich nicht ver­ges­se Dicker­le! Erhält ihn Dir nicht im Trep­pen­flur!! Wenn Du mein Gesicht dabei gese­hen hät­test!! Du, bist ja auch mit allen Was­sern gewa­schen! Aber ich ver­ste­he, Du! Ver­ste­he sehr gut, wie es einem zumut ist!!

Herz­al­ler­liebs­ter mein! Behü­te Dich Gott! Blei­be froh und gesund! Ich lie­be Dich aus tiefs­tem Her­zen, Du, mein Glück! Mein über alles Gelieb­ter! Ich bin Dein! Dein! Und Du bist mein!

In Lie­be und Treue

T&SavatarsmDei­ne Hol­de.

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