17. Oktober 1940

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Fol­gen des Luft­an­griffs auf Lon­don, US Natio­nal Archi­ves and Records Admi­nis­tra­ti­on, ARC Iden­ti­fier 195566, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
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Don­ners­tag, am 17. Okto­ber 1940 in K..

Herz­al­ler­liebs­ter! Du mein gelieb­ter, guter [Roland]!

Eben habe ich mei­ne Haus­ar­beit been­det. Die Wohn­stu­ben­uhr schlägt 2 Uhr. Das Radio bringt den Wehr­macht­be­richt, den höre ich so neben­bei mit an, dann soll es ganz still um mich sein. Dei­ne lie­ben Brie­fe habe ich num­me­riert, es sind nun schon wie­der 34, Du! In 14 Tagen ist Dei­ne Aus­bil­dung zu Ende, hof­fent­lich wird dies­mal der Ter­min nicht wie­der geän­dert. Ich habe ja doch nun auch so mei­ne Plä­ne für mich[,] Du, und es geht auch mich etwas an, was man mit Euch vor hat. Am 31. Okto­ber, zum Refor­ma­ti­ons­fest. Da bin ich wie­der in O. daheim. Und dann wird der Novem­ber kom­men. Ob er viel glück­li­che Tage für Dich und mich birgt? Du! Wie so gern wüß­te ich’s! Wir wol­len gedul­dig sein, hof­fen, Du! Herz­liebs­ter! Ich bin heu­te ganz allein in der Woh­nung, bis heu­te abend um 6. Wenn Du mich nicht am Nach­mit­tag besu­chen kommst, ich wür­de mich so freue! Früh kamst Du heu­te noch nicht zu mir. Ich will Dir erzäh­len: Vater und Mut­ter sind nach G. zur Beer­di­gung gefah­ren. Ich bin aus dem Grun­de zu Haus, weil Tan­te Gret­chen für 4 Wochen die Haus­da­me eines Dr. L. in G. ver­tritt — sie hat noch kei­ne Feue­rung, dar­um nahm sie das Ange­bot an und ich wüß­te ja sonst nicht, wo ich mich den gan­zen Nach­mit­tag auf­hal­ten soll­te. Bei R.s? Nein. Da bin ich nicht mal für mich. Ich will viel lie­ber mit Dir allein sein, Du! Ich bin eigent­lich froh, daß es so kam.

Eifersucht, Spielfilm von Karl Grune, Deutschland 1925.
Eifer­sucht, Spiel­film von Karl Gru­ne, Deutsch­land 1925. Über filmportal.de, 10.2015.

Du kennst gewiß den jüngs­ten Sohn von S.s?

Er hat in G. den Bahn­hof. Ist ver­hei­ra­tet, hat ein Söhn­chen von 4 Jah­ren. Er ist zur Zeit beim Mili­tär gewe­sen. Ganz in der Nähe, ich glau­be in G.. Kurz, er war 3 Wochen auf Urlaub da und soll­te ver­gan­ge­nen Mon­tag wie­der ein­tref­fen.

In der Nacht zum Mon­tag erschoß er sei­ne Frau, sein Kind und zuletzt sich selbst. Eine furcht­ba­re Tra­gö­die.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

S.s waren ganz außer sich. Der Grund zur Tat soll Eifer­sucht sein. Wir erfuh­ren von S.s so aller­lei. Sie ist nicht nett zu ihrem Mann und Schwie­ger­el­tern gewe­sen, von jeher. Nun er ein­ge­zo­gen war, hat sie in ihrer eig­nen Gast­wirt­schaft einen Mann ken­nen gelernt, der angeb­lich ‘bes­ser’ dasteht, als ihr eige­ner Mann; der sie hei­ra­ten woll­te. Wer weiß, was alles noch zwi­schen ihnen vor­ge­kom­men ist, sie soll ein Kind erwar­ten. Von wem? Sie hat in den Tagen, da ihr Mann auf Urlaub da war, Streit mit ihm gehabt, hat die Schei­dung bean­tragt. Er woll­te sie nicht frei geben, ihr auch das Kind nicht las­sen. Um das Kind ging es in der Haupt­sa­che. Und nun hat er sich zu die­ser furcht­ba­ren Tat hin­rei­ßen las­sen. Daß ’sie’ ein Kind trägt, haben S.s gar­nicht [sic] der Staats­an­walt­schaft ange­ge­ben, sonst hät­te sich das Gan­ze wohl noch mehr ver­strickt. Es ist schreck­lich, das alles zu hören. Herr S. ist ganz gebro­chen. Und sie, wer weiß über­win­det sie den schwe­ren Schlag. Nun will der Pfar­rer in G. (nicht L.) bei der Trau­er­fei­er und auch beim Geläut den Sohn S.s aus­schlie­ßen. Er wäre nicht Selbst­mör­der, son­dern Mör­der. Das ist nun unbe­greif­lich für die Eltern. Ich kann es ihnen nach­füh­len. So hart soll­te man über einen Toten nicht rich­ten. Als Pfar­rer soll­te er das auch nicht, es ist nicht gut. Es gibt so vie­le Sprü­che in der hei­li­gen Schrift, die dar­auf hin­wei­sen, wie z. B. Rich­tet nicht, auf daß ihr nicht gerich­tet wer­det [Matthaeus 7:1] u.s.w. Es ist dann kein Wun­der, wenn so vie­le aus der Kir­che aus­tre­ten. Man weiß ja, wie gera­de auf die­se äuße­ren Din­ge geach­tet wird unter den Leu­ten.

Herr S. ist sofort zum hie­si­gen Superin­den­ten­den gegan­gen, er will mit dem dor­ti­gen Pfar­rer Rück­spra­che neh­men.

Bundesarchiv Bild 183-1992-0728-500, Dresden, Ärzteprozeß
Dres­de­ner Ärz­te­pro­zeß 1947, betr. das Akti­on T4 zur „Ver­nich­tung lebens­un­wer­ten Lebens,” wobei u.A. 15,000 psy­chisch Kran­ke, geis­tig Behin­der­te, und KZ-Häft­lin­ge 1940–41 im Tötungs­an­stalt Pir­na-Son­nen­schein, Sach­sen, ermor­det wur­den. ADN, DBa 183‑1992-0728–500 / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Die gan­ze Stadt ist voll von die­ser Schre­ckens­tat. Und wie Tan­te Gret­chen schreibt, G. erst recht.

Wir haben S.s in die­sen Tagen bei­gestan­den, so gut wir konn­ten. Mut­ter ver­sorg­te die Gän­ge auf[’]s Rat­haus, wegen Bezug­schein zur Anschaf­fung von Trau­er­klei­dern. Kauf­te ver­schie­de­ne Sachen für sie ein, sie ist ja ganz kopf­los. Ich habe ihr ein Kleid geän­dert. Gekocht haben wir bei uns für die Män­ner. Sie ste­hen doch noch mit­ten in der Kar­tof­fel­ern­te, haben auch noch Freun­de als Hel­fer da.

Zu der Dru­cke­rei waren wir, an den Kranz kom­men doch die gro­ßen, bedruck­ten Schlei­fen, weißt? Ach so vie­ler­lei gibt es da zu ver­sor­gen. Und Herr S. muß immer wei­ter, sei­ne Arbeit läßt ihn nicht eine Stun­de ruhen. Es ist zu bedau­er­lich.

Lie­ber [Roland]! Rege Dich aber bit­te nicht auf, über das alles, Du! Ich woll­te Dir anfangs gar­nichts [sic] davon schrei­ben, aber nun habe ich[’]s doch nicht über[’]s Herz gebracht.

Roszkowice Pałac Fryderyka Hansa von Cramon – Taubadel
Rosz­ko­wice Pałac Fry­de­ry­ka Han­sa von Cra­mon – Taub­a­del, 1. Dezem­ber 2014. Foto: Robert Ryd­wel­ski. Unter der Crea­ti­ve-Com­mons-Lizenz „Namens­nen­nung“, Über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2105.
Ich will Dir nun noch etwas Fro­hes erzäh­len. Von Dei­nen Brü­dern. Hell­muth schrieb ges­tern, er ist noch in Röst­fel­de [Rosz­ko­wice] und wir haben umsonst gebangt, daß er nach Rumä­ni­en mit ein­mar­schiert ist. Wir nah­men das schon in G. an, weil er nicht schrieb. Übri­gens, was sagst Du eigent­lich zu dem neu­es­ten poli­ti­schen Errun­gen­schaf­ten? Wie ich das hör­te, am Sonn­tag, war ich platt! Den­ke nur, Hell­muth bekam von S., von der Par­tei ein Lie­bes­päck­chen!! Pfei­fen­ta­bak, Back­pflau­men, und Post­kar­ten, alles Din­ge, die Hell­muth beson­ders gern mag! Mut­ter will ihm wenigs­tens noch eine Meer­schaum­pfei­fe schi­cken. Haben wir gelacht!

TelekiCsakySegundoArbitrajeDeViena
Der Unga­ri­sche Außen­mi­nis­ter Ist­ván Csáky unter­zeich­net den Zwei­ten Wie­ner Schieds­spruch, 30. 08.1940, wobei einen Teil Sie­ben­bür­gens u.A. von Ungarn genom­men wur­de. Quel­le: NAC, 2–12290, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Sonst geht’s ihm noch gut, nur sehr lang­wei­lig ist es ihm. Sieg­fried ist der flei­ßigs­te Schrei­ber! Vaters Lieb­ling!!

Bei ihm hat sich sonst nichts geän­dert bis­her. Weißt Du schon von der Fahrt nach Ham­burg? Wo sie am Zuge lang klet­tern muß­ten bei Nacht? Es wür­den sich bei ihm lang­sam Kriegs­lei­den ein­stel­len. Er hat das Rei­ßen. Vater hat er einen ent­zü­cken­den Pull­over geschickt, wie ein 20 Jäh­ri­ger sieht er dar­in aus!!

Northern Transylvania yellow
Rumä­ni­en nach dem “Wie­ner Dik­tat, Okto­ber 1940. Kar­te wohl von Bog­dan, 24.12.2005. Lizenz: Crea­ti­ve Com­mons Attri­bu­ti­on-Sha­re Ali­ke 3.0 Unpor­ted, Über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Scha­de, daß Du da nichts Raf­fi­nier­tes kau­fen kannst. Und ich habe immer gedacht, da oben an der See, wo Aller­welts­be­trieb ist, wür­den sie mit dem Neu­es­ten auf­war­ten. Na ja, da geht man ja im Som­mer, wenn die Frem­den da sind, mehr oder weni­ger nackt, nicht wahr? Mußt gut Obacht geben, ob das stimmt, Du! Na und im Win­ter, da zieht man halt das an, was man hat. Wenn ich Dich besu­che, muß ich wohl nicht fürch­ten, ich fal­le auf in mei­ner säch­si­schen Gar­de­ro­be? Du! Einen Fahr­plan hast Du schon?

Ach, ich habe mit soviel Ver­gnü­gen und heim­li­cher Freu­de Dei­ne bei­den letz­ten Brie­fe gele­sen. Immer wie­der, Du! Über­haupt, ich lese jeden Abend vor[’]m Ein­schla­fen in Dei­nen Brie­fen, Du! Dann träu­me ich so schön hin­über in den Schlaf mit Dir, mein Rudolf! Ich sehe Dich dann ganz, ganz deut­lich vor mir, Dein Wesen, Du! Und ich den­ke vol­ler Lie­be und Sehn­sucht Dein. Ich bin so glück­lich, daß Du mein bist! Du, ich will Dich nicht anders, als Du bist, Herz­al­ler­liebs­ter! Hörst du mich?

Aber ein freund­li­ches Gesicht selbst Du außet­zen [sic], Du! Auch wenn Du mir fern bist! Hörst Du auch, Du!? Du bist doch froh und glück­lich mit mir? Die Kame­ra­den den­ken doch sonst Wun­der, was Du für [’]ne alle Frau haben mußt, u.[nd] die gucken mich womög­lich alle schief an, wenn sie mich mal sehn! Mut­ter u. Vater sagen auch immer, wenn sie vor Dei­nem Bild an Näh­tisch sit­zen: “Hu Gro­ßer! Was hab[’] ich aber Dir getan? Wir behan­deln doch Dei­ne [Hil­de] so gut, brauchst gar­nicht [sic] so böse gucken!”

Aber ich wei­ßes ja, Du! Du! Mein [Roland]! Wie Dei­ne lie­ben Augen leuch­ten kön­nen, wie Dein Lächeln das gan­ze lie­be Gesicht über­strahlt! Und ich könn­te Dich dann in dem Augen­blick gleich fres­sen, Du! Vor lau­ter Lie­be! Mein lie­ber, guter [Roland]! Du! Heu­te will ich nun schlie­ßen. Lie­ber [Roland]! Ich habe Elfrie­de gefragt um das Buch, das wir such­ten; des­sen Titel ich aber nicht weiß. Sie gab mir eines, was Dir gehört: “Amor Dei”! [Erwin Gui­do] Kol­ben­he­yer, eine Spi­no­zaroman. Ist das etwa das schö­ne Buch, was wir zusam­men lesen woll­ten? Ich will noch [ein] Stück über den Berg gehen, mich in die lie­be Son­ne set­zen und Dei­ner deken, mein Roland!

Ich füh­le mich gar­nicht [sic] sehr wohl. Ich bin so sehr matt.

Es wird alles gut wer­den, Du! Nicht sor­gen, Du! Bit­te, Liebs­ter!

Mein [Roland]! Ich bin ganz Dein, in alle Ewig­keit.

Behal­te mich lieb, Du! Behü­te Dich Gott!

Ich lie­be Dich! Mein [Roland]! In Treue immer­dar

T&SavatarsmDei­ne Hol­de.

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