16. Oktober 1940

Leuchtturm Holtenau 1900b
Leucht­turm Hol­ten­au, 1900, Post­kar­te. Über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
[401016–1‑1]

Mitt­woch den 16. Okto­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Du mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]! Gelieb­te!

Es ist heut[e] Mit­tag noch mal zum Drau­ßen­sit­zen. Ganz allein bin ich für mich und kann unge­stört mit Dir plau­schen. Wirst [Du] jetzt Dein Köpf­chen in[’]s Kis­sen drü­cken zur Mit­tags­ru­he? Ziehst [Du] auch immer brav Dein Kleid­chen aus dabei, damit es nicht zer­knit­tert wird? Ach Du! Schon schrei­ben wir den Okto­ber wie­der zwei­stel­lig. Vor drei Wochen noch schien das eine so end­lo­se Span­ne Zeit! Und nicht lan­ge, schrei­ben wir das­sel­be Datum im Novem­ber. Heut[e] sind wir alle noch ganz müde. Die Eng­län­der brach­ten uns um die Hälf­te der Nacht­ru­he. Sie flo­gen von 10 Uhr an ein­zeln ein und drück­ten sich hier her­um, von einem Flak­nest zum ander[e]n gejagt, wie ein Gewit­ter, das nicht hin­aus­fin­det. Gewieß war Kiel das Ziel ihres Angrif­fes. Aber dahin ein­kom­men ist nicht so leicht. Bis gegen 3 Uhr hat es gerum­pelt und gebal­lert, ein­mal fern, dann wie­der in der Nähe. Solan­ge die Nächs­te so hell sind, ist mit die­sem Besuch zu rech­nen.

Der Dienst heu­te ist nicht anstren­gend. Nun bist [Du] wie­der ein­ge­lau­fen im Hafen der Hei­mat II. Ihr seid also am Sonn­tag bis zum S. gestie­gen. Ein ganz ordent­li­cher Spa­zier­weg. Ob am Vor­mit­tag oder Nach­mit­tag war nicht zu erken­nen. Aus den Zei­len Dei­ner bei­den Beglei­te­rin­nen ent­neh­me ich, daß Ihr Euch gut ver­stan­den habt. Es stand da auch etwas zu lesen, von Durch­den­ka­kao­zie­hen. Na, ich habe da kaum etwas zu fürch­ten, brav war ich immer. Und so gut wie Du kennt mich ja sonst nie­mand außer mei­ner Mut­ter und mei­nem Bru­der Hell­muth, und die bei­den auch nur in gewis­sen Din­gen. Wie lieb wir ein­an­der haben, Du, das wis­sen nur wir zwei! Das zei­gen wir auch sonst nie­man­dem! Ich weiß es nicht, aber ich glau­be, sie ahnen es nicht, wie lieb wir uns sind, am ehes­ten noch Dei­ne lie­be Mut­ter. Von ihr erhielt ich heu­te mit der ers­ten Post einen Brief als Ant­wort auf den Brief, den ich Dei­nem Vater in sei­ner Stroh­wit­werzeit schick­te. Sie erzählt mir, was ich schon weiß von Dir vom K.er Besuch. Von O. berich­tet sie nichts Neu­es.

Mor­gen Don­ners­tag fah­ren wir zum Scharf­schie­ßen nach Hol­ten­au. Hol­ten­au liegt dicht vor Kiel. In Hol­ten­au tritt der Nord-Ost­see­ka­nal in die Kie­ler För­de. Er wird dort von einer mäch­ti­gen Hoch­brü­cke über­spannt. Ver­flos­se­ne Woche haben wir schon vor­ge­übt mit Platz­pa­tro­nen. Die Übun­gen, die wir mor­gen schie­ßen, hei­ßen in der Mili­tär­spra­che „am Anstand sit­zend” (eine Vor­übung, die nicht gewer­tet wird) und „knie­end an Frei­hän­dig”. Wenn ich gut geschos­sen habe, schrei­be ich Dir mein Ergeb­nis.

Bundesarchiv Bild 137-065360, Bessarabien, Abtransport von Umsiedlern
Umsied­lung Volks­deut­sche aus Bes­sa­ra­bi­en nach Deutsch­land. Rumä­ni­en, 1940. DBa, Bild 137–065360 / Sigl / CC-BY-SA 3.0. Über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Herz­lie­bes! Ich war­te­te auf Dei­nen lie­ben Boten. Er blieb aus heu­te. [Du] Wirst am Mon­tag mit Mut­ter spät heim­ge­kom­men sein. Nimm Dir nur Zeit! Scho­ne Dich in die­sen Tagen und über­rei­ze Dei­ne Ner­ven nicht! Eben erfah­ren wir, daß wir den Rück­weg von Hol­ten­au zu Fuß machen müs­sen. Das sind gute 2 Stun­den. Dann ist dienst­frei. Es ver­spricht ein schö­ner Tag zu wer­den mor­gen. Ich freue mich auf ihn, weil es wie­der mal hin­aus­geht. Am meis­ten aber auf die Stun­de der Rück­kehr, in der ich Dei­nen lie­ben Boten emp­fan­ge.

Herz­al­ler­liebs­te! Genug für heu­te. Einen Brief an Dei­ne Eltern habe ich eben fer­tig geschrie­ben. Gleich will ich noch mein Kop­pel­zeug für mor­gen klar machen, den Brot­beu­tel und die Fla­sche anhän­gen. Das sind so Sol­da­ten­sor­gen, die ich nun tei­len muß, ob ich will oder nicht. Ein klei­nes Bild­chen kann ich Dir wie­der bei­le­gen, auf­ge­nom­men im Exer­zier­dienst. Die­se Bild­chen mußt [Du] alle mit­brin­gen, wenn Du mich besuchst, dann erklä­re ich Dir Umstän­de und Namen, wenn uns dafür Zeit bleibt, Du!

Herz­al­ler­liebs­te! Wenn ich nicht schla­fen kann, und mor­gens ein Stünd­chen vor[’]m Wecken, dann muß ich Dein den­ken! Du! Dann bist Du mir ganz nahe, Herz­lie­bes, dann den­ke ich an unser Wie­der­se­hen, den­ke der seli­gen Stun­den, da wir ein­an­der ganz gehör­ten und so lieb hat­ten, den­ke die­ser Stun­den mit der hei­ßen Hoff­nung und Zuver­sicht, daß sie uns recht bald wie­der beschie­den sind. Behüt Dich Gott! Gelieb­te! Dein lie­bes Köpf­chen hal­te ich in mei­nen Hän­den, ganz ganz leis und behut­sam und her­zin­nig küs­se ich Dich, Du, über alles Gelieb­te! Mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­de]!

T&SavatarsmDein Hubo u[nd] [Roland].

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