15. Oktober 1940

Hilde Weissner, Schauspielerin, Spielt Holde Rotemunde in Daheim in der Heide, 1936. Über Virtual History, 10.2015.
Hil­de Weiss­ner, Schau­spie­le­rin, spielt Hol­de Roter­mund in Daheim in der Hei­de, 1936. Über Vir­tu­al Histo­ry, 10.2015.

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Diens­tag, am 15. Okto­ber 1940, in K..

Herz­al­ler­liebs­ter! Du mein gelieb­ter, guter [Roland]!

Wie­der daheim. Wie schön ist es, wenn man das sagen und füh­len kann. Ach, mein Rudolf Du, das Herz war mir so über­voll all die Tage und ich war doch gebun­den, konn­te nicht sein, wie mir das Herz gebot. Es war nicht leicht für mich. Aber nun kann ich wie­der nur Dir leben, nur Dir, mein [Roland]. Bin bei Dei­ner nun auch bei mei­ner lie­ben Mut­ter, vor der ich mein wah­res Gefühl nicht ängst­lich zu ver­ber­gen brau­che, bin wie­der bei Vater, der sich freu­te, daß wir wie­der heim kamen mit­ein­an­der. Ges­tern abend in der 8. Stun­de tra­fen wir, gemein­sam aus B. kom­mend hier ein. Mut­ter war seit Sonn­abend mit­tag bei G.s in P..

Du, ich habe jeden Abend wei­nen müs­sen, wenn ich in mei­nem Bett lag in D., ein­sam im Käm­mer­chen. Da gro­ße Nuß­baum stand vor mei­nem Fens­ter. Du, der Mund run­det sich immer mehr; er sah durch die Zwei­ge, so still freund­lich; der Wind rausch­te immer­fort, die Blät­ter fie­len — man­che laut­los, man­che geräusch­voll, wur­den vom Wind getrie­ben, tän­zelnd über die Stei­ne im Hofe gejagt, wie Schrit­te klang es unter mei­nem Fens­ter. Nahend, sich ent­fer­nend. Ein paar­mal saß ich steil auf­ge­rich­tet im Bett, lau­schend, wer da käme. Nichts. Blei­ches Mond­licht geis­ter­te durch den Baum, die Schat­ten des Lau­bes vom Nuß­baum beweg­ten sich über­all.

Hodler - Valentine Godé-Darel im Krankenbett - 1914
Fer­di­nand Hod­ler, Valen­ti­ne Godé-Darel im Kran­ken­bett, 1914. Kunst­mu­se­um Solo­thurn, Solo­thurn. Von einem Buch gescannt. Über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Unten wuß­te ich ein­sam die alte, kran­ke, ich glau­be tod­kran­ke Frau. Ich dach­te an Geschich­ten aus mei­nen Jugend­bü­chern. Woll­te der blei­che Tod kom­men, sie holen? Die Schrit­te unten um[‘]s Haus, immer wie­der. Wenn er sich in der Tür irr­te? Laut, so laut schlug mein Herz[.] Ach Du! Ich fürch­te­te mich. Liebs­ter! Mein [Roland]! Wärest Du mir nicht gefolgt, ich hät­te kein Auge zuge­tan. Ich nahm Dei­nen Brief an mein Herz, die Mut­ter hat­te ihn mir nach­ge­sandt und ich fühl­te Dich bei mir. Gebe­tet habe ich, inni­ger noch als jeden Abend sonst. Aber so sehr wei­nen muß­te ich dabei, jeden Abend in der Frem­de. Dann schlief ich aber doch ein, über­mannt von der Müdig­keit. Lan­ge, lan­ge lag ich immer wach. So über­gro­ße Sehn­sucht hat­te ich nach Dir, mein [Roland]. Das brann­te wie ein Feu­er in mei­nem Innern. Wenn mir es nicht um den Skan­dal gewe­sen wäre, Du! Ich hät­te nachts mei­ne Sachen genom­men und wäre gegan­gen. Den Weg auf der Land­stra­ße nach L. kann­te ich ja. Und wie ein Wun­der, wie ein herr­li­ches Erfül­len nahm ich am Sonn­tag­mor­gen Dei­nen Boten aus Elfrie­des Hand. Ach, mein [Roland] Du! Du weißt es ja, wie ich mich ein­sam füh­le ohne Dich. Du hast mein sehn­süch­ti­ges Rufen gehört. Ach Du! Wie sehr ich mich gefreut habe über Dei­ne Zei­len, wie sehr! Du weißt es, Liebs­ter. Und ich hat­te nun auch die Kraft, die­se eine, letz­te Nacht noch unter ihrem Dache zu blei­ben. Ich woll­te aus­hal­ten. Sie waren ja alle so lieb, so nett zu mir. Ich wäre undank­bar gewe­sen, hät­te ich mir auch nur das Gerings­te mer­ken las­sen. Du gabst mir die Kraft, Du! Schwer war es mir. Aber ich habe gelernt in die­sen fast 4 Tagen mein Herz fest in bei­den Hän­den zu hal­ten. Wenn es auch fast nicht mehr gehen woll­te, wenn die schmerz­li­che Sehn­sucht nach Dir mich auch über­wäl­ti­gen woll­te.

WWII London Blitz East London
Hei­mat­lo­se Kin­der außer­halb ihres ehe­ma­li­gen Hau­ses, East End, Lon­don, Sep­tem­ber 1940. New Times Paris Bureau Collec­tion. (USIA). NARA FILE #: 306-NT-3163V WAR & CONFLICT BOOK #: 1009 Sep­tem­ber 1940. New Times Paris Bureau Collec­tion. (USIA), über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
[Roland]! Mein [Roland]! Ich glau­be, ich lie­be Dich zu sehr, Du! Wenn Dir etwas geschä­he, Du — ich müß­te Dir nach­fol­gen. Aber nein, Herz­lieb, nicht so. Es ist ja lau­ter Son­nen­schein um mich, jetzt. Der Sonn­tag. Er war hell, son­nig, nicht klar; man hat­te kei­ne gute Sicht. Vor­mit­tags sind wir 3 Mädels rauf nach der klei­nen Lan­des­kro­ne. Schön, so schön ist ihre Hei­mat.

Wenn Du an die­sem Tag mit mir gewe­sen wärst, ich hät­te es noch stär­ker als ein gro­ßes Geschenk emp­fun­den, daß ich das alles schau­en und erle­ben durf­te, Du! G., Dei­ne eins­ti­ge Hei­mat war ja ziem­lich nahe; die Mädels erzähl­ten mir davon. Auch, wie ihr alle frü­her noch bei­sam­men wart, ein­an­der ent­ge­gen kamt auf dem Wege von G. und G., Hell­muth dabei. Es war ein klei­ner Fest­tag für mich, die­ser Sonn­tags­spa­zier­gang nach dem C.. Ich dach­te im Innern immer Dein, Du! Gegen 6 Uhr abends kehr­ten wir müde heim. Wir fan­den Mari­an­ne mit ihren Mann und Chris­ti­an vor, sie muß­ten aber schon mit dem … Zug zurück nach L.. Sie waren eigent­lich nur wegen mir gekom­men und ein wenig ent­täuscht, daß sie mich nur so kurz sehen konn­ten. Aber da war nun nichts dran zu zu ändern. Mut­ter Her­mann schick­te uns ja extra fort, daß Elfrie­de und Lot­ti bei die­ser Gele­gen­heit auch mal an die Luft kämen.

Hilde und Mutter, Hochzeit, 07.1940
Hil­de und Mut­ter, Hoch­zeit, 07.1940

Es muß ja sonst immer eine um die Mut­ter sein. Sie war so auch nicht allein am Sonn­tag. Und zur Arbeit haben sie doch die Han­na aus Cune­wal­de. Ich habe mich recht gut ver­tra­gen mit den Schwes­tern und wie sie mit mir umgin­gen, dar­aus habe ich erkannt, daß sie mich wert schät­zen, ihr Ver­trau­en zu genie­ßen. So vie­les haben sie erzählt, jeden Abend wur­de es spät, 11 Uhr immer, ehe wir ins Bett kamen. Von frü­her, von ihrer frü­he­ren Hei­mat, von der Müh­le vom Vater Her­mann; Jugend­strei­che wur­den aus­ge­gra­ben, dar­in über­bot eine die and[e]re, Tanz­stun­den­er­leb­nis­se, ‑Lie­be­lei­en. Lot­tis Inter­es­se am Arzt­be­ruf rück­te ein­mal beson­ders in den Vor­der­grund. Sie war ein­mal Sprech­stun­den­hil­fe bei Dok­tor Mit­tag. Ach, von einem in[‘]s and[e]re kamen wir. Ich war fast immer nur Zuhö­re­rin. Ich ver­tra­ge soviel Gere­de gar­nicht [sic] gut. Meist hat­te ich dann Kopf­weh. Sie sind bei­de sehr leb­haft mit dem Mund­werk! Man kann ihnen aber nicht böse sein. Ich hab die bei­den ger­ne. Lot­ti neigt manch­mal dazu, ein bis­sel [sic: biss­chen] anzu­ge­ben; aber das ist nur in man­chen Din­gen. Sie ist ein wenig viel­leicht, zu viel von sich ein­ge­nom­men. Aber das macht ihre Lie­bens­wür­dig­keit so im gro­ßen und gan­zen wie­der wett. Elfrie­de ist bei all ihrem Wis­sen, trotz Vie­lem dar­in sie uns vor­aus ist, zurück­hal­ten­der, beschei­de­ner. Man merkt, sie ist inner­lich glück­lich, und dar­um geht eine gewis­se Ruhe und Beson­nen­heit von ihr aus, sie wirkt rei­fer in ihrem Wesen neben Lot­ti. Oft habe ich durch Lot­tis Rede die lei­se Unzu­frie­den­heit ihres Lebens durch­klin­gen hören, auch in ihren Zügen spie­gelt sich etwas von die­sem inne­ren Zwie­spalt. Sie hat sich ver­än­dert, seit ich sie zuletzt um Weih­nach­ten in K. sah. Schma­ler im Gesicht ist sie gewor­den, spit­zer; das macht sie auch älter; ich glau­be, sie ist auch nicht rich­tig auf der Höhe gesund­heit­lich. Wir kamen auch ein­mal auf Hell­muth Wächt­ler zu reden. Und da fühl­te ich etwas bei Lot­ti. Er hat sie ein­mal ger­ne gehabt frü­her. Jetzt lie­gen nun die Ver­hält­nis­se bei ihm so. Du weißt ja, der Tod sei­ner Frau. Ich glau­be, Lot­ti befaßt sich mehr mit sei­nem Geschick, als gut ist. Wir Frau­en haben oft dafür ein fei­nes Emp­fin­den. Man weiß nicht — das Schick­sal geht oft selt­sa­me Wege. Aber, ob Lot­ti die­ser Auf­ga­be gewach­sen wäre, ob sie über­haupt dazu geschaf­fen ist, Mut­ter zu sein zwei frem­den Kin­dern, und Gat­tin zugleich? Sie kommt mir so gar­nicht [sic] weib­lich vor; ich den­ke durch ihren Beruf.

Im Win­ter soll ich wie­der­kom­men, mit den Bret­tern.

So lieb sie alle waren, so gut es mir gefiel bei Tage.

Aber, Liebs­ter! Die Näch­te, die­se unheim­li­chen Näch­te!

Ich weiß es. In die­sem Hau­se geht der Tod um.

Ich sehe es die­ser armen Frau an. Den Mädels kann das nicht so auf­fal­len. Sie sind täg­lich um sie her­um.

Ich habe drau­ßen bei ihr geses­sen, habe drin­nen bei ihr gewacht, wenn Elfrie­de koch­te. Ich beob­ach­te­te bei mei­ner Land­ar­beit genau ihr Gesicht. Sie wird nicht wie­der gesund wer­den. Es geschä­he denn ein Wun­der. Lan­ge kann sie noch zubrin­gen, wenn das Herz stark ist. Aber die­se ewi­ge Eite­rung läßt auch kei­nen guten Saft ihrer Gesund­heit zukom­men; sie ißt wohl, trinkt, doch nur für die­se unse­li­ge, unheim­li­che, schlei­chen­de Über­macht in ihrem Lei­be. Vol­ler Mit­leid war ich gegen sie, aber ich ließ mir nichts anmer­ken. Nur fro­he Gedan­ken tausch­ten wir und auf ihre W wie­der­hol­ten Ein­la­dun­gen hin sag­te ich ihr dann, daß ich im Früh­ling ein­mal wie­der­kä­me, wenn sie wie­der bes­ser umge­hen kön­ne. Von gemein­sa­men klei­nen Spa­zier­gän­gen rede­te ich und sie freu­te sich und war voll Mut. Aber dann kommt wie­der ein Tag, wo sie so ster­bens­matt ist. Rät­sel­voll die­se Krank­heit. Elfrie­de tut mir auf­rich­tig leid; es ist eine schwe­re Auf­ga­be solch kran­ke zu pfle­gen und nicht schul­dig zu wer­den dabei, vor dem eige­nen Gewis­sen. Alle, alle Gedan­ken bean­spru­chen ja so eine Pfle­ge, wenn Segen dar­auf ruhen soll. Wenn ich das tun müß­te, mit mei­ner gro­ßen Lie­be im Her­zen, die nichts sonst neben sich dul­det; o, ich müß­te mich mit über­mensch­li­cher Kraft über­win­den ler­nen. Und die­ser see­li­sche Schmerz, den ich mir so zufüg­te, zehrt mehr als irgend eine Krank­heit. Gott behüh­te uns vor sol­chem Leid.

Alle Gedan­ken, die tags­über ver­drängt wer­den, kom­men mit der Stil­le der Nacht. So war es in die­sen Tagen jetzt. Dar­um konn­te ich die Ruhe nicht fin­den, dar­um wur­de ich ver­zagt und ban­ge und in mei­ner Ver­las­sen­heit stei­ger­te sich die Sehn­sucht ins Unend­li­che, nach Dir, Gelieb­ter Du! Weil ich Dich habe, Dich, mein [Roland]! Alles ist dann gut, Ich dan­ke Gott, daß Du mein bist. Du! Mein gelieb­ter, treu­er Lebens­ge­fähr­te. Wie lie­be ich Dich!

Und ges­tern abend, als ich heim kam, Dei­nen lie­ber Boten schon war­tend fand, Du! Ach, da war ich so froh und war ich so gebor­gen. Du gehörst an mei­ne Sei­te, nie­mand sonst. Ich las Dei­ne Zei­len im Bett­lein, Du! Dach­te mir dabei, Du lägst neben mir, sprächst zu mir, mein Rudolf!

Und ich muß­te auch ges­tern wei­nen, daheim, Du! Nicht, weil ich ver­las­sen und voll Angst war. Nein, Du! Weil ich mich über­freut hat­te. [Roland]! Mein [Roland]! Ich. Dei­ne Hol­de. Du! Du! Soviel Freu­de, soviel Glück! Das hat­te ich nicht erwar­tet.


Du gabst mir am Anfang unser Lie­be ein Buch zu lesen, von [Her­mann] Löns. Hol­de Roter­mund. Heu­te noch sehe ich vor mei­nen Augen die­ser Namen. Den Titel des Buches [Dahin­ten in der Hei­de, 1910], die Geschich­te habe ich nicht mehr im Sinn. Aber das Mäd­chens Name, das so rein, so gut, so herr­lich war. [Roland] Du! So, eben­so soll ich sein? So willst Du mich nen­nen, Dei­ne Hol­de? Liebs­ter! Weißt Du, wie Du mich beglückt hast damit? Ich wur­de die­sen Moment nie ver­ges­sen, wie ich neben Dei­nem lee­ren Bett­lein lie­gend die­sen Namen fand. Du! Du! Laß Dir dan­ken, mein [Roland]! Hören möch­te ich ihn, Du! Hören aus Dei­nem Mun­de! Dei­ne Stim­me soll ihn mir sagen, die lie­be dunk­le, war­me Stim­me, die mich nie mehr zur Ruhe kom­men ließ, seit ich sie zum ers­ten Mal gehört. Liebs­ter! Du rufst mei­ne Sehn­sucht täg­lich mehr, Du!! Ein­mal Dich wie­der­se­hen, Dei­ne Stim­me hören, Dei­ne Lip­pen auf den mei­nen füh­len! O, höchs­te Selig­keit. [Roland]! Du mein [Roland]! Behüt Dich mir Gott! Bald o wie wünsch­te ich es, bald kann es sich ja erfül­len. Glau­be auch Du, [Roland]! Ver­traue mit mir, Du! Mein [Roland]!

Zu inni­ger Lie­be, in ewi­ger Treue

T&SavatarsmDei­ne Hol­de

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