15. Oktober 1940

50 Jahrfeier der Torpedowaffe 1937 in Wilhelmshaven
50 Jahr­fei­er der Tor­pe­do­waf­fe, Wil­helms­ha­ven, 1937. Foto Eigen­tü­mer und Rech­te­inha­ber: Buo­na­se­ra. Crea­ti­ve Com­mons Attri­bu­ti­on-Sha­re Ali­ke 3.0 Unpor­ted licen­se, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
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Diens­tag den 15. Okto­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Der Admi­ralbesuch heu­te hat rich­tig den gan­zen Kalen­dar in Unord­nung gebracht. Der Dienst­plan wur­de umge­sto­ßen. Von 9 Uhr an ver­wan­del­ten sich die Matro­sen mit Gewehr und Sei­ten­ge­wehr in Kehr­frau­en, Scheu­er­wei­ber, Stra­ßen­keh­rer. Das gan­ze Lager wur­de auf den Kopf gestellt.

Einweihung Tabar
Ein­wei­hung der Flak­bat­te­rie Tabar, im Hin­ter­grund der Weser­deich, Weser­mün­de, 15 Novem­ber 1939. Foto: Sieg­fried Raap (Vater von Peter Raap), von Rein­hard Kra­asch nach­be­ar­bei­tet. Quel­le: Archiv Peter Raap, Bre­mer­ha­ven. Über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Die Mit­tags­pau­se fiel aus. ¼ 2 Uhr stand alles in Wichs und Gala auf dem Hof ange­tre­ten. Gestren­ge Bli­cke mus­ter­ten uns vom Schei­tel bis zur Zeh. Mit der Schnur wur­de aus­ge­rich­tet. Und dann war­te­te alles, was im Lager Men­schen­ant­litz trägt des hohen Besuchs. Fla­cky, der Kom­pa­nie­hund, muß­te vom Platz getra­gen wer­den, sonst wäre er nicht gewi­chen. Nun kamen die Hohen Her­ren: der kör­per­lich kleins­te im Rang der höchs­te. Er schritt die Front ab, besuch­te das uns gegen­über­lie­gen­de Haus und dampf­te wie­der ab mit den Her­ren des Sta­bes. Das gan­ze Schau­spiel dau­er­te kaum 10 Minu­ten. „Die Begrü­ßung war gut”, ver­kün­de­te der Leut­nant, und nun war Fei­er­abend. Geschlos­sen im Zuge besich­tig­ten wir die uns zunächst gele­ge­ne Bat­te­rie Mari­en­fel­de, deren Bal­lern uns nun schon ver­traut ist. Wir bekom­men einen Ein­blick in den Orga­nis­mus einer so klei­nen Bat­te­rie, mit Stau­nen erkann­ten wir, welch rie­sen­haf­te Mit­tel zu uns[e]rer Ver­tei­di­gung in ganz Deutsch­land ein­ge­setzt sein mögen. ½ 5 Uhr Dienst­schluß. Die Son­ne ließ noch ein­mal an einen Som­mer­tag erin­nern. Sau­ber lag die Kaser­ne, sau­ber unser So Anzug, Sonn­tag konn­te man glau­ben.

Balham tube plaque 080120
Mahn­mal, Bal­ham U‑Bahnstation, in Erin­ne­rung an den deut­schen Bom­ben­an­griff von 14. Okto­ber 1940, das 64 Men­schen das Leben gekos­tet hat­te. Foto: Nick Coo­per, 21.01.2008, Crea­ti­ve-Com­mons-Lizenz „Namens­nen­nung – Wei­ter­ga­be unter glei­chen Bedin­gun­gen 3.0 nicht por­tiert”, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Ich nüz­te die Gele­gen­heit, dem V Lager­tor für das Stünd­chen eines Spa­zier­gangs durch die herbst­li­che Flur den Rücken zu keh­ren. Dei­ne Bil­der steck­te ich zu mir. Ich hol­te mir eine Urlaubs­kar­te und zog los. Vor dem Tor gesell­te sich Fla­cky zu mir. Ich wur­de ihn nicht los. Und so gin­gen wir zu zwei­en. Das Tacken der Tre­cker erfüll­te stö­rend den Frie­den des abend­li­chen Lan­des. Fla­cky ging brav an mei­ner Sei­te den gan­zen Weg. Als ich mein klei­nes Album her­vor­zog sah er mit gro­ßen Augen schnup­pernd zu mir auf. Sonn­tag, so konn­te es schei­nen. Aber zu einem rech­ten Son­nen­tag fehl­te die Eine an mei­ner Sei­te. Ver­lo­ren schei­nen mir alle Fei­er­stun­den ohne Dich, Herz­lie­bes! 2 Päck­chen erhielt ich heu­te von Dir. Hab[‘] vie­len Dank! Das nächs­te sen­de ich wie­der nach O.. Viel­leicht kommt heu­te abend noch Dein lie­ber Bote, viel­leicht! Du fragst, wie ich mei­ne Abend­frei­zeit hin­brin­ge. Sie schwankt zwi­schen 6/7 Uhr und 9 Uhr. Um 6 Uhr wird nor­ma­ler­wei­se geges­sen. Mit dem klei­nen Abend­spa­zier­gang wird es 7, ½ 8 Uhr — und dann? Herz­lie­bes, dann set­ze ich mich hin, mit Dir zu plau­dern. So ist es also an güns­ti­gen Tagen. An ungüns­ti­gen ver­kürzt sich die­se Zeit um eine hal­be, manch­mal um eine gan­ze Stun­de. Um 9 Uhr rüs­tet der Stu­ben­dienst zur Abend­run­de. Das Zim­mer wird gekehrt, gelüf­tet. Dann ist es vor­bei mit der Ruhe zum Schrei­ben. Dann kann man den Hubo sich mit Brief­block und Blei­stift sich in den beleuch­te­ten Trep­pen­flur steh­len sehen: Er hat den Gruß an die Gelieb­te noch nicht fer­tig. Meist fehlt ihm dann noch der Schl[iff?], über dem er gewöhn­lich etwas län­ger sitzt!

Great Dictator Charlie Chaplin
Char­lie Chap­lin, The Gre­at Dic­ta­tor, Sati­re auf Adolf Hit­ler und Natio­nal­so­zia­lis­mus, Urauf­füh­rung in New York, 15. Okto­ber 1940, in NS-besetz­ten Euro­pa ver­bo­ten. Über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Du! Herz­lie­bes! Eben kom­me ich aus der Kan­ti­ne. Die Nach­rich­ten habe ich ange­hört. Sitzt Du wohl schon wie­der in K.? Ein Kar­ten­gruß liegt auf dem Tisch, ein Son­nen­strahl, Du! Hab[‘] vie­len Dank. Hast nun ohne mich die Gegend gese­hen, die vie­le Jah­re den Hin­ter­grund und die Umge­bung mei­nes Erle­bens bil­de­te, und die ich oft durch­streif­te und die mir lieb wur­de. Du weißt, G. war 6 Jah­re mei­ne zwei­te Hei­mat und Herr Ober­leh­rer K. hat mich auf man­chen sei­ner Streif­zü­ge mit­ge­nom­men. Und ich ging mit. Manch­mal ungern zunächst. Die­se Streif­zü­ge brach­ten Gewinn und Ent­span­nung nur nach einer Sei­te. Und sonst hat­te ich nie­mand. Du! Wie oft habe ich mei­ne Sehn­sucht getra­gen über die wei­ten Stra­ßen, in die Berg­wäl­der. Eine ande­re Land­schaft habe ich lieb gewon­nen, die ich mit den­sel­ben Gefüh­len durch­maß, die ich lieb­ge­wann mit ihrer Wei­te, und die ich nun noch viel lie­ber gewann, weil dort die Wie­ge steht, des Men­schen­kin­des, das die Erfül­lung mei­ner Sehn­süch­te brach­te, Erfül­lung der schier uner­füll­ba­ren Wün­sche. Ach Du, Gelieb­te, wirk­lich lieb habe ich Dei­ne Hei­mat, aber Dich noch viel, viel lie­ber!

Nun ver­giß bit­te nicht, mir noch recht­zei­tig Dei­ne Heim­kehr mit­zu­tei­len! Ich weiß nicht recht, wo sich mein Pho­to­ap­pa­rat auf­hält. Ist er in K., so könn­test ihn an Dich neh­men. Viel­leicht, daß Du ihn mir dann mal mit­brin­gen kannst, aber nur, wenn Du ihn noch fort­bringst.

Mein lie­bes, teu­res Herz! Ich kom­me nun zum Schluß für heu­te. Ich möch­te Dich in Dei­nen bösen Tagen so gern umge­ben mit mei­ner Zärt­lich­keit, wie ich es so ver­ste­he, Dein Hubo, Dein Dicker­le, Dein Dum­mer­le! Sag, tut sie Dir ein wenig wohl? Nur ein weni­ger von dem, wie es mir wohl tut, wenn ich bei Dir sein kann, wenn Du mir über den Kopf strei­chelst oder ich in Dei­nem Scho­ße aus­ru­hen kann? Herz­al­ler­liebs­te! Ich den­ke Dei­ner aus lie­ben­den Her­zen! Behü­te Dich Gott auf allen Wegen! Erhal­te er Dich froh und gesund!

Ich bin bei Dir, Herz­al­ler­liebs­te, immer, mit mei­ner gan­zen Lie­be und Sehn­sucht! Ich küs­se Dich, Du, ganz leis[e] und behut­sam heu­te, armes Lie­bes! Ich har­re treu­lich Dein, har­re treu­lich Dein! Herz­lie­bes, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du! Hol­de! Gelieb­te!

Ich bin ganz Dein [Roland]. Und Du bist mein, ganz mein!!

T&SavatarsmDu!

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