13. Oktober 1940

Opernhaus Kiel.jpg
Opern­haus Kiel, Foto von Voll­wert­BIT, lizen­ziert unter CC BY-SA 2.5 über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

[401013–1‑1]

Sonn­tag, den 13. Okto­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te! Mein lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Zurück bin ich aus der gro­ßen Stadt. Und nun drängt es mich, Dir zu erzäh­len, auch wenn es nichts Bedeut­sa­mes ist, Du sollst ja doch alles mit erle­ben. In gro­ßer Hast ging es fort. Wir muß­ten am Vor­mit­tag noch Koks abla­den. Kaum, daß wir Zeit hat­ten, den gröbs­ten Dreck weg­zu­wi­schen, ging schon der Last­wa­gen, den die Mili­tär­ver­wal­tung sonn­abends [sic] stellt. So ungern ich die­ses Vehi­kel benut­ze, man spart [eine] ½ Stun­de [des] Weges bis zum nächs­ten Auto­bus. Na, wir kamen auch etwas ver­quetscht, aber mit gesun­den Glie­dern d[a]rin an. Heim­wärts habe ich den Auto­bus benutzt. Ich hat­te mich mit dem Kof­fer bewaff­net, um etwas Obst­li­ches ein­zu­kau­fen. Die gewich­tigs­ten Ein­käu­fe habe ich denn auch gleich getä­tigt: 5 M Äpfel, eine mäch­ti­ge blaue Wein­trau­be, die hät­te ich gern mit Dir geges­sen! Der Voll­stän­dig­keit hal­ber sei erwähnt eine Fla­sche Was­ser­stoff als vor­beu­gen­des Mit­tel. Den [sic] ich damals von Hau­se mit­nahm, war genau nach Dei­ner lie­ben Mut­ter Weis­sa­gung in die Luft gegan­gen und hat­te sich mit den ande­ren Din­gen eng ver­mählt. Mei­ner Last ent­le­dig­te ich mich nun nach der bekann­ten Wei­he: Hand­ge­päck Haupt­bahn­hof. Mit mir fuh­ren 4 Kame­ra­den aus mei­ner Stu­be. Die häng­te ich bei die­ser Gele­gen­heit ab, ich woll­te gern für mich sein. Nun bin ich durch die Stadt geschlum­pert, rich­tig geschlum­pert. Ich glau­be, alle Leu­te haben gese­hen, daß ich irgend­wie im Sti­che gelas­sen wur­de, Du! Zunächst etwas befan­gen: Flei­ßig grü­ßen, tüch­tig auf­pas­sen und nach den Rän­gen schau­en. Dazu auch ein wenig beklom­men in mei­ner Uni­form. Die Stie­fel waren vom Vor­mit­tag so naß, daß sie nicht eine Spur Glanz hat­ten, und die Uni­form ist auch nicht mehr die schöns­te. Na, das alles ver­lor sich bald. Ich habe dann erst ein­mal einen Fri­seur auf­ge­sucht. Die Stadt Kiel. Ihre Grö­ße ent­spricht etwa der von Chem­nitz. Wenn man den Hafen nicht sieht, der natür­lich eine Welt für sich bedeu­tet, so hält Kiel einem Ver­gleich mit Chem­nitz nicht stand. Der Stadt­kern (Luft­auf­nah­me) ist klein, die Stadt ver­liert sich und erstreckt sich der För­de ent­lang. Reprä­sen­ta­ti­ve Gebäu­de sind ein­zig das Rat­haus mit dem Opern­haus dane­ben, nicht so schön wie in Chem­nitz. Das Opern­haus ist ein Back­stein­bau und wirkt schon des­halb furcht­bar nüch­tern. Die Kir­chen sind unbe­deu­tend. Ich glau­be, Kiel ist eine der jüngs­ten Groß­städ­te. Die ver­kehrs­reichs­te Geschäfts­stra­ße ist die Hols­ten­stra­ße mit etli­chen grö­ße­ren Geschäf­ten, ziem­lich schmal.

KielerInnenFoerdeLuftaufnahme.jpg
Kie­ler Innen­för­de, Luft­auf­nah­me von Klaas Ole Kürtz (Drbashir117), lizen­ziert unter CC BY-SA 2.5 über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

Schau­fens­ter habe ich beguckt. Viel­leicht haben sich man­che gewun­dert, wenn ich vor Schmuck­lä­den, Möbel­lä­den, Putz- u[nd] Mode­lä­den län­ger ste­hen blieb. Das habe ich von Dir gelernt und inter­es­siert mich, seit wir dabei sind, uns ein­zu­rich­ten, Herz­lie­bes! Dabei wur­de ich nun wie­der zum Ver­glei­chen ange­regt. In Kon­fek­ti­ons­häu­sern hat Chem­nitz viel mehr los. Nicht ein Pelz­ge­schäft habe ich gese­hen. Ein gutes Möbel­ge­schäft, ein Fens­ter mit Dau­nen­de­cken, eines mit Mor­gen­rö­cken, dabei habe ich ein wenig län­ger geguckt. Bei einem hüb­schen blau­en Mor­gen­rock wur­de ich dar­an erin­nert, daß ich Dich so gern in Blau sehe, Herz­lie­bes. Unter­des hat­te ich mir die Bei­ne müde gelau­fen und der Mor­gen mel­de­te sich. In mei­ner Ver­le­gen­heit kauf­te ich mir einen Beu­tel Stu­den­ten­fut­ter, schlug mich in die Büsche am Rat­haus und fühl­te mich bei Man­deln und Nüs­sen wie ein Eich­hörn­chen. Dann zog es mich zum Bahn­hof, dort habe ich lan­ge gestan­den, in Fahr­plä­nen stu­diert, wie ich Dich zu mir holen könn­te. Urlaub hat­te ich bis 24 Uhr. Erst hat­te ich vor, ins Kino zu gehen. Kei­ner der lau­fen­den Fil­me sag­te mir zu. Vor den Kinos stan­den die Men­schen Schlan­ge. So beschloß ich bei mir, schon eher, ½ 8 Uhr, zurück­zu­fah­ren. Noch einen kur­zen Bum­mel durch die Stra­ßen. Da stieß ich auf die Kame­ra­den. Sie luden mich ein zu einem Schop­pen im Rats­kel­ler. Das war mir recht, vor allem auch, um ein wenig aus­zu­ru­hen. Kame­rad Hengst ist für etwas Gutes, das gefällt mir. Wir geneh­mig­ten zu dritt ein Fla­sche guten Mosel, und leer­ten das ers­te Glas auf das Wohl uns[e]rer Frau­en. Auf wes­sen Vor­schlag wohl? Kurz nach 7 gab es auch etwas zu essen, ein Brot mit fischer­nen Gabel­bis­sen. Die Kame­ra­den woll­ten mich über­re­den zu blei­ben, ich blieb jedoch bei mei­nem Vor­satz. Eines habe ich noch ver­ges­sen in mei­nem Bericht: Ich habe auch nach den Men­schen geschaut, nach Mäd­chen und Frau­en. Weißt [Du], wo ich die schöns­te fand? Im Fens­ter eines Pho­to­ge­schäf­tes. Sie hat­te sich foto­gra­fie­ren las­sen für ihren Liebs­ten, in drei Stel­lun­gen, ihr Gesicht war gar nicht ganz eben­mä­ßig, aber aus den Augen leuch­te­ten Lie­be und Sehn­sucht, und das groß­ge­blum­te Kleid brach­te ihr Wesen so schön zur Gel­tung. Weißt [Du], an wen ich da den­ken muß­te? Weißt [Du], an wen ich da dach­te voll inne­rer Freu­de? Herz­al­ler­liebs­te, Du! Und was ich sonst sah war unter mei­nen Erwar­tun­gen. Nur sel­ten eine küh­le, blon­de Schön­heit, sel­te­ner als in Dres­den. Moch­te auch das Wet­ter schuld sein, es war warm, aber die­sig und trüb. So fuhr ich heim. ½ Stun­de Weg durch die mond­dämm­ri­ge Nacht. Ganz wind­still war es. Ich fühl­te das Wesen die­ser schwe­ren, meer­um­schlun­ge­nen Land­schaft. Ich kehr­te heim, froh, der frem­den Stadt ent­ron­nen zu sein, kehr­te heim, froh, mei­ne Besor­gun­gen erle­digt zu haben. Und der Gedan­ke, daß Dein lie­ber Bote dasein könn­te, beflü­gel­te mei­ne Schrit­te und mir war wie heim­keh­ren in die Gebor­gen­heit Dei­nes, unse­res schö­nen Hei­mes; in die Gebor­gen­heit Dei­ner Lie­be und Güte. Herz­lie­bes! Nichts kann uns je aus­ein­an­der­rei­ßen! Viel zu sehr hat sich unser bei­der Wesen schon ver­schlun­gen, und ich bin gewiß, daß es immer so bleibt.

Behü­te Dich Gott! Mein lie­bes, teu­res Herz!

Heu­te nach­mit­tag begin­ne ich den nächs­ten Brief.

Ich lie­be Dich! Du! Ich seh­ne mich nach Dir!

Ich bin Dein für alle Zeit! Und Du bist mein!!

In Treue

Dein [Roland].T&Savatarsm

Plea­se fol­low and like us:
error

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.