12. Oktober 1940

Sonnensystem
Hil­des und Rolands Ster­ne, Jupi­ter und Saturn. Son­nen­sys­tem, Gra­fik: NASA, lizen­ziert über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015
[401012–2‑1]

Sonn­abend, am 12. Okto­ber 1940, G..

Herz­al­ler­liebs­ter! Du mein gelieb­ter, guter, [Roland]!

Auf der ver­schlun­ge­nen Fahrt all die Zeit daher, lan­de­te ich ges­tern nach­mit­tag in L.. Elfrie­de erwar­te­te mich an der Bahn. Wir gin­gen durch die Stra­ßen bis zur Rat­haus­nä­he, dort wohnt die Dame, bei der sie Gesang­stu­den nimmt; die Stun­de fiel in die Zeit zwi­schen 3–4 Uhr. Ganz plötz­lich sprach uns so im Gehen jemand von hin­ten an, es war Elfrie­des Schwes­ter Mari­an­ne. Nun hat­te ich gleich eine net­te Gesell­schaf­te­rin. Erst besorg­ten wir einen Weg und anschlie­ßend setz­ten wir uns zusam­men in ein Cafe, des­sen Namen mir aber schon wie­der ent­fal­len ist. Elfrie­de kam dort­hin und wir fuh­ren gegen 6 gemein­sam mit Lot­ti, die wir auf dem Bahn­ho­fe ent­deck­ten her­aus nach D.. Ein paar schö­ne Blu­men nahm ich aus der Stadt mit für Mut­ter Her­mann. Wir fan­den sie im Bett lie­gend, doch wie ich nun urtei­len kann, da ich sie zum ers­ter Male sehe, sehr wohl aus­se­hend. Rote Wan­gen, gar­nicht [sic] fiebrig—klare Augen und auch ziem­lich leb­haft. Der Abend­brot­tisch war schon gedeckt, die Stüt­ze Han­na ist ganz tüch­tig. Wir saßen am Abend noch bis 11 bei­sam­men, wir 3 Mädels; vor­her waren wir noch ein Stück an die Luft gegan­gen. Schön, wie der Tag, war auch der Abend. Die bei­den Ster­ne, unse­re weißt [Du], die waren sich ges­tern am nächs­ten. Jupi­ter und Saturn. Aller [sic] 260 Jah­re kann man das nur beob­ach­ten. Hast Du wohl auch mal geguckt? Elfrie­de erzähl­te dann noch von ihrer Rei­se nach Röst­fel­de. Wir haben viel gelacht! Aller­hand hat sie erlebt mit den Sol­da­ten, mit ihren u.[nd] Hell­muths Wirts­leu­ten. Es ist nun doch, bei aller Heim­lich­keit her­aus­ge­kom­men, daß [Nord­hoffs] Frau da gewe­sen ist! Das hät­te ein­ge­schla­gen wie eine Bom­be, schrieb Hell­muth. Ja, die Unter­hal­tung ges­tern abend war für mich sehr auf­schluß­reich. Lot­ti erfährt so vie­ler­lei bei ihrer Stel­lung im Amt und beim täg­li­chen Umgang mit sound­so­viel Leu­ten. Über­haupt die bei­den haben einen erwei­ter­ten Gesichts­kreis in vie­len Din­gen. Elfrie­de allein schon durch ihre Bil­dung, und ich mer­ke ihnen eben auch das Alter an, mit dem sie mir vor­aus sind. Bedrückt oder dumm bin ich mir durch­aus nicht vor­ge­kom­men dabei, sie sind ja auch nicht so ver­an­lagt, daß sie sich mit ihrem Wis­sen her­vor­tun und prah­len woll­ten. Und im Innern hab[‘] ich mir gedacht, es ist wohl fast bes­ser, wenn eine Frau sich nicht so sehr mit poli­ti­schen Pro­ble­men befaßt und sich nicht mehr damit befaßt, als es ihr als Frau zukommt. Es kommt eben auch auf jedes Ein­zel­nen Umge­bung und Ein­fluß an. Ich glau­be, ich bin mehr weib­li­cher als Elfrie­de und Lot­ti. Ich kann mir die bei­den als rich­ti­ge Frau­en und Mut­ter nicht vor­stel­len. Und dabei sind sie doch sonst so nett und lieb. Du sprachst mit mir ja schon ein­mal dar­über.

Mein [Roland]! Geschla­fen habe ich gut. Nur lang nicht ein­schla­fen konn­te ich, mein Kopf schmerz­te so sehr. Ich weiß gar­nicht [sic] wie das kam; es ist ja sonst nicht so gewe­sen, wenn ich bei frem­den Leu­ten schla­fen muß­te. Viel­leicht hat mich das vie­le Reden [ein] bis­sel [sic: biss­chen] überans[t]rengt. Die bei­den Schwes­tern und auch die Mari­an­ne sind sehr leb­haft; das bin ich nicht gewöhnt.

Bis 9 Uhr schlief ich fest, dann kam Elfrie­de, nach dem Rech­ten sehen. Wir früh­stück­ten gemein­sam mit Mut­ter und setz­ten uns dann raus in den Gar­ten. Gut warm ein­ge­packt, es ist heu­te wie­der trü­be und kalt; ich hat­te an den Füßen solch frie­si­sches Wärme­öf­chen, schön, sag ich Dir. Weiß nicht ob Du das kennst. Die Mut­ter Her­mann hat es mit­ge­bracht, hier fin­det man nicht sol­che. Nun ist Mit­tag vor­bei, Lot­ti kam heim und schläft jetzt ein wenig. Elfrie­de schnei­det Sül­ze und schreibt dann Hell­muth. Mut­ter liegt wie­der drau­ßen und ich will ihr nach­her noch [ein] bis­sel [sic: biss­chen] Gesell­schaft leis­ten, sie hat sonst nichts wei­ter und es wird ihr ja die Zeit so lang. Sie tut mir reicht leid.

Am Mon­tag nach Mit­tag will ich  hier weg fah­ren. Ich tref­fe mich mit Dei­ner Mut­ter in Bischofs­wer­da. Sie ist näm­lich in P. zur Kir­mes, bei Geis­lers! Vater kann nicht mit, er bekommt kei­ne Ver­tre­tung. Der Ärms­te! Mor­gen nach­mit­tag wol­len Mari­an­ne mit ihrem Mann u.[nd] Chris­ti­an kom­men. Für uns Mädels ist ein Aus­flug geplant zur klei­nen Lan­des­kro­ne. Mal sehen, ob das Wet­ter hält.

Dich, mein Dicker­le, such[e] ich heut und auch mor­gen, weil ich nicht weiß, wann in Kiel, Du! Denk auch mal an mich! Ich bin immer bei Dir, Du! Zärt­li­cher kann ich heu­te nicht schrei­ben. Elfrie­de möch­te Grü­ße bei­fü­gen für Dich. Ich glau­be, Du ver­stehst mich schon. Nun komm ich viel­leicht erst wie­der in K. dazu, Dir zu schrei­ben. Also spä­tes­tens am Diens­tag auf Wie­der­se­hen!

Von Lot­ti die herz­lichs­ten Grü­ße und gewiß auch von Frau Her­mann, wenn sie mirs auch nicht extra auf­trug, weil sie drau­ßen liegt. Du aber blei­be froh und gesund!

Behüt[e] Dich Gott!

von Dei­ner [Hil­de].

 

Lie­ber [Roland]!

Sheean Portrait Awm044154.jpg
Matro­se mit Tel­ler­müt­ze in Blau-weiß, hier aller­dings ein aus­tra­li­scher Mari­nier. Foto­graf unbe­kannt, lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

Wir haben von Dei­nem neu­en Lebens­ab­schnitt, dem mili­tä­ri­schen, von K. u.[nd] [sic] jetzt durch [Hil­de] immer­fort erfah­ren u.[nd] len­ken unse­re Gedan­ken nun auch des öfte­ren in den Nor­den, wo wir nicht ganz unbe­kannt sind. Du schweb­test dabei mit Bänd­chen­müt­ze (á la Bänd­chen­kerl) u.[nd] [in] Blau mir vor, nun sehe ich mich dar­in ent­täuscht. Die Haupt­sa­che aber ist, daß Du Dich gut ein­leb­test u.[nd] es Dir eini­ger­ma­ßen gefällt, soweit man bei Mili­tär von Gefal­len reden kann. – Neu­lich war ich bei Hell­muth in Röst­fel­de 3 km von der pol­ni­schen Gren­ze. Nun weiß ich wie es um ihn her­um aus­schaut u.[nd], was nicht unwich­tig ist, daß er bei net­ten Leu­ten wohnt. Das Wie­der­se­hen war selt­sam genug u.[nd] nicht ohne Sta­chel u.[nd] so wird’s blei­ben bis der graue Rock aus­ge­zo­gen wer­den wird. – Mehr Platz ließ “man” – sie mir nicht. Auch gut, mei­ne Feder ist ver­staucht.

Dein Kar­ten­gruß ist ange­kom­men. Hab Dank!

Mit den bes­ten Wün­schen für Dich u.[nd] den herz­lichs­ten Grü­ßen von uns allen! Dei­ne Elfrie­de.

Mei­ne Ver­wand­ten laden Dich herz­lich ein zu Ihnen zu kom­men. Rem­mers[,] N., Fritz-Reu­ter­str. Nr. 5. Wochen­end­aus­flug!T&Savatarsm

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