09. Oktober 1940

Speyrer Dom Kain und Abel.jpg
Klei­ne Gewalt als All­tags­phä­no­men: “Po…haue” oder hier der Spey­rer Dom mit Kain und Abel. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

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Mitt­woch, am 9. Okto­ber 1940 in K..

Herz­al­ler­liebs­ter! Du, mein gelieb­ter, guter [Roland]!

Wie­der ist ein Tag ange­bro­chen, mit Son­nen­schein drin­nen und drau­ßen Herz­lieb, Du! Dein lie­ber Sonn­tags­bo­te ist bei mir, Dein lie­ber, lan­ger Brief. Ach Du, wie dan­ke ich Dir. Jeden Tag beglückst Du mich so sehr. Es war heu­te früh 500, auf­ste­hen; hieß es, Mut­ter muß­te ja [um] 600 fah­ren, und ich ließ mir’s [sic: mir es] nicht neh­men, sie hin­zu­brin­gen zum Zug. Fins­ter wars [sic], kalt und uns[e]re Ster­ne strahl­ten ganz hell am Him­mel. Oben auf der Brü­cke dann stand ich und war­te­te, bis der Zug hin­durch­fuhr. So selt­sam ist das Bild der Bahn­hof im Mor­gen­grau­en, das Leben erwacht, alles drängt zum siche­ren Beför­de­rer, dem Zug, um der Arbeit­stät­te zuzu­fah­ren. Und rei­bungs­los geht alles von­stat­ten, trotz Dun­kel­heit. Am liebs­ten wäre ich mit­ge­fah­ren, doch nicht heim­wärts, Du! Nein nach Nor­den, mein Lieb.

Mut­ter und ich kro­chen noch ein­mal zurück ins Bett, was soll­ten wir so früh am Tage schon anfan­gen mit­ein­an­der? Liebs­ter, wenn ich in unse­rem Bett­lein lie­ge, allein, wach — o Du; an mei­nen Augen zieht alle ver­gan­ge­ne Zeit vor­über; und ich muß den Kopf ganz tief ins Kis­sen drü­cken, muß so mei­ne Sehn­sucht nach Dir unter­drü­cken, Liebs­ter!

Ich mag wohl wie­der ein­ge­schla­fen sein, Du! So süß träum­te ich von Dir, so wirk­lich­keits­na­he, das kann ich unmög­lich nur so vor mich hin­ge­dacht haben, Liebs­ter! Ich weiß nicht wie es kommt, das wird von Tag zu Tag schlim­mer, mei­ne Gedan­ken sind gar­nicht [sic] bei mir, in mei­ner Umge­bung, nur bei Dir, Herz­lieb, nur bei Dir.

Ich hör­te im Traum, im Wachen zugleich[,] Schrit­te die Trep­pe her­auf­kom­men. An der Kor­ridor­tür ver­hiel­ten [sic] sie — es klin­gel­te, etwas fiel gegen einen Gegen­stand aus Blech. Du! Du! Da war ich mit einem Male ganz mun­ter: Mein [Roland] kommt, er will her­ein zu mir! Und die lie­be Mut­ter weiß es schon, sie bringt ihn mir. Er darf bei mir lie­gen, im war­men Bett­lein nach sei­ner lan­gen Rei­se; darf am mei­nen Her­zen aus­ru­hen, das so stür­misch zu klop­fen anfängt, wenn es den Liebs­ten fühlt. Ach Du! Das ist ein seli­ger Augen­blick, wenn ich Dei­nen Boten an mein Herz drü­cken kann, mein [Roland]. Was er mir nun wie­der alles Lie­be und Schö­ne ins Ohr flüs­tert. Du! Du! Ich bin ganz erregt noch jetzt, vor Freu­de. Vom Besu­chen, Du! Ich bin gar­nicht [sic] selt­sam berührt von den Punk­ten, die Du da anführst. Ich freue mich sogar, daß mein lie­ber, gro­ßer Hubo alles so ver­stän­dig bedenkt und gut über­legt. Ich ken­ne doch die­se Art, wie Du es da hältst am bes­ten selbst und nur von der guten Sei­te. Ich bin da viel unüber­leg­ter: komm nur, komm—das übri­ge [sic] wird sich dann fin­den! Du aber, als mein gelieb­ter, treu­er Beschüt­zer denkst an alles, in lie­ben­der Für­sor­ge. Ich kann es Dir nicht genug dan­ken, Herz­lieb. Und ich füge mich doch auch nur zu ger­ne Dei­nen Anord­nun­gen, mein [Roland], das weißt du auch. Ach was Du da alles sagst über Dei­nen Urlaub,über das Besu­chen, Du! Liebs­ter! Das ist so herz­lich, so wun­der­bar schön und ich wäre ganz, ganz wunsch­los glück­lich, wür­de es sich so erfül­len, wie Du. Dir[‘]s aus­ge­dacht hast. Ich selbst habe dabei kei­nen Wunsch, kei­nen als den: Dich haben, Dich bei mir wis­sen, wo das ist, hier oder dort, ist mir ja so gleich. Wo Du bist, da bin ich zu Haus, da bin ich gebor­gen und soll­te ich Dir fol­gen in ein frem­des Land. Ich fürch­te mich vor nichts, Du! Ich scheue kei­ne Schwie­rig­kei­ten und wenn ich das letz­te Stück zu Fuß zurück­le­gen müß­te, um zu Dir zu gelan­gen. Ich woll­te es mit fro­hem Her­zen tun. Du weißt, für Dich ist mir nichts zu schwer, für Dich ist mir nichts unmög­lich, Herz­lieb! Ach mein [Roland]! Wir wol­len ver­trau­en auf unse­ren Vater dro­ben er wird uns lei­ten. Ich aber will tief in mei­nen Her­zen die klei­ne Flam­me der Hoff­nung näh­ren, will sie nim­mer ver­lö­schen las­sen, eines Tages wird sie ganz gewiß zum strah­len­den Lich­te auf­flam­men, Du! Ich glau­be dar­an.

Herz­al­ler­liebs­ter! Einen Kose­na­men hast Du für mich gefun­den. Du? Wenn ich Dir nun sage, daß ich ihn sehr gern ein­mal hören möch­te? Willst Du ihm Dei­ner [Hil­de] nicht ein­mal ver­ra­ten, wenn sie Dir sagt, daß sie so gar kei­ne Ansprü­che an ihn stellt, weil er doch ein Geschenk von ihrem Herz­al­ler­liebs­ten ist, das darf sie sich ja gar­nicht [sic] selbst aus­su­chen, damit muß man sie ja über­ra­schen, Du!? Und glaub mir, Liebs­ter! Sie wird sich ganz gewiß sehr ger­ne über­ra­schen las­sen damit. Was von ‘ihm’ kommt, da will sie genau so lieb­ha­ben und ger­ne hören, wie er. Du!! Hast Du ein har­tes Herz??

Über mei­ne Bil­der soll ich Dir etwas sagen?

Ich woll­te eins, Dir eine rech­te Freu­de machen, und es sollt etwas sein, was immer bei Dir sein kann, was Dich immer mei­ner erin­nern soll. Und das ein­fachs­te war da mein Bild. Wie soll­te ich mich Dir schen­ken? So, wie wir unse­re bedeu­tungs­volls­ten, schwers­ten, glück­lichs­ten (viel­leicht!) Zei­ten erleb­ten, das dünk­te mich am sin­nigs­ten, die Zei­ten unse­res Braut­stan­des. Die Braut­zeit war vol­ler ent­schei­den­der Schrit­te für uns, nun sind sie glück­lich über­wun­den. Wir sind eins. Du bist mein ich bin Dein, ganz Dein. Dar­über ist Freu­de und Jubel in mir und damit Du immer wis­sen und sehen sollst, wie glück­lich ich bin mit Dir, dar­um wähl­te ich, den letz­ten Tag als Dei­ne Braut als Über­schrift für das Bild für Dich. All uns[e]re, all mei­ne heim­lichs­ten, sehn­lichs­ten Wün­sche, die gip­fel­ten an die­sen Tage in ihrer Erfül­lung. Ich war so selig, so traum­haft glück­lich und reich, weil Du mich als Dein lie­bes Weib heim­füh­ren woll­test, Du! Der Traum mei­ner Mäd­chen­zeit, Du! Der Herr­lichs­te von allen, Du wardst mein.

Alle Emp­fin­dun­gen vom Glück fan­den sich in mei­nem Her­zen zusam­men, als ich Dich an mei­nem Arme, so in alle Öffent­lich­keit mich zum ers­ten Male stell­te. Ich den­ke da auch an die Stun­de am Pol­ter­abend, wo wir dan­kend uns zeig­ten. Stolz war ich auf mei­nen Herz­al­ler­liebs­ten und ich lie­be ihn so sehr! Das alles woll­te ich noch ein­mal zurück­ru­fen, woll­te es fest­hal­ten für alle Ewig­keit, im Bild. Und wenn wir ein­mal, so Gott will, froh mit­ein­an­der auf ein erfüll­tes Leben zurück­bli­cken, Du! Dann wol­len wir uns auch froh wie­der der Zeit erin­nern, da wir im Anbe­ginn des gemein­sa­men Lebens stan­den. Du sollst der Hüter die­ser Bil­der sein mein [Roland] und ich weiß, wie Du dies Pfand mei­ner inni­gen Lie­be hüten wirst, getreu­lich. Und es wird ein Tag kom­men, wo ich glei­ches mit glei­chem ver­gel­ten kann. Du! Du! Ich freue mich schon heu­te dar­auf.

Mein [Roland]! Vor­mit­tags begann ich mit die­sen Zei­len für Dich, jetzt ist Mit­tag vor­bei. Vater wird bald kom­men. Ach Du! Ich will Dir noch schnell von unse­rem gest­ri­gen Aben­teu­er berich­ten. An der 3. Nach­mit­tag­stun­de mach­ten wir uns auf in den Busch, um Bee­ren zu suchen. Wie wir am H. anka­men[,] sag­te Dei­ne Mut­ter: heut ist[‘]s so schön, wir hät­ten müs­sen ein Stück fort fah­ren!, mei­ne Mut­ter; ja, nach G.! Umge­dreht, heim — umge­zo­gen, Fahr­plan stu­diert, 1500 abfah­ren zu Tan­te Gret­chen, war eins. Vater natür­lich hat­te kei­ne Ahnung wo wir hin waren. Es wur­de so ein schö­ner, gemüt­li­cher Tag in G.; wir gin­gen erst ein Stück gemein­sam spa­zie­ren, zum Abend­rot luden wir Tan­te Emma ein, die ist noch wohl­auf. Und ½ 800 fuh­ren wir froh wie­der heim. Ich soll Dich recht herz­lich grü­ßen von Gret­chen und Rosen­kran­zens allen! Vater emp­fing uns mit der alt­be­kann­ten Po…haue! Heu­te schick­te Sieg­fried wie­der eine Bul­le Schnaps, eine rich­tig ‘Bul­le’! Und Unter­ho­sen, schö­ne wol­le­ne, die hams­tern ja alles noch weg. Und nun gehts auch dort schon mit den … [sie­he Bild] los! Heu­te Nach­mit­tag wol­len wir Mut­ter und ich in die schwar­ze Müh­le; es ist sehr schön drau­ßen. Ich bin ganz, ganz bei Dir, Du! Wie könn­te ich auch anders?

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Auf Wie­der­se­hen, Du!

Ich dan­ke Dir noch­mals von gan­zem Her­zen für Dei­ne bei­den lie­ben Brie­fe, mein [Roland].

Behüt[e] Dich Gott, erhal­te er Dich froh und gesund!

Ich lie­be Dich! Du! Ich küs­se Dich!

Ich seh­ne mich so sehr, sehr nach Dir! Du!

In Lie­be und Treue

immer Dei­ne [Hil­de].T&Savatarsm

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