07. Oktober 1940

Volks­schul­klas­se mit Leh­re­rin, geschmückt für das Ern­te­dank­fest. Kärn­ten, Ost­mark, 1941. Foto: Dr. Hel­ga Duf­fek-Kop­per, Web­sei­te: Krump­fen­dorf­chro­nik, 10.2015.

[401007–2‑1]

Mon­tag, am 7. Okto­ber in K., 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Du mein gelieb­ter [Roland]!

Es ist vor­bei, das Gefühl des Ver­las­sen­seins, Du!

Was war das ges­tern? Es hat­te mich wie­der ein­mal über­mannt. Schuld dar­an trug viel­leicht mei­ne gegen­wär­ti­ge Umge­bung; die schwer­mü­ti­ge, süße Musik; die Unter­hal­tung der ande­ren, und ich mit­ten drin und doch so ver­las­sen, so voll unge­stü­mer Sehn­sucht nach Dir, mein [Roland].

Wenn ich das Gefühl kom­men sehe, dann ist am bes­ten, ich gehe hin­aus. Im Gleich­maß mei­ner Schrit­te fin­de ich auch am sichers­ten mein inne­res Gleich­maß wie­der.

Hochzeitsbild, Schwägerin von Hilde und Roland, 07.1940
Hoch­zeits­bild, Schwä­ge­rin von Hil­de und Roland, 07.1940

Aber so han­deln wie es das Herz ver­langt, Du! das kann ich ja nur, wenn ich allein bin, nicht in Gesell­schaft Dei­ner und mei­ner Lie­ben; ich muß Rück­sicht neh­men, wenn es noch so bit­ter schmerzt. Das fällt mir oft so schwer, mein wah­res Gefühl zu unter­drü­cken, um nach außen gleich fröh­lich und lieb zu sein. Viel lie­ber ist mir doch, wenn ich mich wie­der ein­mal aus­wei­nen kann, damit mir leich­ter wird. Unter­drück­tes Weh schmerzt und wühlt im Her­zen fort, es macht trau­rig. Als ich ges­tern nach dem Kaf­fee mit den ande­ren spa­zie­ren ging, da kam ich lang­sam wie­der zur Ruhe inner­lich. Die Ver­nunft besieg­te mei­ne Schwä­che. Und ich weiß, wenn ich mei­nem Schmerz nach­hän­ge, mache ich mir ja alles nicht leich­ter. Ich muß mich über­win­den ler­nen. Allein wird es mir schwer. Du fehlst mir, Liebs­ter. Ein lie­bes, gutes Wort von Dir, ein Hän­de­druck, ach so viel leich­ter mach­te mir es dann alles. Auf die­se Art bin ich so gar­nicht [sic] tap­fer, bin so weich­lich, ein rech­tes Mäd­chen. Ich wer­de erst tap­fe­rer sein, wenn ich die letz­te Rei­fe erlebt habe. Das Mut­ter­tum. Dann gehört mein Den­ken, mei­ne Trach­ten, all mein Leben zuerst dem Lebe­we­sen, das um mich ist, das mir durch Dei­ne Lie­be geschenkt wird, und dann bin ich ja nicht mehr allein — kei­ne Minu­te — Du bist es dann, der in die­sem klei­nen Men­schen zu mir spricht.

Bundesarchiv Bild 183-1987-0928-501, England, Jüdische Flüchtlingskinder
Jüdi­sche Flücht­lings­kin­der am ers­ten soge­nann­ten Kin­der­trans­port kom­men an, Groß­bri­tan­ni­en, Dezem­ber 1938. Der letz­te sol­che Trans­port fand schon 14 May 1940 statt. Okto­ber 1940 konn­te kaum mehr jüdi­schen Kin­der nach dem Art erfolg­reich ent­kom­men. DBa, Bild 183‑1987-0928–501 / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Ich habe nicht die Kraft, mich der Gedan­ken zu erweh­ren, die auf mich ein­stür­men und die doch alle, alle nur um Dich, Gelieb­ter krei­sen. Ich den­ke zu viel Dein, Du! Und nicht ein­mal die täg­li­che Arbeit, die ich ver­rich­ten muß, kann mei­ne Gedan­ken von Dir fort­len­ken. Und ich fin­de nicht einer Ruhe, als bis ich Dich bei mir habe, Du!

Ich muß durch­hal­ten, bis Gott will, daß wir uns wie­der­se­hen. Ach, ich weiß, Liebs­ter! Du ver­stehst mich so ganz, ver­stehst auch mei­nen Schmerz. Und ich darf Dir alles sagen. Du trägst mit mir. Auch Du sehnst Dich nach mir, Du! Daß Du mein bist! Du! Es ist immer die glei­che, gro­ße Wel­le Glü­ckes, die mein Herz umflu­tet, wenn ich dar­an den­ke. Und daß wir ein­an­der in Lie­be, in Treue har­ren, das allein gibt uns auch immer wie­der Kraft und Mut aus­zu­hal­ten, zu war­ten, bis wir zuein­an­der dür­fen.

A group of children arrive at Brent station near Kingsbridge, Devon, after being evacuated from Bristol in 1940. D2592
Ein Trans­port von Kin­der kommt an der Brent­sta­ti­on nähe Kings­bridge, Devon, nach­dem sie aus Bris­tol eva­ku­iert wur­den, 1940. Foto: Minis­try of Infor­ma­ti­on Pho­to Divi­si­on Pho­to­gra­pher. Quel­le: D 2592 aus der Samm­lun­gen des Impe­ri­al War Muse­ums. Nicht­kom­mer­zi­el­le lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Herz­al­ler­liebs­ter mein! Über den H. sind wir ges­tern nach­mit­tag gelau­fen, hin­ten her­um durch die Fel­der, wie­der zurück zur Stadt. Die bei­den Müt­ter lie­fen hin­ten­ach [sic], Vater mit mir vor­aus. Wir hat­ten einen guten Schritt mit­ein­an­der und gar bald ver­lo­ren wir die Mut­ter aus unse­ren Blick­feld. Auf dem Mark­te war­te­ten wir eine gan­ze Wei­le — nie­mand kam. Vater lud mich ein zu einem Glas ‘Wer­nes­grü­ner Hell’ im ‚Gol­de­nen Ster­ne’, wir such­ten einen guten Platz, damit wir die bei­den kom­men sähen. ½ Stun­de, 1 Stun­de — nichts. Vater wur­de unru­hig. Sie hat­ten kei­nen Schlüs­sel mit und er rief bei S. an. Die ant­wor­te­ten nicht.

Wir bra­chen auf. Ich hat­te kei­nen Schwips, Vater muß­te mein Bier noch trin­ken, ich bring[‘]s abso­lut nicht hin­ter.

Hilde und Rolands Eltern, Hochzeitsbild, leider außer Fokus
Hil­de und Rolands Eltern, Hoch­zeits­bild, lei­der außer Fokus

Als wir heim­ka­men, deck­ten wir immer den Abend­brot­tisch, bald dar­auf trot­tel­ten die bei­den an. Sie waren in der Kir­che gewe­sen, da führ­ten die Kin­der gegen Abend ein Ern­te­spiel auf. Na, das war noch mal gut abge­gan­gen.

Wir saßen dann noch gemüt­lich zusam­men, im Schei­ne der Lese­lam­pe, bei Musik und häkel­ten, ich an Frau H.s Schlaf­de­cke, die wol­len Lot­ti und Elfrie­de fer­tig häkeln. ½ 11 gings schla­fen. Heut[‘] früh weck­te mich etwas Kal­tes auf mei­ner Wan­ge. Es war Dein lie­ber Frei­tags­bo­te, Du! Hab vie­len Dank, mein Herz! Er hat mich heut geküßt, Du! Nun aber schnell gele­sen, raus und Dei­ne Wäsche von der Blei­che geholt, fer­tig gemacht zum Trock­nen. Auf dem Boden hängt sie nun, denn heu­te reg­net es wie­der.

Bundesarchiv Bild 146-1978-013-14, Kinderlandverschickung
Kin­der­land­ver­schi­ckung, Deutsch­land. Täg­lich fin­den neue Kin­der­trans­por­te aus allen Bevöl­ke­rungs­schich­ten der Reichs­haupt­stadt im Rah­men der Land­ver­schi­ckung in ande­re Gaue des Rei­ches statt. DBa, Bild 146‑1978-013–14 / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Am Vor­mit­tag war ich in der Stadt nach etwas Süßem zum Bei­le­gen. Hof­fent­lich habe ich Dei­nen Geschmack getrof­fen, es sah bös aus, wie über­all. Mor­gen möch­te ich das Wäsche­pa­ket ger­ne fort­schi­cken. Wir woll­ten heu­te in die Brom­bee­ren, aber nun wird[‘]s nichts, es ist zu naß. Am Frei­tag will ich vor­aus­sicht­lich nach D. fah­ren, Mut­ter kam nicht mit. Ihr bekommt ein Kind. Ein Feri­en­kind, von der NSO aus viel­leicht auch eines von Ham­burg, wie sie nach O. kom­men. Da wird Leben wer­den im Haus. Ich glaub auf 6 Wochen. Ich blei­be 14 Tage, Mut­ter fährt Mitt­woch früh wie­der Weg, wegen Vater.

Euer D. ist ja ein tüch­ti­ger Kerl, na ich gönn[‘] es ihm, wenn er was wird. Er küm­mert mich nicht, wenn er noch so schnei­dig ist, wenn er noch so nett ist und noch so viel Orden und Ster­ne hät­te. Ich will mei­nen [Roland], nur ihn, Du! Hörst Du? Alles and­re läßt mich kalt.

Du mußt Dir nun auch das Trin­ken bissl [sic: ein biss­chen] ange­wöh­nen, ja in sol­cher Run­de kann man sich dann schecht aus­schlie­ßen und vor allem bei einer Fei­er. Na, mein [Roland], Du weißt ja allein am bes­ten, was Dir gut ist. Ich mache mir auch dar­über kei­ne Sor­ge. Im Gemein­schafts­le­ben muß man sich in ein Man­ches schi­cken, das man in der Frei­heit weit­ab ste­hen ließ. Das sind Not­wen­dig­kei­ten oder bes­ser Unab­än­der­lich­kei­ten, die Du erst mit Dei­ner per­sön­li­chen Frei­heit fal­len las­sen kannst. Und es ist gera­de gut, wenn einer unter vie­len stand­haft sich zeigt, erlegt so den ander[e]n unwill­kür­lich Zurück­hal­tung auf.

Na, (die Neu­en) der Neue scheint auch sehr anstän­dig zu sein. Ich möch­te Dich beglei­ten, wenn Du nach Kiel fährst. Kannst an mich den­ken, Du! Ich bin da gra­de in der näch­steg­rö­ße­ren Stadt, in Groß‑D.!! Wo wirst denn ges­tern her­um­ge­strollt sein? Uns hat es alle geschluckt, am Tage und abends. Die Frau Brief­trä­ge­rin hält sich jetzt gar immer lang bei Frau S. auf, die jun­ge Frau war­tet! Du mußt über­haupt eine Bemer­kung zuschrei­ben, ob jung oder alt! Du! Bei 2 Kan­nen ist das gefähr­lich, wenn ich nun mal mei­nen Brief nicht bean­spru­chen kann?? Du! Weil [Hil­de Nord­hoff] d[‘]raufsteht, ein­fach [Hil­de]? Schreib ein­fach mit oder ohne Kopf!

Mein [Roland]! Mein Herz! Behüt Dich Gott! Bleib froh und gesund! Ich küs­se Dich Du! Ich lie­be Dich von gan­zem Her­zen!

T&SavatarsmIn Treue immer Dei­ne [Hil­de].

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