06. Oktober 1940

Erntedankfest dt. Konsulat St. Gallen
Ein­la­dung zum Ern­te­dank­fest 1940 des dt. Kon­su­lats in St. Gal­len. Foto: Kre­teglo­bi, 23.08.2014, in der Fes­tung Helds­berg, St. Mar­gre­then, Kan­ton St. Gal­len, Crea­ti­ve Com­mons Attri­bu­ti­on-Sha­re Ali­ke 4.0 Inter­na­tio­nal Lizenz, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
[401006–2‑1]

Sonn­tag, am 6. Okto­ber 1940 in K..

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein gelieb­ter [Roland]!

Du! Ich hab[‘] es ja gewußt! Dein lie­ber Bote begrüß­te mich, als ich nun ges­tern mit Mut­ter hier ankam. Du, Liebs­ter! Mein [Roland], wie dan­ke ich Dir. So sehr erfreut hast Du mich. Weil mir nur mei­ne Über­ra­schung gelin­gen ist, weil Du Dich nur gefreut hast, Herz­liebs­ter, nun ist alles gut. Es drängt mich so sehr, Dir zu erzäh­len was mich bewegt. ½12 ist es. Wir sind alle vom Kirch­gang heim, außer Vater, der hat Dienst. Du, wie schön war es heut[‘] wie­der, ach und ich fühl­te mich so gar­nicht [sic] ver­las­sen, ich wuß­te Dich ganz nahe bei mir Liebs­ter. Immer wird es in der K.er Kir­che so sein, Du! Denn immer, wenn ich mit Dir da war, hat mich alles, die Umge­bung, der Got­tes­dienst ganz eigen berührt. Du wirst auch im Got­tes­hau­se gewe­sen sein, heu­te zum Reichs­ern­te­dank­fest. Vie­le, vie­le Men­schen waren gekom­men und sie sind gewiß alle so froh und gestärkt heim­ge­gan­gen wie ich.

Kurz vor der Hochzeit, 07.2014
Kurz vor der Hoch­zeit, 07.2014

Ich habe Dei­ner ganz lieb und fest gedacht.

Der Vater ist heim­ge­kom­men, Du! Du! Ich muß tüch­tig auf der Hut sein. Er will, er will… ich möch­te nicht klat­schen, ich werd[‘] schon fein wach­sam sein. Du! Bit­te nicht etwa dem Vater etwas davon schrei­ben, ich wäre beschämt dann. Also, nun ist es vor­der­hand a bis­serl [sic: ein biss­chen] vor­bei mit mei­ner Ruhe!

Ich will Dir nun mal berich­ten von unser Fahrt.

Wie geplant fuh­ren wir früh … mit dem Bus nach Chem­nitz besorg­ten unse­ren Weg und noch eini­ges dazu, als da ist. Strick­wol­le für Vaters Socken, Taschen­tü­cher und ein Nacht­hemd für mich. 10:55 ging der Zug ab in Rich­tung Dres­den, … min. Übergang—dann nach K., um 3 Uhr nach­mit­tags kamen wir an. Bepackt, bela­den; nie­mand war von den lie­ben Gesich­tern zu seh[e]n. Sie hat­ten um 1:00 gehofft und nah­men an, wir kamen dann erst um 6 Uhr. Frau S. guck­te aus dem Fens­ter und wink­te aus! Sie besuch­te uns am Abend und warf es Dei­nen Eltern paar­mal vor, daß nie­mand uns abhol­te! 2 jun­ge Hähn­chen brach­te sie, es ist ein zu gutes Luder; bei allem, glaubst? Bis 10 Uhr war sie da und wir waren dann auch recht­schaf­fen müde. Mor­gens 5 Uhr stan­den wir auf, weil wir dem Vater noch alles zurecht gemacht haben, der Arme hat kei­ne Feri­en bekom­men und da möch­te er doch auch jeden Tag was ordent­li­ches zu essen haben. Die Mut­ter will am Diens­tag zurück, es tut ihr leid, wenn er sich alles soll allein machen. Der Vater ist ein Quatsch­loch, ich kann jetzt nicht wei­ter schrei­ben, viel­leicht hält er dann Mit­tags­ru­he! Ich kann abso­lut mei­ne Gedan­ken nicht zusam­men­hal­ten. Du weißt es ja.

Rudolf Epp Mädchen beim Häkeln.jpg
Rudolf Epp, Mäd­chen beim Häkeln, 1875. Lizen­ziert unter Bild-PD-alt über Wiki­pe­dia, 10.2015.

Herz­lieb! Ich kom­me wie­der. Du! Vater schläft, aber wie lan­ge? Ich will mich beei­len. Es ist 2 Uhr. Mit­tag­essen und Arbeit vor­bei. Es gab guten Pökel­bra­ten mit Blu­men­kohl­ge­mü­se, Apfel­kom­pott; Apfel­most und Sup­pe, ja Sup­pe! Und ich muß­te Dei­nen Tel­ler voll mit essen, Du! Ich fürch­te für [sic] mei­ne schlan­ke Linie! Nach­rich­ten kom­men, ob Du jetzt auch vorm Kastl sitzt? Die Müt­ter stri­cken, häkeln. Die Son­ne kommt manch­mal durch, wir wol­len ein Stück gehen. Wohin ist noch unbe­stimmt. Du, wie habe ich gestrahlt, als heu­te früh, gra­de [sic] als wir den Gang zur Kir­che aus­tre­ten woll­ten, Dein so lie­ber Bote kam. Er war mit mir. Du! Ich dan­ke Dir, mein Rudolf.

Die Mutter plaudern, Hochzeitsbild, 07.2014.
Die Müt­ter plau­dern, Hoch­zeits­bild, 07.2014.

Die Eltern hor­chen ja schön, wenn Du immer mehr Ver­hal­tungs­maß­re­geln anführst. Vater ist ganz ver­rückt auf Dich! Wir haben einen Spaß dar­über! Mut­ter hat extra für mich den Glas­schrank aus­ge­räumt und nun will ich nicht hin­ein. Ach, wie ich geschla­fen hab[‘], Du? Schön, warm, weich; aber nicht tief, Du! Ich muß­te gar so viel den­ken, Liebs­ter! An Dich, an die Zeit, da Du neben mir im Bett­lein lagst. Und mei­ne Sehn­sucht, o, sie war so groß, Herz­lieb!

Du mußt es ja gefühlt haben, wie so sehr ich Dei­ner den­ken muß­te. Im Bett­lein, wo ich schon immer lag, schlief ich. Wenn Du bei mir sein konn­test!

Du! Es war wirk­lich schwer, das Wie­der­se­hen mit unse­rem Zim­mer, das all unser Glück noch birgt.

Ich will ganz gedul­dig sein und den­ken, daß Du sicher zum Weih­nachts­fest bei mir sein darfst. Und wenn nicht, so bin ich bei Dir, Liebs­ter.

Am Mitt­woch hat­test Du Wache? Du! Da hab ich ja von Dir geträumt, und konn­te gar nim­mer ruhig sein bis zum Mor­gen. Ach mein Lieb! Alles, alles, das Geheims­te, Schöns­te, ich will es auf­he­ben für Dich, nur für dich, den Ver­trau­tes­ten mei­nes Her­zens. Wen könn­te ich mit mei­ner Lie­ber außer Dir beschen­ken, Du? Weißt ja, Herz­lieb, ich lie­be Dich allein. Und wenn das Maß mei­ner Lie­be vol­ler und vol­ler wird — kei­nen ein­zi­gen Trop­fen will ich ver­schwen­den, wenn Du auch ertrin­ken mußt in aller Lie­be, die sich ergie­ßen wird, Du! Wenn Du zu mir kommst. Ach, sie spie­len Musik, uns[e]re Musik; Dei­ne Lie­der, die mir gehö­ren. Ich könn­te wei­nen vor Sehn­sucht nach Dir– Liebs­ter, ich möch­te hin­aus­lau­fen weit, weit—bis hin zu Dir, möch­te nichts als bei Dir sein! Weißt Du, wie qual­voll es ist, das War­ten? Herz­lieb, was ist es, daß ich heu­te so schmerz­lich, so innig an Dich den­ken muß? Es erin­nert mich alles so sehr an Dich, alles um mich her. O, Du! Komm zu mir, Du! Ich bin so allein, [Roland] Du! Ich kann nicht wei­ter Du, ich muß wei­nen. Kei­ner soll es sehen, wie ich Dich lie­be, Du! Du! War ich doch bei Dir—alles, alles wäre gut. Herz­lieb bit­te, bit­te sei nicht trau­rig, ver­zeih mir—ich kann nicht mehr! Du! Herz­al­ler­liebs­ter mein!

In end­lo­ser Lie­be

T&Savatarsmimmer Dei­ne [Hil­de].

Plea­se fol­low and like us:
error

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.