06. Oktober 1940

Mussolini a Hitler - Berlín 1937
Mus­so­li­ni und Hit­ler in Ber­lin, Sep­tem­ber 1937. Quel­le: Fel­vi­dé­künk — Hon­véd­sé­günk / Tria­n­on­tól-Kas­sáig, Vité­zi rend Zri­nyi cso­port­juának kia­dá­sa, Buda­pest, 1939. Foto: Ladis­lav Lup­pa, über Wikie­me­dia CC-Lizenz „Namens­nen­nung – Wei­ter­ga­be unter glei­chen Bedin­gun­gen 3.0 nicht por­tiert“, 10.2015.
[401006–1‑1]

Sonn­tag, den 6. Okto­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Nun kann ich schon wie­der mit Dir plau­dern. Ist doch eine tröst­li­che Ein­rich­tung, die Post. Drei­er­lei hat­te sie ges­tern für mich. Wie ich mich dar­über freue! Ges­tern abend noch erhielt ich Dei­nen lie­ben Boten vom Frei­tag. Ach Du! Ob sich das Geschreib­sel immer bis auf die Sil­be reimt, das ist nicht so wich­tig. Wenn es nur von Dei­ner Hand ist, und wenn ich nur am Ende lese, daß Du mich lieb hast, dann legt sich Son­nen­schein auch über den trübs­ten Tag. Hof­fent­lich hat Dich mein Bote in K. rich­tig in Emp­fang genom­men. Es füh­ren also meh­re­re Wege von O. nach Kiel, selt­sa­mes Zusam­men­tref­fen! Nach Dei­nen Anga­ben arbei­tet der Haupt­ge­frei­te beim Regi­ment in Kiel. Die Kaser­ne B. kann er da frei­lich nicht sehen. Den Namen L. hast Du auf­ge­schnappt. Die sichers­te Ver­bin­dung hier her­aus führt näm­lich über Leip­zig-Hal­le-Mag­de­burg-Sten­dal-Wit­ten­ber­ge-Lud­wigs­lust-Lübeck-Kiel. Auf die­ser Stre­cke ver­keh­ren durch­ge­hen­de D‑Züge. Also Herz­lie­bes, außer der Welt lie­gen wir hier nicht. Schon viel­mal habe ich dar­an gedacht, daß Du mich ein­mal besu­chen könn­test. Aus den Mman­cher­lei Erwä­gun­gen dazu haben sich die­se Punk­te her­aus­ge­schält:

Sealion de
Unter­neh­men See­lö­we: die geplan­te Inva­si­on der bri­ti­schen Inseln 1940. Kar­te: Rama/Furfur, 30 August 2014, über Wiki­me­dia Crea­ti­ve Com­mons Attri­bu­ti­on-Sha­re Ali­ke 2.0 Fran­ce licen­se, 10.2105.
1) Besu­chen darfst Du mich erst dann; wenn die Eng­län­der nicht mehr so oft ein­flie­gen. Nach dem letz­ten Zusam­men­tref­fen Mus­so­li­ni-Hit­ler scheint mir sicher, daß der Angriff gegen das Insel­reich noch vor die­sem Win­ter erfolgt. 2) Besu­chen kannst Du mich erst dann, wenn ich in mei­nem künf­ti­gen Stand­ort ein­ge­rich­tet bin, also frü­hes­tens Mit­te Novem­ber. Wenn ich wirk­lich nach Eckern­för­de zu lie­gen kom­me, dann kann das leicht ein Geschick krie­gen. Eckern­för­de ist Bade­ort, neh­me ich an, ein schö­nes Zim­mer wird also unschwer auf­zu­trei­ben sein. 3) Auf die­se Rei­se las­se ich Dich nur in der Zeit vor Weih­nach­ten, in der Früh­jahrs­käl­te bis zum März darfst Du nicht fah­ren. Liebs­te, Herz­lie­bes! Viel­leicht erschrickst Du über die­se glat­te, knap­pe For­mu­lie­rung die­ser Punk­te. Du darfst mir gern glau­ben, daß ich das alles für mich auch schon ganz anders, in viel wär­me­ren Far­ben aus­ge­malt habe. Die­se knap­pe For­mu­lie­rung kommt nur daher, daß ich alles schon so oft bedach­te. So gern ich Dich hier hät­te, so ungern las­se ich Dich allein auf die­se lan­ge Fahrt.

Was eng damit zusam­men­hängt ist die Fra­ge des Urlaubs. Du hast den Matro­sen U. gese­hen. Ent­we­der hat er einen Son­der­ur­laub, oder man steckt ihn nach Bel­gi­en oder Hol­land und hat ihn vor­her noch ein­mal nach Hau­se fah­ren las­sen. Nun höre, Lie­bes, in Kür­ze die Urlaubs­be­stim­mun­gen. In der Aus­bil­dungs­zeit gibt es grund­sätz­lich kei­nen Urlaub. Sobald wir beim neu­en Kom­man­do sind, steht einer Beur­lau­bung theo­re­tisch nichts im Wege. Dem Sol­da­ten kann Urlaub gewährt wer­den. Den Reser­vis­ten, das sind wir, 28 Tage Erho­lungs­ur­laub. Dazu kom­men die Tage des Fes­tags­ur­laubs (zir­ka 6 Tage um Weih­nach­ten). Zwei­mal wird zu die­sen Urlaubs­ta­gen auch Zeit zur Hin- u.[nd] Rück­rei­se gewährt. Das klingt alles in allem gar nicht so übel. Ich habe nun so gedacht: Mei­nen Urlaub will ich doch recht geschickt ein­tei­len (Du sollst mir ja Dei­ne Wün­sche dazu sagen!). Wenn all[e] Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, darfst mich im Novem­ber besu­chen!! Um Weih­nach­ten bekom­me ich Fest­tags­ur­laub, höchst­wahr­schein­lich erst zu Syl­ves­ter. An die­sen Urlaub geden­ke ich eini­ge Tage mei­nes Erho­lungs­ur­laubs anzu­hän­gen, damit Du mich im käl­tes­ten Teil des Jah­res recht lan­ge bei Dir haben kannst, Frost­häs­chen, lie­bes!

Na, und wei­ter wol­len wir erst mal nicht rech­nen. Und auch die­se Rech­nung wol­len wir zunächst noch kühl und nüch­tern betrach­ten, jeder­zeit gewär­tig, daß sie sowohl nach der güns­ti­gen wie nach der ungüns­ti­gen Sei­te umge­sto­ßen wer­den kann. Hast [Du] alles ver­stan­den? Du! Novem­ber, das wäre gar nicht mehr so lan­ge hin. Und Dezem­ber? Auch der wird bald her­an sein. So, nun darfst Du ganz im gehei­men Dei­nen Wunsch hegen. Ach Liebs­te, wir dür­fen doch recht dank­bar sein, daß wir noch so in Reich­wei­te sind. Wenn es gar nicht anders geht, dann kannst [Du] mich nach dem 31. Okto­ber jeden Tag errei­chen. Die­ser Gedan­ke ist so tröst­lich!

Was die­se Rei­se kos­tet, Liebs­te, das weißt Du, das zählt nicht (bis zu einer gewis­sen Gren­ze)! Du ‚beich­test’ mir von Dei­nen Aus­ga­ben. Da ist nichts zu beich­ten, und Du sollst das auch nicht. Wenn Du mir von Dei­nen Plä­nen schreibst, dann freut mich das. Daß Du nichts ver­schwen­dest und rech­nest, das weiß ich längst. Kau­fe Dir, Liebs­te, was Du für not­wen­dig und wün­schens­wert hältst, was Dich flott und schick macht, Du! Um die Zah­len im Kon­to­buch brauchst Du nicht zu ban­gen. Von jedem Monats­ge­halt blei­ben noch reich­lich 30 M[ark] in S. über­ste­hen. Du fragst, ob nicht hier etwas zu kau­fen sei. Ich will mich am kom­men­den Sonn­abend schon ein­mal umse­hen in Kiel. Aber Klei­der für Dich ein­kau­fen, ganz allein, das wage ich mir [sic] doch nicht. Wie wenig ich ver­ste­he, das hast Du mir ges­tern erst wie­der unter die Nase gerie­ben. Da habe ich nun mal ein Hemd ohne Ärmel, das mich zu aller­hand Ver­glei­chen anregt, und [^]Du nennst das Ding Ärmel­hemd, das ist weib­li­che Logik, in der ich mich noch nicht genug aus­ken­ne.

Herz­lie­bes, da kommt mir eben noch ein Gedan­ke, der eigent­lich zum gest­ri­gen Brief gehört. So gut ich Dich nun schon ken­ne, Dich ver­ste­he, in allen Win­keln Dei­nes Her­zens bin ich noch nicht gewe­sen. Wie wäre das auch mög­lich, wo man uns nach 6 Wochen schon wie­der aus­ein­an­der­reißt? Kannst Dir den­ken, Gelieb­te, daß ich mich dar­auf freue, auch in die­sen Win­keln hei­misch zu wer­den? Mei­ne lie­be [Hil­de], Du!

Bundesarchiv Bild 146-1968-015-19, Helmut Wick
Haupt­mann [Hel­mut] Wick, der erfolg­rei­che deut­sche Jagd­flie­ger, der vom Füh­rer mit dem Eichen­laub zum Rit­ter­kreuz des Eiser­nen Kreu­zes am am 06.10.1940 ver­lie­hen wur­de, schil­dert hier sei­nen Kame­ra­den sei­ne letz­ten Kämp­fe, bei denen er fünf Spit­fire hin­ter­ein­an­der zum Absturz brach­te, Sep­tem­ber 1940. DBa, Bild 146‑1968-015–19 / Strie­mann / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Nun bin ich zurück von mei­nem Aus­flug hin­aus in Sturm und Regen und flie­gen­de Wol­ken. Ich lie­be es auch ein­mal so. Auf dem Nach­hau­se­we­ge wur­de der stram­me Matro­se [Nord­hoff] von dem mensch­lichs­ten der Bedürf­nis­se über­rum­pelt und ent­waff­net, er warf sein Sei­ten­ge­wehr von sich. Ein naher B. ver­hü­te­te das schlimms­te. Die­ser Bericht schreckt Dich nicht mehr, stimmt’s, Herz­lie­bes? Aber das ist ja, als wüß­te ich Geschei­te­res nicht mehr zu schrei­ben. Eben habe ich Dei­nen lie­ben Brief noch ein­mal durch­ge­le­sen. Mit dem Geschenk für die Eltern bin ich ganz ein­ver­stan­den. Laß Dich das ‚schö­ne’ Geld nicht dau­ern. Sag, wie hal­ten wir es denn mit dem Beglei­chen der Möbel­rech­nung? Denk mal bit­te mit dar­an! Was wer­det Ihr nun heu­te ange­ge­ben haben? Mein Lie­bes sehe ich in den Räu­men irren und suchen, sehe es dann erst zur Ruhe kom­men über einem Schrei­be­brief an den lie­ben Hubo. Du! Lie­be! Schon zwei­mal habe ich auf mei­nen Spa­zier­gän­gen nach einem Kose­na­men gesucht für Dich. Du staunst, lie­bes Herz? Ich bin nicht unzu­frie­den mit Dei­nem Namen. Weißt, seit dem „bill­chen” [sic] hat mich das lei­se immer beschäf­tigt. Einen Namen zu fin­den, den gar nicht alle ken­nen, einen Namen, der doch gar kein rich­ti­ger Name ist, und doch alles Lie­be zwi­schen uns umschließt und in Erin­ne­rung ruft, der es ruft in sei­nem Sinn und sei­nem Klang. Ich weiß nicht, ob Du dar­an schon ein­mal gedacht oder Dir heim­lich sol­chen Namen schon ein­mal gewünscht hast. Wenn ich ‚Herz­lie­bes’ zu Dir sage, dann schwingt in die­sem Wort die gan­ze Ver­eh­rung und Sehn­sucht von heu­te und einst. Daß ich mit die­sem Wort ein Men­schen­kind ein­mal anspre­chen dürf­te, davon habe ich lan­ge schon geträumt. Aber die­ser Name ist zu lang und für Außen­ste­hen­de zu durch­sich­tig. Heu­te auf dem Heim­weg kam mir ein Name ein. Nun wirst neu­gie­rig sein! Aber ich bin froh, daß ich auch ein­mal ein Geheim­nis habe, das ich Dir auch nicht eher ent­de­cke, als bis Du dazu Dich ein­mal geäu­ßert hast.

Herz­lie­bes Du, jetzt höre ich auf, damit ich mor­gen noch etwas übrig habe. Für heu­te also auf ein herz­li­cher Wie­der­hö­ren. Behü­te Dich mir Gott, mein Lieb!

Der Sonn­tag geht zu Ende. Wie­der ein Sonn­tag ohne Dich, aber immer mit Dir. Dei­ne Bil­der haben mich beglei­tet. Ohne Dich, das ist ein Tag, der aus­klin­gen muß im Wün­schen und Seh­nen nach Dir, Herz­al­ler­liebs­te! Bei Dir allein wird mein Herz ruhig und wunsch­los. Ich küs­se Dich, Du! Ich bin Dir ganz nahe und flüs­te­re Dir ins Ohr, und es bedeu­tet soviel wie Herz­lieb, lie­bes, teu­res Herz! Du mein Glück, mein Leben, mein Ein und Alles, mei­ne lie­be [Hil­de], Du! Ich blei­be Dein in Treue immer­dar,

T&SavatarsmDein [Roland].

Plea­se fol­low and like us:
error

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.