05. Oktober 1940

Hilde vor dem Hoffmans Haus, L. 30.10.1938
Hil­de vor dem Haus des Hoff­mans, L. 30.10.1938

[401005–1‑1]

Sonn­abend, den 5. Okto­ber 1940

Mein lie­bes, teue­res [sic] Herz, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!​

Schon tausch­ten wir die ers­ten herz­li­chen Wor­te, schon waren wir uns inner­lich ein paar gute Schrit­te näher­ge­kom­men, als wir dann uns[e]re Bil­der tausch­ten, Herz­lie­bes! Mein gan­zes Inne­re geriet wie­der in Auf­ruhr damals, ähn­lich wie an den Tagen, da wir die ers­ten Brie­fe wech­sel­ten. Da lagen nun zwei Bil­der — wie­viel Frau­en – und Mäd­chen­bil­der hat­te ich schon gese­hen und betrach­tet! — und sie soll­ten nun etwas ganz beson­de­res vor­stel­len, mit ihnen soll­te ich mich anfreun­den für das gan­ze Leben, aus ihnen soll­te mich die eine anschau­en, die ich mir auf die­ser Erde zur Gefähr­tin erwähl­te! Es war ein Kampf, ein Rin­gen in mir, Du! Und was da kämpf­te, was da rang, das waren die Wunsch­bil­der mei­ner Träu­me von der Aus­er­wähl­ten, mit den Bild­nis­sen des Men­schen­kin­des, das mir bekann­te, wie unend­lich es mich lie­be.

Hilde, Ausflug nach Meissen, 31. Juli 1938
Hil­de, Aus­flug nach Meis­sen, 31. Juli 1938

Was habe ich doch mit Dei­nen Bil­dern ange­stellt, Herz­lie­bes! Über­all­hin ver­folg­ten, beglei­te­ten sie mich, und wenn das ersehn­te Ende des Diens­tes kam, dann hol­te ich sie her­vor und las in die­sen Bil­dern, bald dicht dar­über, geneigt, bald aus der Fer­ne, am Mor­gen, Mit­tag und Abend, noch unter der Bett­de­cke mit der Taschen­lam­pe. Mit Blät­tern deck­te ich bald die­sen, bald jenen Aus­schnitt ab, mein Ras­sen­kun­debuch hol­te ich her­zu und reih­te Dich hin­ein, mei­ne eige­nen Bil­der stell­te ich zu den Dei­nen. Wie ein törich­tes Kind hat sich Dein Hubo damals ange­stellt. Und je mehr er las in sei­nem Wahn, des­to mehr ver­wirr­ten sich die Zei­chen, zur Klar­heit gelang­te er nicht.

[Guen­ther, Hans. Ras­sen­kun­de des deut­schen Vol­kes. 16. Auf­la­ge 1939. 540 S.. Quel­le: https://archive.org.]

Nur eines wur­de ihm damals deut­lich, daß aus die­sen Bil­dern die­sel­ben Wor­te spra­chen wie aus unse­rem Schick­sals­brief: „Ich lie­be Sie aus gan­zem Her­zen.” Du, Gelieb­te! Ich fand nur eine Ant­wort damals: Ich dank­te Dir mit mei­nen gereim­ten Zei­len. Besinnst Dich noch, Herz­lie­bes? Nun ste­hen sie wie­der vor, [^]mir die bei­den Bil­der wie so oft in die­sen Jah­ren. Du, mei­ne [Hil­de]! Heu­te nun ver­ste­he ich die Zei­chen. Mit unge­bro­che­ner Kraft leuch­ten die Augen, sie suchen den Liebs­ten, sie rufen ihn: Komm her zu mir, Gesel­le, hier fin­dest Du Dei­ne Ruh!

Hilde, zum Besuch bei Roland in L., 25. September 1938
Hil­de, zum Besuch bei Roland in L., 25. Sep­tem­ber 1938

Er steht noch zögernd bei­sei­te. Und in Dei­nen Zügen lese ich noch ein War­ten, ein Hof­fen und Ban­gen: Wer­den wir uns zusam­men­fin­den zum Glück? Heu­te erken­ne ich dar­in auch die Treue und Tie­fe Dei­ner Lie­be, Du!,[sic] erken­ne ich, daß Du nicht schon damals so lieb­test wie heu­te, Du mein Glück! Und nun die neu­en Bil­der dane­ben, Herz­lie­bes, Dein köst­li­ches Geschenk, Dein Geheim­nis, nicht wie Du ankün­dig­test von 3–4 Wochen, son­dern von 2 Wochen. Die bei­den im Paß­bild­for­mat ent­spre­chen — ein guter Zufall nur? — den Bei­den von frü­her, und es lag auf der Hand, sie ein­an­der gegen­über[^]zustel­len. Du hast selbst nicht ein Wort dazu geschrie­ben. Schreibst mir aber bit­te noch ein paar gele­gent­lich?

Hilde, Polterabend, Portrait, 07.1940
Hil­de, Pol­ter­abend, Por­trait, 07.1940

Das liebs­te Bild? Du stehst mir gegen­über, Herz­lie­bes. Dein [Roland], — viel­leicht ist er da auf Urlaub oder wie­der auf immer — steht Dir gegen­über, wir rei­chen uns die Hän­de, und dann Liebs­te? — — Nur noch mir schau­en die lie­ben Augen, Dei­ne lie­ben Augen, sie zie­hen mich zu Dir, Herz­lie­bes, unwi­der­steh­lich, und sie ver­hei­ßen mir etwas. Süßes, Köst­li­ches, und die Lip­pen kön­nen es kaum ver­schwei­gen. Die Per­len möch­ten ich benei­den. Und alles ruht wie­der: Komm zu mir, mein [Roland], Dein bin ich ganz! Aber nun viel gewis­ser und fro­her als damals! Liebs­te, Du weißt es, daß ich von Dir nicht mehr las­sen kann. Ver­bun­den sind wir ein­an­der für alle Zeit! Daß Du stolz und gewiß und mei­ner glück­lich bist, das lese ich aus allen Bil­dern zu mei­ner größ­ten Freu­de. Auf den bei­den ande­ren sehe ich Dei­ne lie­ben Hän­de, Du!, [sic] die lan­gen, fei­nen, schlan­ken, das ers­te, das Du mir schenk­test, das ers­te, das ich lie­bend umfas­sen und an mich drü­cken dürf­te, die Hän­de, die sich mit den mei­nen manch lie­bes mMal schon so fest und tief ver­schränk­ten, Du! die das Ring­lein tra­gen, die mich zu Zum ers­ten­mal [sic] zu Dei­nem Herz­lein führ­ten und — — —,  Liebs­te, zu Dei­nem Gärt­lein, die Hän­de, die auch müt­ter­lich trös­tend schon über mei­nen Schei­tel glit­ten. Wann wer­de ich sie wie­der drü­cken dür­fen?

Hilde, Polterabend, 07.1940
Hil­de, Pol­ter­abend, 07.1940

Wenn uns[e]re Zeit einen Anzug für die Frau fin­den soll­te, wie wür­de der wohl aus­fal­len? O Liebs­te, dann müß­test Du wohl noch mehr frie­ren. Kurz, eng anlie­gen­des Tri­kot und Hosen­kleid. So ähn­lich schät­ze ich. Wie­viel edle Gesit­tung spricht aus die­ser lan­gen Mode. Sie läßt auch die klei­ne­ren und beleib­ten schlank wer­den. Das mensch­li­che Ant­litz, der Spie­gel des Wesens und der See­le rückt in den Mit­tel­punkt der Betrach­tung. Die ver­hüll­ten Glie­der ver­tie­fen das Wun­der und Geheim­nis des Wei­bes. Du weißt, mein Herz, wie gern ich Dich in die­sem Pol­ter­abend­kleid sehe. Und nun hast auch noch ein­mal das Kränz­chen auf­ge­steckt, die Kro­ne auf­ge­setzt, und nun siehst mich an in fei­er­li­cher, fest­li­cher Schö­ne. Was ist es denn, wenn die Men­schen sich schmü­cken? Nicht nur, um ein­an­der zuge­fal­len, ich den­ke auch, um sich nach dem Urbild der Schön­heit zu stre­cken, sich ihn zu nähern, der Majes­tät der Schön­heit, die im Ide­al so schön, aber herb und unnah­bar ist. Und Du weißt, Herz­lie­bes, daß ich Dei­nen Schmuck nicht stö­ren mag, daß Du Dich in Dei­nem schöns­ten Kleid ent­fernst, daß ich Dich dann nur anschau­en und bewun­dern mag und nicht anrüh­ren mag. Das ent­springt nicht aus einer Über­le­gung, son­dern aus einem Emp­fin­den. Hast also lieb und umsich­tig alles bedacht Du Lie­be, gute, daß ich Dich bewun­dern muß und Dir näher sein darf.

Herz­al­ler­liebs­te! Nimm noch­mals tau­send Dank für Dein lie­bes Geschenk, Dein lie­bes Pfand, daß ich nun stolz und froh mit mir tra­ge, und das allein mich alle­zeit Dei­ner Gedan­ken lie­ße und zu Dir rie­fe, wenn nicht schon mein Herz und mei­ne Sehn­sucht zu Dir dräng­ten, unab­läs­sig, nur zu Dir! Und nun span­ne ich nur auf die Gele­gen­heit, wo ich Dir Dei­nen Wunsch noch einen Bild von mir erfül­len kann.

Spencer Tracy und Hedy Lamarr, I Take This Woman, 1940. Source: http://vistavisions.tumblr.com/post/24691534847/spencer-tracy-and-hedy-lamarr-in-i-take-this-woman.
Spen­cer Tra­cy und Hedy Lamarr, I Take This Woman, 1940. Quel­le. 10.2015.

Herz­al­ler­liebs­te! Heu­te erhielt ich Dei­nen süßen Kir­mes­gruß und Dei­nen lie­ben Boten vom Don­ners­tag. Du, hast denn gar nicht ein­mal gekos­tet? Ich sit­ze hier vor der Büch­se, wäh­rend ich schrei­be, und lan­ge zu, und schmat­ze und kaue gut auf Dei­nen Befehl und sehe nun mit schre­cken, daß sie bald alle sind, die süßen put­zi­gen Din­ger. Die sind gut gemacht für ein Schmau­sen zu zwei­en, Liebs­te. Mußt das Rezept mal wie­der her­vor­su­chen, wenn ich bei Dir bin. Und dann im Däm­mern, im war­men trau­li­chen Stüb­chen, dann schmat­zen wir um die Wet­te, Du am einen, ich am andern Ende, und Wun­der das Stück­chen wird dann gar nicht alle — Liebs­te, mei­ne [Hil­de] Du! Ach ich weiß es nur zu gut, wie­viel Süßig­keit Du bereit hältst für Dei­nen [Roland] und wie Du ihn ver­wöh­nen kannst, Evchen [sic], Du, sel­ber ein Lecker­maul — Mäus­chen!

Mutterkreuz1940
Mut­ter­kreuz 3. Stu­fe, 1940. Quel­le: David Wint­zer, 05.12.2004. Lizenz­frei als Amt­li­ches Werk gem. §5 Urhg. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Übst Dich so ernst schon in den Mut­ter­pflich­ten, wie ich lese, Du! Ach, vor dem Aus­fah­ren, Gelieb­te, steht die viel schö­ne­re Zeit voll Wun­der und Geheim­nis des War­tens und Hegens und Ein­hül­lens in Wär­me und Lie­be. Glaubst [Du] mir, daß ich mich dar­auf freue? Und daß [^]ich teil­ha­ben will am Ein­hül­len in Lie­be und Wär­me? Was sagst Du dazu, daß ich mir frü­her manch­mal gewünscht habe, im Scho­ße mei­ner Mut­ter zu lie­gen?

Liebs­te, Herz­al­ler­liebs­te! Du schreibst vom Besu­chen und hast viel­leicht bei Dir schon gedacht, daß ich die­sen Wunsch und Plan nicht selbst schon ein­mal ange­rührt habe. Glaubst mir, daß ich schon oft an ihn dach­te und nur nicht davon schrieb, um Dir kei­ne fal­schen Hoff­nun­gen zu machen, ehe die­se Mög­lich­keit nicht irgend[wie] Gestalt ange­nom­men hat. Du darfst mir glau­ben, daß ich immer­zu danach aus­spä­he, mein und Dein Seh­nen zu stil­len. Wie könn­te es auch anders sein? Was läge mir mehr am Her­zen. Im nächs­ten Brief will ich mehr dar­über schrei­ben.

Für heu­te, Herz­lie­bes, laß Dir ganz fest die lie­ben Hän­de drü­cken. Mor­gen schon sollst Du wie­der von mir hören, sollst Du mich nahe füh­len über alle Fer­ne hin­weg. Behü­te Dich Gott auf allen Wegen, den man­cher­lei ver­schlun­ge­nen Wegen Dei­ner Rei­se! Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern alle. Für Mut­ters Näh­tisch­chen lege ich eines von mei­nen Bil­dern bei. Und nun? Ich sehe mich Dir gegen­über, sehe Dein Bild, Dei­ne Lip­pen, Dei­ne Augen und füh­le den Puls Dei­ner Hän­de, Liebs­te!! Mein bist Du! Dein will ich sein! Dir gehö­ren, nur Dir, und Dich lieb[h]aben in u[nwandelbarer] Treue! D[ein] [Roland]T&Savatarsm

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