04. Oktober 1940

Hanswurst-koeln-1831
F.-X. Schlös­ser, Dar­stel­lung eines Köl­ner Hans­wurst aus dem Jah­re 1831, Gra­phi­sche Samm­lung des Köl­ner Stadt­mu­se­ums, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
[401004–2‑1]

Frei­tag, am 4. Okto­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Du mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Heu­te früh erhielt ich Dei­nen Diens­tag­brief. Ja, ich mer­ke auch, daß die Post ein bis­serl [sic: biss­chen] schleppt. Du! Sei recht viel­mals bedankt für Dei­ne lie­ben Zei­len, ich habe mich recht gefreut. Reif ist bei Euch schon gefal­len!? Nun, da ist[‘]s also noch käl­ter als bei uns. Sei nur vor­sich­tig, damit Du mir nicht krank wirst! Ein klei­nes bis­sel [sic: biss­chen] könn­test Du ja ruhig krank wer­den, wenn ich wüß­te, daß Du dann heim darfst, Du! Solch wil­des Hun­de­vieh habt Ihr nun dabei? Ich möcht wahr­haf­tig mal zuse­hen, wenn der so emsig mit­tut; da wer­det Ihr nun noch einen man­chen Spaß haben. Was ist denn der neue Leut­nant für ein Mensch, daß er sich ein ‘Mas­cott­chen’ hält? Mußt ihn mal näher anschau­en.

"Unser Johann," Zeichnung von Roland, Auszug aus dem Brief.
“Unser Johann,” Zeich­nung von Roland, Aus­zug aus dem Brief 401001–1‑1.

Na glaubst, Euer Johann ist ja wirk­lich köst­lich! Laß Dich mal bloß nicht erwi­schen Du, Kari­ka­tu­ren­zeich­ner! Er ist wohl auch ohne Haar? Wir haben so gelacht alle, ich hab ihn den Eltern vor­ge­führt.

Ich glau­be, schon um des­sent­wil­len muß­te ich Dich ein­mal besu­chen, was meinst [Du]? Wür­de ich mich in ihn ver­lie­ben?

Na, einen Hans­wurst muß ja jede Kom­pa­nie haben.

Ges­tern abend in der Sing­stun­de kam nun das Ereig­nis!

Du, Frech­dax! [sic]

Alles raun­te und kicher­te bei dem Satz ‘vom klei­nen Mädel in der Hei­mat, daß mich so heiß geküßt!’ [wohl: “Und sein klei­nes Mädel, das sehnt er sich her,/ Das zu Haus so heiß ihn geküßt!”] Du! Dein Glück, daß die Fort­set­zung dann eine geschick­te Wen­dung nahm. Wir wur­de ganz heiß und ein Herz­klop­fen bekam ich, ich hab mit auf­ge­ris­se­nen Augen gespannt, wie es wohl wei­ter geht. Na, alter Schul­meis­ter, da hast Du so das Recht getrof­fen für die Kan­to­rei! Sie haben sich alle recht sehr gefreut. Hei­ßen Dank, Du! Für Dei­ne beson­de­ren Wün­sche u.[nd] Grü­ße an mich.

Es ist etwas im Gan­ge, Du wirst in den nächs­ten Tagen hören, ich freu mich für Dich! — Schluß. —

Heut mit­tag kam Dein Packerl [sic: Paket] mit der Wäsche, das ist aber nun zu spät zum Waschen. Wir nehmen[‘]s gleich mit nach K. Wel­che Belei­di­gung, Du! Bald wie mei­ne Hem­deln [sic] sind Dei­ne? Ich hab doch kei­ne Ärmel­hem­den [sic: Hemds­är­mel]! Die hat­te mei­ne Mut­ter in ihrer Jugend­zeit!! Ich will mich Dir mal im Hemd vor­stel­len Du, da guckt viel mehr raus, als bei Dir! An den Armen natür­lich mei­ne ich. Ach, das ist über­haupt kein The­ma zum schreiben—nun lachst Du mich auch noch aus. Wehe, wenn Du noch­mal behaup­test ich hät­te Ärmel­hem­den! Wo ich so schö­ne Reiz­wä­sche hab. Soso — da wird mein Hubo sogar im Schla­fe reich. So weit habe ich[‘]s nun doch noch nicht gebracht. Das ist aber sehr nobel, daß man Euch durch­wach­te Stun­den in der Nacht ver­gü­tet. Sag[‘]s nur auch, wenn Du Wache hast, oder schlecht schla­fen kannst! Dann kriegst Du noch mehr.

Das Geld für die Ver­si­che­rung habe ich heu­te fort­ge­schickt, früh. Auf der Giro­bank hab ich dies­mal 50 M[ark] abge­ho­ben, davon woll­te ich nun Herrn H. bezah­len, ver­rei­sen, 2 Paar besohl­te Schu­he bezah­len und es ist auch immer mal eine Klei­nig­keit und da klappert[’s] sich zusam­men. Dar­aus wird aber nun Essig. Ach, ich hole das schö­ne Geld ja gar­nicht [sic] ger­ne run­ter; aber was soll ich wei­ter machen? Wirst Du zan­ken, wenn ich Dir soviel Geld ver­tue? Da schrieb nun heu­te Dei­ne Mut­ter, sie hät­te Wol­le noch für 1 Schlaf­de­cke bekom­men, 30 M[ark][,] sie will mir das Vor­kaufs­recht las­sen, ob ich mei­nen Eltern eine arbei­ten möch­te zu Weih­nach­ten [sic].

Nun muß ja wie­der der lie­be Mann her. Ich bin doch nun arm. Was meinst Du dazu? Wol­len wir das den Eltern als Weih­nach­ten schen­ken? Du müß­test sie bezah­len und ich arbei­te sie.

Na sieh, wenn ich nun ein­mal beim Beich­ten bin, so will ich auch noch das Letz­te sagen. Ich schrieb Dir doch, daß ich den ame­ri­ka­ni­schen Man­tel zum Schnei­der geschafft hab, weil ich nichts für die Woche im Win­ter hab. Es wird aber kein rich­ti­ger lan­ger Man­tel wie­derdraus, nur eine halb­lan­ge Jacke u.[nd] dazu schlug er mir vor, einen schö­nen, schwar­zen Rock (Kamm­garn) dann ist es wie [ein] Kos­tüm, schwarz-weiß­ge­mus­ter­te Jacke. Meinst Du, daß ich darf?

Ich bin ein rech­ter Pla­ge­geist und ein Ver­schwen­der, nicht wahr? Nun hab ich für den Rock nichts War­mes, einen Pull­over, oder was; müß­te höchs­tens die Pum­sel­ja­cke [sic] anzie­hen. Aber ele­gant sieht das dazu nicht aus, da müß­te ich etwas Schi­ckes, Leb­haf­tes haben; weißt so einen Pull­over, wie wir mal in Chem­nitz in dem Land­ar­beits­ge­schäft sahen? Ärmel kurz und ent­we­der bul­ga­ri­sche Sti­kerei [sic] bunt, oder eine gewähl­te Far­be in Ango­rawol­le. Gibst Gibt’s so was nicht bei Euch da drau­ßen?

Mei­ne Zeit! Du wirst jetzt schon erschre­cken über Dei­ne anspruchs­vol­le Frau. Aber schreib mir nur ehr­lich wie Du dar­über denkst, ich will nicht eigen­mäch­tig han­deln, Liebs­ter!

Heut [sic] früh bin ich auf dem Bahn­hof gewe­sen, hab [sic] mir eine Ver­bin­dung geholt. Wir fah­ren um 1055 in Chem­nitz weg u.[nd] ab Dres­den 1310 sind schon […] in K. Zu O. fah­ren wir mor­gen früh um […] weg mit dem Bus, wir wol­len erst noch Dei­ne Angora­ja­cke abho­len, wir haben die Punkt­kar­ten bekom­men. Da kön­nen wir sie gleich mal Dei­nen Eltern zei­gen.

Wie ich am Schal­ter ste­he, ist vor mir ein­äl­te­rer Herr mit einem klei­nen Mädel an der Hand dran um Aus­kunft. Er ließ sich die Ver­bin­dung nach Kiel her­aus­schrei­ben. Ich hab tüch­tig gespannt. Uni­form wie auf Dei­nen Bild, Schul­ter­stü­cken: Anker mit einer flam­men­den Gra­na­te, so sah es aus. Er fand es drin­nen nicht gleich—wir kamen ins Gespräch. Und ich frag­te ihn, ob etwa nach F. füh­re. Nein, aber nach L., oder so, glaub ich.

Bundesarchiv Bild 101II-MW-5942-23, Frankreich, Dienst an Bord
Mari­ne­sol­dat am Schreib­tisch, an Bord eines Minen­such­boo­tes, Frank­reich, 1942. Foto: Pro­pa­gan­da­kom­pa­ni­en der Wehr­macht — Mari­ne, DBa Bild 101II-MW-5942–23 / And­res / CC-BY-SA 3.0. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Ich sag­te ihm dann, daß mein Mann dort ist, auf sei­ne Fra­ge. Es ging so hin u.[nd] her. Er ist seit vori­gem Jahr dabei, zeig­te mir den Aus­weis, ist Schrei­ber-Haupt-Gefrei­ter, namens Albert R.. Wohnt in O. auf der Ost­stra­ße, weißt das ist auf D.s Sei­te wei­ter unten die klei­ne Fabrik. Sein Mädel kennt Dich nicht, sie geht nach L. in die Spra­chen­klas­se. Und er freu­te sich so, er wuß­te alles; daß Eure Aus­bil­dung vom 1. Okto­ber auf 31. ver­län­gert ist, daß Du in der Bülk-Kaser­ne liegst. Die sähen sie von sich aus lie­gen. Er hat dort auch schon in der Schreib­stu­be gear­bei­tet. 30 Mann von Euch kämen zur Ver­pfle­gung, 63 als Schrei­ber; er hät­te die mit auf­zu­schrei­ben und sie wür­den schon auf Euch lau­ern. Er wuß­te auch, daß Ihr gleich­zei­tig, neben der Grund­aus­bil­dung die Schrei­be­rei mit lernt. Er fährt nun wie­der [‘]raus, sein Urlaub ist um. Er will Dich mit auf­su­chen sag­te er, ich mußt ihm noch­mal Dei­nen selt­nen Namen schrei­ben. Wun­de­re Dich also nicht, wenn Du mal ’nen Gefrei­ten zu Besuch kriegst. Ich erzähl­te die Begeg­nung mei­nen Eltern, die ken­nen ihn gut, mein Vater beson­ders, er wür­de bei T. / B. ver­keh­ren. Denk nur, das ist ein Ver­eh­rer von mei­ner Mut­ter wie sie noch jung war! Ich war platt, Du! Er wäre im Reichs­ad­ler ver­kehrt, aber so ein fre­ches Luder gewe­sen, daß ihn mei­ne Mut­ter nicht gemocht hat. Und ich glau­be, so ist er heu­te noch. Na, wenn er mal zu Dir kommt, guck [ihn] Dir’n nur genau an.

Mei­ne Güte! Ich ver­plap­pe­re mir jetzt die gan­ze Zeit mit Dir. Und ich hab doch noch soviel vor­zu­be­rei­ten für die Rei­se.

Aber ich muß­te auch noch­mal rich­tig mit Dir reden, wer weiß wenn der nächs­te Brief fol­gen kann Du!

Bundesarchiv Bild 101II-MW-5674-43, Übungen mit Panzer III für Unternehmen Seelöwe
Vor­be­rei­tun­gen des Unter­neh­mens “See­lö­we.” Ver­such mit dem zum Amphi­bi­en­pan­zer umge­bau­ten Pz. Kpfw. III (Tauch­pan­zer). Frank­reich, 1940. Foto: Pro­pa­gan­da­kom­pa­ni­en der Wehr­macht — Mari­ne, DBa, Bild 101II-MW-5674–43 / Engel­mei­er / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Sag, wie geht denn das zu, der U., von dem ich Dir schrieb, der kam Mon­tag auf Urlaub. Als Matro­se. Das ging mir denn doch über die Hut­schnur. Ich spre­che so nicht mit den Leu­ten, sonst hät­te ich gleich mal gefragt, wie das bloß mög­lich ist. Kommst Du wohl auch bald, Liebs­ter?

Die Bil­der hast Du immer noch nicht bekom­men! Aber am Mitt­woch bestimmt.

Wenn noch ein Brief von Dir nach O. kommt, Papa [hat] Wei­sung von mir, daß er ihn nach­schickt.

So, mein Herz­al­ler­liebs­ter, Du!

Plakat1940.jpg
Bri­ti­sches Pro­pa­gan­da­pla­kat, 1940. Quel­le: Kigsz. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

Nun ist aber ernst­lich Schluß! Sonst wun­dert sich die Tan­te Lene, was ich gemacht hab, wenn sie in ½ Stun­de kommt.

Das Wet­ter ist schön, Herr Leh­rer, willst [Du] nicht mit auf Rei­sen geh[e]n?

Liebs­ter, Du! Wenn Du nun auch nicht dabei sein kannst, in mei­nen Her­zen bist Du doch immer und ewig. Über­all, wohin ich mich wen­de folgst Du mir, als mein getreu­er Schat­ten.

Und wie könn­te es anders sein? Wie könnt’ ich’s anders ertra­gen? Du bist ganz der mei­ne, und Du mußt bei mir blei­ben immer­dar. Um Nichts in der Welt will ich Dich las­sen. Du! Du! Ich lie­be Dich! Ich lie­be Dich aus tiefs­ten Her­zen!

Ich bin und blei­be in unwan­del­ba­rer Treue

immer Dei­ne [Hil­de].

Herz­li­che Grü­ße vom Papa! Er steht auf, sollst Dir[‘]s gut gehen las­sen.

T&SavatarsmÄtsch, auch du kannst nicht [‘]ne Stun­de län­ger schla­fen, die Som­mer­zeit bleibt bestehen!

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