04. Oktober 1940

Dänischer Wohld 1652
Johan­nes Mejer, Cas­par Danck­werth, Däni­scher Wohld, Rends­burg-Eckern­för­de, Schles­wig-Hol­stein, Neue Lan­des­be­schrei­bung der zwei Her­zog­tü­mer Schles­wig und Hol­stein, 1652, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015
[401004–1‑1]

Frei­tag am 4. Okto­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz, mei­ne lie­be [Hil­de], Du!

Mit­tags­pau­se ist. Die Son­ne scheint schön warm. Ich sit­ze drau­ßen mit mei­nem Brief­block. Ich muß mich heu­te dazu­hal­ten mit den Zei­len für Dich. Heut [sic] abend soll Abschied gefei­ert wer­den. Unser Maat D. geht zu einem Reser­ve­of­fi­zier­s­kur­sus. 

Bundesarchiv Bild 101I-612-2281-09, Russland, Mechaniker mit Bordwaffe (MG 15-)
Mecha­ni­ker / Waf­fen­wart mit Bord­waf­fe in Han­gar, Russ­land, 1942. Foto: Pro­pa­gan­da­kom­pa­ni­en der Wehr­macht — Heer und Luft­waf­fe, DBa, Bild 101I-612‑2281-09 / Siers­to­opff (pp) / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Wir bedau­ern das. Er war ein vor­züg­li­cher Aus­bil­der und ein tüch­ti­ger Mensch. Wer weiß, wer uns nun befeh­ligt. Die Hän­ge­brü­der ban­gen dar­um am meis­ten. Unser schei­den­der Maat ist ein paten­ter Kerl. Er stammt aus Kiel, hat Fein­me­cha­ni­ker gelernt, und hat Inter­es­se nur für einen tech­ni­schen Metall­be­ruf. Es ist über das Maß begabt und es sind ihm man­cher­lei erfolg­ver­spre­chen­de [sic] Aus­bil­dungs­mög­lich­kei­ten (Maschi­nen­in­ge­nieur) ange­bo­ten wor­den. Ob er Dir gefal­len wür­de? Eine statt­li­che, schnei­di­ge Erschei­nung. Mich stört an ihm eine gewis­se Käl­te, eine pro­blem­lo­se Nüch­tern­heit und Selbst­si­cher­heit, wie man sie bei der Jugend oft fin­det. Aber sonst habe ich nichts an ihm aus­zu­set­zen. Ich könn­te mich mit ihm auch gut ver­ste­hen. Es wird also drei Kas­ten Bier geben und eine Fla­sche Schnaps. Für mei­nen Teil habe ich eine Fla­sche Bier bewil­ligt. Für das übri­ge Quan­tum wer­de ich nach Abneh­mern nicht lan­ge aus­zu­schau­en brau­chen. Es wird viel­leicht eine ganz net­te Unter­hal­tung geben wie schon manch­mal in den Unter­richts­stun­den. Dein Hubo wird sich dar­an mehr pas­siv ver­hal­ten. Sonst gilt der Schul­meis­ter immer als der auf­dring­li­che Bes­ser­wis­ser. Aber unter den Beam­ten und Kauf­leu­ten um mich her­um sind viel Leu­te, die mit lau­ter Stim­me und recht­ha­be­risch fes­te Stand­punk­te und Mei­nun­gen ver­tre­ten. Sie geben denn auch den Ton haben an. Sol­che Unter­hal­tun­gen sind wenig ersprieß­lich und lie­gen mir nicht, sie las­sen oft ein­mal mehr die alte Wahr­heit erken­nen: Reden ist Sil­ber, Schwei­gen ist Gold.


[“Dok­tor All­wis­send”, aus dem Brü­der Grimm, Kin­der- und Haus­mär­chen, 98 (KHM 98)]

Vor­bei ist alles. Fei­ern bei den Sol­da­ten, weißt [Du], ich ver­spü­re dazu nicht die min­des­te Lust. Hier bin ich, den­ke ich, [um] mei­ne Pflicht zu tun, nur das, und wenn mög­lich recht schnell. Aber mich hier häus­lich ein­rich­ten mit Fes­ten und Fei­ern, das geht mir ganz gegen den Sinn. Ich will doch bei Dir sein! Du, Gelieb­te! Ja, wäre es das Ende die­ses Krie­ges oder uns[e]re Ent­las­sung, ich woll­te aus vol­lem Her­zen in die Freu­de des Fes­tes. [^]ein­stim­men. Ich füh­le mich immer noch als Gefan­ge­ner, der vol­len Frei­heit beraubter—und Anlaß zu Freu­de kann nur der Tag sein, an dem mir die­se Frei­heit wie­der­ge­schenkt wird. Also bin ich kein rich­ti­ger Sol­dat. Und ich wer­de es auch nicht, solan­ge Du, Gelieb­te, vor mir stehst, und auf mich war­test, solan­ge uns[e]re Auf­ga­ben ihrer Erfül­lung war­ten. Es ging hoch anstän­dig her. Unser Maat ist ein fei­ner Kerl, das ist mir noch deut­li­cher gewor­den. Der neue Leut­nant besuch­te uns auf der Stu­be und führ­te sich fein ein als guter Kame­rad. Also hoch­äns­tig [^]anstän­dig, kei­nen Betrun­ke­nen gab es und ½ 1 Uhr lagen alle in der Koje.

Herz­al­ler­liebs­te, 2 Päck­chen erhielt ich ges­tern von Dir; die Sen­dung, Äpfel, unver­sehrt, mit gro­ßem Appe­tit habe ich etli­che schon ver­zehrt. Aber mit die­sen Sen­dun­gen dann bit­te mal Stop. Seit wir her­aus­kön­nen, besor­gen wir uns gegen­sei­tig sol­ches Grün­zeug. Sei recht sehr bedankt für Dei­ne Besor­gung. So. Gleich beginnt das Groß­rei­ne­ma­chen. Der Gruß muß noch fort. Heu­te, hof­fe ich, fin­de ich Muße, mich in Dei­ne lie­ben Bil­der zu ver­sen­ken. Liebs­te, manch­mal ver­mis­se ich mei­ne Ein­sam­keit, in die ich mich zurück­zie­hen kann, um ganz fest Dei­ner zu den­ken. Eine Anzahl Kame­ra­den fah­ren heu­te oder mor­gen nach Kiel. Ich will nächs­ten Sonn­abend oder Sonn­tag mal dahin. Mor­gen mache ich wie­der einen Bum­mel in unse­rem Stand­ort­be­reich.

Herz­al­ler­liebs­te! Nimm die­sen etwas flüch­ti­gen Gruß als Zei­chen mei­nes Dan­kes und unab­läs­si­gen Dein­ge­den­kens [sic]. Behüt Dich Gott! Mei­ne lie­be [Hil­de]! Gelieb­te! Ich bin immer bei Dir mit mei­nem Her­zen und wäre es viel lie­ber ganz, Liebs­te, ganz, in Dei­ner lie­ben Nähe, an Dei­nem treu­en Her­zen! Ich Küs­se Dich, Du, die ich lie­be Dich, Dich ganz allein in Treue

T&SavatarsmDein [Roland]

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