Trug und Schein: Ein Briefwechsel

03. Oktober 1940

German soldiers before Arc du Carrousel 1940
Deut­sche Sol­da­ten vor dem Arc de Triom­phe du Car­rou­sel im von den Deut­schen besetz­ten Paris, 1940. Quel­le: Fami­li­en­be­sitz, John N. Lizenz: Crea­ti­ve Com­mons Attri­bu­ti­on-Share Ali­ke 2.0 Ger­ma­ny, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
[401003–1‑1]

Don­ners­tag am 3. Okto­ber 1940

Mein lie­bes teu­res Herz, mei­ne lie­be [Hil­de] Du!

Wie selt­sam ist nun das Leben, und wie rasch wen­den sich die Din­ge! Vor einem Jah­re noch näher­ten wir uns vor­sich­tig unse­ren Eltern­häu­sern, und die Eltern­häu­ser ein­an­der. Und heu­te fahrt Ihr nun los auf Besuch, 8 oder 14 Tage, und das ist gar nichts Sel­te­nes mehr, und mich braucht ihr nicht ein­mal mehr dazu! Ich bin so froh dar­über, daß auch die lie­ben Eltern so schnell zu ein­an­der fanden. 

Bundesarchiv Bild 101I-058-1760-25A, Frankreich, deutsche Besatzung
Deut­sche Sol­da­ten mit einer Zivi­lis­tin Sekt trin­kend, August 1940, Frank­reich. Foto: Har­ren. PK 670. Pro­pa­gan­da­kom­pa­nien der Wehr­macht — Heer und Luft­waf­fe. DBa, Bild 101I-058‑1760-25A / Har­ren / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Die­ser Brief wird mein Sonn­tags­bo­te sein, und nun sehe ich Euch zusam­men­hau­sen und zusam­men­le­ben für ein paar Tage, und ich weiß, daß ich der Mit­tel­punkt, wenn auch der abwe­sen­de, Eurer Unter­hal­tun­gen, Eurer Sor­gen und Eurer Gedan­ken bin. Die­se Ver­bun­den­heit über die Fer­ne hin­weg bleibt nicht ohne Wir­kung. Sie gibt mir Kraft, hier mei­nen Mann zu ste­hen und aus­zu­har­ren, um euch Lie­ben umso glück­li­cher wie­der­se­hen zu dür­fen. Sie gibt mir Gewiß­heit, daß Ihr zusam­men­tragt an unse­rem Schick­sal, an mei­nem Schick­sal, daß Du Gelieb­te den Trost fin­dest, daß auch noch and[e]re lie­be Men­schen um mich sor­gen. Und ich bin gewiß, daß Dir mei­ne Mut­ter und Vater die­se und jene Sor­ge von den Augen able­sen wer­den und die­ses tr oder jenes lie­ben­de und trös­ten­de Wort sagen wer­den. Herz­al­ler­liebs­te! Ich mag mich und Dich nicht unnö­tig auf­wüh­len, aber Du darfst gewiß sein, daß ich ganz tief ver­ste­he und mit­emp­fin­de, daß Dich der Schmerz [^] manch­mal über­wäl­ti­gen möch­te. Liebs­te Du! Mei­ne Schutz­be­foh­le­ne,! [sic] Men­schen­kind, das mir anver­traut ist, dem ich Schutz und Rat und Hil­fe zu sein mich ver­pflich­tet füh­le, und viel mehr als das,: [sic] Dich schüt­zend zu umge­ben mei­ner Lie­be zu Dir höchs­te Gunst und schöns­te Auf­ga­be bedeu­tet. Das alles mußt Du jetzt mis­sen, und ich kann die­se mei­ne Lie­be nicht betä­ti­gen! Herz­al­ler­liebs­te! Hier hilft nur der Trost unse­res Glau­bens: Aus Got­tes Hand emp­fan­gen wir demü­tig Freud und Leid. Gott weiß, was uns frommt. Und so wir nur glau­ben, wird uns die­se Zeit zum Bes­ten die­nen! Herz­lie­bes! Es gehört viel Kraft und Mut zu die­sem Glau­ben,— ein fröh­li­ches Her­ze schenkt uns Gott dann. Möch­te Dir und Dei­ner lie­ben Mut­ter der Auf­ent­halt in mei­nem Eltern­hau­se die­se Stär­kung brin­gen, — an mei­ne Mut­ter den­ke ich, wenn ich das schreibe.

Statut des Juifs - page 1
Geset­ze über den Sta­tus der Juden, 03.10.1940, der Juden aus der Armee, Pres­se, Kom­merz, Indus­trie, und Beam­ten­tum aus­schloss, mit Rand­be­mer­kun­gen von Mar­schall Phil­li­pe Petain, Staats­chef, Frank­reich. Das Doku­ment wur­de 03.10.2010 von Ser­ge Klars­feld ver­öf­fent­licht. Quel­le: Mémo­ri­al de la Sho­ah, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2105.
Nun aber noch ein paar fro­he Gedan­ken. Ich habe kei­ner­lei Ursa­che, betrübt zu sein. Es geht mir gut wie immer bis­her. Ich brau­che mich auch nicht ver­las­sen zu füh­len. Der Dienst, die Kame­ra­den, und täg­lich fast Dein lie­ber Bote—sie machen mir die­se Frem­de durch­aus erträg­lich. Der üble Kom­miß, auch im Ton und zusam­men­le­ben auf der Stu­be, vor dem ich mich fürch­te­te, ich brau­che ihn nicht zu schme­cken. Mei­ne Bit­te zu Gott, er möch­te mich nach mei­nen Kräf­ten beden­ken, wir sehen sie erfüllt. Gelieb­te, Du! Ist das nicht Grund zu gro­ßer Dank­bar­keit und Zuver­sicht für alles Kom­men­de? Hast gut geschla­fen, Lie­bes, Süßes? In wel­chem Bett­lein? Nun bewegst Du Dich in den Räu­men, den Möbeln, den Haus­geis­tern der [Nord­hoffs], Dei­nes [Roland] die­ser Gedan­ke stimmt mich ganz froh mein bist Du, und bist es, weil Du mich liebst. Und Du darfst glück­lich emp­fin­den: alles hier gehört nun auch mir, alles steht mir hier offen, zu den aller­ver­trau­tes­ten der [Nord­hoff] zäh­le ich, weil mir der [Roland] gehört.

Fah­ne von Phil­li­pe Pétain, Stats­chef von Vichy Frankreich.
Und Du weißt, wie Dich alle ganz sehr lieb haben, weil Du so lieb und wert bist, und weil Du mein Eigen und damit unser aller Eigen bist. Möch­test Du das Glück die­ser inni­gen Ver­schmel­zung uns[e]rer bei­den Häu­ser recht tief und trös­tend emp­fin­den, möch­te die­se Emp­fin­dung Dir Gleich­nis sein für das hohe, gro­ße Glück unse­res Bun­des, der Ver­schmel­zung uns[e]rer bei­den Leben. Liebs­te! Gelieb­te mein! Ich seh­ne mich nach Dir! Ich den­ke Dei­ner in gro­ßer Lie­be und Dank­bar­keit. Ich bin Dein [Roland], in Lie­be und Treue immer

Dein [Roland].

T&SavatarsmMor­gen hörst Du hor mehr von mir. Gelieb­te Du! Mei­ne [Hil­de]!

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03. Okto­ber 1940

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