02. Oktober 1940

HMS Hasty
Groß­britta­ni­sche Zer­stö­rer HMS Havock und Hasty—hier 1936 abgebildet—versanken das ita­lie­ni­sche U‑Boot Beril­lo süd­lich von Kre­ta am 02.10.1940. Foto: Impe­ri­al War Muse­ums, Collec­tion no. 8308–29, FL 13795. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
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Mitt­woch am 2. Okto­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te, lie­bes, teue­res Herz, mei­ne [Hil­de], Du!

Wie schön endet der heu­ti­ge Tag! Eine gan­ze Wel­le Glü­ckes bran­det an mein Sol­da­ten­da­sein. 3 erlei [sic] Post! Viel­be­nei­det bin ich und gewiß der glück­lichs­te unter allen, heu­te, und sonst immer, weil ich an die hohe Bestim­mung unse­res Bun­des glau­be. Herz­lie­bes! Dein Geheim­nis hal­te ich in Hän­den. So über­ra­schend schnell kam es. Eben habe ich die klei­ne­ren Bil­der in mein Album gesteckt. Nun ste­hen sie im Rah­men. Schön, präch­tig, Liebs­te! Ich habe sie den bei­den ent­spre­chen­den von frü­her gegen­über­ge­steckt [sic]. Und nun habe ich viel zu betrach­ten, Du! Viel! Frü­her und jetzt. Und wenn ich mir einig bin, will ich Dir auch davon schrei­ben. Aber eines steht schon fest: Du hast mir eine ganz gro­ße Freu­de damit berei­tet, hast mir ein ganz köst­li­ches Geschenk damit gemacht, und ich bren­ne nun dar­auf, Dir mit glei­chem zu dan­ken. Nur augen­blick­lich ist dazu nicht die Mög­lich­keit. Und den Dank mei­nes Her­zens kann ich Dir erst abstat­ten, wenn ich die vie­len Rosen, die inni­gen Küs­se, von Dei­nem Mün­de pflü­cken kann. Du, die habe ich gleich zuerst gese­hen, die vie­len, vie­len Küs­se auf Dei­nen Lip­pen! Bit­te, bit­te Liebs­te, hebe sie mir auf! Ver­ste­cke sie vor den ande­ren!

Heu­te muß uns[e]re Stu­be die Wache stel­len. 6 Mann, die ers­ten 6 der Grö­ße nach, bin ich der sechs­te. 2 Stun­den Wache habe ich von 2230 – 030 Uhr, 2 Stun­den Mel­de­dienst von 430 – 6 30 am Mor­gen. Du! Mit scharf­ge­la­de­nem, gesi­cher­tem Gewehr und Stahl­helm auf dem Kopf! Stern­klar ist die Nacht. Kühl. Ich habe schon den Pull­over an. Auf die Wache rücke ich mit Man­tel und Hand­schu­hen. Zum Mel­de­dienst, Läu­fer­dienst sagt man hier, sit­ze ich ganz allein in der Wachstu­be, dann will ich Dein Geschenk her­vor­zie­hen und will mich ver­sen­ken in die lie­ben Züge, in die Züge mei­ner [Hil­de], mei­ner lie­ben, guten [Hil­de]! Du magst dann von mir träu­men, Liebs­te. Ganz leis[e] will ich kom­men. Aber ich weiß schon, mei­ne Augen dür­fen nur ein Weil­chen auf dei­nem Ant­litz ruhen, gleich bist Du mun­ter. Und dann will ich ganz lieb zu Dir sein, Du! Du! Ich muß­te jetzt ein­mal dar­an den­ken, und des­halb rich­te­te sich mein Augen­merk auch gleich dar­auf: abge­ma­gert bist nicht, Lie­bes, auch nicht vol­ler gewor­den im Gesicht ((pst! ob ander[s]wo, das zei­gen die Bil­der nicht)), so recht, wie Du mir gefällst. Dicker­le merkst Du mich noch immer, Du! Und ich weiß auch, an wel­chen Kör­per­teil Du da zuerst denkst, Du! Heut[‘] mor­gen im Bett muß­te ich dar­an den­ken, und auto­ma­tisch fuhr mei­ne Hand nach dem Aller­wer­tes­ten, erst die lin­ke, und nach dem Befund auch die rech­te, um mich zu über­zeu­gen, daß er wohl nicht ver­schwun­den, aber doch sich auf die wesent­li­chen Bestand­tei­le zurück­ge­zo­gen hat. Aber kei­ne Ban­ge. Bedeu­tend kann die Abnah­me nicht sein; denn ein [sic] Nach­prü­fung auf der Waa­ge am Sonn­tag ergab mit Stie­feln immer noch 75 kg. Also sag[e] getrost wei­ter­hin Dicker­le. Ich freu[‘] mich d[‘]rüber und den­ke, wer zuletzt lacht, lacht am bes­ten! Du brauchst gar nicht ein­mal zu fürch­ten, daß die­ses Lachen [^]dann nur aus der Scha­den­freu­de kommt. Ver­stehst mich? Kennst doch mei­nen Geschmack und mei­ne dies­be­züg­lich noch offe­nen Wün­sche?! Siehst, jetzt habe ich Dich gleich ein bis­sel [sic: biss­chen] zurück­geneckt. Wie Necken ist mir heu­te, Du, gro­ße Freu­de und Dank­bar­keit ist in mir!

Bundesarchiv Bild 101II-MW-5674-39, Unternehmen Seelöwe
Vor­be­rei­tung des Unter­neh­mens “See­lö­we.” Ver­su­che mit dem zum Amphi­bi­en­pan­zer umge­bau­ten Pz.Kpfw. III. Frank­reich, 1940. Foto: Engel­mei­er. Pro­pa­gan­da­kom­pa­ni­en der Wehr­macht — Mari­ne (Bild 101 II), DBa, Bild 101II-MW-5674–39 / Engel­mei­er / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
In der Wachstu­be sit­ze ich jetzt, Gelieb­te. Mei­ne Wache ging glück­lich vor­bei. Es war gar nicht so kalt. Ein Süd­sturm heul­te, er trug mir Grü­ße von Dir zu. Ja, immer­zu woll­ten die Gedan­ken zu Dir ent­wi­schen, wäh­rend ich auf mei­nem begrenz­ten Rau­me auf, und abging, und sie durf­ten doch nicht, auf­pas­sen soll­te ich doch, die vie­len Ster­ne, dar­un­ter uns[e]re guten Bekann­ten, ver­lei­te­ten mich immer wie­der dazu. Schnell gin­gen mir die 2 Stun­den vor­über. In Rich­tung Kiel spiel­ten die Schein­wer­fer und blit­zen die Mün­dungs­feu­er der Flak. Wir hat­ten Alarm. Nun habe ich 4 St[un]d[en] geschla­fen, nur ein­mal gestört durch das Bel­len der Flak in uns[e]rer Nähe. Jetzt ver­se­he ich mei­nen Läu­fer­dienst. Schreib­zeug und Dei­ne lie­ben Bil­der habe ich mit her­über­ge­nom­men. Sie ste­hen auf dem Tisch und sehen mich an. Die Lam­pe ist ganz tief gezo­gen, in der Ecke schläft der wach­ha­ben­de Maat. Ihn ½ 6 Uhr zu wecken ist mein nächs­ter Dienst. Bis dahin kann ich ganz unge­stört mit Dir plau­dern. Eben habe ich noch einen neu­en Umschlag geschrie­ben. [Du] Wirst ja nun in K. sein. Und ich möch­te doch, daß die­ses Zei­chen mei­ner gro­ßen Freu­de und mei­nes Glü­ckes ohne Ver­spä­tung in Dei­ne Hän­de gelangt des­halb schi­cke ich es lie­ber nach K.. [Du] Hast mir gar nicht geschrie­ben, wie lan­ge Ihr dort auf­neh­men wollt, Herz­lie­bes. Nun wird wie­der Leben sein im Kin­der­zim­mer, Du! In wel­chen Bett­lein wirst Du schla­fen? Zieh auch schön zu abends, weißt? Die­ser Brief mag nun mein Will­kom­men sein. Du schreibst davon, daß Du wie­der ein paar Päck­chen zur Post gege­ben hast. Sei schon im vor­aus herz­lich bedankt für Dei­nen Lie­bes­dienst.

Bundesarchiv Bild 183-L14404, Warschau, Straßenbahn "Nur für Juden"
“Stra­ßen­bahn ‘Nur für Juden’. Nur so ist es mög­lich, eine Über­schwem­mung der Ver­kehrs­mit­tel durch Juden zu ver­mei­den.” War­schau, 10.1940. PK — Theil — Scherl Bil­der­dienst 9399–40. All­ge­mei­ner Deut­scher Nach­rich­ten­dienst — Zen­tral­bild, DBa Bild 183-L14404 / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2105. Am 2.10.1940 wur­den allen jüdi­schen Ein­woh­nern der Stadt befoh­len, inner­halb von sechs Wochen den Umzug in ein Gebiet west­lich vom Zen­trum zu unter­neh­men.
Ja, nun will ich mal zum Schluß kom­men. Grü­ße mir die lie­ben Eltern hier und dort. Reist glück­lich mit­ein­an­der und ver­lebt ein paar recht fro­he Tage in K.! Die Eltern bekom­men bald einen Brief, damit sie nicht eifer­süch­tig wer­den. Mit Dei­nen Schreib­ver­pflich­tun­gen habe ich sie schon ver­traut gemacht.

Gelieb­te! Behü­te Dich Gott auf allen Wegen!

Wie­viel [sic] Küs­se zum Will­kom­men? Du! Denkst noch an L.? Ich denk noch immer d[a]ran. 13 bot ich damals und ahn­te nicht, wie schwer das ist, Du! Du! Aber unter­des haben wir ja doch gelernt. 13 Tage ich wie­der, Herz­lie­bes! Ich bin vor­sich­tig und den­ke dar­an, wie­viel Küs­se schon auf Dei­nen Lip­pen war­ten. Noch ein­mal Liebs­tes, nimm sie gut in acht [sic], heb sie mir auf, bit­te, Du!

Ach, so voll Freu­de bin [^]ich, und doch nun auch voll Sehn­sucht Liebs­te! Nur mit Dir kann ich mich trös­ten, nur damit, daß auch Du so sehn­süch­tig war­test. Und nun will es wie­der jubeln: Sie liebt mich! Liebt mich über alles! Mehr mag ich nicht auf die­ser Welt! Lie­be­res kann mir nicht wider­fah­ren! Lie­be [Hil­de]! Gelieb­te! Mei­ne gan­ze Lie­be gilt Dir allein! Ich bin bei Dir! Ich bin Dir ganz nahe! Ich hal­te Dich ganz fest! Ich lie­be Dich, Du! Ich Küs­se Dich her­zin­nig und blei­be Dein in Lie­be und Treue, heu­te und immer

T&SavatarsmDein [Roland].

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