Trug und Schein: Ein Briefwechsel

30. September 1940

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An die­sem Tag wur­den in den besetz­ten Nie­der­lan­den wei­te­re Maß­nah­men erlas­sen, die fest­leg­ten, wer als Jude galt und die den jüdi­schen Beam­ten die Aus­übung ihres Beru­fes unter­sag­ten. Monu­ment Joods ver­zet (1988) in Ams­ter­dam, Foto M. Min­der­houd, lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

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Mon­tag, am 30. Sep­tem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter, Du! Mein gelieb­ter [Roland]!

Tief auf­at­men kann ich nun — die Ban­de ist fort!

Eigent­lich ist das ein häß­li­cher Zug, so von Besuch zu reden. Aber glaubst [sic: glau­be], hier habe ich dabei nicht gelo­gen; die Kin­der betrach­tet. Heu­te früh um 9 [Uhr] sind sie fort, erst noch­mal zur Oma nach M.. Onkel Her­bert fuhr schon ges­tern abend heim, er muß zei­tig ins Geschäft heu­te. Ich weiß nicht, ob ich ihm trau­en könn­te. Wenn er mit dem 6 Uhr Bus schon fährt, geht der ja noch nicht nach Hau­se. Das kann ich nicht glauben.

Hilde, Hochzeitsbild mit Kinder, 07.1940
Hil­de, Hoch­zeits­bild mit Kin­der, 07.1940

Sonst war es ganz gemüt­lich die bei­den Tage, nur die­sen Kin­der­lärm sind wir nicht gewöhnt. Wie das so ist: Kin­der sol­len den Erwach­se­nen eine Freu­de sein, aber die­se Sor­te ist uns eine Anstren­gung. Ich hielt ihre Art nicht eine Kin­der­zeit lang aus, um mei­ne Ner­ven hät­te ich Ban­ge. Ich kann ver­ste­hen, die Erzie­hung ist ein schwe­res Kapi­tel. Aber Liebs­ter, sol­che Kin­der möch­te ich nicht mein Eigen nen­nen. Wir wol­len da ein­mal alles dar­an set­zen, wenn es bei uns so weit ist.

Ges­tern früh war ich nun erst im Got­tes­dienst. Er war gut besucht. Es reg­ne­te in Strö­men, kalt war es. Ich konn­te nicht auf­merk­sam sein, Dein Bote stand aus, und ich war dar­über so unru­hig, weil er sonst Sonn­tags [sic] ja immer kam. Herr H. sag­te, am Don­ners­tag müs­se ich ganz bestimmt sin­gen kom­men, Du hab[e]st geschrie­ben und etwas ganz beson­ders Schö­nes an mich aus­rich­ten las­sen, was er mir im Moment nicht sagen könn­te. Ich bin neu­gie­rig, hast doch nicht mehr als einen Gruß drauf geschrie­ben, Du!? Am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag habe ich so gewar­tet, daß er ein Zei­chen von Dir vor­zei­gen soll­te, nichts. Es ist einen Tag spä­ter gekommen.

Mit­tags gab es Ham­mel­bra­ten mit grü­nen Klöp­sen, Sel­le­rie, Apfel­mus und Tut­ti-Frut­ti; es schmeck­te gut; aber ich muß­te arg viel an Dich den­ken die gan­ze Zeit und vor allem beim Essen; da war mein Zuspruch dann weni­ger leb­haft. Ich hät­te Dich zu gern dabei gehabt, Du! Mit­tags­ru­he hiel­ten nur Kin­der und Väter, wir Frau­en hat­ten zu tun, und die Schwes­tern haben sich auch viel zu erzäh­len, wenn sie mal bei­sam­men sind. Nach­mit­tags bin ich mal mit den Kin­dern los­ge­zo­gen, es war ja so mise­ra­bel drau­ßen, daß die ande­ren nicht Lust hat­ten, mit­zu­kom­men. Die bei­den unterm Schirm, zum Lachen!,[sic] es sah aus als habe der alte gro­ße Regen­schirm 4 Bei­ne gekriegt, wei­ter guck­te näm­lich nichts heraus.

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Super­ma­ri­ne Spit­fire Mk I, 19 Squa­dron, Roy­al Air For­ce, Groß­britta­ni­en, Sep­tem­ber 1940. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Es ging nur im Ort umher, dann mal zur Groß­mutter, die Kar­ni­ckel anse­hen. Etli­che Leu­te spra­chen mich an und frag­ten, bei wel­chem Storch wir die Kin­der bestellt hät­ten, weil sie gleich so schön groß ankä­men. Beim Eng­li­schen, sag­te ich. Wäh­rend die Jun­gen Mit­tag­schläf­chen hiel­ten, habe ich Dir ein wenig Obst ein­ge­packt, wir hat­ten noch paar schö­ne Äpfel und Bir­nen da, die noch eine Wei­le lie­gen muß­ten, ehe sie reif sind; da wer­den sie die Fahrt schon gut über­ste­hen, bis zu Dir. Heut früh brach­te ich sie zur Post, las­se Dir’s [sic: Dir es] gut schme­cken, Liebs­ter! Schrei­ben konn­te ich nicht viel dazu, es war mir zu laut.

Heu­te früh konn­te ich Dei­nen lie­ben Boten emp­fan­gen, Du!

Ich bin so froh, hab[e] Dank Liebs­ter, dafür. Der arme Her­mann, das hat mich schon den gan­zen Vor­mit­tag beschäf­tigt. Ob er das alles aus­hal­ten kann? Liegt er immer noch im Laza­rett von damals, als ihn sei­ne Eltern besuch­ten? Ich wer­de von Dei­ner Mut­ter auch dar­über hören, wenn wir hin­fah­ren. Auf den Knien muß der Gott dan­ken, der vor sol­chem Leid bewahrt bleibt.

Jeder ein­zel­ne tut einem leid, der bestimmt ist für Eng­land. Wir wol­len tap­fer sein und das Bes­te hof­fen, von dem was bevor­steht. Nun bist Du auch rich­ti­ger Sol­dat seit 2 Tagen.

Bundesarchiv Bild 102-16107, Vereidigung von Reichswehr-Soldaten auf Hitler.jpg
Ver­ei­di­gung von Reichs­wehr-Sol­da­ten auf Hit­ler, 1934, DBa, Bild 102–16107 / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Wirst [Du]  mir ein­mal davon schrei­ben, wie es zur Ver­ei­di­gung war? Dein Pracht­stück, die Uni­form, hat nun ihren letz­ten Schick von Dei­ner Hand erhal­ten! Ach­sel­stü­cken kannst Du annähen.

Es ist fein, daß Ihr was lernt; [so] sitzt Ihr wenigs­tens nicht auf, wenn die Frau Euch mal durch­brennt! Liebs­ter! Ich freue mich, daß Du mir alles und so oft schreibst, Du! Ich kann ja auch nicht anders wie [sic] Du; ich freue mich dar­auf, wenn ich nach mei­ner Arbeit zur Feder grei­fen kann. Und kommt doch mal etwas ander[e]s dazwi­schen, so ist mein gan­zer Tag gestört und es macht mir dann auch nichts mehr Freu­de. Und wenn ich Dir nur weni­ge Wor­te schrei­ben kann, aber tun muß ichs [sic: ich es], das brau­che ich wie das täg­li­che Brot. Ob ich Dei­ne Kra­kel immer lesen kann? Ei gewiß! Die Fra­ge müß­te wohl eher umge­kehrt gestellt wer­den, was? Es ist so alles schön und gut und recht, wie Du es hältst, Du! Schreib mir nur, wenn Du für Dich bist. Ich lei­de es auch [n]icht, wenn jemand dabei ist, Liebs­ter! O ja, ich glau­be, ich kann auch eifer­süch­tig sein. Und sieh[‘], wenn ich es nicht wäre, dann hät­te ich Dich auch nicht lieb. Der Pull­over wärmt, das freut mich u.[nd] auch Mutsch, Du! Hast [Du] noch einen? Da kön­nen wir wenigs­tens mal wech­seln und einen waschen. Halt Dich nur gut warm und wenn Du noch etwas haben möch­test dazu, brauchst [Du] ja nur ein Wort zu schrei­ben, Liebster!

Das Bild heb[‘] noch recht für uns auf, Du! Herr L. muß mor­gen mich ein­tref­fen; er kann viel­leicht so bald kei­ne mehr anfer­ti­gen. Ich habe noch recht gro­ßes Glück gehabt. Den Fest­teil­neh­mern schi­cke ich allen eins, die übri­gen müs­sen eben warten.

Eben ist Dein lie­bes Päck­chen ange­kom­men, Herz­lieb! Ich hab es nun schon unge­dul­dig erwar­tet. Du schreibst, ich hät­te wohl über der Arbeit ver­ges­sen, sei­ne Ankunft zu mel­den. So lan­ge brauch­te es. Herr S. brach­te es mir ins Haus jetzt; er hat es heu­te früh auf der Post lie­gen las­sen. Ich freu’ mich Du! Ich dank’ Dir schön! Wenn ich die Bon­bons schme­cke, will ich dabei an etwas Süßes den­ken, was nicht so säu­er­lich schmeckt, Du! Ich glau­be, das habe ich schon bald ver­lernt, Liebs­ter! Vater wird schö­ne Augen machen[,] wenn er auf­steht. Er hat die­se Woche Nacht­dienst; er schläft. Die Mut­ter bekommt auch ihr[en] Teil. Dem Vater will ich mal lie­ber dosie­ren, hm?

Bei­na­he hät­te ich es näm­lich gar­nicht [sic] bekom­men, Du! Der Kle­be­zet­tel mit Fa. H.s Anschrift und die Num­mer von der Post waren nicht ent­wer­tet, und Du hat­test es auch gut gemacht und hin­ten (also unten dran, ver­schnürt) und wenn es Herr S. nicht mal rum­ge­dreht hät­te, so wäre es zu H. gekom­men. Ich muß auf­pas­sen in Zukunft, wenn ich Dir wie­der mal einen gebrauch­ten Kar­ton schi­cke! Du, mit Dei­nen Socken wird’s nun ein Weil­chen dau­ern, bei dem Wet­ter müs­sen sie auf dem Boden trock­nen, Du langst vor­läu­fig noch. Das mit dem Trock­nen möc[hte]st Du auch in Zukunft mit der Wäsche berück­sich­ti­gen, Liebs­ter! Damit Du mir nicht mal bis zur nächs­ten Sen­dung nackt lau­fen mußt. Also bis zum 31. Okto­ber bleibst Du noch dort. Das ist nun gut oder schlecht. Du hast ganz recht, daß es wohl gleich ist, wo man Sol­dat ist, wer weiß[,] triffst Du es dann mit der Unter­kunft bes­ser. Mit dem Dienst ja, auf alle Fäl­le. Ihr braucht dann nicht mehr den ewi­gen Drill mit­zu­ma­chen, könnt bei der Käl­te drin­nen sein. Natür­lich, ein­mal Apell [sic] gibt[‘]s wohl? Und unter­ha­ken dürft Ihr? Ist ja fabelhaft!

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Mau­ser m98, Foto Bryan986, lizen­ziert über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Bekommst Du da nicht Lust, Dich ein­mal die­ses Vor­zu­ges zu erfreu­en?? Mit Kose­nahmen ver­sieht man Euch auch zärt­lich und gern? O ja, ich möch­te mal den unsicht­ba­ren Zuschau­er spie­len dür­fen, wenn Ihr so rich­tig im Fahr­was­ser seit [sic]. Du wirst schön erzäh­len, wenn wir wie­der ein­mal zusam­men sein kön­nen. Und dabei hast [Du] noch nicht ein­mal die schlech­tes­te Umge­bung! Wenn da man­che, ande­re erzäh­len. Wenn Ihr Euch nur nicht so oft mit der alten Knar­re abquä­len müß­tet, das tut mir rich­tig leid. So ein Gewicht! Und alle ihre Tücken, ich glaub das dau­ert auch eine gute Wei­le ehe das sitzt und ehe man mit dem Unge­heu­er umge­hen kann. Wenn es [k]lappen soll­te, ich möch­te das Gewehr 98 ein­mal mit Dir zusam­men auf dem Bil­de sehen! Ja es wird rich­ti­ger sein, wenn Du Dei­nen Appa­rat schi­cken läßt. Da hat man mehr Freu­de an den Auf­nah­men. Der von Dei­nem Kame­ra­den ist nicht so gut[,] den­ke ich[,] weil die Bil­der [ein] bis­sel [biss­chen] unscharf sind und er foto­gra­fiert wohl auch sel­ten, weil er die Bild­aus­schnit­te nicht gut wäh­len kann. Naja, mir war ja die Haupt­sa­che, Du bist drauf und ich erken­ne Dich und Du gefällst mir. Und Du gefällst mir [au]ch sehr, Du! Das übri­ge, was noch zu sehen ist[,] kann ich mir schon gut dazu­den­ken, weil ich es schon ein­mal in Wirk­lich­keit sah; das Meer, der Sand, Strand­kör­be, Fischerhäuser.

Auch in die­ser Gegend sol­len die­se Brand­blätt­chen abge­wor­fen wor­den sein vom Eng­län­der? Das ist ja eine ganz nie­der­träch­ti­ge Sache, die sie da wie­der haben. —

Und nun? Herz­lieb, nun will ich für heu­te mal schlie­ßen. Ich weiß gar­nichts [sic] mehr, nichts als daß ich Dich furcht­bar lieb habe, Du! So sehr lieb! Heu­te will ich Dir die Über­ra­schung sen­den. Zur Erin­ne­rung an den Tag, als ich das letz­te Mal Dei­ne Braut war. Ich hab mich gefreut auf den Tag, da ich Dir das Geheim­nis sagen kann und nun ist es so weit. Du! Wirst Du Dich freuen?

Liebs­ter! Herz­al­ler­liebs­ter! Nun hast Du mich bei Dir.

Halt mich fest, ich seh­ne mich so sehr nach Dir, Du!

Ich lie­be Dich aus tiefs­tem Her­zen, Du! Mein Glück!

Behü­te Dich Gott! Blei­be froh und gesund!

In Lie­be und treu­er Ver­bun­den­heit küßt Dich innig

Dei­ne [Hil­de].T&Savatarsm

Plea­se fol­low and like us:
30. Sep­tem­ber 1940

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