30. September 1940

Goering giving a speech to his fighter pilots near Calais September 1940.jpg
Her­mann Göring spricht vor Pilo­ten der Luft­waf­fe über eine Tak­tik­än­de­rung bei den Luft­an­grif­fen auf Lon­don, Beginn Sep­tem­ber bei Calais, Film­still, lizen­ziert unter Fair Use über Wiki­pe­dia, 09.2015.

[400930–1‑1]

Mon­tag, den 30. Sep­tem­ber 1940.

Lie­bes, teu­res Herz, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Wie­der lie­gen 2 Ruhe­ta­ge hin­ter uns. Sie brach­ten mir die ersehn­te Gele­gen­heit, wie­der ein­mal unge­stört zurück­zu­den­ken, die Mög­lich­keit auch, dem Lager­be­reich wie­der ein­mal zu ent­flie­hen, das Auge schwei­fen zu las­sen über die­ses schö­ne Land. Will­kom­men das alles. Doch dann die übri­gen Stun­den, die Abend­stun­den, spürt man die Lee­re, denkt man an ver­lo­re­ne Zeit, wünscht man den Dienst her­bei, daß die Aus­bil­dung sich auf kür­ze­re Zeit zusam­men­drän­gen möch­te — - — doch wenn auch, eher läßt man uns des­halb doch nicht lau­fen, eh die Zeit um ist. Und wann das ist? Geduld, Geduld. An die­sen fes­seln [sic] rüt­teln erleich­tert nicht. Ges­tern Sonn­tag flog der gan­ze Zug aus wie ver­ab­re­det nach Stran­de. Jeder emp­fing ein Gedeck Kaf­fee und Kuchen, 4 Stück guten Kuchen, ich habe noch 2 Stück nach­be­stellt, die Mar­ken dazu kamen von uns[e]rer Ver­wal­tung. Die Zeche dafür trug jeder selbst. Bis gegen 1/2 9 Uhr blei­ben wir dort. Mir wur­de die Zeit lang. Gegen Son­nen­un­ter­gang ging ich an den Strand, ein herr­li­ches Schau­spiel, ein far­ben­präch­ti­ges Wider­spiel zwi­schen den ver­gol­de­ten Wol­ken­bal­len und dem blau­grü­nen Meer bot sich dem Auge.

Second world war europe 1940 map de.png
Zwei­ter Welt­krieg Euro­pa 1940, Kar­te, basie­rend auf den Kar­ten der Uni­ver­si­ty of Texas Libra­ries, Autor: San Jose, 17. April 2005. Über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

Mit dem Kame­ra­den Schind­ler bin ich dann wohl eine Stun­de spa­ziert und habe mich mit ihm recht fein über die Pro­ble­me uns[e]rer Zeit gespro­chen, uns[e]rer Zeit, die auch nach die­sem Krie­ge voll schick­sals­schwe­rer Fra­gen und Pro­ble­me sein wird, die voll ist von Erschei­nun­gen des Ver­falls und von Erschüt­te­run­gen. Schind­ler ist ledig. Mei­ne abschlie­ßen­den Wor­te waren: Das, was uns dann noch bleibt, sind die weni­gen Men­schen, mit denen man sich ver­steht. Und für mich setz­te ich fort: mit denen uns ech­te Lie­be ver­bin­det, Herz­lie­bes, Du bleibst mir, wenn alles wankt, Dei­ne gro­ße Lie­be, uns[e]re Lie­be, sie bleibt unwan­del­bar, des bin [sic] ganz gewiß! Gott wal­te es!

Bundesarchiv Bild 101I-264-1606-03, Atlantikwall, Wachtposten am Strand
Wacht­pos­ten für einen Strand­ab­schnitt, hier 1944 in Bor­deaux. Foto­graf unbe­kannt, Pro­pa­gan­da­kom­pa­nie 696, DBa, Bild 101I-264‑1606-03 / CC-BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Habe ich Dir schon von unse­rem Kino erzählt? Im Vor­pro­gramm eine Wochen­schau, etwa 3 Wochen alt (Göring lei­tet die Ver­gel­tungs­ak­ti­on), als Haupt­film “18 Mädels [sic: Wir] tan­zen um die Welt”, aus dem Leben einer Ber­li­ner Tanz­grup­pe. Ganz über­ra­schend hielt sich der Film in den Gren­zen des Anstän­di­gen, aber film­tech­nisch war er mager und unbe­frie­di­gend, lang­wei­lig, immer das­sel­be. Heu­te Mon­tag ein Licht­blick in unse­rem Rekru­ten­da­sein: Der Dienst geht nur noch bis 5 Uhr. Kar­tof­fel­schä­len wird in die Zeit bis 6 Uhr gelegt, und ab 6 Uhr sol­len wir rich­tig Frei­zeit haben. Unser Zug­füh­rer, der Stabs­feld­we­bel, fährt nun doch 12 Tage auf Urlaub. Er strahl­te, und wir freu­ten uns mit ihm, weil wir ihn gern mögen. Unser Lager­lei­ter (und Leut­nant) wur­de abkom­man­diert. Sein Nach­fol­ger tritt heu­te sei­nen Dienst an. Heu­te gab’s auch Löh­nung. Viel Geld, Du! Für jeden Alarm, der hier um Kiel gege­ben wird, gibt es 1 M[ark] Alarm­zu­la­ge. Die­ses Geld ver­die­nen wir also sozu­sa­gen im Schla­fe. Es ist gar nicht wenig. Heu­te bei­spiels­wei­se erhiel­ten wir 10 M[ark] Löh­nung und 8 M[ark] Zula­ge. Mei­ne Bör­se füllt sich. Aber das hät­te ich eigent­lich nicht schrei­ben sol­len. Sollst Dich auch ein bis­sel [sic: biss­chen] mit­freu­en dar­über, viel­leicht wird ein schö­nes Weih­nachts­ge­schenk dar­aus! Aber das ist nun mein Geheim­nis. So gegefähr­lich und mehr­deu­tig wie Dei­ne Geheim­nis­se kann es ja nun nicht sein, Du! Über Dein Geheim­nis bin ich nun beru­higt, Herz­lie­bes. Ein biß­chen Dum­mer­le war ich doch, das habe ich mir gleich gesagt, als ich den Brief abschick­te. Daß Du mir von so bedeut­sa­men ^Din­gen anders als in einer klei­nen Rand­be­mer­kung Mit­tei­lung machen wür­dest, das muß­te ich mir bei kla­rem Ver­stan­de eigent­lich selbst sagen. Du ver­zeihst mir, Herz­lie­bes! Es war nur die Sor­ge um Dich.

Ab heu­te muß unser Zug nun auch Wache schie­ben. Mitt­woch viel­leicht bin ich dran, 2 St[un]d[en] am Tage, viel­leicht auch bei Nacht. Kommst [Du] dann rasch ein­mal zu mir geflo­gen, Herz­al­ler­liebs­te? “Der Pos­ten darf nicht essen, rau­chen, sich nicht anleh­nen, nicht spre­chen, den Pos­ten­be­reich nicht ver­las­sen”. Ach Du, die­ser stei­fe Mann wür­de Dir wohl nicht gefal­len — und ich, Herz­lie­bes? Ich wür­de dann wohl mei­nen Pos­ten ver­las­sen, und dar­auf steht har­te Stra­fe.

Nun eini­ges Geschäft­li­che: Ein Mus­ter zur Zahl­kar­te an die Lebens­ver­si­che­rung schi­cke ich Dir mit. Mei­ne Feder ist ent­zwei. Du mußt die Kar­te noch ein­mal deut­li­cher und bes­ser abschrei­ben. Mit dem Ter­min ist es nicht ganz so ängst­lich. Soviel ich mich besin­nen kann, erhielt Herr H. von uns bis jetzt 50 R[eichs]M[ark] u.[nd] 80 R[eichs]M[ark], 70 R[eichs]M[ark] blie­ben noch Rest.

Heu­te abend erhielt ^ich den sehn­lich erwar­te­ten Boten vom Frei­tag. Vie­len herz­li­chen Dank, Du! [Du] Hast Dich so abge­drascht [sic] und müde gear­bei­tet, Lie­bes, und ich hät­te Dir nun zum Dank und Lohn so gern die Hän­de gestrei­chelt, Dir etwas Lie­bes gesagt und Dich an mei­ner Sei­te aus­ru­hen las­sen! Heu­te gehen nun auch Eure Fei­er­ta­ge zu Ende. [Du] Wirst wie­der müde sein, vom Besuch, von der Fei­er­tags­wirt­schaft. Ich habe Dich kaum schon ein­mal müde gese­hen, und ich weiß, wenn ich jetzt käme, da wärest Du ganz mun­ter, Du Wild­fang, Du Lecker­mäul­chen, Du Süßes!

Behü­te Dich Gott, Herz­al­ler­liebs­te!

Laß[´] Dich küs­sen, laß[´] Dich ganz lieb haben, laß[´] Dir sagen, daß ich ganz Dein bin, daß ich Dich lie­be von gan­zem Her­zen, Dich allein, heu­te und immer.

Du! Du!

Dein [Roland]

Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern.T&Savatarsm

Plea­se fol­low and like us:
error

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.