Trug und Schein: Ein Briefwechsel

28. September 1940

[Am 28. Sep­tem­ber 1940 war aus Lon­don zum ers­ten Mal Radio Bel­gi­que zuhö­ren: https://youtu.be/7B_wk4_ti‑w.]

[400928–1‑1]

Sonn­abend, den 28. Sep­tem­ber 1940.

Lie­bes, teu­res Herz, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de] Du!

Einen Kir­mesgruß hast Du ange­kün­digt, einen Kir­mes­gruß sollst Du von mir haben, sie sol­len sich kreu­zen zum guten Zei­chen, Du! Wie wird Dich mei­ne Bote tref­fen, am Mon­tag, dem rich­ti­gen Kirch­weih­tag? [Du] Liegst viel­leicht noch in dei­nem Bett­lein, das lie­be Köpf­chen ins Kis­sen gedrückt? Nimmst [Du] mich gleich noch ein bis­sel [sic: biss­chen] mit hin­ein, Du, bit­te, bit­te!? Herz­lie­bes, die­se Kir­meszeit erin­nert uns an die Sta­tio­nen und das Wer­den unse­res Glü­ckes. So gern len­ke ich mei­ne Gedan­ken zurück zu den geheim­nis­vol­len Quel­len unse­res Glü­ckes. Da ist der Kir­mes­tag, an dem ich ganz unschul­dig Dich frag­te, was ich wohl mit den bei­den Fei­er­ta­gen anfan­gen könn­te, die Fra­ge, von der Du so betrof­fen warst und freu­dig erschro­cken, daß ich viel­leicht Dei­ne gro­ße Lie­be zu mir erkannt haben möch­te. Ent­täuscht habe ich Dich ste­hen las­sen. Herz­al­ler­liebs­te mein! In einem Dei­ner letz­ten Brie­fe hast Du mir noch ein­mal Dei­ne gro­ße Sehn­sucht und hei­ße Lie­be zu mir damals und heu­te bekannt. Die­ses Bekennt­nis ist so beglü[c]kend, und hält mich doch jedes­mal wie­der an, mir Rechen­schaft dar­über zu geben, daß ich Dich ver­kann­te, daß ich Dei­ne Lie­be nicht erwi­der­te, daß Du den ers­ten Schritt tun muß­test. Ich habe Dir schon mehr­mals dar­über geschrie­ben und ich habe dazu auch Neu­es nicht zu schrei­ben. Feig­heit war es nicht, Du! Schran­ken und Zwei­fel vor die­sem bedeut­sa­men Schritt schon eher.

Ich sah hin nach den [sic] Mäd­chen, sah aus nach dem Glück und träum­te von ihm und stat­te­te es aus mit allen Idea­len und Stre­bun­gen, die ich kann­te, so anspruchs­voll und eigen­sin­nig, wie ich eben sein kann. Und ich mach­te nur wohl ein Bild von mei­ner Liebs­ten, von mei­nem Schatz. Schön soll­te er sein, und doch auch kei­ne fla­che, hoh­le Schön­heit. Und dann sah ich Dich: der hohe Wuchs gefiel mir wohl, in Dei­nem Gang lag soviel hol­de Weib­lich­keit — Dein Ant­litz war nicht nach mei­nem Wunsch­bild, nicht, daß mich etwas emp­find­lich stör­te, aber ich ver­stand nicht wie heu­te, aus Dei­nen Augen und von Dei­nen Lip­pen zu lesen, dar­in war ich noch ganz uner­fah­ren, das hast Du mich erst gelehrt. Und dann kam die Zeit, daß Du mir es ganz leicht mach­test und mir die Hand reich­test. War­um ergriff ich sie nicht? Ich schlug sie nicht zurück. Aber war­um ergriff ich sie nicht? Liebs­te, Herz­al­ler­liebs­te, hast Du mir das ver­zie­hen? Konn­te ich ahnen, daß die ein­zi­ge, die bes­te, die treu­es­te, die schöns­te weit und breit vor mir stand? Die ein­zi­ge weit und breit, die trotz ihrer Jugend so ent­schie­den und ‘alt­mo­disch’ lieb­te, daß sie unter die­ser Lie­be lie­ber lei­den als von ihr las­sen woll­te? Herz­lie­bes, konn­te ich das ahnen, noch dazu in eurer Gegend, in der ich soviel ent­ge­gen­ge­setz­te Bil­der sah? Konn­te ich ahnen, daß ein Men­schen­kind vor mir stand, daß wie kein ande­res auf die­ser Welt mir so gleich­ge­stimmt war? Und nun hat das Schick­sal gehol­fen, das Schick­sal, dem ich schon damals ver­trau­te. Fügen muß­te es sich, wenn ein Segen dar­auf ruhen soll­te. Und nun dan­ke ich Gott, daß es mich ein fei­nes Ohr haben ließ für sein Rau­nen, für sei­ne Mög­lich­kei­ten, das mich auch wach blei­ben ließ für unse­re Mög­lich­keit. Herz­lieb, das habe ich Dir schon gestan­den, daß ich in einem Win­kel mei­nes Her­zens die Hoff­nung nähr­te, daß sich über die Fer­ne hin­weg etwas anspin­nen möch­te zwi­schen uns, ein ganz dün­nes Fäd­chen ließ ich, und Wun­der, an die­sem Fäd­chen spann sich unser Schick­sal weiter.

Herz­al­ler­liebs­te, den liebs­ten all Dei­ner Brie­fe, Du ver­wal­test ihn jetzt. Nun kamen wir an den Punkt, das Du ein­zi­ge Dich trafst mit mei­ner Eigen­art. Mein wun­des Herz ward über­wäl­tigt von Dei­ner Treue, der Treue, in der sich alle tie­fe, gro­ße Lie­be erst bewäh­ren kann. Mit die­ser Treue fan­dest Du den Weg zu mei­nem Her­zen, sie räum­te fürs [sic: für das] ers­te alle Beden­ken aus dem Wege, daß ich schrei­ben konn­te: “Ich habe den Wunsch, Sie ken­nen zu ler­nen [sic]”.

So gewannst Du Dir Dei­nen Hubo, die­sen Kauz, die­sen Außen­sei­ter, der es liebt, hin­ten­weg zu gehen, der von der Lie­be so alt­mo­di­sche Begrif­fe (von der Lie­be) hat wie Du. Nichts beglückt mich mehr als von Dei­ner Hand zu lesen, daß Du glück­lich bist an mei­ner Sei­te und daß auch Du emp­fin­dest, daß wir für­ein­an­der zu gro­ßem, rei­chem Glück bestimmt sind. Es hat sich gefügt zwi­schen uns. Der Traum von ^der Liebs­ten will sich erfül­len. Die bes­te, die liebs­te, die schöns­te ist die mei­ne gewor­den. Lie­bes! Einen Schatz habe ich erwor­ben, den ich mit aller Lie­be, Treue, den ich mit Stolz tra­ge und hüte.

[Belieb­te Unter­hal­tungs­mu­sik im Jahr 1939: Heinz Rüh­mann singt Das kann doch einen See­mann nicht erschüt­tern (https://youtu.be/gN9ZQMBCVyU).]

Und nun der Kir­mes­tag vor einem Jah­re. Du selbst erin­nerst an ihn. Die Erin­ne­rung dar­an gibt mir Gele­gen­heit, Dich mir ^mich dir über etwas zu erklä­ren. Zit­ternd vor Freu­de und Glück stan­den wir vor­ein­an­der, war es nicht wie die Kin­der, ein wenig ein­fäl­tig und ver­wun­dert vor uns selbst? Und doch auch vol­ler Ahnung von dem Augen­blick, von dem höchs­ten Glü­cke des Eins­seins, Du? Lan­ge vor­her ein­mal las ich von dem Sie­gel vor dem Gärt­lein, Du! Mehr als die kör­per­li­che hat mich damals die sym­bo­li­sche Bedeu­tung die­ses Ring­leins beein­druckt, die­ses Sym­bols der Mäd­chen­eh­re, der Unbe­rührt­heit. Und in das Glück uns[e]rer Lust misch­te sich jeder­zeit die Sor­ge und das böse Gewis­sen, ich möch­te die­ses Sigel [sic] bre­chen, ehe Du ganz mein sei­est. Wir bei­de lieb­ten ein­an­der. Mein und Dein Ver­lan­gen tra­fen sich. Die Men­schen drau­ßen, die sich mehr als wir die Köp­fe um uns[e]re Lie­be zer­mar­tert haben mögen, sie wer­den am ers­ten zu dem Schluß gekom­men sein, daß wir bei­de einem Aben­teu­er zum Opfer gefal­len sei­en und nun dar­aus die Fol­ge­run­gen zögen. Vor die­sen Men­schen, aber auch vor uns selbst, den Ernst und die Tie­fe uns[e]rer Lie­be zu behaup­ten, war mein fes­ter Wil­le. Zum ande­ren aber beweg­te mich der Gedan­ke: daß, wenn unse­rem Bun­de das Schick­sal hin­dernd sich ent­ge­gen­stell­te, Du auf jeden Fall acht­bar und ehr­bar zurück­tre­ten könn­test. Schänd­lich und furcht­bar wäre es mir, wenn mir die Men­schen nach­re­de­ten, ich hät­te ein Mäd­chen miß­braucht. Ach­tung vor allen Men­schen, vor Mäd­chen und Frau­en beson­ders, vor dir aber aller­meist, Herz­lie­bes, heu­te noch und immer trotz unse­res tiefs­ten Ver­traut­seins beseelt mich. Die­se Ach­tung hat mich gehin­dert, dich zu rau­ben, wie es wohl vie­ler Män­ner Art und vie­ler Frau­en Wunsch ist, sie wird mich alle­zeit hin­dern, gegen Dei­nen Wil­len Rosen zu pflü­cken im Gärt­lein. Liebs­te! Nicht Magd und Die­ne­rin und Skla­vin sollst Du sein der Lau­ne Dei­nes Man­nes, son­dern alle­zeit möch­te ich Dich sehen als Her­rin des Gärt­leins, von der ich mir das Schöns­te schen­ken las­se. Mein Ver­lan­gen und Dein Dar­brin­gen müs­sen sich begeg­nen, müs­sen ein­an­der ent­ge­gen­ge­hen den hal­ben Weg, wenn ich gan[z] glück­lich sein soll. Herz­lie­bes! Daß Du mein Emp­fin­den ver­stehst, habe ich beglü­ckend schon gespürt. So wie wir Hand in Hand geschwis­ter­lich durch die Stra­ßen schrei­ten, so will ich Dich gleich­ach­ten als mei­ne Lebens­ge­fähr­tin, mei­ne lie­be Frau, gleich­ach­ten in Dei­ner Per­sön­lich­keit, Dei­nem Wil­len. Herz­lie­bes! Du schreibst, daß Du mich weit über Dir ste­hen sahest, wenn Du an die trau­tes­ten Stun­den des Glücks dach­test. Das wür­de bedeu­ten, daß ich mich hät­te her­ab­las­sen müs­sen zu Dir, daß mich die Lie­be zu Dir her­nie­der­ge­zo­gen hät­te. Du! Nie war ich erha­ben über die Din­ge und Regun­gen der Lie­be. Und wenn es den Anschein hat­te und wenn ich mei­ne Sehn­sucht ver­barg, dann des­halb, weil es die ande­ren Men­schen nicht sehen soll­ten, weil ich es als das Heim­lichs­te vor den ande­ren ver­barg, und dar­in, das weiß ich, bin ich ganz wie Du gear­tet. Herz­al­ler­liebs­te! Noch nicht einen Augen­blick hat­te [ich] das Gefühl, daß Du mei­ner unwert bist, aber schon immer das glück­haf­te Bewusst­sein, daß Dei­ne Lie­be ein uner­setz­li­cher Reich­tum, ein köst­li­cher Schatz, ein Geschenk des Him­mels ist.

Viel Gelehr­sam­keit, viel Scharf­sinn, viel Höf­lich­keit ist in der Welt — bei Dir fand ich das sel­te­ne Geschenk eines gro­ßen Her­zens voll Lie­be und Güte. Viel wil­de, böse Lust, und Gier und dar­auf öde Lee­re ist in der Welt — an dei­nem Her­zen fand ich tiefs­te Gebor­gen­heit, in dei­ner hol­den Nähe erleb­te ich das Glück erst weib­li­cher Hin­ga­be. Liebs­te! Du! Stolz darfst Du sein im Inner[e]n Dei­nes Her­zens und mein größ­tes Glück ist es, daß Du mich Dei­ner für wert hältst, daß Du mich als aller­ers­ten und ein­zi­gen in Dein Herz geschlos­sen hast.

Herz­al­ler­liebs­te Du! Nimm die­se Zei­len als Dank und Aus­druck mei­ner gro­ßen Lie­be zu Dir!

Ich seh­ne mich nach dei­ner Lie­be, nach Dei­nem Her­zen, nach Dei­ner Nähe, Du lie­be, holde.

Gott schen­ke uns eine fried­li­che, glück­li­che Zukunft.

Er hal­te sei­ne Hand über unse­ren Bund, daß wir unse­re Lie­be hal­ten und nicht verderben.

Ich lie­be Dich von gan­zem Her­zen und blei­be für immer in Treue

Dein [Roland].T&Savatarsm

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28. Sep­tem­ber 1940

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