24. September 1940

Deut­scher Glau­be und völ­ki­sche Gemein­schaft, Foto, 09.2015.

[400924–2‑1]

Diens­tag, am 24. Sep­tem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Du, mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Die vier­te Woche hast Du schon begon­nen, als Matro­se, als Sol­dat. Wo ist die Zeit hin? So muß man sich fra­gen.

Und was mir anfangs schier unüber­wind­lich schien, die Tren­nung von Dir, das ist Gewohn­heit gewor­den. Gewohn­heit nicht in dem Sin­ne wie das Wort lau­tet. Bes­ser gesagt, es ist mehr ein gedul­di­ges Fügen in etwas Unab­än­der­li­ches. So beschei­den sind wir gewor­den in die­ser Zeit, und wir fügen uns ohne Mur­ren [in] alles — wir müs­sen. Was könn­te hier der Ein­zel­ne aus­rich­ten, woll­te er sich auf­leh­nen? Unse­re Zeit ver­langt Opfer, und was wir bei­de jetzt brin­gen, gewiß es ist auch ein Opfer. Aber Liebs­ter, wenn ich beden­ke, wie­viel schwe­re­rer, grau­sa­me­rer Art schon Opfer gebracht wor­den sind von Men­schen, die genau so glück­lich, genau so jung und hoff­nungs­voll vor der Tür ins gemein­sa­me Leben stan­den, dann wer­de ich ganz stumm und auch die kleins­te Bit­ter­nis, der letz­te Kum­mer über Dein Fern­sein schwin­det. Wie [sic] so dank­bar müs­sen wir dem Herr­gott sein dafür, wie er [es] mit uns füg­te. Ich weiß Dich nicht in unmit­tel­ba­rer Gefahr. Das allein schon ist mir Trost. Und über­all, wohin Du auch gehen wirst, ist Dein Beschüt­zer mit Dir. Das ist mir die schöns­te Gewiß­heit, das ist, was mir die Kraft gibt aus­zu­har­ren, ohne zu ver­zwei­feln. Was wären wir ohne Glau­ben?

Wo der Men­schen Ver­stand zu Ende ist, wo der Men­schen Rat wert­los ist, da kommt die erschre­cken­de, kal­te Lee­re so vie­len ent­ge­gen. Aber uns, die wir glau­ben [,] ist nicht so, über­all wo Men­schen­geist uns ver­läßt, spü­ren wir den star­ken Arm Got­tes, der uns umfängt und nicht fal­len läßt auf die­ser Welt. Ist es nicht wun­der­bar? — Zu den­ken, daß so vie­le noch im Dun­kel gehen, wie glanz­los gehen sie durch die Tage.

Kirch­weih­fest in Senn­feld, Main­fran­ken, 1940. Ver­öf­fent­lich, 09.2015.

Kirch­weih­fest will nun wer­den. Alles rüs­tet schon dar­auf [sic] im Ort. Man schrubbt und putzt. Die Bäcke­rei wird zusam­men­ge­tra­gen. Heu­te noch will ich mit Dir fei­ern, mein Lieb — mor­gen dann las­se ich mich anste­cken von dem geschäf­ti­gen Trei­ben. Es ist so Sit­te, daß der Jah­res­zeit angepaßt das letz­te Mal, bevor der Win­ter kommt, alles gründ­lich gesäu­bert wird. Wie z.[um] B.[eispiel] Sofa drau­ßen klop­fen, Feder­bet­ten lüf­ten, Wän­de abkeh­ren, Öfen aus­put­zen, Gar­di­nen frisch machen, Fens­ter und Dop­pel­fens­ter waschen und vie­les m[eh]r. Ich wer­de mit all dem schon allein fer­tig wer­den. Sonn­abend früh backen wir 2 Kuchen, Pflau­men und Apfel. Ande­ren, als Obst­ku­chen[,] kann nie­mand backen, es fehlt an Zuta­ten. So ger­ne wür­de ich Dir davon eine Kost­pro­be schi­cken! Aber paar Tage abge­schlos­sen von der Luft in Papp­kar­ton nas­sen Kuchen ver­schi­cken, das ver­trägt sich nicht. Ich wer­de Dir schon einen Kir­mes­gruß zurecht­ma­chen, Liebs­ter! Und wenn er Dich auch erst nach der Kir­mes erreicht, weil mir’s [sic: mir es] nun an der Zeit feh­len wird. Am Sonn­abend wer­den die Chem­nit­zer hier ein­tref­fen, da will ich dann fer­tig sein. Wie herr­lich wär[e] es nun, könn­te ich Dich auch emp­fan­gen, Du!

Stras­sen­schmuck in der ‘Volks­ge­mein­schaft’, hier in Han­no­ver anläss­lich des Waf­fen­still­stan­des mit Frank­reich, Som­mer 1940. Foto: His­to­ri­sches Muse­um Han­no­ver, ver­öf­fent­licht, 09.2015.

Ach, Liebs­ter! Vor einem Jah­re, Du! Denkst auch Du zurück?

Wer aus mir trinkt, will immer mehr [Luther, Sirach, Kapi­tel 24].”

Ein vol­les Jahr ist das Geheim­nis mir nun unser, Du!

Ich mein­te, die Welt müß­te ver­sin­ken, so vol­ler Glück und Süße, so vol­ler Selig­keit war mir der Augen­blick. Da wuß­te ich, daß nie im Leben ein and[e]rer wür­de Dei­nen Platz in mei­nem Her­zen aus­fül­len kön­nen, Du! Daß mir soviel Glück gesche­hen konn­te, wirk­lich soviel Glück! Ich hät­te es vor­her nicht geglaubt. Nur in mei­nen Träu­men, in mei­nen Vor­stel­lun­gen leb­ten die­se Bil­der. Und daß ich das alles mit Dir erle­ben durf­te, mit Dir, Du! Das war so über­wäl­ti­gend für mich. Du leb­test so nur in mei­nen Träu­men. Wenn ich an die­se Lie­be dach­te, so stan­dest Du so weit, weit über mir. Und daß über­haupt im Leben jemals Du mir so ganz gehö­ren wür­dest, das hat­te ich damals immer für unmög­lich gehal­ten.

Wie maß­los, wie unend­lich ich Dich lieb­te all die Zeit, das wuß­te, das fühl­te nie­mand. Auch Du nicht. Und ich hat­te mich i[m] Innern schon so an den Gedan­ken gewöhnt: Du wirst wohl die­se gro­ße, über­na­tür­li­che Sehn­sucht immer durchs Leben tra­gen müs­sen. Denn eines stand fest. Wenn nicht Du, einem ande­ren hät­te mich nie­mals schen­ken kön­nen. Ich hät­te es nie gekonnt. Ver­stehst Du das? Und wenn ich dar­um nie­mals im Leben die Lie­be ken­nen gelernt [sic] hät­te. Ich hab[e] Dich viel zu lieb, daß ich auch nur einen Gedan­ken an ande­re ver­schwen­det habe, dar­um. Und weil nach die­ser Stun­de kei­nen Augen­blick auch nur eine Lee­re zwi­schen uns war, dar­um bin ich so voll Glück, Du! [Un]d dar­um habe ich schon so viel Angst, so vie­le dunk­le Gedan­ken gehabt, Liebs­ter! Du konn­test das immer nicht ver­ste­hen.

Ich hat­te Angst vor dem Glück, weil es so groß ist. Kaum im Leben kommt es vor, daß man dem Men­schen ange­hö­ren darf, den man von gan­zem Her­zen, aus tiefs­ter See­le liebt. Das Schick­sal ist meist so hart. Wer muß­te nicht erst durch eine Ent­täu­schung, ehe das Glück kam? Und doch nicht das, des­sen Bild uns in der See­le stand?

Hilde und Roland Nordhoff, Hochzeitsbild, 13. Juli 1940
Hil­de und Roland Nord­hoff, Hoch­zeits­bild, 13. Juli 1940

Und ich lieb­te Dich so unsag­bar, so lan­ge schon, und ich konn­te und konn­te Dich nicht mehr las­sen, nim­mer­mehr. Und dann eines Tages kamst Du mit Dei­ner Lie­be, kam das gro­ße Glück und ich stand über­wäl­tigt, erschro­cken im Innern; ban­gend, daß es nur ein kur­zer Traum — weil es mir zuviel des Glü­ckes schien. Und die­se inne­re Unru­he, sie ist erst vor­über, seit wir unse­ren Bund vor Gott und vor den Men­schen geschlos­sen haben.

Nun weiß ich, bin ich Dein, ganz Dein, und Du bist mein! Was Gott zusam­men­ge­fügt, das soll der Mensch nicht schei­den. Nun sind wir im Bun­de mit unse­rem Vater, er weiß alles, was wir tun. Er bil­ligt unse­ren Schritt, das füh­len wir täg­lich auf’s [sic: auf das] Neue durch sei­ne Gna­de und Güte. Und nun bin ich ruhig im Her­zen, wir ste­hen in sei­ner Hand.

Red Castle by the Sea 1929
Hil­de spricht womög­lich von der Mari­ne­aka­de­mie Mür­wik bei Flens­burg, hier ein Foto von 1929 von KzS R. Ros­sow, hoch­ge­la­den von Chron-Paul, lizen­ziert unter CCA-SA 3.0 Ger­ma­ny, 09.2015. Womög­lich sprach sie aber auch von der Mari­ne­un­ter­of­fi­zier­schu­le in Plön.
Nun mag kom­men, was will — es kommt von unse­rem Vater im Him­mel, der auch Dein Vater ist.

Nach Eckern­för­de sollst Du mit. Ich mei­ne, das ist gut. Ihr kommt so mehr vom Zen­trum der gro­ßen Stadt Kiel weg. In Eckern­för­de ist eine Mari­ne­schu­le, ob Du dahin in die Schreib­stu­be kommst? Ein Georg W. aus L. ist da, das ist der Schwa­ger von einer Bekann­ten von uns.

Die­ser Wal­ter U. aus O., nach dem ich Dich schon ein­mal frag­te, sei aufs [sic: auf das] Schiff gekom­men und wür­de da aus­ge­bil­det, wä[h]rend sie gegen den Feind fah­ren. Ich kann das nicht glau­ben. Ist das mög­lich? Sag?

Ges­tern nach­mit­tag [sic] kam Dein lie­ber, schnel­ler Bote! Sei recht herz­lich bedankt, Liebs­ter! Es sah bös[e] aus, mit der schwar­zen Mas­se [sic: Scho­ko­la­de]; ich habe nur monat­lich 1 mal zu bean­spru­chen.

Ich ging ihnen aber nicht von den Fer­sen, ich hab[e] ein Wäsche­pa­ket zu schi­cken. [sic] sag­te ich u.[nd] das kann ich doch nicht so sang- u.[nd] klang­los weg­schi­cken. Und sie­he, trotz der Lee­re im Laden brach­te sie Pra­li­nen unter dem Laden­tisch her­auf. Ja, das Fräu­lein K.. Ich hab[e] sie in eine Schach­tel gefüllt von G., von frü­her.

Wenn Du brav bist, das wird sich am Wet­ter zei­gen, kriegst Du sie; sonst esse ich sie alle auf!!

Die Eltern haben sich ja so sehr gefreut über Dei­nen lie­ben Brief, Du! Mut­ter wird Dir schon wie­der mal schrei­ben.

Ach, die sind doch neu­gie­ri­ger als ich, sie fra­gen jeden Tag: Hat [Roland] geschrie­ben? Was macht er denn, wie geht’s im denn? Ich weiß manch­mal gar­nicht [sic], was ich ihnen erzäh­len soll, wenn Du mir einen recht lie­ben Brief geschrie­ben hast, in dem wenig [Ne]ues steht! Ist das alles? Sagen sie dann. Jaja, so geht’s mir.

Dei­ne l[ie]b[en] Eltern schrie­ben auch einen Dank­brief. Sie haben sich recht gefreut. Das ist schön. Sie wären zu Haus[e] geblie­ben, wegen dem schlech­ten Wet­ter. Eben erhal­te ich eine Ansichts­kar­te vom Vater, aus dem Zit­tau­er Gebir­ge, der Lau­sche; er hat’s [sic: hat es]doch nicht aus­ge­hal­ten daheim! Auf [ein] paar Tage ist er dort; W., davon hast Du wohl schon mal erzählt? Oder irre ich mich.

Am nächs­ten Sonn­abend, am 5. Okto­ber[,] wol­len Mutsch u.[nd] ich nach K. fah­ren. Halt den Dau­men fest, damit’s [sic: damit es] schön ist, Du! [Ob] ich Dir da auch jeden Tag schrei­ben kann? Ich schä­me mich da vor Dei­ner Mut­ter, Du! Sie soll nicht wis­sen, daß ich Dich so lieb hab. Am Fest­tag Dei­ner Aus­bil­dungs­schluß­pa­ra­de möch­te ich wohl ger­ne mit Dir sein, Liebs­ter! Hol[e], Dir kei­nen Schwips! Hol[e] Dir kein Hafen­lieb­chen! Das wär [sic] alles, was ich wün­sche. Nein. Einen recht glück­li­chen Abschluß und viel Glück u.[nd] Segen auf die [sic] neue Fahrt, mein [Roland]! Gott sei mit Dir!

Du! Herz­al­ler­liebs­ter aber sei ganz gewiß, daß ich Dich lie­be, Dich allein, von gan­zem Her­zen und in unver­min­der­ter

Treue bin und blei­be [ich]

Dei­ne [Hil­de].

Vie­le herz­li­che Grü­ße von den Eltern.T&Savatarsm

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