Trug und Schein: Ein Briefwechsel

23. September 1940

General Spears and General de Gaulle.jpg
Gefecht von Dakar, 23.–25. Sep­tem­ber 1940, war der erfolg­lo­se Ver­such der Alli­ier­ten, den Hafen von Dakar zu erobern. Hier Gene­ral Spears und Gene­ral de Gaul­le auf dem nie­der­län­di­schen Damp­fer Wes­tern­land. Autor Lt. L. C. Priest, Impe­ri­al War Muse­um, Lon­don, lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

[400923–2‑1]

Mon­tag, am 23. Sep­tem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, lie­ber [Roland], Du!

Zuerst will ich Dir recht, recht herz­lich dan­ken für Dei­nen so lie­ben Sonn­tags­brief! Du hast mich so erfreut, Liebs­ter! Mit­tag ist vor­bei. Mei­ne Arbeit hab ich punkt [sic] 1 Uhr been­det heu­te, ich will end­lich wie­der ein­mal mit Dir plaudern.

Du hast ja jetzt auch noch Mittagspause.

Heu­te kann ich Dich anschau[e]n dabei. Dein lie­bes Bild steht [vor] mir auf dem Tisch, so wie ich Dich gern sehe, hab ich Dich hier, Du! Unse­re Braut­bil­der sind fer­tig. Ich habe für das Dut­zend 10.- R[eichs]M[ark] bezahlt. Jedes wei­te­re Bild kos­tet 1 R[eichs]M[ark]. Nun möch­te ich Dich hier anschlie­ßend gleich eines fra­gen. Allen Fest­teil­neh­mern wol­len wir ein sol­ches Bild schen­ken, hat­test Du gedacht, daß wir eine Wid­mung dar­auf schrei­ben, wenn, ja, wel­cher Art, bit­te? Schlag mir doch etwas vor, ja? Es ist viel­leicht hüb­scher, per­sön­li­cher so, als wenn wir das Bild unbe­schrie­ben wegschicken.

[U]nd nun schön der Rei­he nach erzählen.

Sonn­abend früh hab ich alle Wege besorgt, im strö­men­den Regen. Nach­mit­tags bade­ten wir, weil Vater Nacht­dienst hat­te haben wirs [sic: wir es] vom Frei­tag auf Sonn­abend ver­legt. Den Sonn­tags­bra­ten rich­te­te ich schon zu. Und dann war ich mit den Eltern im Kino! Was sagst Du dazu?

Geierwally Soelden
Film­still aus dem Film Gay­er­wal­ly (1940), Dreh­ort: Berg­hof, ober­halb von Söl­den, Autor cinema.de, lizenz­frei über Wikim­dia Com­mons, 09.2015.
Wir haben uns das erst nach­mit­tags über­legt, auf sol­che Plä­ne sind wir frü­her kaum gekom­men Sonn­abends [sic], da hat­ten wir stän­dig Arbeit bis abends. Aber jetzt ist das anders gewor­den. Die ‘Gei­er­wal­ly’ wur­de gespielt im Apol­lo. Da kann Mut­ter mit­ge­hen, weil es da Kopf­hö­rer gibt für sie. Ich habe schon lan­ge vor­her davon gele­sen in der Film­welt, in mei­ner Frau­en­war­te.
Frau­en-War­te Heft 9/ 1944.

Und das Stück reiz­te mich. Es war auch wirk­lich her­vor­ra­gend aus­ge­stal­tet. Kei­ne Kulis­se, alles Natur. Der Film spielt in den Ötz­ta­ler Alpen, ein Berg­bau­ern­film. Er schil­dert die Men­schen, natur­ver­bun­den, zähe [sic], stark und jäh­zor­nig wie sie sind; trot­zig, daß sie fast an sich selbst zer­bre­chen. Und füg­sam, wil­lig, wenn die Lie­be über sie Gewalt gewinnt. Ein Aus­schnitt aus der Zeit, da es noch die soge­nann­ten Frei­hof­bau­ern gab. Wir waren alle sehr zufrie­den mit dem Stück.

Am Sonn­abend schrieb der Herr K.. Ich leg[e] Dir sei­ne Kar­te bei. Und nun hab[e] ich eigen­mäch­tig gehan­delt, weil er vom Ver­rei­sen schrieb nach Leip­zig. Ich schrieb ihm auf einer uns[e]rer Kar­ten ein paar erklä­ren­de Wor­te und teil­te ihm Dei­ne Anschrift mit. Er wird nun schon von sich hören las­sen. Zankst Du nun?

Herr K. kennt mich schon aus Dei­nen Erzäh­lun­gen, wir schrie­ben ihm schon und weil er Dein väter­li­cher Freund ist, den Du schätzt, so habe ich die Ver­mitt­le­rin gespielt, (im guten Sinne.)[sic]

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Brief­mar­ke mit Spen­den­an­teil für das Win­ter­hilfs­werk, Serie 1940, Scan von Nob­biP, lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Ges­tern Sonn­tag. Vor­mit­tags gab es die übli­che Haus­ar­beit und Strümp­fe [zu] stop­fen. Das Wet­ter ließ sich gut an, gegen Mit­tag war es dann bestän­dig schön. Vater mach­te sich früh 1/2 10 [Uhr] auf Rei­sen. Nach Chem­nitz zu M., er woll­te sie gleich­zei­tig mit zur Kir­mes ein­la­den, wie alle Jah­re, die am 29. ist. Und wir Frau­en sag­ten uns: Was, arbei­ten müs­sen wir die gan­ze Woche wie­der, wir nüt­zen den schö­nen Tag und gehen los.

Es wur­de gegen 3 Uhr, als wir uns auf­mach­ten. Ein Stück durch die Stadt, am hohen H. lang, immer wei­ter nach der [Fluß] zu. Ich war ganz bei Dir in mei­nen Gedan­ken, Du! Und dann sind wir oben hin­ein nach H.. Da ver­an­stal­te­ten die Tur­ner zuguns­ten des W.H.W. öffent­li­che Vor­füh­run­gen auf Stra­ßen und Plät­zen, die H.J. spiel­te — es war ein Leben! Wir gin­gen wei­ter nach dem Bahn­hof zu, Mut­ter hat­te ihre Hoch­zeits­schu­he an, sie konn­te nicht mehr heimlaufen!

Sport und Bewe­gung in der HJ. Foto 1933, DBa Bild 133–033, CC BY-SA gemeinfrei.

Im Bahn­hofs­re­stau­rant mach­ten wir Kaf­fee­sta­di­on [sic: Kaf­fee­sta­ti­on], mit selbst­ge­ba­cke­nem Gast­wirts­ku­chen. Die Mar­ken hat­te ich schlau schon vor­her ein­ge­steckt! Es war net­ter Fami­li­en­ver­kehr dort, es ist da über­haupt schön, wenn man drau­ßen sit­zen kann. Musik auf [Scha]llplattenübertragung. Wir saßen etwa 1 1/2 Stun­den und mit dem Zug um […][,] D[-]Zug Linie Chem­nitz — O.!, fuh­ren die bei­den Stroh­wit­wen wie­der heim. Um 7 lang­ten wir zu Haus [sic] an. Das war unser Sonn­tag. Ich hät­te Dich so gern dabei­ge­habt! Ich hat­te eine Sehn­sucht nach Dir, Liebster!

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HJ-Spiel­fi­gur, Pup­pen­mu­se­um in Rie­den am Forg­gen­see, ca. 1935, Foto Richard Huber, 06.2010, lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Nun ging’s [ging es] an’s [an das] Abend­brot. Vater war noch nicht heim. Mut­ter strick­te die Kugel noch zu Ende an Dei­nen Pull­over­är­mel und ich näh­te sie zu und näh­te sie ein. Nun ist er fer­tig. So sehr erschre­ckend sieht er gar­nicht [sic] aus, fin­de ich. Der lie­be [M]ann soll ent­schei­den! Ich schi­cke ihn heu­te noch weg, will aber ger­ne noch etwas Besond[e]res mit hin­ein­ste­cken und heu­te vor­mit­tag hat­ten besag­te Geschäf­te kei­nen Ver­kauf, erst ab 3°° nach­mit­tags. Hof­fent­lich mach ich einen Fang.

Um 8 abends am Sonn­tag kam die Ilse S. noch mal [sic] zu Besuch. Sie hat­te sich so sehr über mei­ne Blu­men gefreut und mei­ne Glück­wün­sche, daß sie mir gleich um den Hals fiel und sich bedank­te. Sie hat­te kei­ne Ruhe und muß­te sich eher bedan­ken, als erst am Don­ners­tag in der Sing­stun­de. Sie war noch bis ziem­lich [sic] 11 Uhr da. Ich brach­te sie heim, weil es so fins­ter war und sie sich fürch­te­te. Der Vater kam mit dem letz­ten Zug und wir gin­gen gleich zusam­men zurück.

So ver­ging der Sonn­tag, und ich konn­te Dir nicht mal schrei­ben. Ob Du wohl nun ohne Auf­sicht aus­ge­hen kannst?

Herrn G. traf ich, in Zivil — er ist von einer Aus­bil­dung aus Dres­den zurück — ich soll Dich recht viel­mals von ihm grü­ßen. Er frag­te mich, wie es ist, das Ver­hei­ra­tet­sein! Ließ mich dabei nicht einen Moment aus den Augen, so ein Luder. Ich sag­te ihm, daß ich über­haupt noch nichts davon erzäh­len könn­te, ehe ich mir ein Urteil dar­über bil­den könn­te[,] hät­ten ’sie’ Dich weg­ge­holt, nun sei es wie­der wie erst.

Ich tue ihm im der See­le leid, so jung und allein. Dabei lach­te er ganz ver­schmitzt. Na, die stil­len O.er, das sind mir schon die rechten!!

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Nach­her, wenn Mut­ter heim­kommt, wol­len wir nach M.. Sie will zum Schnei­der, Man­tel anpro­bie­ren. Ich will den von Ame­ri­ka (schwarz-weiß) machen las­sen, sel­ber krie­gen wir kein rech­tes Geschick rein. Und ich brau­che etwas für Wochen­tags [sic] im Win­ter. Mei­ne bei­den Män­tel muß ich noch­mal für gut anzie­hen. Jetzt kau­fe ich mir kei­nen neu­en. Bei Oma will ich mal nach □ [Wür­fel-] Zucker [sie­he Bild] fra­gen, für Elfriede!

Der bra­ve Sieg­fried schrieb schon. Wenn das wahr wür­de, mit dem Frie­den! Uns[e]re Punkt­kar­ten sind ein­ge­trof­fen. Der gute Papa gibt sei­ne Punk­te[,] damit ich Dei­ne schö­ne Jacke holen kann! Ich freu[e] mich, Du. Nun will ich noch stri­cken; graue Müff­chen, für mein Lieb! Ich bin wie­der ganz gesund und mun­ter, Du! Ich hab[e] ein Geheim­nis, Liebs­ter! In 3 Wochen, oder 4 Wochen wirst Du es wis­sen. Ob es Dich freut, wie gern wüßt[e] ich’s [ich es] schon heut!?

Herz­al­ler­liebs­ter! Behü­te Dich Gott auf allen Wegen! Bleib gesund!

Ich lie­be Dich von gan­zem Her­zen, Du! Du!

Ich blei­be in Treue ganz

Dei­ne [Hil­de].T&Savatarsm

Plea­se fol­low and like us:
23. Sep­tem­ber 1940

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