21. September 1940

[400921–1‑2]

Sonn­abend den 21. Sep­tem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te, Du mei­ne lie­be [Hil­de]!

Zug von Wehrmachtssoldaten im 2. Weltkrieg
Zug von Wehr­machts­sol­da­ten, um 1940, Autor W. Hans­ke, über Man-ucom­mons, lizen­ziert unter Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Ich habe mich bei­sei­te­ge­stoh­len, sit­ze drau­ßen und las­se mir die Son­ne auf den Buckel schei­nen. Ich will Dir jetzt eini­ges von den Kame­ra­den auf der Stu­be erzäh­len. Wir lie­gen also 19 Mann auf der Stu­be. Unser Johann ist am Mitt­woch zurück­ge­kehrt. So, nun will ich mal der Rei­he nach gehen, mal sehen wie weit ich kom­me. Der Rei­he nach, das ist der Grö­ße nach. Mit uns[e]rer Stu­be bil­den wir eine Grup­pe, drei Grup­pen bil­den einen Zug, 2 Züge eine Kom­pa­nie. Jede Grup­pe hat einen Grup­pen­füh­rer oder Kor­po­ral, das ist für uns Feu­ers­werks­maat D.. Dazu noch einen Exer­zier­ge­frei­ten. Das ist bei uns ein baum­lan­ger, gut­mü­ti­ger Kerl, Tisch­ler­sohn aus Schles­wig, R. mit Namen. Auf einem Bil­de wird er gele­gent­lich mit erschei­nen. Also, ich begin­ne nun. Nr. 1 H. aus Zit­tau, sei­nes Zei­chens ein Lebens­mit­tel­klein­händ­ler, ich glau­be 05 gebo­ren, schon ein Grau­kopf, ein Rund­kopf mit Hen­kel­oh­ren, plat­ter Nase, ein gut­mü­ti­ger Mensch, viel­leicht ein wenig klein­lich ^und Haus backen. In Stral­sund war er für ein paar Tage unser Stu­ben­äl­tes­ter. Er teilt die Ratio­nen, Wurst, Käse, But­ter. Die­ses Amt macht ihm nie­mand strei­tig, und er ver­sieht es mit der ^wich­ti­gen Gewis­sen­haf­tig­keit eines Krä­mers. Nr. 2 N., Ver­si­che­rungs­agent, eben­falls aus Zit­tau, jetzt unser Stu­ben­äl­tes­ter, etwas recht­ha­be­risch, mit der Wen­dig­keit eines Advo­ka­ten ver­sucht er stets recht zu behal­ten. Nr. 3 Z., Rei­sen­der in Ölen und Fet­ten aus Baut­zen, gebür­ti­ger Ber­li­ner, bedient sich sei­ner “schö­nen” Mut­ter­spra­che auch im täg­li­chen Umgang, eine statt­li­che, kor­pu­len­te Erschei­nung, ein Genuß­mensch, besucht täg­lich die Kan­ti­ne, schnäp­selt dazu noch aus einer Pri­vat­fla­sche, erhält oft gro­ße Pake­te mit jetzt aller­hand raren Sachen, als die sind Sala­mi­wurst, oder bes­te Bon­bon­nie­ren, ich muß an Dei­nen Onkel M. den­ken, er hat anschei­nend auch viel Geld, hat zum Berg­fest meh­re­re Run­den gege­ben und zu mei­nem Ver­wun­dern von sei­nen Kost­bar­kei­ten frei­ge­big aus­ge­teilt. Zu die­sem Men­schen könn­te ich abso­lut kein Ver­hält­nis fin­den.  Nr. 4 F,^S.. ein typi­scher Dresd­ner, dau­ernd ein wenig muckend und rai­son­nie­rend, von schlap­per Hal­tung, die ihm man­cher­lei Schwie­rig­keit ein­trägt, dazu hat er einen Knie­scha­den, wenn er was ver­hau­en hat, ist er sofort dabei, sich zu recht­fer­ti­gen. Nr. 5 S., Finanz­be­am­ter aus Hel­lerau, mein rech­ter Neben­mann, eine Type, ein Schalk, wir necken uns manch­mal. Beim Exer­zie­ren müs­sen wir ein­an­der kom­man­die­ren. Die­se dienst­li­che Pflicht dehnt er dann gern auch auf die Frei­zeit aus. Ges­tern kos­te­te ihn die­se Necke­rei eine Ehren­run­de um den Kaser­nen­platz. Er glaub­te sich unbe­ob­ach­tet und stell­te sich kom­man­die­rend vor uns[e]re Grup­pe. Aber der D. hat­te es doch bemerkt. S. ist Jung­ge­sel­le, er begreift nicht, was wir ein­an­der immer zu schrei­ben haben. Wenn er nur wüß­te, daß ich ihn jetzt abma­le für Dich. Nr 6 ein gewis­ser [Nord­hoff], sei­nes Zei­chens ein Leh­rer, ein wenig Außen­sei­ter, raucht nicht, trinkt nicht, geht abends phi­lo­so­phie­rend über den Exer­zier­platz, ganz jung ver­hei­ra­tet, Sensation[sic]! mit einer 20 Jäh­ri­gen, aus den Flit­ter­wo­chen zu den Sol­da­ten geholt, emp­fängt fast täg­lich Kost von sei­ner jun­gen Frau, und wenn man ihn sieht, dann schrei­bend — an sei­ne jun­ge Frau, na, kein Wun­der, nach 6 Wochen hat man sich noch man­cher­lei zu sagen, gleich zu Beginn erhielt er einen Brief von 14 Seiten!,[sic] sonst ist er ein stil­ler, etwas schweig­sa­mer Jun­ge, stil­les Wasser![sic] ein guter Kame­rad mit stets gleich blei­ben­der Mie­ne, scheut sich vor kei­ner Arbeit, lächelt auch noch, wenn er abkom­man­diert wird, das Schieß­haus zu säu­bern, er ist unser Feu­er­mann, und wenn alles in der Koje liegt, steht er noch ein­mal auf, und öff­net die Fens­ter, und alle respek­tie­ren zufrie­den schmun­zelnd die­ses fei­er­li­che Amt. Nr. 7 M., aus Zwi­ckau, ein wei­cher, unsol­da­ti­scher Mensch, schlecht gebaut, was ihm viel Schwie­rig­kei­ten ^macht , dazu zag­haft und ängst­lich aber sehr gut­mü­tig, er ist dau­ernd dran beim Exer­zie­ren. Nr. 8 K., eine behaar­te, mann­ba­re Erschei­nung, aus der Eif­fel gebür­tig, wohn­haft in W., an der Arbeit in G. bei B., also dem Ort mei­ner ers­ten 6 jäh­ri­gen Wirk­sam­keit, er hat sich das Rol­len schon ganz schön ange­wöhnt, ein recht gut zu lei­de­ner, lie­bens­wür­di­ger Kame­rad. Nr. 9 F. aus E., etwas dick­lich und bequem, läuft stets etwas gedrückt umher, anleh­nungs­be­dürf­tig, ganz von selbst hält er sich manch­mal an mich, nennt mich als ein­zi­ger [Roland], was mir ganz wun­der­lich vor­kommt. Nr. 10 H., aus P., Teil­ha­ber des väter­li­chen Holz­ver­ar­bei­tungs­wer­kes, gut gestellt, hat einen erstaun­li­chen Gesichts­kreis und gutes Urteil, wenn mir die­ses etwas pap­pi­ge, schnodd­ri­ge Dresd­ner Deutsch nicht wäre! Mit ihm kann man sich auch mal über etwas ablie­gen­de Pro­ble­me unter­hal­ten.

Das mag mal für[‘]s ers­te genü­gen. Die übri­gen mal ich Dir [ein] ander[n]mal ab. Es ist Sonn­tag­vor­mit­tag. Ein herr­li­cher Sep­tem­ber­tag, ein Nach­som­mer­tag kün­digt sich an. Eben haben wir erfah­ren, daß es heu­te wie­der Aus­gang gibt nach dem Mit­tag bis abends 18 Uhr.

Lie­bes, treu­es, Herz! Ges­tern abend schon kam dein lie­ber Sonn­tags­bo­te. In der Sing­stun­de warst Du, hast höf­lich und mit Abstand die zudring­li­chen und neu­gie­ri­gen Bli­cke abge­wehrt. Recht so. Zur nächs­ten Sing­stun­de wer­de ich einen Kar­ten­gruß schi­cken. Was für hohen Besuch Du da emp­fängst! Steht da etwa irgend­wie ein Pfer­de­fuß her­aus? Mit­glied­schaft im christ­li­chen Frau­en­dienst? Ich bin gegen jede Ver­eins­meie­rei der Kir­che. Sie ist nichts­des­to­we­ni­ger ein not­wen­di­ges Übel, und wo die Umwelt zu einem Bekennt­nis her­aus­for­dert, wird man nicht nun umhin kön­nen, bei­zu­tre­ten. Für uns liegt dazu gegen­wär­tig kei­ner­lei Ver­an­las­sung vor. Das bringt mich gleich auf ein paar geschäft­li­che Hin­wei­se:

1) Bald ist der Monats­ers­te:  Lebens­ver­si­che­rung auf der Post ein­zah­len. 2) 2. Rate Ehe­stands­dar­le­hen.

Hast Du Herrn H. den Rest auf uns[e]re Auf­la­gen schon geschickt? (Post­an­wei­sung). Ich besin­ne mich im Augen­blick weder genau auf den Preis noch auf uns[e]re letz­te Abzah­lung noch auf die Rest­sum­me. Viel­leicht hast Du die Zah­len im Gedächt­nis behal­ten.

Du fragst nach mei­ner neu­en Braut.

Das Gewehr 98 wur­de im Jah­re 1898 als kriegs­brauch­ba­re Waf­fe in Heer und Mari­ne ein­ge­führt. Es ist eine gute Schuß­waf­fe und Hieb­waf­fe und in Ver­bin­dung mit dem Sei­ten­ge­wehr eine brauch­ba­re Stich­waf­fe.”  Hast Du’s [sic: Du es] nun mit­ge­kriegt? Das ist des Sol­da­ten Braut:  Vor­sicht, ich krat­ze, bei­ße und spu­cke! Auf die brauchst Du nicht eifer­süch­tig zu sein.

Wenn wir das Ding nun auch in- und aus­wen­dig ken­nen, ich bin froh, wenn ich es in den Gewehr­schrank stel­len kann[.]  Es wiegt 9 Pfund  und ist mei­ner leich­ten, locker[e]n Hand zu schwer. Aber der Num­mer nach ist es wohl die rech­te Braut: 5813.

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Leucht­turm in Kiel-Hol­ten­au, Autor Uphoff­He, lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Herz­lie­bes! Du hast mir so oft geschrie­ben und soviel geschickt die­se Woche! Ich dan­ke für alle Lie­be, die Du mir damit erweist. Ich erse­he dar­aus, das Du mich so suchst wie ich Dich, daß ich Dir feh­le wie Du  mir, daß Du Dich sehnst wie ich mich nach Dir. Bei Dir ist mei­ne Hei­mat, mei­ne Freu­de, alle Schön­heit und Süßig­keit, Du! Alles Pla­nen und Wei­ter­le­ben ist nicht denk­bar ohne Dich! Ich bin glück­lich, daß Du mich fest­hältst, ganz fest, Du! Und ich mag Dich nim­mer­mehr las­sen, mag nur bei Dir sein, mag mir in Dei­nen Armen ruhen. Herz­lie­bes! Nun ist aus Mor­gen und Abend wie­der ein Tag gewor­den. Er hat gehal­ten, was der Mor­gen ver­sprach. Ein­zel­ne Hau­fen­wol­ken segel­ten über den Him­mel, Alt­wei­ber­som­mer flog durch die Luft, die ein wenig frisch und herbst­lich vom Mee­re her­über­strich. Ihm galt mein Besuch heut[e] nach­mit­tag. Es [er]gab sich, daß ich ganz allein los­schlen­der­te [sic: los schlen­der­te], es war mir lieb. Das Meer über­rasch­te mit einem sel­te­nen Anblick: glatt und eis­blau, dun­kel­blaue Sträh­nen und Bah­nen [^]drin, zum frie­ren, aber schön, unir­disch schön, ich lie­be die­sen Anblick, zumal, wenn sich das Meer absetzt gegen die müt­ter­li­che Erde, gegen den ragen­den Wald. Das Rät­sel der Ele­men­te die­ser Erde schaut uns nir­gends frei­er und deut­li­cher ent­ge­gen. Mit Dir in fried­li­cher Feri­en­zeit hier zu wan­deln, was könn­te ich mir lie­be­res wün­schen? Das Ziel mei­nes Aus­flugs war der Leucht­turm, am Ein­gang der Kie­ler Bucht gele­gen. Zum Leucht­turm gehört eine klei­ne Wirt­schaft. Kaf­fee und 1 Stück Apfel­stru­del, mehr gab es nicht. Ja, und nun bin ich wie­der Heim­wärts gedu­selt, allein, ich hat­te nicht Lust mich zu ande­ren zu gesel­len. Ach Liebs­te, so müs­sen wir nun wie­der getrennt, [sic] lau­fen, der Gedan­ke nähert sich so rasch, es sei ver­lo­re­ne Zeit, und es ist doch Unrecht, so zu den­ken. Das sagt ja auch unser Trau­spruch.

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Box­ka­me­ra Zeiss Ikon Bal­dur, nach Bal­dur von Schi­rach. Unter Sol­da­ten in den Ope­ra­ti­ons­ge­bie­ten waren auch klei­ne­re Hand­ka­me­ras beliebt, um den Krieg in Bil­dern für spä­ter und für die Daheim­ge­blie­be­nen zu kon­ser­vie­ren. Foto 02.2005, Autor Wiki­se­ar­cher, lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Ein Bild kann ich Dir heu­te bei­le­gen auf die Gefahr hin, daß Du davon ent­täuscht bist. Vori­gen Sonn­tag erschien ein Pho­to­graph und hat die gan­ze Kom­pa­nie mit sei­ner Kunst beglückt, für unse­ren Trup­pen­aus­weis brau­chen wir sol­ches Bild. Heu­te ist die gan­ze Kaser­ne voll Geschimp­fe über die­sen Stüm­per. Etli­che Kame­ra­den haben die Bil­der gleich zer­ris­sen. Ich bin nicht ganz unzu­frie­den damit. Und bis ich Gele­gen­heit habe, ein neu­es zu erhal­ten, mußt Du Dich mit die­sem begnü­gen. Es ist nicht ganz unwahr. Ich habe ganz fest an Dich gedacht, als ich so Modell saß. Etwas von der Här­te ist drin, auf die ich Dich schon vor­be­rei­te­te.

Bundesarchiv Bild 101III-Schilf-003-24, Polen, Ghetto Litzmannstadt, Bewohner, PK-Fotograf.jpg
Auch die Wehr­macht bil­de­te Foto­gra­fen unter den Sol­da­ten pro­fes­sio­nell aus. Hier: SS-Pro­pa­gan­da­kom­pa­nie-Bild­be­rich­ter, Polen, Ghet­to Litz­mann­stadt, 1940. DBa, Bild 101III-Schilf-003–24 / Schilf / CC-BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

 

Herz­al­ler­liebs­te! Nun will ich mein Schrei­ben schlie­ßen, nicht ohne Dir zu sagen, daß ich Dich von gan­zem Her­zen lieb­ha­be. Manch­mal den­ke ich, wie das ein­mal anders zu sagen wäre; aber vor die­sem Geheim­nis, vor die­ser Gewalt, ver­sa­gen die Wor­te. Dann stei­gen nur die Tage unse­res Glü­ckes auf, des glück­li­chen Wan­delns Sei­te an Sei­te, die trau­li­chen Stun­den der Erho­lung, des Ratens und Pla­nens, und Liebs­te, die süßen Stun­den in Dei­ner Nähe. Und mit die­sen Bil­dern die Sehn­sucht nach ihrer Wie­der­kehr, mit der Sehn­sucht nach Dir, Herz­lieb!

[Du] Darfst nicht zu schwarz sehen mit dem Urlaub. Wenn nicht bis, so doch bestimmt zu Wei­n­ach­ten, Herz­lie­bes, wenn wir über­haupt ein­mal Rech­nun­gen anstel­len wol­len. Wenn ich nur erst ein­mal an mei­nem vor­läu­fi­gen Bestim­mungs­ort bin, will ich schon auch noch nach ande­ren Mög­lich­kei­ten Aus­schau hal­ten. Man­cher­lei kann dazu noch von der poli­ti­schen Ent­wick­lung abhän­gen, schnell kann irgend­ei­ne Ent­schei­dung her­an­rei­fen. Und dann wol­len wir nicht ver­ges­sen, unse­rem guten Stern zu ver­trau­en und uns dar­an zu hal­ten, daß es kommt, wie Gott es haben will.

Ich aber will mich bis dahin mit der Freu­de trös­ten, daß ich Dich habe, daß Du mir bleibst, mein teu­res Weib, mei­ne lie­be, treue Frau, mein Schatz, mein Reich­tum, mein ein und alles, daß über dem Wan­del und der Unrast die­ser Tage fest und uner­schüt­ter­lich un[se]re Lie­be steht, über der Gott schüt­zend sei­ne Hand hal­ten möge! Gott behü­te Dich auf allen Wegen! Blei­be froh und gesund. Ich küs­se Dich, Du! Ich lie­be Dich von gan­zem Her­zen!

Ich bin ganz Dein heu­te und immer!

Dein [Roland].T&Savatarsm

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