20. September 1940

[400920–2‑1]

Frei­tag, am 20. Sep­tem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Du, mein lie­ber, lie­ber, [Roland]!

Coastline of the Baltic Sea in Kołobrzeg and historical lighthouse.
Kolo­brzeg, Küs­te und Leucht­turm, Foto 2012, Autor Kapi­tel, CC0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Bei uns herrscht heu­te so ein tol­ler Sturm, daß ich oben in mei­nem Dorn­rös­chen­schloß fast mei­ne, er müß­te mich aus­he­ben. Wenn ich jetzt so still sit­ze, bebt alles unter mir; das wird wie­der eine unru­hi­ge Nacht geben, bei dem Schie­fergeklap­per. Möch­te mal den See­gang bei die­sem Sturm erle­ben.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Ach, ich darf gar­nicht [sic] dar­an den­ken, ich erleb­te damals in Kol[b]erg ein paar herr­li­che Aben­de, an denen das Schau­spiel des Wel­len­gan­ges so schau­rig schön anzu­se­hen war. Ganz drau­ßen auf dem See­steg stand ich — kei­nen Men­schen brauch­te ich um mich — eine ganz eige­ne Spra­che spricht das Meer zu einem. Unver­geß­lich ist mir die­ses Erle­ben. Ich ver­ges­se dann alles um mich her — es ist schon so, ich füh­le mich irgend­wie ver­bun­den mit dem Was­ser, ich lie­be es auch. Und wenn ich zurück­den­ke, so erin­ne­re ich mich noch ganz deut­lich, wie ich da drau­ßen ein­sam stand und dach­te, es muß gar­nicht [sic] furcht­bar sein, hier [d]rinnen zu ster­ben; das Rau­schen hat solch eige­ne Melo­die, sie ist so ver­traut, sie lockt. Ich weiß nicht, ob ich allein das nur emp­fin­de. Wenn [sic] wird Frie­den sein, Liebs­ter! Wenn wir Dei­ne, unse­re Feri­en wie­der gemein­sam ver­le­ben dür­fen, ich möch­te so ger­ne mit Dir noch ein­mal das Meer erle­ben. Nicht in einem Bade­ort, wo die Welt sich immer wie­der in den Vor­der­grund drängt[.] Ein klei­nes, stil­les Dörf­chen müß­te es sein, wo man sich ganz natur­ver­bun­den fühlt. Wür­dest Du die­sen Wunsch mit mir tei­len?

Jetzt steht das alles noch wie ein Traum vor uns, doch ich bin fes­ten Glau­bens, daß wir einer glück­li­chen Zeit ent­ge­gen­le­ben, nach die­sem Krie­ge, daß wir ein­an­der wie­der ganz leben [sic] kön­nen. Selbst wenn wir dann doch hier und da Ent­täu­schun­gen erle­ben müß­ten, die uns[e]re Plä­ne wie­der kreu­zen. Wenn wir, die Jun­gen, nicht Hoff­nung haben und Glau­ben hal­ten wol­len, wer soll­te es dann?

Jugend um hitler.jpg
Jugend um Hit­ler, Buch­co­ver von Hein­rich Hoff­manns Buch aus dem Jahr 1934, zuse­hen ist auch Reichs­ju­gend­füh­rer B. von Schi­rach, lizen­ziert unter Fair Use über Wiki­me­dia, 09.2015.

Die Alten, die den kaum ver­wun­de­nen, ver­gan­ge­nen Krieg und das gegen­wär­ti­ge Gesche­hen fast nicht zu ertra­gen ver­mö­gen, um noch hoff­nungs­vol­le, fro­he Tage in ihrem Leben zu ver­zeich­nen?, [sic] sind ach [sic] mir zu vie­le unter uns, von denen wir kei­nen Ansporn zu Tat­be­reit­schaft erhal­ten. Sie leben ihr Leben und erwar­ten nichts mehr von ihm. Das ist doch furcht­bar trost­los und trau­rig.

Wir Jun­gen, die wir noch ein gan­zes Leben vor uns haben, wir wol­len es mit allen Sin­nen in uns auf­neh­men. Wir wol­len gefaßt sein auf alles, was da kom­men will. Und wir müs­sen es auch, wir alle im Volk.

Nur mit Lebens­mut und ‑Wil­len [sic] ist es mög­lich, die Zeit zu ertra­gen, die jetzt ist und die kom­men wird.

Bundesarchiv Bild 183-H11954, Nürnberg, Reichsparteitag, Turnvorführung
Nürn­berg, Reichs­par­tei­tag, Turn­vor­füh­rung am ‘Tag der Gemein­schaft’, 8.9.1938, Foto­graf unbe­kannt, DBa Bild 183-H11954 / CC-BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
So wie jeder ein­zel­ne sein künf­ti­ges Leben in der Ehe, in der Fami­lie vor sich sieht, auf eine beson­de­re Stu­fe gestellt und wie er sich dar­um müht, es Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen, wie er dar­um kämpft, wie er auch opfern muß — so ist es auch auf das Gro­ße, Gan­ze ges[eh]en mit unse­rem Volk, mit Deutsch­land. Nur wer das alles mit wachen Augen mit­er­lebt, kann sei­ne Auf­ga­ben sehen, kann Schaf­fens­kraft fin­den — kommt über­haupt nicht dazu, resi­gniert dem Trei­ben zu zuse­hen, ohne Hoff­nung auf bes­se­re Zei­ten.

Ach Du! Wenn wir Frau­en doch nicht phi­lo­so­phie­ren woll­ten.

Aber ich den­ke das so und ich muß­te Dir’s [sic: Dir das] eben schrei­ben.

Viel­leicht lachst Du mich aus, ob die­ser Weis­heit, die mir sonst auch gar­nicht [sic] steht. Aber von Dir will ich’s [sic: ich es] mir schon mal gefal­len las­sen. Du!

Ges­tern abend ging Dei­ne Frau also zum ers­ten Male allein aus. Sing­stun­de. Es war schön, ja. In der ‘Ger­ma­nia’ dies­mal. Alle waren erschie­nen, flott geübt wur­de, u.a. “Herr ich habe lieb die Stät­te dei­nes Hau­ses” [Hein­rich Göt­ze][;] es war mir eine rich­ti­ge Freu­de, die guten, alten Gesän­ge unse­rer Alt­meis­ter zu erle­ben. Einen weni­ger welt­li­chen ‘Kan­tor’ brauch­ten wir nur! Aber alle Ach­tung!

Es war ges­tern nichts zu tadeln an ihm. Er war gut bei der Arbeit. Weil Voll­mond war und somit nie­mand eine Aus­re­de [ge]brauchen konn­te (es war so fins­ter, ich konn­te nicht kom­men u.s.w.) [ve]rsammelte er uns alle und leg­te uns noch­mals per­sön­lich ans Herz, der kom­men­den Fes­te hal­ber, bit­te ganz regel­mä­ßig [zu] kom­men. Zur Beloh­nung (so schien es mir) gab es beleg­tes Brot und Geträn­ke frei, bis zu 1.50 M[ark] zusam­men. Eine Über­ra­schung. Die kom­men­den Aben­de fin­den wie­der im Pfarr­hau­se statt, aber geplant nur 1 Stun­de und ohne Pau­se. Mir ist das recht. Die ander[e]n kön­nen ja immer­hin jedes­mal zu Café F. schwen­ken. Wenn nichts wei­ter vor­kommt was mich abstößt, will ich mit­sin­gen, das heißt, wenn ich nicht gera­de in K. [bi]n an den Fes­ten der Kir­che. Herr G., der Vor­stand, hob mich [ein] paar­mal lobend her­vor in sei­ner Rede und bezeich­ne­te mich als uns[e]re ‘treue Frau [Nord­hoff]’ und er freue sich recht sehr, daß ich dem Ver­ein wie­der die­nen will. Der alte Mehl­sack! Herr H. (Schmeich­ler, der) begrüß­te mich auch beson­ders und gab sei­ner Freu­de Aus­druck. Von die­sen bei­den Her­ren soll ich Dich beson­ders herz­lich grü­ßen! Von allen übri­gen lege ich Dir die Unter­schrif­ten bei. Sie woll­ten durch­aus [sic], daß ich Dir eine Kar­te schrei­be. Viel­leicht woll­ten sie her­aus­be­kom­men, ob ich jetzt nun ein Grad herz­li­cher schrei­be, als frü­her, dar­über reg­ten sie sich doch immer so auf. Na, ich hab[‘] mein Bes­tes getan. Ich ver­mu­te das nur, weil im Lau­fe des Abends doch immer mal ein Bro­cken geflo­gen kam, der auf unser Ver­traut­sein abziel­te. Von­sei­ten W.! Ich über­hör­te das völ­lig, ich hab[e] über­haupt vor­ge­zo­gen, einen ganz beträcht­li­chen Abstand zu wah­ren gegen alle. Bei aller Freund­lich­keit und Höf­lich­keit. Es führt zu nichts Erquick­lichem, anders her­um. Sonst waren alle sehr nett zu mir. Dora P. war ver­reist, in Dres­den Ver­wand­te besu­chen. Der Abend ver­lief gemüt­lich und nach 1100 ging’s heim. Ilse S. brach­te mich nach Haus[e.] Sie hat heu­te ihr 20 jäh­ri­ges Bestehen als treu­er Haus­geist bei G.! Ich schick­te ihr einen Blu­men­strauß und eine Glück­wunsch­kar­te; ich kann mich so gleich am bes­ten mal abfin­den für alle ihre Gaben, die sie mir schon brach­te.

Schrei­be der Kan­to­rei nur mal, wenn Du [ein] bis­sel [biss­chen] Zeit hast u.[nd] Lust! Die sind mäch­tig stolz d[a]rauf. Aber von der mir zuge­dach­ten Zeit darfst Du nichts abtre­ten, Du!!

Ich hör­te[,] daß man Ansichts­kar­ten nicht als Feld­post schi­cken darf, ich lege sie Dir bei. Die jun­gen Mädels schrei­ben ihren Sol[da]ten auch im Umschlag.

Vor­ges­tern gegen Abend besuch­te mich Frau Dok­tor T.. Nach­träg­lich brach­te sie mir ein Hoch­zeits­ge­schenk, eine schö­ne Kera­mik­scha­le mit Füßen, sieht gut aus. Und von ihrer Mut­ter, der alten Frau M., brach­te sie eine nied­li­che Mok­ka­tas­se. Ich war erstaunt. Sie ken­nen mei­ne Eltern gut. Und auch weil Vater frü­her bei M.’s Pfört­ner war.

Aber es wird wohl auch die Neu­gier­de sie her­ge­trie­ben haben, den­ke ich. Wie ich in der Pfarre[i] war, hat­te ich öfter mit ihr zu tun. Sie ist Lei­te­rin des christ­li­chen Frau­en­diens­tes. Und sie hat vom Pfar­rer erfah­ren, daß ich hei­ra­ten will.

Sie ist aber sonst eine sehr net­te Frau. Du kennst sie ja auch[.] Ihr Mann ist Adju­dant in Polen.

GeneralgouvernementKarte1940.png
Gene­ral­gou­ver­ne­ment, Kar­te 1940, Autor XrysD, lizen­ziert unter CC-BY-SA 4.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Es gefiel ihr so bei uns und sie woll­te alle Zim­mer sehen, wie eine Pup­pen­stu­be, mein­te sie; sowas wäre recht eine Woh­nung auf das Alter hin. Naja, es sah eben auch gera­de mal schön bei mir aus, ich hat­te alles geflim­mert [sic] und gedeckt u.[nd] Blu­men auf den Tischen. Wenn ich doch [n]achmittags bloß schrei­be, wird auch nischt [sic: nichts] schmut­zig, was? Eine Bekann­te schenk­te mir noch eine Sam­mel­tas­se und es haben sich immer noch 2 ange­mel­det.

Es geht nun wie­der auf 5 Uhr. Papa steht auf. Es reg­net jetzt. Ich bin ganz fer­tig mit Rei­ne­ma­chen. Mor­gen wol­len wir die Bet­ten frisch bezie­hen und Mama hät­te sie ger­ne noch­mal [sic: noch ein­mal] hin­aus gehängt bei dem Wind, ehe es Win­ter wird. Nun wird’s [wird es] wohl wie­der eine Wei­le reg­nen, der gan­ze Him­mel ist zu. Dei­ne Ärmel Du! Ich hab[e] Angst, daß Du den Pull­over gar­nicht [sic] [an]ziehst. Durch das Garn­tei­len sind die Far­ben immer um eine Nuan­ce hel­ler nach oben. Schämst Du Dich da? Mußt ihn unten drun­ter [sic: unten­drun­ter] zie­hen, damit ihn kei­ner sieht. Aber es ging auch nicht anders, beim bes­ten Wil­len nicht. Wenn wir so gestrickt hät­ten wären nur 3/4 Ärmel d[a]raus gewor­den[.] Das ist gleich gar­nichts [sic]. Es ist eben kein neu­es Stück. Und im Som­mer tren­ne ich sie wie­der raus. Wenn Du ihn so nicht tra­gen magst, schi­cke ich Dir die schö­ne Jacke. Zum Spott sollst Du mir nicht lau­fen! Na, Du wirst selbst ent­schei­den, wenn Du ihn siehst.

So, nun wüß­te ich im Moment nichts wei­ter zu erzäh­len. Muß den Boten noch abschi­cken, damit Du ihn Sonn­tag in [den] Hän­den hast, Du, mein Lieber!.[sic]

Was ist [ein] Gewehr 96 [sic: Gewehr 98]? Ist das Dei­ne Braut?

Schu­he habt Ihr bekom­men, Män­tel? Na, und Urlaub??

Ich freue mich, bald wie­der von Dir zu hören, Liebs­ter!

Sonn­abend, Sonn­tag, wenn die Post gut ging, bekommst Du die bei­den Päck­chen.

Schokakola 1941.jpg
Eben­falls als Sol­da­ten­drops bekannt: soge­nann­te Pan­zer­scho­ko­la­de, die auf Basis von Per­vi­tin leis­tungs­stei­gernd wirk­te. Autor Jan Wel­len, lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Vater freut sich auf sein Geschenk, Du! Da hast Du bei ihm einen Stein im Brett! Und ich will die ange­kün­dig­ten Sol­da­ten­drops mit Ver­stand kna­cken, red­lich geteilt mit Mut­tern! Behalt nur Dir auch etwas zurück, damit Du [ein] bis­sel [sic: biss­chen] mit dem Mun­de wackeln kannst!!

Herz­al­ler­liebs­ter! Du, mein [Roland]!

Einen fro­hen Sonn­tag wünsch[e] ich Dir.

Ich bin in Gedan­ken immer bei Dir, ich hal­te Dich ganz, ganz fest, Liebs­ter! Wie so glück­lich ward ich inne, auch ganz deut­lich ges­tern abend unter den Men­schen, wie reich und froh und selig mich Dei­ne treue Lie­be macht.

Du bist mein gan­zes Glück, mei­ne Freu­de, mein Stolz!

Ich lie­be Dich! Du! Herz­al­ler­liebs­ter mein!

Behü­te Dich Gott auf allen Dei­nen Wegen!

In ste­ter Treue

Dei­ne [Hil­de].

Die Eltern wün­schen Dir einen schö­nen Sonn­tag und grü­ßen Dich recht herz­lich!T&Savatarsm

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