19. September 1940

Bundesarchiv Bild 183-R99542, München, Judenverfolgung, Michael Siegel.jpg
Nicht Teil des zukünf­ti­gen Glücks, von dem Roland schreibt: jüdi­sche Deut­sche wie der Münch­ner Rechts­an­walt Dr. Sie­gel waren schon lan­ge aus der ‘Volks­ge­mein­schaft’ aus­ge­schlos­sen, hier März 1933, DBa, Bild 183-R99542 / CC-BY-SA 3.0. Licen­sed under CC BY-SA 3.0 de via Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

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den 19. Sep­tem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Don­ners­tag ist schon wie­der. Mit­tags­pau­se. Es geht eine laue Luft. Ich sit­ze auf mei­nem Sche­mel im Gar­ten und nut­ze die Frei­zeit, Dir zu schrei­ben, denn heut[e] abend drän­gen sich die Geschäf­te wie­der: Kar­tof­fel­schä­len, Kino (Es ist auf heu­te ver­scho­ben wor­den). Neu­es Brief­pa­pier. Ich bekam einen Block in der Kan­ti­ne. Sieg­fried, der gute, schreib­flei­ßi­ge hat mich schon auf­ge­stö­bert in mei­ner neu­en Stel­lung. Er erhielt ges­tern einen lan­gen Brief.

Titelblatt Kriegsmarine Heft 14-1940.jpg
Titel­blatt er deut­schen Pro­pa­gan­da­zeit­schrift ‘Kriegs­ma­ri­ne — Deut­sche Mari­ne-Zei­tung’, Heft 14/ 1940, Scan des Titel­blat­tes von Orik, Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Der Dienst schrei­tet mun­ter vor­an. Ich kann sagen, daß ich ihn mit fröh­li­chem Gleich­mut tue. Ihn nicht erns­ter neh­me, als er ist und mich den not­wen­di­gen For­men doch füge und anpas­se. Schon spricht man von der Besich­ti­gung und vom Abschluß­abend in 8 Tagen. Kaum, daß wir nun Tritt gefaßt haben in die­sem Betrieb, rich­tet sich die Span­nung schon auf den neu­en. Ich habe sagen hören, daß die Abtei­lung 211, der ich ange­hö­re, in Eckern­för­de sta­tio­niert ist. Abwar­ten. Don­ners­tag, da fällt mir eben ein, warst wie­der mal in der Sing­stun­de? Du magst es damit hal­ten, wie Du willst.

Die See­luft hier macht sich in einem guten Hun­ger bemerk­bar. Seit 8 Tagen hat­ten wir kei­nen Alarm mehr, kein Eng­län­der stör­te unse­ren tie­fen Schlaf. Vor 4 Wochen, Herz­lie­bes, fuh­ren wir zu Euch nach O. zurück. Den Abschied bestän­dig auf den Nerfen [sic], ver­leb­ten wir noch 3 schö­ne Feri­en­ta­ge in Eurer lie­ben, ver­trau­ten Ord­nung, im Rhyth­mus der Feri­en­ta­ge, emp­fan­den wir noch ein­mal des­to tie­fer das Glück uns[e]rer Lie­be, den köst­li­chen Schatz gegen­sei­ti­gen Ver­ste­hens und Ver­trau­ens bis ins letz­te, Liebs­te Du, fühl­te und schau­te ich Dich noch ein­mal voll Glück und Freu­de [an] und füll­te so das Herz nur mit dem einen Wunsch und Ver­lan­gen, die­ses Glück zu hal­ten, zu hüten. Es ist mein Kompaß, mein Kurs, dem ich zusteu­re, Herz­al­ler­liebs­te, Du! [Du] Hast wei­nen müs­sen, Du! Und ich hät­te Dir so gern trös­tend zuge­spro­chen, Dir über das Köpf­chen gestri­chen, über die wei­chen, run­den Bäck­chen, Liebs­te! Nun müs­sen wir gedul­dig war­ten, mit den vie­len, vie­len and[e]ren, mit Hell­muth und Sieg­fried, und Du mit Elfrie­de, sie sind alle voll Hoff­nung, daß jeder Tag uns einem bes­se­ren, glück­vol­le­ren Leben näher­bringt. Gott gebe, daß sich die­se Hoff­nung erfüllt.

Bundesarchiv Bild 133-295, Worms, WHW-Eintopfessen.jpg
Sym­bol der Soli­da­ri­sie­rung mit der ‘Volk­ge­mein­schaft’: Ein­top­fes­sen des Win­ter­hilfs­werks, Worms 1938, DBa, Bild 133–295 / CC-BY-SA 3.0. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Ins­ge­heim bau­en wir wei­ter an unse­rem Glück, Herz­lie­bes, Du und ich, u.[nd] spä­ter ein­mal wer­den wir sehen, daß es gut war, wie es kam, daß die­se Zeit nicht ver­lo­ren ist, daß sie uns för­dert. Das dür­fen wir auch hof­fen, wenn wir an das mate­ri­el­le [sic] den­ken. Sieg­fried schreibt, daß wir Ende Okto­ber nur kei­nem Fein­de mehr gegen­über­se­hen wür­den. Weiß nicht, ob sie da drau­ßen in Frank­reich dafür einen Rie­cher haben.

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Infan­te­rie auf dem Marsch. West­front, Frank­reich, Som­mer 1940, Autor Bild­be­rich­ter Bau­er, Pro­pa­gan­da­kom­pa­nie 612, Juni 1940. DBa, Bild 146‑1981-060–03 / Bau­er / CC-BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Herz­al­ler­liebs­te! Die­ser Brief wird Dich am Sonn­tag errei­chen. Wir wer­den Aus­gang bekom­men. Ihr seid zu Dritt wie immer frü­her schon. Und es ist doch anders. Ich bin dabei in den sor­gen­den Her­zen Dei­ner lie­ben Eltern, in Gedan­ken wer­de ich bei Euch sein, und ich bin dabei in Dei­nem Her­zen, Du, lie­be [Hil­de] das weiß ich, und dar­über ist Jubel in mei­nem Her­zen, Jubel und Dank gegen Gott. Er behü­te Dich mir auf allen Wegen!

Auf Urlaub mag ich die­sen Sonn­tag mit in Gedan­ken kom­men, Du! Liebs­te, bin ich unge­zo­gen? Wenn ich auch mal an das Süße den­ke? Das Gärt­lein wird ver­schlos­sen sein, Du! Und das Schlüss­lein? Ach Du, es rührt sich kaum. Und ich käme doch nur zu ger­ne trotz allem, Du! Dich zu sehen, dich zu küs­sen, dich zu füh­len und Dir zu zei­gen, daß ich Dich lie­be über alles in unwan­del­ba­rer Treue!

Dein [Roland]

Halt Dich fein brav und grü­ße die lie­ben Eltern

Herz­lie­bes! Als ich in die Stu­be zurück­kam, lagen da zu mei­ner Über­ra­schung 2 Pake­te, Dein Wäsche­pa­ket und ein Kuchen­pa­ket von heu­te. Sei recht bedankt für Dei­nen Lie­bes­dienst. Wie schön hast Du alles ver­packt, die Wäsche nach der Matro­sen­vor­schrift genau gelegt, daß ich sie nur in den Spind zu legen brauch­te. Die Süßig­keit, auch die geis­ti­ge Kost, und Dein lie­ber Brief, sei recht sehr bedankt für alles! Von [sic] heu­te erwar­te ich ein Nacht­hemd, es war aber nicht drin, will Mut­ter im nächs­ten Brie­fe gleich noch ein­mal mah­nen. Heu­te abend, Herz­lie­bes, emp­fing ich auch noch Dei­nen lie­ben Boten von ges­tern Mitt­woch. So schnell legt er die lan­ge Stre­cke zurück, schnel­ler ist er als zwi­schen L. und S. Nun, da ich mich so gut ein­ge­rich­tet habe, darfst Du [Dir] nur gern allen Kum­mer und alle Sehn­sucht von der See­le schrei­ben, ich wer­de mit­tra­gen. Herz­al­ler­liebs­te! So zar­te Wor­te und wei­che Hän­de, die die­se Zei­len schrei­ben, muß ich nun schon so lang ent­beh­ren. Ich seh­ne mich nach ihnen und auch danach, sel­ber ein wenig zärt­lich zu sein, und nun gera­de in die­sen Tagen. Hal­te Dich schön still und ruhig. Das ist eines der schöns­ten Geschen­ke, das mir unser Bund brach­te, daß ich auch zärt­lich sein darf zu einem lie­ben Men­schen. Was Du so Zar­tes, Heim­li­ches von der Drei­sam­keit sagst, das ist auch mir aus dem Her­zen gespro­chen. Wie­viel Süßig­keit umschließt der Gedan­ke, Dich in Lie­be ein­hül­len zu dür­fen, so wie Du unser Kind­lein ein­hüllst unter Dei­nem Her­zen.

Liebs­te, wie könn­te ich Dir über Dei­ne trü­ben Stun­den weg­hel­fen? Ich bin Dein [Roland]. Ich gehö­re Dir. Du hast mein Leben so unend­lich berei­chert. Wir gehö­ren zusam­men für die­ses Leben.

Gott behü­te Dich mir!

Ich drü­cke Dich zärt­lich an mich, ich küs­se Dich

in gro­ßer Lie­be u.[nd] Treue und blei­be immer

Dein [Roland]T&Savatarsm

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