17. September 1940

The Battle of the Atlantic, 1939-1945 CH1354.jpg
Der Roy­al Navy Zer­stö­rer HMS ANTHONY ret­tet Über­le­ben­de von einem Ret­tungs­boot des SS CITY OF BENARES, das am 17. Sep­tem­ber 1940, getrof­fen von einem deut­schen Mari­ne-U-Boot, sank. Das Schiff hat­te Kin­der von Eng­land nach Kana­da eva­ku­ie­ren wol­len. Impe­ri­al War Muse­um Foto CH1354 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

[400917–1‑1]

Diens­tag am 17. Sep­tem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te, Du, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Habe ich mich schon für den Sonn­tags­gruß bedankt? Es ist der schöns­te Augen­blick des Tages, wenn die Post ver­teilt wird, und man ist selbst glück­li­cher Emp­fän­ger. Ges­tern Mon­tag überraschte[n] und erfreu­ten mich die Zei­len Dei­ner lie­ben Mut­ter. Sage Ihr [sic] und Pappsch vie­len herz­li­chen Dank. Jetzt ist Mit­tags­pau­se. Ich lie­ge auf mei­nem Bet­te und schrei­be.

Für heu­te abend erwar­te ich nun Dein Päck­chen.

Der gest­ri­ge Tag war wild bewegt. Ich will Dir erzäh­len.

Früh Unter­richt wie üblich. Dann Infan­te­riedienst. Das Antre­ten im Zug klapp­te schlecht, und nun wur­den wir ein wenig über den Platz gejagt, dazwi­schen ein paar­mal das Kom­man­do hin­le­gen. Der Boden war leicht schlüpf­rig. Dann setz­te ein Regen­schau­er ein. ½ 12 Uhr antre­ten zur Blut­ab­nah­me. Aus dem Unter­arm zapf­te man jedem 5 ccm Blut, eine ganz harm­lo­se Ange­le­gen­heit, zur Bestim­mung der Blut­grup­pe. Ich mei­ne, Du müß­test den­sel­ben Saft in Dir haben wie ich, weil wir uns so ähn­lich sind und ver­ste­hen. Na, dann schnell das Mit­tag­essen rein. Um ein Uhr Anstel­len zum Klei­der­fas­sen in einem Vor­ort Kiels. Dort erhiel­ten wir Man­tel, Schu­he, Sport­ho­sen, Sport­hem­den, Sport­schu­he. Auf dem Auto zurück. Um 4 Uhr Unter­richt im Ver­wal­tungs­kram bis 6 Uhr. Dann rasch geabend­bro­tet [sic]. Anschlie­ßend Kar­tof­fel­schä­len. Das blüht uns aller [sic] 2 Tage. Dabei tritt Vaters mäch­ti­ges Taschen­mes­ser in Funk­ti­on.

German anti-smoking ad.jpeg
Natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Anti-Rau­cher­kam­pa­gne, Wer­bung 1941, aus Arti­kel The anti-tob­ac­co cam­pai­gn of the Nazis: a litt­le known aspect of public health in Ger­ma­ny, 1933–45, publi­ziert in Bri­tish medi­cal Jour­nal, lizen­ziert unter Wiki­me­dia, 09.2015.

Rauch­wa­ren fas­sen! Dar­auf lau­er­ten die meis­ten schon sehn­lich. Jeder faß­te rück­wir­kend 30 Schach­teln (!) Ziga­ret­ten oder eine ent­spre­chen­de Men­ge Tabak!! Für die Nicht­rau­cher gab es 30 Rol­len Frucht­drops und Trau­ben­zu­cker. Das war ein uner­war­te­ter Segen. Den Trau­ben­zu­cker habe ich gleich wei­ter­ge­han­delt und gegen Ziga­ret­ten getauscht. Die­ses che­mi­sche Zeug mag ich nicht, es schmeckt mir auch nicht. Die Ziga­ret­ten schi­cke ich nächs­tens Vater mit und von den Drops wer­det Ihr auch nun [eine] Kost­pro­be erhal­ten. Aber noch nicht genug.

Military Orchestra at Hemnesberget in August 1940
Mili­tär­or­ches­ter der Wehr­macht in Hem­nes­ber­get, Nor­we­gen, August 1940, Autor Karl Marth Sted, Arkiv i Nord­land Len­ke, AIN.NA143.0192, lizen­ziert als CC-BY-SA‑2.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Um 8 Uhr gab es ein rich­ti­ges Kon­zert. Pro­fes­sor Her­mann Diner aus Ber­lin mit sei­nem Col­le­gi­um musi­cum (1., 2. Vio­li­ne, Brat­sche, Cel­lo, klei­ne Baß­gei­ge) brach­te in her­vor­ra­gen­der Wei­se klas­si­sche Kam­mer­mu­sik zu Gehör. Sie sind von der Obers­ten Mari­ne­be­hör­de auf Rei­sen geschickt und sol­len die Matro­sen mit der edlen Musik anfreun­den, wel­ches Bemü­hen auf wenig Gegen­lie­be, aber hier und dort glatt auf Wider­stand stößt. Die Ver­an­stal­tung war als Dienst ange­setzt, sonst wäre Lee­re im Saa­le gewe­sen. Du kannst Dir den­ken, daß es mir eine gro­ße Freu­de war. Sonn­tag Varie­té, Mon­tag Kam­mer­mu­sik, Mitt­woch soll ein Film lau­fen. Also Abwechs[e]lung genug, zumal nun auch ande­re Stof­fe dem Gedächt­nis zudrän­gen, als da sind die The­men Abzei­chen- u.[nd] Rang­ord­nung, Ehren­be­zeu­gung, Beschwer­de­ord­nung, das Gewehr 98 usw. bis zum 28. Sep­tem­ber wird zur Kla­ge über Lan­ge­wei­le kein Grund sein.

Heu­te reg­net es. Man behält uns im Hau­se, ver­nünf­tig. Unser Johann ist ope­riert wor­den. Er ist wohl­auf und wird die­se Woche wie­der zu uns sto­ßen.

Wegen des Flie­ger­alarms sei unbe­sorgt. Wir sind hier nicht weni­ger und nicht mehr gefähr­det als ihr in der Hei­mat. 1. lie­gen wir ganz ein­sam wie [sic] eines der gro­ßen Gehöf­te in der Nähe. 2. liegt rings­her­um Flak, die über­flie­gen­den Fein­den zu schaf­fen macht. Seit Frei­tag hat­ten wir kei­nen Alarm wie­der zu uns[e]rer eige­nen Ver­wun­de­rung, wo doch die Näch­te jetzt so hell sind.

Nun ist es wie­der Abend: Dein Päck­chen ist gekom­men, Dein süßes, Du! Vie­len herz­li­chen Dank auch für Dei­ne lie­ben Zei­len. Dazu kam Dein Sonn­tags­brief und heu­te abend auch noch Dein Mon­tags­brief, den­ke nur an, so schnell kann es gehen! Zuerst zu Dei­ner Sor­ge: Heu­te wur­den wir zum vier­ten Male gegen die Pocken geimpft wie die Kin­der. Die­se Imp­fung war die letz­te der gan­zen Impf­pro­ze­dur, der jeder Rekrut sich unter­zie­hen muß. Dar­aus kannst du gar nichts able­sen, auch nichts Besorg­nis­er­re­gen­des. Sei dar­um ganz beru­higt, Herz­lie­bes! Nun hast Du auch mein Paket erhal­ten. Du lobst mich ob der sau­be­ren Wäsche. Sie kann nicht schmut­zi­ger wer­den als sonst. Ges­tern haben wir noch ein Ärmel­hemd, eine Unter­ho­se und ein paar Socken gefaßt. Ich kom­me also gut hin, bis Dein Packet mich erreicht.

Du sprichst von Kaf­fee. Ja, Du, er schmeckt sehr gut. Wir trin­ken meist schwarz. Aber Soda ist trotz­dem drin. Wir schme­cken es nicht, aber mer­ken es alle, Du!

Dei­ne lie­ben Brie­fe haben mich so sehr erfreut, und den vom Sonn­tag wer­de ich wohl noch eini­ge­ma­le [sic] her­vor­zie­hen, Du!, [sic] weil er das Heim­lichs­te und Köst­lichs­te mit Namen nennt von Dei­ner Hand, Herz­lie­bes! Du sollst Dich des­halb nicht ent­schul­di­gen. Auch Du bist allein und ein­sam, ver­las­sen, ich weiß es und füh­le mit Dir Dei­nen Schmerz. Und wenn wir sie jetzt auch ver­drän­gen, uns[e]re Sehn­sucht, sie lebt doch wei­ter und wagt sich her­vor in einer Stun­de. Und so ist es auch in der Ord­nung.

Herz­lie­bes! Noch viel Lie­bes möch­te ich Dir sagen. Aber die Zeit drängt und ich möch­te mich doch nicht ver­spä­ten mit mei­nem Boten. Jetzt habe ich ein paar Tage ein lie­bes Pfand von Dir in Hän­den, Dei­nen Kuchen.

Herz­lie­bes! Glaubst Du, daß auch ich schon vom Wie­der­se­hen träum­te? Daß es mich zu Dir zieht, nur zu Dir, Du Her­zi­ges?

Behü­te Dich Gott auf allen Wegen.

Ich lie­be Dich Du!, [sic] ich küs­se Dich! Ich bin Dir ganz nahe

und in unwan­del­ba­rer Lie­be u.[nd] Treue

Dein [Roland].

Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern.

[Auch wenn Roland sich über den Musik­ge­schmack sei­ner Kame­ra­den mokiert, ver­such­te die Trup­pen­be­treu­ung der Wehr­macht Musik­un­ter­hal­tung für jeden Geschmack zu bie­ten. Musik war ein wich­ti­ges Bin­de­mit­tel zwi­schen Mili­tär und deut­scher Zivil­ge­sell­schaft, zwi­schen ‘Hei­mat’ und ‘Front’, wes­halb das Wunsch­kon­zert für die Wehr­macht nicht nur die erfolg­reichs­te Rund­funk­sen­dung aller Zei­ten, son­dern auch wich­ti­ges Pro­ü­pa­gan­da­mit­tel war. Einer der erfolg­reichs­ten Sän­ger von Sol­da­ten­lie­dern war Herms Niel: ‘Eri­ka’ von H. Niel.]T&Savatarsm

 

Plea­se fol­low and like us:
error

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.