Trug und Schein: Ein Briefwechsel

16. September 1940

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Ein­mach­glä­ser, Foto zwi­schen 1941 und 1945, Autor unbe­kannt, USA, Libra­ry of Con­gres LC-USW36-949 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

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Mon­tag, am 16. Sep­tem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Du mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

End­lich kom­me ich nun zum Sit­zen. Was das Ein­we­cken bloß für Arbeit und Zeit kos­tet. 7 Glä­ser Pflau­men sind es gewor­den, 1 Glas Apfel­mus und ich schät­ze 3 gro­ße Fla­schen Holun­der­saft, der muß erst aus­küh­len, ehe ich ihn ein­fül­len kann. Mitt­ler­wei­le ist es schon 4 Uhr gewor­den. * [sic] Vater, der alte Unruh[e]geist[,] kam auch schon wie­der gekro­chen, der soll­te noch schla­fen, weil er Nacht­dienst hat die­se Woche. Ich hab[e] ihn noch [ein] bis­sel [sic: biss­chen] zur Mut­ter geschickt, wenn er mir immer her­um rumort, da hab[e] ich kei­ne Andacht zum Schreiben.

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„Roschei­der Hof-Wasch­brett“, Autor Hel­ge Rie­der, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015

Jetzt ist der Him­mel teil­wei­se bedeckt, aber seit mit­tags reg­ne­te es nicht wie­der. Ich habe heu­te früh, als Dei­ne Wäsche ankam[,] gleich Was­ser auf­ge­setzt u.[nd] vor dem Auf­wa­schen habe ich alles gewa­schen, ich woll­te sie so ger­ne an der Luft trock­nen. Es war ja so wenig, es läßt sich sehr gut waschen (die Unter­wä­sche) war auch nicht schmut­zig. Brav, mein Lie­ber! Wie­viel Stück hast Du denn Unter­wä­sche u.[nd] wo ist Dei­ne Eigen­tums­wä­sche? Schi­cke nur, wenn es Dir mög­lich ist, immer etwas mehr, sonst ist es ja scha­de um das Por­to. Das Päck­chen mit Dei­nen klei­nen Wün­schen ist schon seit heu­te mit­tag auf der Fahrt zu Dir. Bin gespannt, wie lang es braucht. Dei­nes brauch­te 7 Tage!

Die Muscheln sind ganz nied­lich, die heb’ ich für uns[e]re Kin­der zum Spie­len auf, Du! Welch son­der­ba­res Gebil­de, die­ser Stein, hat ihn das Was­ser so fein aus­ge­spült?. [sic] Es ist, als ob ihn ein Mensch durch­bohrt hät­te, nicht wahr? Was Du an Strand­gut fin­dest, schi­cke nur mit. Ich will es alles auf­he­ben. Aber kein totes Vieh­zeug, Du!!

Die Eltern haben sich so gefreut über Dei­ne lie­be Kar­te, Liebs­ter. Viel­mals dan­ken sie Dir u.[nd] vie­le herz­li­che Grüße!

Kiel, Royal Air Force Bomber Command, 1942-1945 CL2771.jpg
Die von Hil­de erwähn­te Stadt Kiel wur­de im Lau­fe des Krie­ges mehr­fach Ziel alli­ier­ter Luft­an­grif­fe. Das Foto zeigt die zer­stör­te Werft Deut­sche Wer­ke Kiel (DWK) im Mai 1945. Foto Roy­al Air For­ce Foto­graf, Impe­ri­al War Muse­um, Foto CL2771 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Man kann wohl ver­ste­hen, daß die­se Stadt ein loh­nen­des Ziel für den Eng­län­der ist. Die­se mäch­ti­gen Gebäude.

Möch­te sie das Geschick vor sol­chem Unglück bewahren.

Und jetzt zu Dei­nem so lie­ben Brie­fe. Liebs­ter, laß Dir recht, recht herz­lich dan­ken, Du! Wie so glück­lich machst Du mich! Daß unse­re Lie­be und unser Glück etwas Sel­te­nes ist auf die­ser Welt, wie oft fühl­ten wir das schon, Du und ich. Und nun emp­fin­dest Du das auch wie­der in der Frem­de, in Dei­ner Umge­bung, wo Du doch eigent­lich vie­len begeg­nen müß­test, denen wie Dir, das rei­ne Glück der gro­ßen Lie­be aus den Augen leuch­tet. Liebs­ter! Unser Emp­fin­den füreina[n]der, wir wol­len es nie­mals zur All­täg­lich­keit wer­den las­sen, in den Staub tre­ten. Als höchs­tes, köst­lichs­tes Gut die­ser Erde wol­len wir es ein­an­der treu bewah­ren in jeder Lebens­la­ge. Füh­len wir denn nicht bei­de am eige­nen Lei­be, wie uns so Kräf­te wach­sen, allem, was uns auch ent­ge­gen­tritt, mutig zu trotzen?

Was wäre mein Leben, wenn nicht jeder Mor­gen, den Gott wer­den läßt[,] über­strahlt wäre von dem Gedan­ken und Bewußt­sein an Dei­ne treue Lie­be? — Eine Dich­ter­wort sagt: Ohne Lie­be ist das Leben wie eine Rose ohne Duft [Arno Holz]. Soviel Lebens­wahr­heit liegt [dar]in. Was auch kom­men mag, nichts kann mei­nen Sinn zu Dir wan­deln. Ganz deut­lich sehe ich Dein lie­bes Bild vor mir, wenn Du mir schreibst, wie Du Kame­rad bist unter den ande­ren, Liebs­ter! Bewah­ren will ich dies[es] Bild, solan­ge ich Dich in der Fer­ne weiß; Ver­trau­en und Beru­hi­gung schöp­fe ich dar­außs, ich weiß, nichts wird Dich anfech­ten, Herzallerliebster.

Gott behü­te Dich mir, Du! So wie Du bist.

Mein [Roland]! Ich lie­be Dich!, [sic] aus mei­nem gan­zen jun­gen, hei­ßen Her­zen her­aus! Ich blei­be in Treue

immer Dei­ne [Hil­de].

*Ich den­ke dar­an, daß jetzt Dein Unter­richt beginnt.T&Savatarsm

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16. Sep­tem­ber 1940

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