15. September 1940

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Aus­zug aus dem Brief

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Sonn­tag, den 15. Sep­tem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Sonn­tag­vor­mit­tag ist. Ich sit­ze drau­ßen in der Son­ne. Die Kame­ra­den hocken in der Stu­be, qual­men und ska­ten. Sie ‘genie­ßen’ — oder sie fröh­nen einer kin­disch anmu­ten­den Gewohn­heit. Ich gön­ne sie ihnen mit­samt der ver­brauch­ten Zim­mer­luft von Her­zen. Was täte ich lie­ber, als mit Dir zu plau­dern? Am liebs­ten ja an Dei­ner Sei­te, viel­leicht bei einem Mor­gen­spa­zier­gang hin­aus zum gro­ßen Teich, auf P. zu, den Weg gehe ich so ger­ne. Auf mei­nem Abend­spa­zier­gang ges­tern habe ich an uns[e]re Zukunft gedacht, Herz­lie­bes. Ich den­ke, daß jeden Tag mei­ne Ernen­nung zum stän­di­gen Leh­rer kom­men kann. Ich wür­de mich dar­über freu­en um Dei­net- und uns[e]retwillen. Wann man uns von den Sol­da­ten wie­der los­las­sen wird, hängt davon ab, wie sich die Kriegs­er­eig­nis­se wei­ter­ent­wi­ckeln. Zieht es sich noch lan­ge hin, besteht jeder­zeit noch eine Mög­lich­keit der Rekla­ma­ti­on der Leh­rer, die doch vor [sic] sind. Also nicht schwarz sehen [sic]. Wie es nun kommt, ist es recht. Du bist so ver­stän­dig, daß Du mir aus der Unab­än­der­lich­keit der Ereig­nis­se kei­nen per­sön­li­chen Vor­wurf machst. Wir bei­de müs­sen ja so dank­bar sein, auch jetzt wie­der. Und was uns dann trifft, das ist ja alles halb so schwer, weil wir es zusam­men­tra­gen, weil wir den Wil­len haben, uns durch­zu­set­zen, uns ein wert­vol­les Leben zu bau­en, auch ein schö­nes Leben.

Waterlooplein - Amsterdam.jpg
Der Water­loop­lein in Ams­ter­dam war vor dem Zwei­ten Welt­krieg ein blü­hen­der Markt, auf dem vie­le jüdi­sche Nie­der­län­de­rIn­nen Han­del betrie­ben. Am 14. Sep­tem­ber 1940 ver­bot der deut­sche Besat­zer Juden den Han­del auf Märk­ten. Foto Iijjc­coo, 2006, über CC BY-SA 3.0 Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Herz­lie­bes, es ist eine gro­ße, stol­ze und schö­ne Auf­ga­be, die wir uns stel­len. Ich bin so glück­lich, daß auch Du sie erkennst als ein hohes, lebens­wer­tes Ziel. Und wir müs­sen nur Gott bit­ten, daß er uns schaf­fen läßt zu die­sem Ziel hin. Du! In die­ser Freu­de auf unser gemein­sa­mes Schaf­fen bin ich gewiß noch so jung wie Du! Weißt [Du], wenn ich so die Kame­ra­den sich bewe­gen sehe, dann will mir für einen Augen­blick manch­mal der Zwei­fel kom­men, ob sie oder ich mehr recht haben, dann spü­re ich daß ich doch irgend­wie ein Außen­sei­ter bin nicht zuletzt dar­in, daß [ich] vie­le Din­ge gläu­bi­ger und bes­ser sehe als sie, daß ich den Abend­frie­den mehr lie­be als ihr Getö­se, daß mir mei­ne Frau mehr gilt als ihnen. Aber nur für Augen­bli­cke zweif­le ich, und dann weiß ich des­to bestimm­ter, daß ich mei­ne Eigen­art mit recht behaup­te. Zum gro­ßen Tei­le sind es Leu­te aus dem kauf­män­ni­schen Beruf. Ihr Emp­fin­den reicht nicht so tief, zur Kunst wer­den die wenigs­ten eine enge­re Bezie­hung haben. Ein klein wenig Mut gehört dazu, sei­ne Eigen­art zu behaup­ten. Was sie alle von mir den­ken, ist mir ja letz­ten Endes auch so gleich­gül­tig, wenn Du nur mich ver­stehst und mir ver­traust, und des­sen bin ich ganz gewiß, Herz­lie­bes!

Mit Dei­nen Geburts­tags­vor­be­rei­tun­gen bin ich ganz ein­ver­stan­den.

Was wirst Du jetzt trei­ben? In der Küche sehe ich Dich han­tie­ren, gewis­sen­haft, flei­ßig und umsich­tig, ganz bei der Sache, und doch jeden Augen­blick bereit, dei­nen Liebs­ten anzu­schau­en mit einem Blick, aus dem die gan­ze Güte und Lie­be Dei­nes Her­zens leuch­tet. Wie seh­ne ich mich nach die­sem Blick, Du Lie­be!

Wenn die Kame­ra­den des [sic: das] sehen wür­den, sie wür­den mit den Köp­fen schüt­teln und mich aus­la­chen. Ver­stehst Du mich? Ja, Du, ich weiß es ganz gewiß!

Bundesarchiv Bild 146-2004-0061, Marika Rökk
Die Sän­ge­rin, Tän­ze­rin und Schau­spie­le­rin Mari­ka Rökk stell­te sich in den Dienst der Trup­pen­be­treu­ung der deut­schen Wehr­macht. 1940, Foto­graf unbe­kannt. DBa, Bild 146‑2004-0061 / CC-BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Nun ist wie­der abend [sic]. Heu­te mit­tag erfreu­te mich Dein lie­ber Bote. Dein süßer Sonn­tags­gruß ist noch nicht da. Heu­te nach­mit­tag ließ man uns in beschränk­tem Umkreis frei­lau­fen bis 6 Uhr abends. Nach­mit­ta­ges um 4 Uhr war Varie­té. Gut. Kurz­wei­lig. Nun geht es in die neue Woche. Gott behü­te Dich, Herz­lie­bes!

Packe Dich schön warm ein! Ich woll­te Dich schon ger­ne wär­men! Blei­be froh und glück­lich bei dem Gedan­ken, daß Dir mein gan­zes Trach­ten gilt, daß ich Dich über alles Lie­be und in ste­ter Freue blei­be

Dein [Roland]

Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern, sie erhal­ten nächs­tens wie­der einen Gruß.T&Savatarsm

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