Trug und Schein: Ein Briefwechsel

08. September 1940

[400908–1‑1]

Sonn­abend, den 7. Sep­tem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Bundesarchiv Bild 101II-MN-1589-07, V-P-Boot, Leben an Bord
Ver­tei­len von Feld­post auf einem Vor­pos­ten­boot der Mari­ne, 1939, Foto­graf Men­del, Pro­pa­gan­da­kom­pa­nien der Wehr­macht, DBa, Bild 101II-MN-1589–07 / Men­del / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015
Dein Päck­chen kam heu­te, ganz unver­sehrt die Ladung, mit sei­ner kost­ba­ren Ladung, Du Lie­bes, her­zen und küs­sen möch­te ich Dich dar­um. Als ich am Don­ners­tag noch doch etwas unge­dul­dig noch mei­ner Post frag­te, äußer­te ein Kame­rad, daß “sie” wohl nicht schrei­ben wer­de. Ich berich­tig­te ihn nicht ohne Stolz und sag­te, aller [sic] 2 Tage einen Brief, so ist es aus­ge­macht, es muß nun schon ein ganz dicker Brief gewor­den sein. Als nun ges­tern Dei­ne ers­ten Brie­fe in mei­ne Hän­de gelang­ten, mein­te er tri­um­phie­rend, es sei doch nur ein dün­ner Brief, und ich konn­te ihn zunächst eines Bes­se­ren [^]nicht beleh­ren. Aber heu­te habe nun ich tri­um­phiert. Ich war doch ganz gewiß, daß der dicke Brief noch aus­stün­de. Die­ser Brief, Du Lie­bes, Her­zi­ges, der mich nun den Anschluß an das ver­las­se­ne Leben, die ver­las­se­ne Hei­mat wie­der­fin­den läßt, an das so jäh abge­bro­che­ne Leben. Nun sehe ich all die Tage sich in Dei­ner See­le wider­spie­geln und erken­ne dar­in mein Bild, Herz­lie­bes, das Du so treu bewahrst, wie ich das Dei­ne. Sei tau­send­mal bedankt, Du, mein lie­bes Weib! Ein Bild möch­test Du von mir, Herz­lieb. Das hat sei­ne Schwie­rig­kei­ten. Ein Kame­rad mit einer Kame­ra ist wohl vor­han­den. Er hat uns[e]re Grup­pe auf der Exer­zier­wie­se schon geknipst. Ich will ihn um sei­nen Dienst bitten.

Bundesarchiv Bild 101I-582-2120-02A, Frankreich, Soldat beim Fotografieren
Vie­le Sol­da­ten waren stol­ze Besit­zer eines Foto­apa­ra­tes, wie hier ein Sol­dat in Frank­reich, 1944, Foto­graf der Pro­pa­gan­da­kom­pa­nien der Wehr­macht Fall­schirm­jä­ger mit Lei­ca Foto­ap­pa­rat. Über Wiki­me­dia Com­mons, DBa, Bild 101I-582‑2120-02A / CC-BY-SA 3.0, 09.2015.
Aber nun fürch­te ich ein and[e]res: ob ich das rech­te Gesicht auf­set­zen wer­de? Weißt, ich fürch­te, das Gesicht wird etwas hart aus­fal­len. Das Sol­da­ti­sche, Zacki­ge, auf das sie uns jetzt abrich­ten, ver­här­tet auch das Gesicht, bei dem zacki­gen Links­um­kehrt [sic: Links­um kehrt] ver­här­tet sich auch das Gesicht, und es ist, als ob es dann auch leich­ter gin­ge. Aber ich will mir Mühe geben. Kommt hin­zu, daß Exer­zie­ren und Sport (drei­mal wöchent­lich 1 Stun­de, Kör­per­schu­le und Hand­ball) ganz schön anstren­gen. Ich glau­be, ein wenig hage­rer bin ich schon im Gesicht.

Die Anteil­nah­me Dei­ner lie­ben Ver­wand­ten und gar unse­res treu­en Post­bo­ten an unse­rem Geschick und Glück ist rüh­rend und erhe­bend zugleich. Ist es den Men­schen doch nicht ent­gan­gen, daß wir zwei Glücks­kin­der sind, Du, an deren Glücks­son­ne sie sich mit­freu­en und erwär­men. Allen den Bekann­ten und Ver­wand­ten schrei­be ich, wenn ich rich­tig ein­ge­rich­tet bin. Mit denen Du in Berüh­rung kommst, die grü­ße bit­te von mir. Du teilst mir mit, was Herr S. geschrie­ben hat. 10% zie­hen sie uns ab, das sind also nur 20 RM [sic: Reichs­mark], des­to bes­ser. Wie ich schla­fe? Wir lie­gen in Feld­bet­ten, drei über­ein­an­der, durch das Umgrup­pie­ren bin ich glück­li­cher Besit­zer eines unte­ren Bet­tes gleich an der Tür gewor­den. Auf federn­den Stahl­rah­men lie­gen Matrat­zen. Wir erhiel­ten ein Bet­tug [sic: Bezug], ein[^]en Kopf­kis­sen­über­zug, einen blau­wei­ßen Über­zug für eine Decke und dazu eine zwei­te Decke, wun­der­schö­ne Decken, dar­un­ter liegt es sich warm, sehr warm sogar. Also, mit dem Lager bin ich sehr zufrie­den. Soviel ich aus­ma­chen kann, lie­ge ich mit dem Gesicht nach Nor­den, also Dir gegenüber.

Herz­lie­bes, Du mußt nun här­ter emp­fin­den, daß wir uns tren­nen muß­ten. Für mich ist es ein har­tes Muß, dem ich nicht aus­wei­chen kann, und von dem ich unmit­tel­bar betrof­fen wer­de. Du aber kannst den­ken, daß es doch auch anders sein könn­te. Aber ich bin froh, daß Du auch selbst schon den rech­ten Trost fin­dest: Es soll so sein und es ist gut so, wie es kommt. Wir dür­fen fest hof­fen, daß wir unse­rem Glück des Zusam­men­seins ent­ge­gen­le­ben, das doch erst recht voll­kom­men wird, wenn wir auch uns[e]re Lie­ben, ich den­ke an die Brü­der, sei­ner teil­haf­tig wis­sen. Nun ist es bei­nah wie­der wie in der Braut­zeit, manch­mal kommt es mir rich­tig wun­der­lich vor, daß Du doch schon mei­ne lie­be Frau bist — Dorn­rös­chen bist Du wie­der in Dei­nem Schloß, das auf sei­nen Prin­zen war­tet. Er käme gleich, Du, wenn er könn­te, er käme auch gewan­dert. Er wird nicht ruhen, bis er nicht wie­der bei Dir ist, Herz­al­ler­liebs­te Du!

Bundesarchiv Bild 183-J10080A, Cottbus, Fahrbare Feldpostannahme
Um den durch­rei­sen­den Sol­da­ten die Absen­dung ihrer Feld­post zu erleich­tern, hat der Wehr­machts­be­treu­ungs­dienst eines Wehr­krei­ses [W.K. III] auf den Bahn­stei­gen eines Bahn­ho­fes [in Cott­bus] eine fahr­ba­re Feld­post­an­nah­me in Dienst gestellt. Auf einem dop­pel­sei­ti­gen Schreib­pult kön­nen die Sol­da­ten Grüs­se an ihre Ange­hö­ri­gen rich­ten. Feld­post­kar­ten, Brief­bo­gen und Umschlä­ge sind bei den DRK-Hel­fe­rin­nen erhält­lich. 18. Mai 1944 [Her­aus­gab­da­tum], Scherl-Bil­der­dienst. Foto­graf Schwahn. DBa, Bild 183-J10080A / Schwahn / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Sonn­tag ist. Seit ges­tern ist der Him­mel ver­hängt. Die Nacht über hat es ein wenig gereg­net. Sonn­tags wird um 7 Uhr auf­ge­stan­den. Seit 5 Uhr bin ich wach und habe mei­ne Gedan­ken zu Dir geschickt. Nach dem Früh­stück muß­ten wir Kar­tof­feln schä­len, 20 Mann fast 2 Stun­den lang. Dann war das Mit­tag­essen fast her­an. Schweins­ko­te­lett, Rot­kraut und Kar­tof­feln, vor­her eine Och­sen­schwanz­sup­pe. Es hat geschmeckt. Und nun, gegen 2 Uhr, ist die Post gekom­men. Die Post, das ist der Mit­tel­punkt aller Kame­ra­den in der Frei­zeit. Mor­gens ½ 12 Uhr geht sie ab nach der Feld­post­leit­stel­le Kiel-Fried­rich­s­ort. Die ankom­men­de Post wird von dort bei Gele­gen­heit, also oft meh­re­re Male am Tage, mit­ge­bracht, nor­ma­ler­wei­se wird sie nach dem Dienst, gegen 6 Uhr abends, ver­teilt. Sie läuft nun zu mei­ner größ­ten Freu­de ziem­lich regel­mä­ßig. Wer [sic: wohl wenn] mir auf dem Tisch liegt Dein lie­ber Sonn­tags­gruß mit der Süßig­keit, die mir lie­ber ist als alles and[e]re auf der Welt.

Heu­te sol­len wir zum ers­ten Male aus­ge­führt wer­den, viel ver­lo­cken­de Zie­le gibt es hier nicht, das ein­zi­ge in der Nähe ist der Bade­ort Stran­de, nach dem wir schon am Diens­tag mar­schiert sind. Es r Nun sind wir wie­der zurück. Es war doch ein Schim­mer der Frei­heit, der uns jen­seits des Kaser­nen­zau­nes wink­te. Gegen 3 Uhr sind wir aus­ge­rückt, gegen 8 Uhr kehr­ten wir zurück. Es wur­de wacker gezecht. Ich bin nach 2 Schop­pen Weiß­wein am Stran­de ent­lang geschlen­dert [und] habe nach Muscheln aus­ge­schaut für Dich, Herzliebes!

[Du] Wirst nun nach Hau­se zurück­ge­kehrt sein. Wer­det Ihr kom­men­den Sonn­tag nach K. fahren?

Am Sonn­tag geht die Post nicht weg. Du wirst die­sen Brief also erst am Mitt­woch erhal­ten. Möch­te er Dich gesund und wohl­auf antreffen.

Mei­ne lie­be [Hil­de], ich lie­be Dich allein über alles in der Welt! Ich her­ze und küs­se Dich, ich hal­te Dich ganz fest und

blei­be für immer

Dein [Roland]

Bit­te Grü­ße [sic] die lie­ben Eltern.T&Savatarsm

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08. Sep­tem­ber 1940

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