07. September 1940

Polish style pickled cucumbers IMGP0464
Pol­ni­sche Gewürt­z­gur­ke, Foto: Niko­dem Nija­ki, CC BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
[400907–1‑1]

Am Frei­tag den 6. Sep­tem­ber

Am Sonn­abend den 7. Sep­tem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be lie­be [Hil­de]!

Heu­te erleb­te ich die gro­ße Freu­de, dei­nen lie­ben Boten zu emp­fan­gen, gleich 2 Brie­fe an einem Tage, den vom 4. Sep­tem­ber zuerst, den vom 3. Sep­tem­ber am Nach­mit­tag. Liebs­te, so schnell geht die Post, ist das nicht schön? Von Hau­se [sic: Zuhau­se] habe ich noch kei­ne Nach­richt, auch nicht dar­über, ob mei­ne Zivil­sa­chen ange­kom­men sind. Die blau­en, eng­li­schen Hosen krieg­ten in Ber­lin ein Loch im Knie, in Stral­sund ein grö­ße­res im Gesäß, das bri­ti­sche Anse­hen wird eben löche­rig in jeder Bezie­hung. Dein heik­les Päck­chen ist noch nicht ange­kom­men.  Was Ihr da wie­der in lieb­rei­cher Für­sor­ge ergat­tert habt, ich rate auf eine Haus­ja­cke, die schickt Ihr mir aber kei­nes­wegs her­aus, die wäre zu gut für das Mili­tär.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Da ich gleich beim Geschäft­li­chen bin: die Reichs­lot­te­rie ist gezo­gen wor­den, ver­giß bit­te nicht nach­zu­se­hen. Hast Du denn Schwie­rig­kei­ten gehabt bei der Rück­ga­be mei­ner Mar­ken? Ein Kame­rad berich­tet davon, daß sei­ne Frau ganz unge­bühr­lich ange­sackt [?] worden ist. Er wird sich beschwe­ren. Nun etwas von unse­rem Küchen­zet­tel.

Mon­tag: Nudeln mit Toma­ten­so­ße dazu eine Gewürzgurke/

Diens­tag: Erb­sen, äußerst wohl­schme­ckend.

Mitt­woch: Wie­ner Hack­bra­ten mit Kar­tof­feln

Don­ners­tag: Welsch­kraut

Frei­tag: Kalt­scha­le, Schwein[e]braten, Kar­tof­feln, Möh­ren­ge­mü­se

Hackbraten04
Hack­bra­ten mit Ros­ma­rin-Ofen­kar­tof­feln und Gur­ke, 07.08. 2011. Foto: Schwä­bin, CC-by-sa‑3.0 de, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Die­se Spei­sen sind alle reich­lich und schmack­haft. Nur der Spei­se­saal ist sehr eng und des­halb ver­bie­ten sich gute Umgangs­for­men beim Essen. Zum Abend­brot, das auf der Stu­be ein­ge­nom­men wird, gibt es reich­lich Wurst, oder Voll­fett­hart­kä­se, oder heu­te Fisch­kon­ser­ven, und Pud­ding, dazu But­ter oder Fett. Zum Früh­stück gibt es Mar­me­la­de. Dazu gibt es manch­mal klei­ne Lecke­rei­en wie in der ver­gan­ge­nen Woche 1 Zitro­ne, oder eine klei­ne Dose Kaf­fee­sah­ne, oder Sonn­abends für die gan­ze Stu­be eine Fla­sche Rum, See­manns­art. Ist das nicht aller­hand? In Mar­ken unge­rech­net ist das weit über die Zivil­ra­ti­on. Etwas ande­res: von den Kame­ra­den erfah­re ich eben, daß Du an mich Pake­te in jedem Gewicht abschi­cken kannst. Du mußt dann rich­tig bezah­len, darfst nicht Feld­post drauf­schrei­ben [sic] und ver­siehst die Kar­te und die Adres­se mit dem Ver­merk “Klei­dungs­stü­cke.” Obwohl wir hier eine Feld­post­num­mer haben, zäh­len wir doch als Gar­ni­son. Ich wer­de Dir nächs­tens mei­ne Wäsche schi­cken. Es ist nicht viel. Heu­te weiß ich Dich also in C. und bin beru­higt über die Anga­ben, die Du dazu machst. Heu­te, Frei­tag­abend, emp­fing ich auch Post von Hau­se [sic: Zuhau­se], von Vater, der augen­blick­lich Stroh­wit­wer [ist] und von Mut­ter, die in G. weilt. Die Eng­län­der haben sich letzt­hin sogar bis in die Gegend von K. gefun­den. Ver­flos­se­ne Nacht rum­pel­ten etli­che über unse­re Gegend hin­weg. Flak­feu­er weck­te uns aus den Schla­fe, aber alar­miert wur­den wir des­halb nicht. Es wäre ein böses Schick­sal, und ein gro­ßer Zufall, wenn sie uns hier erkenn­ten und bom­bar­dier­ten. Die Eng­län­der wol­len nach Kiel, wol­len die Werf­ten und Schif­fe tref­fen. Das ist ihnen bis­her nicht gelun­gen.

2006 sardines can open top
Sar­di­ne in der Dose, 12.05.2006. Foto: Rl. CC-BY-SA‑3.0, Über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Herz­lie­bes! Ich bin so glück­lich, Dich zu Hau­se zu wis­sen, dort, wohin mei­ne Gedan­ken ent­ei­len, wenn ich mich aus die­sem Num­mern[-] und Män­ner­be­trieb hin­flüch­te [sich: hin­ein­flüch­te] in ein bes­se­res Sein, in eine glück­li­che­re Welt. Wenn wir wer­den aus­ge­hen dür­fen, ist es schon bes­ser bestellt, dann kann man doch hier und da ein­mal mit der zivi­len Welt in Berüh­rung kom­men, in die wir dann hof­fent­lig [sic] recht bald wie­der ein­tre­ten dür­fen. Eine Woche ist nun um. Mit Got­tes Hil­fe wer­de ich auch die übri­gen Wochen gut bestehen.

Herz­al­ler­liebs­te! Sei auch Du gewiß, daß ich Dich von gan­zem Her­zen lieb­ha­be und Dich hal­te mit allen Fasern mei­ner Sin­ne. Behüt [sic] Dich Gott! Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern!

Ich lie­be Dich, Du! und blei­be immer,

T&SavatarsmDein [Roland].

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