04. September 1940

[400904–2-1]

O. — Mitt­woch, am 4. Sep­tem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, guter [Roland]!

Die Öffentlichkeit vor der Kirche bei der Hochzeit von Hilde und Roland, 07.1940.
Die Öffent­lich­keit vor der Kir­che bei der Hoch­zeit von Hil­de und Roland, 07.1940.

Heim­lich hat es mir doch Spaß gemacht zu lesen, wie mein lie­ber, gro­ßer Jun­ge ver­schämt und wohl dar­auf bedacht ist, daß nie­mand sei­ne ver­lieb­te Anre­de liest. Du!

Es ist aber gut so, wie Du es hältst. Was wis­sen denn Freun­de um die­se Wor­te — was wis­sen sie, was sie uns bedeu­ten? Sie wür­den ja doch nur spöt­teln und dum­me Wit­ze rei­ßen dar­über. Aber ich, Liebs­ter! Dar­um mach Dir kei­ne Sor­ge, weiß trotz­dem, wie lieb Du es meinst, auch ohne die alte, lie­be Anre­de aus uns[e]rer Braut­zeit. Ich weiß, daß Du mich eben­so lieb hast, wie immer zuvor. Und ich den­ke, Du wirst schon gut Obacht geben, daß mei­ne Brie­fe bei Dir im Spind gut auf­ge­ho­ben sind vor frem­den Augen.

Ich bin nun wie­der fer­tig mit der Haus­ar­beit. 10 MBoh­nen habe ich vom Markt mit­ge­bracht, ges­tern abend hab[e] ich sie geschnit­zelt und 4 Glä­ser eben fer­tig ein­ge­kocht — nun noch­mal 4 Stück. Nun mußt Du aber flei­ßig auf Urlaub kom­men, d[a]mit sie alle wer­den! Pflau­men und Äpfel bekom­me ich nur dann und wann mal 1 M, die essen wir gleich. Viel­leicht bekom­me ich doch noch­mal irgend­wo paar Pfund davon, zum Ein­le­gen.

[Das Win­ter­hilfs­werk, Rede des Reichs­mi­nis­ters Joseph Goeb­bels über das Ergeb­nis des 1. Kriegs­win­ter­hilfs­wer­kes: Sinn und Zweck unse­res Opfers. Groß­kund­ge­bung der NSDAP Ber­li­ner Sport­pa­last, 04.09.1940]

Seit 3 Tagen stehst Du nun im Dienst, möch­te wis­sen, ob Du Dich auch gut dabei ein­ge­rich­tet hast. Schreib mir nur auch mal, wie ein gan­zer Tag so unge­fähr ver­läuft bei Euch. Sind die Vor­ge­setz­ten aus­zu­ste­hen? Jetzt ist wenigs­tens wie­der Son­nen­schein drau­ßen, ich hof­fe, bei Dir am Was­ser auch. Brauchst Du noch paar von die­sen Fuß­schlüp­fern? Wenn ja, bit­te, wie viel Paa­re schrei­ben! Frie­ren brauchst Du nicht mehr sehr lan­ge, ich habe einen Ärmel schon bis zum hal­ben Unter­arm gestrickt. Ich will mich tüch­tig ran­hal­ten.

Soldaten Ueberfahrt Norwegen 1940 by-RaBoe
Groß­va­ter des Bil­durhe­bers (mit Hil­de und Roland nicht Ver­wandt), Über­fahrt nach Nor­we­gen, © Foto: Ra Boe / Wiki­pe­dia / Lizenz: Crea­ti­ve Com­mons CC-by-sa-3.0 de, 09.2015.

Nach der Grund­aus­bil­dung wer­det ihr einem Kom­man­do zuge­teilt, aber den Stand­ort wech­selt ihr dabei nicht wie­der? Du hast Dir ja schon aller­hand Aus­drü­cke der See­manns­spra­che zuge­legt, höre! Wenn das im Lau­fe der Zeit tol­ler wird, mußt Du mir ein Hand­buch davon mit­schi­cken, kann Dich sonst nicht mehr ver­ste­hen! Das Leben und Trei­ben um Dich her, Du fin­dest es neu — es ist Dir fremd. Es ist eben­solch Bild, wie ich es vor Wochen noch um mich hat­te in der Fabrik — nur umge­kehrt bist Du unter Män­nern. Und die las­sen oft ihre Spra­che noch frei­er flie­ßen, als Mäd­chen, in gewis­sen Din­gen. Du wirst jetzt man­ches, was Dir von mir berich­tet unglaub­lich schien, bestä­tigt fin­den. Wohl dem, der sich sol­chem Ekel ver­schlie­ßen kann. Oben­drein kommt hier noch das wid­ri­ge Trin­ken; Du wirst noch man­ches Bild zuse­hen bekom­men. Gewöh­ne Dir nur nicht Trin­ken und Rau­chen an; glaub[‘] mir, ich wäre dar­über betrübt. Über Ein­sam­keit brauchst Du also nicht zu kla­gen, zu 18 seid ihr bei­sam­men. Müßt ihr eure Frei­zeit auf Stu­be ver­brin­gen, oder gibt es außer der Kan­ti­ne auch Auf­ent­halts­räu­me wo es Bücher zum Lesen gibt? So ist es in man­chen Kaser­nen, auch z. B. in Chem­nitz. Ach ja, mor­gen will ich nun nach Chem­nitz zu Tan­te Her­tha. Sie will gleich Wäsche waschen, weil ich bei den Jun­gen blei­be. Län­ger als 3 Tage blei­be [ich] nicht, glaubst, mir gefällt es am bes­ten zu haus [sic]. Da kann ich so schön mit Dir Zwie­spra­che hal­ten. Wenn Onkel Her­bert kei­nen Nacht­dienst hät­te, wür­de ich auch gar­nicht [sic] über­nach­ten bei ihnen! Und es ist auch dar­um; jetzt, wo so oft Flie­ger­alarm ist, da ist man am liebs­ten daheim. Die­se Woche lie­ßen sie Ruhe, die Eng­län­der, viel­leicht schon heut’ Nacht kön­nen sie da sein. Ich will schon vor­sich­tig sein, Du! Bit­te! Ver­sprich auch Du mir das­sel­be [sic], Liebs­ter!

Heu­te habe ich noch kei­ne Nach­richt von Dir; ich den­ke, Dich wird der Dienst sehr in Anspruch neh­men. Mutsch wird mir alle Brie­fe auf­he­ben, bis ich wie­der­kom­me. Von mir hörst Du, wenn ich in Chem­nitz bin, Liebs­ter.

Behüt[e] Dich Gott, Herz­al­ler­liebs­ter! Blei­be froh und gesund!

Ich grü­ße Dich herz­lich aus der Hei­mat und blei­be immer in Treue,

Dei­ne [Hil­de].T&Savatarsm

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.