03. September 1940

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Obdach­los gewor­de­ne Kin­der in einem Vor­ort von Lon­don nach einem deut­schen Luft­an­griff im Sep­tem­ber 1940. ARC Iden­ti­fier 541920, Über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

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(Diens­tag) – O., am 3. Sep­tem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, guter [Roland]!

Nun ist es soweit, daß wir uns über die gro­ße Fer­ne hin­weg die Hän­de rei­chen kön­nen. Ich will sie ganz fest hal­ten, Dei­ne lie­ben, treu­en Hän­de, Du! Wir wol­len mit­ein­an­der reden, als wären wir bei­sam­men – ja, so wol­len wir es nun hal­ten? Alle Dei­ne klei­nen und gro­ßen Erleb­nis­se und auch Sor­gen, ich will sie getreu­lich mit Dir tei­len, Liebs­ter, als wärest Du leib­haf­tig um mich und sprä­chest zu mir. Ach, ich wer­de ja nie müde, Dei­ne lie­ben [W]orte zu emp­fan­gen – zu ver­su­chen, so gut ich nur kann, mich in Dei­ne neue Umge­bung hin­ein­zu­den­ken – wer­de nie müde, Dir zu ant­wor­ten und Dir über mein Tun und Trei­ben zu Hau­se, in der Hei­mat zu berich­ten. Wenn mei­ne Haus­ar­beit getan ist, dann kommt ein Erho­lungs­stünd­chen. So habe ich mir mei­nen Tages[ab]lauf ein­ge­teilt; es fällt meist in die Zeit nach Mit­tag, zwi­schen 1/2 3 und bis gegen 4 Uhr. Dann gehö­re ich Dir so ganz, Herz­liebs­ter. Auf die­se Stun­de freue ich mich schon immer den gan­zen Tag. Manch­mal deh­ne ich sie sogar aus, bis Mut­ter heim­kommt. Je nach [dem][sic], was ich gera­de vor habe in [sic: an] beson­de­rer Arbeit. An den letz­ten Tagen der Woche gilt es dann, die Woh­nung zu säu­bern, und da habe ich immer kur­ze Elle! Heu­te abend fängt mir Mut­ter ein Strick­zeug an, die Ärmel für Dei­nen Pull­over, da muß ich nun recht flei­ßig sein, damit er schnell fer­tig wird, Du wirst schon frie­ren. Wir wol­len mal zuerst die Ärmel stri­cken, damit wir sehen, wie­viel uns Garn bleibt für die wei­te­ren Schrit­te, die wir zu unter­neh­men geden­ken. Wir wer­den Dir schon was draus [sic] machen, etwas War­mes. Als wir am ver­gan­ge­nen Sonn­abend in Chem­nitz waren, habe ich etwas ganz beson­ders Schö­nes für Dich aus­ge­sucht. Es ist noch etwas rich­tig Gutes, Mut­ter hat nicht eher locker gelas­sen, bis sie damit her­aus­rück­ten! Ich habe es zur Hälf­te bezahlt und nun muß es noch solan­ge lie­gen, bis die neu­en Punkt­kar­ten her­aus­kom­men. Vater opfert näm­lich sei­ne Punk­te dazu.

Reichskleiderkarte
Zwei­te Reichs­klei­der­kar­te, Polen, 1942, CC-BY-SA-3.0, Über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Ich freue mich ganz sehr dar­über, möch­te am aller­liebs­ten genau so was haben. Ich will Dir’s schi­cken, aber eigent­lich tut es mir leid zum [sic] Kom­mis. Wenn die Aus­bil­dung wird vor­bei sein, dann schreibst Du mir bit­te gleich mal, was Du für Arbeit hast! Mal sehen ob es dabei recht über die Sachen geht. Jetzt wirst Du nun ahnen, was es ist; aber solan­ge Du es nicht gese­hen und an Dir gefühlt hast, weißt Du noch lan­ge nicht, wie schön es ist. Es ist ja viel schö­ner und wei­cher, als mei­ne Backe, oder als mein Mund! Liebs­ter! Ges­tern habe ich gleich Dein Päck­chen start­be­reit gemacht, ich bin bloß gespannt; ob Du es auch wirk­lich und ung[eöf]fnet in die Hän­de bekommst. Ich habe ihn näm­lich belo­gen, den Mann auf der Post. Ich brauch­te dazu einen grö­ße­ren Kar­ton, u.[nd] ich woll­te doch furcht­bar ger­ne alles bei­sam­men haben, obwohl ich ahn­te, daß es zu schwer wird. Feld­post darf nur 1 kilo [sic] wie­gen. Na, kurz­um: er woll­te es nicht anneh­men. Ich beschwor ihn, woll­te rich­tig Por­to zah­len – nein – da sag­te ich dann, es sei­en Schrift­stü­cke drin[sic], die könn­ten nicht aus­ein­an­der geris­sen wer­den. End­lich gab er nach:, [sic] aber auf ihre Ver­ant­wor­tung! Ich bezahl­te 40 Pfg. [Pfen­nig] u.[nd] er mach­te den Ver­merk drauf [sic]: „Schrift­stü­cke – unzer­teil­bar!” Stell Dir nur mal vor, wenn es nicht durch­geht u.[nd] es wird geöff­net u.[nd] die sehen das Klo­pa­pier! Ich könn­te laut lachen, bei der Vor­stel­lung! Bist Du böse? Ich [m]ein [sic], das ist kein schlim­mer Streich, den ich der Post spie­len will, hm? Es klin­gelt. – Ein Brief!! Vom Sonn­tag mei­nes Matro­sen! Liebs­ter Du! Dank, vie­len Dank! Ach wie ist die Ansicht herr­lich, was Du jetzt alles sehen darfst! Ich freue mich ja so für Dich, mein [Roland]. Wir wol­len nicht zu früh jubeln über Dei­ne künf­ti­ge Beschäf­ti­gung; aber heim­lich bin ich ja so dank­bar, wie es sich füg­te. Na, nur erst die 4 Wochen vor­bei – ich glau­be wohl, daß Du das Nichts­tun jetzt satt hast, aber seh­ne Dich nicht so nach Dienst! Weißt [Du], ich schi­cke den Brief ab, lie­ber oft einen kur­zen, damit wir wis­sen, es geht uns noch gut! Und Du wirst Dich doch freu­en dar­über? Behüt[e] Dich Gott! Blei­be schön gesund! Ich habe Dich so lieb, Du!

In treu­er Lie­be

Dei­ne [Hil­de].

Vater steht auf: Vie­le herz­li­che Grü­ße von ihm! Selbst­ver­ständ­lich auch von Mutsch.T&Savatarsm

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