02. September 1940

Hilde und Roland, vor der Kirche, Hochzeitsbild, 07.1940
Hil­de und Roland, vor der Kir­che, Hoch­zeits­bild, 07.1940

[400902–2‑1]

O., am 27. August 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, guter [Roland]!

Den gan­zen, lan­gen Mon­tag hab[e] ich Dich ver­folgt mit mei­nen Gedan­ken. Jede Umstei­ge­sta­di­on [sic], jeden Auf­ent­halt, die lan­ge War­te­zeit bis es mit­tags 1200 war, alles hab[e] ich ver­folgt. Ja und dann, Du? Von da ab konn­te ich Dich nicht mehr fin­den, und ich quäl­te mich auch nicht, zu rät­seln, wohin die Fahrt gegan­gen sein mag. Ich will [j]a alle Geduld sam­meln, bis ich ein Zei­chen von Dir habe. Es war in jedem Raum und es ist auch heu­te noch ein Schim­mer von den letz­ten trau­li­chen Stun­den, die uns bei­de hier ver­ein­ten. Das ist so gut und so tröst­lich; es ist doch am Tage recht still und ein­sam um mich her. Ich wer­de mich erst dar­an gewöh­nen müs­sen, die letz­ten Wochen sind so vol­ler Glück und Selig­keit gewe­sen, daß mich die Stil­le und das Allein­sein dop­pelt bedrückt. Arbeit habe ich genug, o ja — aber die Gedan­ken! Die lau­fen mir immer davon [u]nd ich gucke dann erst mal in eine ande­re Stu­be, wie um Dich zu suchen — so fest bin ich mit mei­nen Sin­nen bei Dir, muß mich erst besin­nen, daß Du fort bist. Mein Lager ist nun wie­der in mei­nem Stüb­chen und ich habe Dein Bild bei mir. Ach, wie wün­sche ich mir ein neu­es Bild. Auf mei­nem bist Du nicht mein [Roland] von jetzt. Du siehst mich jetzt mit ganz ande­ren Augen an. Eine gro­ße Freu­de hab[e] ich heu­te erlebt. Eine Auf­nah­me am Kaf­fee­tisch in H. kam an! Nicht sehr sau­ber ent­wi­ckelt, aber du gefällst mir ganz sehr. Wir sind bei­de ganz gelöst und unge­zwun­gen. Ich will Dir’s mit­schi­cken, Du sollst Dich auch freu­en dar­über.

Bundesarchiv Bild 146-1969-094-18, Dornier Do 17 und Supermarine Spitfire.jpg
Dor­nier Do 17 und Super­ma­ri­ne Spit­fire, DBa 146‑1969-094–18 / Speer / CC-BY-SA. Über Wiki­me­dia Com­mons. 09.2015.

Ges­tern früh, als Du weg­fuhrst, war es so trü­be und am Abend hell­te sich’s auf, die Son­ne ging so unter, daß man sich einen schö­nen Tag ver­spre­chen konn­te. Wir waren manch­mal bei Mut­ter [Lau­be], die Nach­rich­ten hören. Um 9 gin­gen wir heim, danach schluck­te es mich so, daß ich mein­te: na, ent­we­der legt er sich jetzt im Mas­sen­quar­tier schla­fen, oder er ist auf der Fahrt in die Nacht. So klar war der Him­mel, die bei­den Ster­ne, nahe dem Mond, ich hab[e] sie mir lan­ge betrach­tet. Du wohl auch? Hof­fent­lich kommt kein Alarm, dach­te ich für mich. Und wirk­lich, nach ½ 200 Sire­nen­ge­heul! Vater muß­te in die Fabrik, ich hab[e] etwas ange­zo­gen und zum Fens­ter hin­aus­ge­se­hen im Eltern­schlaf­zim­mer — wie damals mit Dir. Nie­mand ging bei uns im Hau­se in den Kel­ler. Ich habe Mut­ter nicht allein gelas­sen; Vater sag­te, ich soll sie nicht wecken, wenn’s nicht ernst wird. Es war ganz still drau­ßen und ich habe ganz deut­lich die Geschüt­ze gehört, Leip­zi­ger Rich­tung. Alten­burg war viel­leicht ihr Ziel. Heu­te erzähl­ten sie schon beim Flei­scher: „ja, direkt über O. ist der feindli[che] Flie­ger gekom­men, wir haben ihn gese­hen!” Die sind ver­rückt. Wo ich die gan­ze Zeit hin­aus­ge­guckt habe, bis ‘ent­larmt’ wur­de, in der Stil­le hät­te ich doch bestimmt das Moto­ren­ge­räusch gehört, wenn ich ihn auch nicht gra­de gese­hen hät­te. Bis um 300 war Flie­ger­ge­fahr, 1 ½ Stun­den hab[e] ich so ein­sam hin­aus­ge­guckt. Ich hat­te gro­ße Sor­ge um Dich, Liebs­ter! Weil ich nicht weiß, wo ich Dich suchen soll. Ich den­ke, daß Du mor­gen schrei­ben wirst. Dei­nen Eltern hab[e] ich am Nach­mit­tag nach Dei­ner Abfahrt geschrie­ben, alles was so Drum und Dran war, damit sie sich nicht sor­gen um Dich.

Herz­al­ler­liebs­ter! Du mein lie­ber, guter [Roland]!

Pommern Kr Rügen.png
Kreis Rügen, Pom­mern, Aus­schnitt (von Maga­dan) aus Biblio­thek all­ge­mei­nen und prak­ti­schen Wis­sens für Mili­tär­an­wär­ter Band I. Deut­sches Ver­lag­haus Bong & Co, Ber­lin, 1905. Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Mitt­woch ist heu­te, die Nacht ver­lief ruhig, ohne Alarm. Um 12 Uhr setz­te wie­der solch hef­ti­ges Regen­wet­ter ein, daß ich erwach­te, so trom­mel­te es auf das Dach über mir. Wo wirst Du nur sein, so dach­te ich wie­der. Und heu­te früh wel­che Freu­de: Dei­ne Kar­te kam an! Ich war so froh, Du. Sie ist am 27. VIII. 1300 Ber­lin abge­stem­pelt. Stral­sund. Zieht es ihn nicht immer nach dem Nor­den? Ich ken­ne die Stadt nur vom Hören­sa­gen. Habe sofort im Atlas nach­ge­schla­gen. Die Pom­mer­sche Bucht liegt zwi­schen dem Fest­land [un]d der Insel Rügen. Wenn ich mit dort sein könn­te, so wür­de ich ver­su­chen, das Stück See zu durch­schwim­men. Ob das wohl mög­lich ist? Du mußt [es] mal ver­su­chen!

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Deut­sche Besat­zungs­zo­nen in Frank­reich im zwei­ten Welt­krieg, 09.2008. Abbild: Eric Gaba (Sting). Quel­len: NGDC World Data Bank II (public domain) und Fran­ce map Lam­bert-93 with regi­ons and departments-blank.svg. Über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Jewish Warsaw Ghetto Police Arm Band early 1940s
Arm­band des jüdi­schen Poli­zei, War­schau­er Ghet­to, Gene­ral­gou­ver­ne­ment, früh 1940. Quel­le: woody1778a, 24.04.2012, Lizenz cc-by-sa‑2.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Ja, Liebs­ter! Ich bin eigent­lich gar­nicht [sic] erschro­cken, als ich nun erfuhr, wo Du steckst. Daß man Euch ein Ende weit absetzt, das hielt ich so gut wie selbst­ver­ständ­lich. Aber, daß es an die Ost­see geht, und nicht nach Frank­reich oder Hin­ter­po­len, das söhnt mich mit allem eher aus. Damit ist zwar nun nicht gesagt, daß Ihr für Eure gan­ze Dienst­zeit lang [d]a blei­ben wer­det. Na, mer wärn’s der­laam [sic: “Na, wir werden’s erle­ben” — erz­ge­bir­gi­scher Dia­lekt]. Nun bin ich für’s Ers­te beru­higt. Ich will schön gedul­dig war­ten, was Du mir wei­ter schrei­ben wirst. Über die Nach­richt, daß Ihr etwas 120 mehr oder weni­ger von Dei­ner Berufs­sei­te zusam­men kamt, hab[e] ich mich bei­nah ein bis­sel [sic: biss­chen] gefreut in der gehei­men Hoff­nung, daß man Euch viel­leicht zu einer beson­de­ren Auf­ga­be her­an­zieht, die nicht so nach allem Mög­li­chen riecht! Du weißt schon. Aber das kann ich alles nur den­ken, die sind ja beim Kom­mis unbe­re­chen­bar, und ste­cken einen Schus­ter in die Küche.

An dem schö­nen Tag ges­tern hab[e] ich mei­ne gan­ze Feri­en- oder Flit­ter­wo­chen­wä­sche gewa­schen und getrock­net, es war wie abge­paßt, denn heu­te ist es wie­der trü­be und kalt. Auf dem Markt war ich auch, Kühn’s staun­ten nicht wenig, daß Du fort bist. Ich soll Dich schön grü­ßen, sie wün­schen Dir alles Gute. Die Wäsche habe ich gelegt, mor­gen geht’s auf die Man­gel. Mein Email­le­ge­schirr habe ich in die Wan­ne ver­staut und will bei­de mit Papa zur Mut­ter run­ter fah­ren, die hat Platz. Ach, die Eltern waren, fast neu­gie­ri­ger als ich auf Dei­ne ers­te Post. Und nun sind sie froh, daß Du nicht gleich aus Deutsch­land raus bist! Auch die Mut­ter und Annel u. [sic] Lene sag­ten, komm nur gleich mal her­un­ter, wenn vom [Roland] Nach­richt da ist. Sie neh­men alle so leb­haft Anteil an Dei­nem nun­mehro [sic] Sol­da­ten­le­ben.

Heu­te abend wol­len wir nach M. Mutsch will ihren Win­ter­man­tel umän­dern las­sen bei dem Schnei­der dort, der arbei­tet Damen­sa­chen. Ich wer­de dem groß­schnäu­zi­gen Fritz F., wel­cher ist mein Onkel[,] sagen, man habe Dich an der See als uni­for­mier­ten Wal­fisch­fän­ger ange­heu­ert, und Du wol­lest nun dafür sor­gen, daß sein gro­ßes .… [sic] gestopft wird.

So, mein lie­ber Mann! Nun will ich aber noch etwas arbei­ten. 9 Paar zer­ris­se­ne Strümp­fe sehen mich hil­fe­fle­hend an. Ach, du mei­ne Güte! Du hast D. [sic] doch mei­nen Stopf­pilz mit [sic: wohl mit­ge­ge­ben], muß ich de[rwe]il mit dem Stiel vor­lieb neh­men. Die Mutsch weiß nicht, daß ich Dir schon schrei­be, die wird aber gro­ße Augen machen, wenn solch dicker Brief abgeht, sobald Dei­ne Anschrift ankommt! Du, heu­te Mit­tag gab es Gelb­schwäm­mel [sic: Pfif­fer­lin­ge] mit Kalbs­bra­ten und Pflau­men­kom­pott, ich hät­te dich ja soo [sic] ger­ne mit­es­sen las­sen. Aber die Pil­ze muß­te man mehr suchen auf dem Tel­ler, als in K.! Sie kos­ten immer noch 55 Pfen­nig, das Pfund; waren auch viel alte dabei und ich hab[e] mit stil­ler Weh­mut an unse­ren gefüll­ten, fri­schen Pilz­korb gedacht, mit dem wir vor Tagen noch anka­men. Du mußt mir aller­nächs­tens schrei­ben, was es zu Essen gibt da.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, guter [Roland], Du!

Don­ners­tag nach­mit­tag nach dem Kaf­fee­trin­ken ist es jetzt. Ein klei­nes Mädel spielt um mich her mit 2 Pup­pen und mei­ner gro­ßen Wie­ge, sie ist so ver­tieft — ein rech­tes Pup­pen­müt­ter­chen. Han­ne­lo­re, unser Blu­men­mä­del, das grö­ße­re. Ges­tern abend als wir nach M. gin­gen, war sie schon bei Oma in den Feri­en. Nun, es ist bis­sel [sic: biss­chen] ein­tö­nig für sie, man hat wenig Zeit, der Gast­wirt­schaft wegen. Zum Spie­len ist ja nichts mehr da, bei Groß­mutter. Sie woll­te gleich mit zu mir und so kommt es, daß ich jetzt ein Feri­en­mä­del [ha]be. Sie wird so lang blei­ben, wie sie folgt. Es ist mir in einer Hin­sicht ganz lieb, daß ich die­se Abwechs­lung habe, ich kom­me eher vom Grü­beln los, Du. Wenn wir nun schon solch klei­nes Mädel­chen hät­ten?! Es ist recht gut, wenn eine Frau, die leicht zur Schwer­mut neigt ein Kind hat. Sie darf dann nicht unter­tau­chen in ihren Gedan­ken, darf sich nicht ver­lie­ren in Sor­ge und Schwer­mut. Sie muß ja immer mit allen Gedan­ken da sein bei solch klei­nem Wesen, das alle Für­sor­ge und Umsicht der Mut­ter bean­sprucht, das so vol­ler Fra­gen [un]d Drol­lig­keit steckt, daß man immer­zu froh sein muß und ein lachen­des Gesicht haben. Damit will ich aber nicht sagen[,] mein Lieb, daß ich so schwer­mü­tig bin; es sind nur mei­ne Gedan­ken so und es liegt auch bestimmt viel Wahr­heit dar­in. Ich bin ganz froh und zuver­sicht­lich in unse­rem Los.

Bundesarchiv Bild 101II-MN-1589-23, Marinesoldat
Mari­ne­sol­dat, Vor­pos­ten­boot. 1939. Foto: Men­del, Pro­pa­gan­da­kom­pa­ni­en der Wehr­macht — Mari­ne, DBa, Bild 101II-MN-1589–23 / Men­del / CC-BY-SA. Über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.
Du bist gesund; ich weiß, wo Du bist, und du trägst das alles nicht allein — Sei­te an Sei­te mit so vie­len jun­gen Män­nern. Du wirst nun die Kame­rad­schaft ken­nen ler­nen, die Schwe­res, Unmög­lich schei­nen­des über­win­den hilft. Und das Eine, was uns das Köst­lichs­te unter allem ist,: unse­re gro­ße, nie ver­sie­gen­de Lie­be zuein­an­der, das ist mir die größ­te und letz­te Gewiß­heit die mir immer auf[‘]s Neue Kraft schen­ken wird, aus­zu­hal­ten und auch den Glau­ben an Got­tes Wil­le nicht zu ver­lie­ren.

Bit­te, schrei­be mir nur mal, ob da in Dei­ner neu­en Umge­bung auch so viel Alarm ist. Heu­te Nacht ½ 200 zur bekann­ten Zeit wie­der Sire­nen­ge­heul. ¼ 3 auf’s Neue. 4 Flie­ger zogen hoch über die Stadt, möch­te wis­sen, ob es feind­li­che waren. Geschos­sen haben sie tüch­tig in der Fer­ne. Bei Café Brumm, an der höchs­ten Stel­le der Stadt, hat man die Feu­er­gar­ben der Flak gese­hen. Sie müs­sen es auf die Leip­zi­ger Mes­se abge­se­hen haben. Es war grus­lig die­se Nacht, Han­ne­lo­re schlief fest. Mut­ter hat es zum ers­ten Mal gehört; wir hiel­ten uns bereit, gin­gen aber nicht run­ter, es war ja so kalt. Wann wird das nur ein Ende neh­men?

Mit Dei­ner Kar­te kamen 30 M[ark] von der Arbeits­front für mich, ich war erfreut. Will sie am Mon­tag gleich mit zur Spar­kas­se neh­men. Auch der Herr Gehalts­rech­ner aus S. schrieb: Ich will das Ori­gi­nal hier behal­ten, hier die genaue Abschrift:

Lie­ber Kame­rad [Nord­hoff]!

Ihre Bezü­ge sind: Soll / Lohn­steu­er / Bür­ger­steu­er / Über­wei­sung

225,41 M; 11,44 M; 2,50 M; 211,55 M.

Die­se Bezü­ge haben Sie seit Ihrer Ver­hei­ra­tung. Nach Ihrer Ein­zie­hung zur Wehr­macht wird Ihnen als Ver­hei­ra­te­tem ein Gehalts­teil von 10% gekürzt. (Wehr­sold beträgt wohl 30.- M[ark]).

Herz­li­che Wün­sche für Ihren Dienst bei der Wehr­macht!

Heil Hit­ler. Sol­b­rig.

Es wird nicht viel in S. zurück­blei­ben. 150 M[ark] gehen nach O., 10% vom Gehalt u. [sic] 30 M[ark] extra gehen ab, es ist doch so zu ver­ste­hen? Oder sind die­se 10% eben die 30 M[ark], die abge­hen? Ja, so wird es zu ver­ste­hen sein, nicht wahr?

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, guter [Roland]!

Zwei Tage ruh­te mei­ne Feder, umso emsi­ger hat Dein Stift gear­bei­tet. Dein lie­ber Brief, den Du am 27. geschrie­ben hast, ist mit dem Datums­stem­pel 29.8.40 ver­se­hen, und er erreich­te mich Sonn­abend, den 31. August früh. Ich habe mich ja so sehr dar­über gefreut! Der Brief­trä­ger, Herr Emm­rich, hat ihn mir das ers­te Mal per­sön­lich über­reicht, er war­te­te unten bis ich kam, steck­te ihn nicht in den Kas­ten. Erstaunt frag­te er mich: [„]Nanu, sind denn die Feri­en noch nicht zu Ende und ganz allei­ne las­sen Sie den neu[ge]backenen Ehe­mann an die See?” Dann rede­ten wir noch dies und jenes von der Zeit, vom Krieg.

Bundesarchiv Bild 141-0678, Flugzeuge Heinkel He 111.jpg
Flug­zeu­ge Hein­kel He 111, Luft­schlacht um Eng­land, DBa, Bild 141‑0678 / CC-BY-SA. Über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Und er mein­te, ich sol­le es nur nicht falsch aus­le­gen, sein Inter­es­se, es wür­de ihn rein per­sön­lich berüh­ren, wie sich unser Weg gestal­tet, den er nun schon Jah­re, von ziem­lich Anfang an mit betreu­te. Ich kann ihn wohl ver­ste­hen, die­sen guten Alten; er freut sich mit mir, wenn er mein Gesicht strah­lend machen kann, durch Dei­nen lie­ben Boten. Wie Du mir alles so schön aus­führ­lich schreibst, ich dan­ke dir das so sehr! Ich kann mir dabei eine rech­te Vor­stel­lung von all­dem machen, was Du jetzt erlebst. Ich [wü]nsche mir, daß Du es wei­ter so hältst mit Dei­nen Berich­ten, Du! Wir haben alle 3 gelacht, wie wir lasen: „Wir gehö­ren zur Mari­ne!” Du bist frei­lich schön her­aus, Du Schlan­kerl! Aber die ande­ren in Dei­nem Alter, sind doch meist schon län­ger ver­hei­ra­tet und durch­schnitt­lich gut beleibt! Ich möch­te bloß mal die Figu­ren sehen in der Mari­ne­uni­form. Dahin­ein pas­sen doch nur schnei­di­ge Ker­le! Du glaubst aber nicht, wie ich dank­bar auf­ge­at­met habe, als ich nun end­lich erfuhr, zu wel­cher ‘Ban­de’ Du gehörst. Nun ist mir ein gro­ßer Stein vom Her­zen! Du wirst mir das auch sicher nach­füh­len kön­nen. Obwohl bei aller Schreib­stu­ben­ar­beit der mili­tä­ri­sche Bei­geschmack vor­han­den ist und immer den Vor­der- und Hin­ter­grund zu allem bil­den wird. Dafür ist’s eben die Mili­tär­zeit; aber den Haupt­teil des Tages wird doch dann, wenn Ihr alle euren rich­ti­gen Arbeits­platz zuge­wie­sen bekommt die Schreib­ar­beit in Anspruch neh­men. Viel­leicht ist es eng­her­zig von mir, wie ich so die mili­tä­ri­sche Art auf­fas­se und hier wie­der­ge­be; aber in mei­ner Gedan­ken­welt lebt sie so und ich habe so etwas wie Abnei­gung gegen den gan­zen Betrieb. Wir Frau­en emp­fin­den hier anders, haben ja auch noch nicht den gerings­ten Ein­blick emp­fan­gen von dem gan­zen Leben u.[nd] Trei­ben beim Mili­tär wenigs­tens ich nicht. Und ich bin heil­froh, Dich auch mal — und ich hof­fe stark, den größ­ten Teil des Tages — bei bes­se­ren Din­gen zu fin­den, in kul­ti­vier­te­rer Umge­bung zu wis­sen, als unt[er] den Her­ren Schnau­zern und Ran­zern unten auf dem Kaser­nen­hof. Um Him­mels wil­len, Du! Sperr’ mir die­se Brief­schaf­ten hin­ter Dein Hän­ge­schloß in den Spind!! Wenn das einem in die Hän­de fällt, er möch­te Lust ver­spü­ren, die­ses The­ma von Dir aus­ge­dehn­ter und auf­schluß­rei­cher ver­fol­gen zu kön­nen. Ich könn­te Dich so mit mei­nem Geschwätz in einen schwe­ren Stand brin­gen. Und Du weißt ja, ich will das um kei­nen Preis.

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Kol­berg mit Seebad1910, Mey­ers Rei­se­bü­cher, „Ost­see­bä­der“, Biblio­gra­phi­sches Insti­tut, Leip­zig 1910. Lizen­ziert unter PD-alt-100 über Wiki­pe­dia. 09.2015.

An allem ist Süßes und Sau­res, ja. Stral­sund — man den­ke, das ist schon weit genug von mir ent­fernt, aber auch das sche[int] noch nicht weit genug zu sein. Ich will das Bes­te wün­schen und hof­fen, für Dich, Herz­al­ler­liebs­ter. Hab[e] Dank für die schö­nen Auf­nah­men von Stral­sund! Es mutet mir fast an, als sei die Stadt Kol­berg nicht unähn­lich. Ich glau­be, alle See­städ­te tra­gen mehr oder weni­ger den glei­chen Cha­rak­ter. Nur die Art, wie sie ihre Kir­chen und ande­ren gro­ßen, wich­ti­gen Gebäu­de grup­pie­ren, ist ver­schie­den. Zu Kol­berg fand ich Kir­che, Rat­haus u.s.w. mehr im Stadtin­nern am Markt, wäh­rend das alles in Stral­sund nach der See zu liegt, soviel ich auf den Bil­dern erken­ne. Ich kann nur sagen: sehr schön fin­de ich’s da, ein wenig alter­tüm­lich; enge Stra­ßen, hohe Gie­bel, doch geschmack­voll aus­ge­baut. Es muß doch so sein, wie in einer alten Patri­zi­er­stadt. Gro­ße Häu­ser, oft noch mit Bogen­fens­tern und die Lager­ge­bäu­de, die am Stran­de zu erken­nen sind. Es wäre schön, könn­test Du da blei­ben; ich möch­te Dich dort ein­mal besu­chen.

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Haus des Geschlechts der Schlief­fen, Foto: JDa­vid, 06.02.2008. Lizenz CC BY-SA 3.0 Hin­wei­se zur Wei­ter­nut­zung. Über Wiki­me­dia Com­mons. 09.2015.

Die Eltern freu­ten sich, daß ich den Brief vor­las, sie wol­len doch auch alles ganz genau wis­sen. Na, das wird nur so sein, bis Du dann einen Stand­ort hast. Was dann so Neu­es geschieht, das will ich gern erzäh­len, aber mit dem Vor­le­sen ist’s dann Schluß. Daß Dich Dei­ne Umwelt anstaunt über Dei­nen Schrei­bei­fer, das will [ich] ger­ne glau­ben, aber: „Das kann doch einen See­mann nicht erschüt­tern!” So muß es ja nun hei­ßen, ja? Und so will ich’s auch hal­ten; mag meckern, wer da will. du bist ja mein lie­ber, guter Mann, und Du gehst mir vor allem ander[e]n vor.

Herz­al­ler­liebs­ter! Sonn­tag ist’s. Du hast dar­an gedacht, daß ich auch heu­te sehn­süch­tig war­te auf Dein Zei­chen. Der Abma­chung getreu hast Du einen Tag um den ande­ren geschrie­ben. Ges­tern, Sonn­abend wäre also wie­der Schreib­tag gewe­sen. Du wirst viel­leicht anneh­men, daß ich schon den 3. Brief von Dir in Hän­den habe. Aber die [Fe]ldpost ist nicht so prompt zuver­läs­sig, das macht wohl, weil Ihr Eure Post nicht selbst in den Kas­ten wer­fen könnt? Es ist doch wohl so, daß alle Brie­fe ein­ge­sam­melt und geschlos­sen zum Abtrans­port gehen? Dein lie­ber 2. Brief, geschrie­ben am 29., gestem­pelt am 30.8. zwi­schen 17–18, traf heu­te Sonn­tag am 1. Sep­tem­ber ein. Also 2 Tage geht die Post.

Liebs­ter! Hab dank für Dei­ne lie­ben Zei­len! Du machst mich so froh! Und ich schrei­be und schrei­be, ant­wor­te Dir und kann nicht einen Bogen abschi­cken. Das ist schlimm und das macht mich schon fast trau­rig. 3 mal habe ich schon Nach­richt von Dir und Du besitzt noch nicht ein­mal einen gerin­gen Gruß von mir. Mußt ja den­ken, ich hät­te Dich ver­ges­sen. O, ich den­ke so sehr an Dich, immer. Wenn Du nur erst eine Num­mer hät­test.

Feld­grau klei­det sich mein Schatz! Na, das ist mir schon viel lie­ber, als mari­neblau, Du! Weil ich dabei an Dei­ne Schwimm­kunst erin­nert wür­de. Nimm mir’s aber nicht übel, Du! Und zwei­tens, wie Du schon ganz rich­tig emp­fan­dest: Dem Win­ter ent­ge­gen, mit ent­blöß­ter Brust, sol­che Land­rat­ten! Aller­hand ris­kiert. Man den­ke, die­se rau­he See­luft. Ich muß­te ja so herz­haft lachen, auch die Eltern, wie Du mir nun so die Gestal­ten, die Gesich­ter beschreibst. Weil nur alles gut paßt, das freut und beru­higt mich zugleich. Wenn auch die Stie­fel noch [ein] bis­sel [sic: biss­chen] reich­lich sind, laß nur erst mal den ers­ten rich­ti­gen Marsch hin­ter Dir, wenn es recht warm drau­ßen ist dazu; dann schwel­len die Gelen­ke immer etwas an. Ich neh­me an, daß Ihr trotz allem [ein] bis­sel [sic: biss­chen] ran müßt, auch im Fuß­dienst. Na und wenn es mit der Wär­me heu­er [sic: heu­te] nichts mehr wird, dann kannst Du auch die Bei­ne schön ein­wi­ckeln, ohne daß es Dir gleich zu eng wird im Stie­fel­schaft, zum Schut­ze gegen die Käl­te. Wenn Du irgend etwas brauchst, schrei­be gleich; ich werd’ es Dir besor­gen, hörst Du?! Ich war­te jetzt, bis Dein gewa­sche­ner Pull­over tro­cken wird, was ja so lang dau­ert bei dem scheuß­li­chen Wet­ter; dann geht es los mit dem Stri­cken. Was mich jetzt am meis­ten beschäf­tigt: Wo Du end­gül­tig lan­den wirst. Von Flens­burg bis Memel; ach, ist das ein lan­ger Küs­ten­strei­fen! Möge es nur gnä­dig abge­hen, Du! Kiel ist bestimmt sehr unru­hig in bezug auf Flie­ger­an­grif­fe. Wir sind jedoch bei­de macht­los in die­sem Punk­te. Unser güti­ges Geschick wird schon das Recht wäh­len für Dich und dann, am Ende müs­sen wir uns sagen, wie schon so oft im Leben[.] So ist es recht und gut, es konn­te ja nicht anders sein. An wie­viel Fäden hängt das alles, wor­an wäre nicht alles zu den­ken, der All­mäch­ti­ge allein weiß, wie wir unse­ren Weg voll­enden wer­den und ihm und sei­ner güti­gen Füh­rung dür­fen wir uns auch bedin­gungs­los anver­trau­en.

Ich freue mich zu hören, daß Du mit Dei­ner Umge­bung zufrie­den bist, das ist schon viel wert. Zwei Gesich­ter, die Dir bekannt sind. Schrei­be doch bit­te mal etwas mehr von die­sem Weh­li­ner Berufs­ka­me­ra­den, es inter­es­siert mich, etwas aus sei­nem Leben zu hören. Ist er ver­hei­ra­tet? Zu 16 in einem Rau­me, ist Dir nicht zumu­te, wie um Jah­re zurück­ver­letzt in die Zeit [in] B.? Der Kas­ten? Ich bin froh, daß Du schla­fen kannst. Wie sind die Schlaf­stel­len, frei von Unge­zie­fer, genü­gend Stroh und Deckend?

Was wir nun so anstel­len? Ich will Dir berich­ten:

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Quark­keul­chen. Foto: Schmid­ti. Über Wiki­me­dia Com­mons. 09.2015.

Wie Du weißt, war Han­ne­lo­re hier. Am Frei­tag nun, schon am Vor­mit­tag saß sie still da und guck­te vor sich hin. Ich dach­te sofort: Heim­weh. Ließ mei­ne Beschäf­ti­gung: Rei­ne­ma­chen in der Küche, las ihr [ein] paar Mär­chen vor. Dann ließ ich sie mit­hel­fen beim Quark­käul­chen backen. Mit einem Male fing sie zu wei­nen an u. [sic] konn­te sich nicht wie­der beru­hi­gen. Sie woll­te heim zu ihrer [Chr]ista, zur Mut­ti. Ich bedeu­te­te ihr, daß heu­te kein Zug mehr geht und was denn da die Oma von ihr den­ken müs­se, ohne Wie­der­se­hen zu sagen könn­te sie doch nicht heim­fah­ren. Nun woll­te sie zur Oma. Na, so bin ich denn mit dem 100[-]Bus mit­tags run­ter nach M. mit ihr. Da ging’s dann wie­der. Am Sonn­abend war Papa unten und er mein­te, es wäre genau wie­der, wie bei uns: sie säße dort und tät den Mund nicht auf. Sie mögen das Kind nur heim­brin­gen, es tut einem doch leid. Ein Geschwis­ter­kind kann sich eben nicht leicht ein­le­ben allein. Dabei hab[‘] ich mich doch so mit ihr abge­ge­ben u. [sic] eine Wei­le ging es auch gut. Am Sonn­abend, ges­tern woll­ten wir sie mit nach Chem­nitz zu Main­zens Jun­gens neh­men. Nischt [sic: Nichts] zu machen. So fuh­ren Mama und ich allein. Der ers­te Weg zu Stei­nert, dem Mann, der unse­re Auf­la­gen 2 mal ver­kauf­te. Ja, es sind neue her­ein­ge­kom­men bit­te, sehen sie sich an; sind aber 10 M[ark] teu­rer als die ers­ten. Ich hab[‘] ihn [sic] nun erst Mal auf den Zahn gefühlt: Wie er dazu käme, uns[e]re bezahl­ten Auf­la­gen noch­mal zu ver­kau­fen. Er hät­te sie nicht ver­kauft, es wäre ein Ver­se­hen von einer Ver­käu­fe­rin[,] die auf­zu­be­wah­ren­den Sachen stün­den im 1. Stock u. [sic] das hät­te sie nicht gewußt. Alles faden­schei­ni­ge Rede­rei, wor­auf ich nicht im gerings­ten reagier­te. Er woll­te mir nun in schö­nen Wor­ten die neu­en Decken andre­hen, pries die schö­ne Abfüt­te­rung (die wohl[ge]merkt) Vis­tra­sei­de war u. [sic] die gute Fül­lung. „Spa­ren sie bit­te ihre Wor­te, ich bin zufäl­lig in die­ser Bran­che bewan­dert seit Jah­ren und las­se mir von Ihnen nicht das Gerings­te ein­re­den”, sag­te ich nur dazu. „Wenn sie mir nicht die­sel­ben Auf­la­gen lie­fern kön­nen, muß ich mein Geld zurück ver­lan­gen.”

Nun sah er mich ver­dutzt an u. [sic] Mut­ter bekräf­tig­te mei­ne Rede noch. Da misch­te sich eine Ver­käu­fe­rin ein in unse­ren Wort­wech­sel: Aber Herr Sound­so, die Auf­la­gen wur­den doch erst ges­tern gekauft, sie ste­hen doch zum Abho­len ver­packt vor­ne am Laden­tisch [!] „Wie, was, das ist doch — da muß ich doch selbst…” Und er ging u. [sic] sah nach. Und wahr­haf­tig, da waren sie, schön zum trans­por­tie­ren ver­schnürt mit einem Tra­ge­griff ver­se­hen. „Aber da sind auch Bett[v]orleger mit rein­ge­packt.” Ich guck­te ihn bloß an, sag­te gar­nichts [sic]. Er schnür­te auf[,] nahm die Bett­vor­le­ger her­aus, wir über­zeug­ten uns, daß es die von uns damals gekauf­ten Decken waren; viel bes­ser in der Qua­li­tät u. [sic] 10 M[ark] bil­li­ger. „Soll ich — wohin möch­ten sie die Decken geschickt haben?” fragt er unsi­cher. Bit­te, packen sie zu, ich wer­de die Decken mit mei­ner Mut­ter selbst trans­por­tie­ren, ant­wor­te ich.

Er war aber dabei soo [sic] klein, Du!

So ein ver­damm­ter Gau­ner! Nicht mal ein Wort der Ent­schul­di­gung hat­te er. Woll­te erst noch sagen: ich wer­de ihr Geschäft wei­ter­emp­feh­len; aber ich hat­te so eine Wut auf den Kerl, daß ich froh war, nicht mehr in sein fre­ches Gesicht zu sehen. Ich möch­te bloß wis­sen, wie er nun mit den Leu­ten aus­ein­an­der kommt, die sie zum 2. Mal kauf­ten. Ein fei­ner Kerl, muß man sagen, was? Mich sieht er nie wie­der. Es ist bestimmt so und nicht anders:

Er hat die guten Decken an uns zu bil­lig ver­kauft. Wir hol­ten s[ie] nicht gleich ab. „Halt, ver­kaufst sie eben wenn es klappt teu­rer, die mögen dann die neu­en, gerin­ge­ren neh­men, die rein­kom­men u. [sic] da schlägst du 10 M[ark] drauf.” So hat der Gau­ner gedacht. War­um hat er denn zum Onkel Her­bert gesagt[,] die sind ver­kauft und sie waren doch nicht; das ver­riet doch nun die eine Ver­käu­fe­rin indem sie sag­te: erst ges­tern, am Frei­tag wur­den sie ver­kauft. Er behielt sie solan­ge zurück, bis die neu­en da waren — es konn­te ja sein wir kämen schon eher u. [sic] woll­ten uns[e]re Decken abho­len — dann hät­te er ja nichts and[e]res zum an[pr]eisen gehabt. So raf­fi­niert!

Na, ich hab[‘] mir nichts vor­ma­chen las­sen. Wenn es gilt, bin ich näm­lich kei­ne Gute. Wir haben uns[e]re Auf­la­gen und kön­nen lachen, woan­ders sind sie über­all teu­rer. Es pas­siert mir auch nicht wie­der, daß ich etwas Gekauf­tes so lan­ge in einem Geschäft ste­hen las­se, wo ich zum ers­ten Male kau­fe. Schluß davon.

Ein paar net­te Plau­der­stun­den ver­leb­ten wir noch bei Main­zens. Onkel H. [sic] kam erst gegen Abend. Nächs­te Woche hat er Nacht-Dienst im Geschäft, wegen dem Alarm. Tan­te Her­ta bat mich rein­zu­kom­men, sie wür­de sich fürch­ten, allein mit den Kin­dern. Mal sehen, wenn ‚er’ nicht daheim ist abends bin ich nicht abge­neigt.

Ein ver­reg­ne­ter Sonn­tag heu­te. Vater geht eben zum Nacht­dienst. Er läßt Dich schön grü­ßen, [Du] sollst hel­fen, Frie­den machen! Mut­ter strickt und meint: wenn nun alle Sonn­ta­ge so lang­wei­lig sind bis Weih­nach­ten, möch­te einem Angst wer­den, Du kämst nun wohl nicht mal zu Besuch. Wenn ich Dir schrei­be, ist mir gar­nicht [sic] lang­wei­lig, Liebs­ter! Nur lei­se, ganz lei­se kommt jetzt schon abends im Bet­te die Sehn­sucht nach Dir. Ach, Liebs­ter! Ich will nicht von der Sehn­sucht schrei­ben, Du kennst sie ja auch, wie qual­voll sie sein kann. Wir wol­len es ein­an­der nicht schwe­rer machen, als es schon ist. Nur Lie­bes und Hei­te­res wol­len wir uns sage[n], daß wir immer den Kopf oben behal­ten. Ich will gewiß kein Geheim­nißs vor Dir haben, aber ich kann Dir nicht sagen, wie­viel Mal ich schon geweint habe, wenn ich abends so allein im Käm­mer­chen lie­ge. Liebs­ter! Bit­te, ver­giß nicht das neue Bild.

Hil­de K. besucht mich. Sie kommt 4 Wochen nach Bad E. zur Erho­lung. Ich gön­ne es ihr von Her­zen, sie kann einem leid tun, wenn man sie nur ansieht. Ein Kame­rad von ihrem Ver­lob­ten nimmt sich ihrer so lieb­reich an, er schreibt ihr — sie ant­wor­tet auch. Die Brie­fe gab sie mir zum Lesen. Er ist ein stil­ler, fei­ner Mensch, wie ich aus sei­nen Zei­len her­aus­füh­le. Mit Bil­dung; er ist got­tes­fürch­tig, eine sel­te­ne Beob­ach­tung bei einem 12 jäh­rig die­nen­den Flie­ger. Viel­leicht ist in die­sem Brief­wech­sel ihr fer­ne­res Geschick besie­gelt.

Ich wünsch­te ihr einen Men­schen, der sie nach sol­chem Her­ze­leid mit Geduld und fei­nem Ver­ste­hen an sich gewöh­nen könn­te. Sie ist wie ein ver­scheuch­tes Vögel­chen, so hil­fe­be­dürf­tig und schreck­haft zart. Wenn nur bei die­ser Kur ihrer kör­per­li­che Kraft zuneh­men möch­te, die see­li­sche Kraft fin­det dann gewiß den rech­ten Weg. Heu­te vor­mit­tag besuch­te ich sie noch­mal kurz, mor­gen früh um 6 geht die Rei­se los. Sie freut sich gar­nicht [sic].

Was wird wohl mein lie­ber Mann jetzt tun?

Es ist 600 vor­bei, wir wol­len noch ein wenig an die Luft, Mut­ter und ich. Es reg­net im Moment nicht. Dann essen wir zu Abend und gehen auch in uns[e]re Klap­pe [sic: Bett], wie es bei Euch heißt. Hof­fent­lich kom­men die Eng­län­der nicht. Ver­gan­ge­ne Woche waren sie zwei­mal da. In den nächs­ten Tagen muß aber nun Dei­ne Anschrift kom­men, ich beschrei­be jetzt den 8. Bogen, das geht nicht alles in einen Umschlag. Machen wir halt: Fort­set­zung folgt!

Dei­ne Mut­ter schrieb auch einen lie­ben Brief, sie sind alle gesund sie will kom­men­de Woche zu Elfrie­de. Frau Her­mann ist wie­der daheim. Die Bil­der schick­te ” [Elfrie­de] noch nicht, ich hab[‘] auch noch kei­ne bestellt.

Mon­tag früh ½ 11 Uhr.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein gelieb­ter [Roland]!

Eine Num­mer hat er, Hur­ra! Jetzt geht[‘]s los!

Kom­me eben vom Hams­tern, alles erwischt für Dich. Nur kei­ne Scho­ko­la­de, hät­te doch so ger­ne die Sen­dung Papier ein [w]enig ver­süßt. Aber viel­leicht schme­cken auch die Pfef­fer­ku­chen, die unser Bäcker bäckt? Mein lieb! Jetzt heißt es nun Kopf hoch, Mut nicht ver­lie­ren! Gott wird bei Dir sein in jeder Gefahr. Bei uns war es wie­der mal toll in der Gegend heut[‘] Nacht. Die Flak gab 1½ Std. unun­ter­bro­chen Feu­er, ½ 200 war Ent­war­nung. Aber nun flink zur Post — Du sollst end­lich was von uns hören, Du!

Bleib gesund und froh! Behüt Dich Gott!

In treu­er Lie­be,

T&SavatarsmDei­ne [Hil­de].

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