01. September 1940

Hilde, Polterabend, 07.1940
Hil­de, Pol­ter­abend, 07.1940

[400901–1-1]

Sonn­abend am 30. August [sic: wohl Sonn­abend 31. August]

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Weißt [Du], die­se ver­lieb­te Anre­de kann ich nicht immer schrei­ben, wenn die ander[e]n rings­her­um ste­hen. Aber jetzt sit­ze ich am Tisch ganz allein und da darf ich sagen, wie mir um[‘]s Herz ist. Sonn­abend ist ‘See­manns­sonn­tag. Essens­zeit ist vor­bei. Sonn­abend ist nur Rei­ne­ma­chen, kein Dienst. Dienst hat­ten wir ja bis­lang noch gar nicht. Heu­te vor­mit­tag haben wir nur eben uns[e]re Stu­be sau­ber gemacht, [“]klar Schiff gemacht”, wie wir ‘Matro­sen’ sagen. Der Dienst soll am Mon­tag begin­nen. Wir sind alle gespannt. Es liegt hier eine Abtei­lung ganz jun­ger Frei­wil­li­ger. Wir sahen sie exer­zie­ren und haben ein wenig Respekt bekom­men. Eben habe ich mein Schrei­ben unter­bre­chen müs­sen. Wir muss­ten auf den Hof her­aus­tre­ten und sahen zum ers­ten Male unse­ren Leut­nant und erfuh­ren nun auch, was uns[e]rer hier war­tet. Also, wir sol­len hier zunächst eine etwa 4 wöchi­ge Grund­aus­bil­dung erfah­ren und dann als Schrei­ber irgend­ei­nem Kom­man­do zuge­teilt wer­den. Das ist kein Grund zum Früh­ju­beln, aber froh bin ich doch. Eine Woche ist nun schon ver­gan­gen. Die Span­nung auf all das Kom­men­de hat uns in Atem gehal­ten, so ist die Zeit schnell ver­gan­gen.

Sonn­tag am 31. August [sic: wohl Sonn­tag 1. Sep­tem­ber]

 

Herz­lie­bes!

Sonn­tag in der Kaser­ne, der ers­te. Ringsher[um] lie­gen die Fel­der, ste­hen die Bäu­me und Höfe, wei­det das Vieh — das alles liegt jen­seits des Zau­nes, inner­halb des­sen wir uns bewe­gen müs­sen — zum Glück nicht auf unab­seh­ba­re Zeit. Wenn nur erst der Dienst begön­ne, möch­te man wün­schen. Wenn wei­ter­hin soviel Frei­zeit wäre, müß­test Du mir ein paar Bücher schi­cken. Seit ges­tern nach­mit­tag — wir wur­den noch ein­mal umquar­tiert — lie­ge ich mit drei Mann uns[e]rer Grup­pe mit Köchen und Schläch­tern zusam­men, lau­ter Ham­bur­gern, zum Glück, in Platt klin­gen die Wit­ze und Geschich­ten, die sie erzäh­len, nicht so gemein und häß­lich. Kame­rad­schaft­lich sind auch sie.

Es wird hier unglaub­lich viel geraucht und getrun­ken. Das wird wohl nach­las­sen, wenn der Dienst los­geht. Ich kom­me mir ganz komisch vor, weil ich nicht mit­tue.

Ein Blick in uns[e]re Bude, ‘Koje’, heißt es bei den Matro­sen. Es ist jetzt ganz still, Vie­le schrei­ben, etli­che sit­zen über einem Spiel, einer schmiert sei­ne Stie­fel. Vor mir habe ich die Wand mit den Spin­den (Schrän­ke), hin­ter mir die Bet­ten, bis zu 3 über­ein­an­der. Die Stu­be ist mit 18 Mann belegt. Das Essen ist gut bis jetzt und reich­lich.

Royal Air Force 1939-1945- Fighter Command A704
Eine her­un­ter­ge­schos­se­ne Spit­fire der König­li­chen Luft­waf­fe, deren Pilot P. King nicht über­lebt hat­te, ca. 1939. Foto: Dar­wall, R H (Lt). Impe­ri­al War Muse­um A 704. IWM Non Com­mer­ci­al Licence. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons. 09.2015.
Außer den Abend­nach­rich­ten im Radio, die ich in der Kan­ti­ne höre, erfährt man kaum etwas von der Welt­ge­schich­te. Ber­lin ist mehr­mals ange­grif­fen wor­den, in der ver­gan­ge­nen Nacht auch wie­der Mit­tel­deutsch­land. Seid vor­sich­tig! Kiel ist von Flie­gern auch schon oft besucht wor­den. Wir hat­ten hier noch kei­nen Alarm. Das Wet­ter ist in sei­ner Unsi­cher­heit bestän­dig. Seit ges­tern abend ist es wär­mer. Die Uni­form hält warm. Nur beim Stiefelpu[t]zen und waschen wird sie abge­legt. Wenn es käl­ter wird, wird mir ein Pull­over mit Ärmeln recht will­kom­men sein.

Herz­lie­bes! Wenn ich an uns bei­de den­ke, an die Tage unse­res Bei­sam­men­seins, es kommt mir alles vor wie im Traum, so fern, so zart und fein gespon­nen — und die­ser Traum wird mit mir gehen, er steht am Aus­gang die­ses Kaser­nen­le­bens und soll wie­der Wirk­lich­keit wer­den, Du!

Behüt Dich Gott, Herz­lie­bes! Blei­be froh und gesund!

Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern und lies ihnen vor, so weit Du das pas­send fin­dest.

Bald wer­de ich von Dir eini­ge Zei­len in Hän­den hal­ten, ich freue mich dar­auf — ich lie­be Dich, Du! und blei­be immer

T&SavatarsmDein [Roland].

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