29. August 1940

Second World War Europe 08 1940 de
Euro­pa, am Ende August 1940, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 08.2015.
S.,

Don­ners­tag den 29. August 1940.

Herz­al­ler­liebs­te!

Wenn Du jetzt hier wärest, könn­test Du nun Dei­nen Sol­da­ten mus­tern, Dei­nen Matro­sen, wie es amt­lich heißt. Ein gro­ßer Teil bekam blaue Uni­for­men. Ich bin feld­grau ein­ge­klei­det. Der gest­ri­ge Tag ver­lief so: Vor­mit­tags Lan­ge­wei­le, nach­mit­tags ein­klei­den. Das gab wie­der viel ergötz­li­che Bil­der, ver­dutz­te Gesich­ter, die Spie­gel waren immer dicht umstan­den von frisch­ba­cke­nen Rekru­ten, die [d]och nun auch recht schnell schmu­cke Sol­da­ten sein möch­ten. Ich bin mit mei­nen Klei­dern zufrie­den, alles neu, nur die Stie­fel gefal­len mir nicht, sie sind im Schaft zu weit, aber sie pas­sen. Wann wer­den wir die­se Kla­mot­ten wie­der los wer­den? Von der Unter­ho­se bis zur Müt­ze beka­men wir alles aus­ge­teilt.

Bundesarchiv Bild 101I-759-0139N-28A, Norwegen, Oslo, deutsche Offiziere vor Nationaltheater
Deut­sche Offi­zie­re vor Natio­nal­thea­ter, Oslo, Nor­we­gen, 1940. Foto: Ruge, Wil­li. DBa Bild 101I-7590139N-28A / Ruge, Wil­li / CC-BY-SA. Über Wiki­pe­dia. 09.2015.
Die Stie­fel, noch im rohen Leder, muß­ten geschwärzt wer­den. Am Abend beim Appell auf dem Kaser­nen­hof waren nun fast alle ein­ge­klei­det. Die Nar­vikfah­rer waren schon ver­frach­tet. Die blau­en Matro­sen sehen recht schmuck aus. Sie machen jun­gen­haft, die Dicken nicht zu ihrem Vor­teil. Manch dickes Gesicht wird unter der run­den Bän­der­müt­ze zur Kari­ka­tur eines feis­ten Pfaf­fen. Die blau­en Uni­for­men sind nur recht emp­find­lich und vor dem Hals­aus­schnitt jetzt zum Win­ter hät­te ich mich gefürch­tet. Wohin man uns ver­frach­tet ist noch immer unbe­stimmt, man spricht von Rich­tung Kiel. Das hat den Vor­teil der gerin­ge­ren Ent­fer­nung von Hau­se, aber den Nach­teil, daß es dort oft Flie­ger­alarm gibt. Na, wir wer­den sehen. Heu­te Vor­mit­tag sind wir schon meh­re­re Male auf dem Hofe ange­tre­ten. Ver­schie­de­ne Trupps wur­den zum Abtrans­port her­aus­ge­nom­men nach Saß­nitz, nach Goten­ha­fen.

Bundesarchiv N 1603 Bild-036, Rumänien, Marine-Filmberichter Horst Grund
Mari­ne-Film­be­rich­ter Horst Grund in Uni­form der Kriegs­ma­ri­ne, Rumä­ni­en, 1941. Über Wiki­me­dia Com­mons. DBa, N 1603 Bild-036 / CC-BY-SA. 09.2015.
Wir lie­gen hier in einer schö­nen Mari­ne­ka­ser­ne am Hafen von S.. Um einen mäch­ti­gen Hof, in des­sen Mit­te eine rie­sen­haf­te Kap­pel steht, grup­pie­ren sich 6 Gebäu­de in rotem Back­stein. Die Kaser­ne ist fast leer. Nur eine klei­ne Stamm­ab­tei­lung von jun­gen Matro­sen liegt noch hier mit ihren Vor­ge­setz­ten. Sie hel­fen uns, sind äußerst nett, wie über­haupt der gan­ze Ton und Betrieb bis jetzt ganz ruhig ver­läuft. Zu essen gibt es genug. Etwas Wich­ti­ges ver­mis­se ich nicht. Viel­leicht stel­len sich noch ein paar Klei­nig­kei­ten her­aus. Schrei­ben kannst Du mir erst, wenn wir ein fes­ten Stand­ort haben, den ich Dir bald­mög­lich mit­tei­le. Mit den Kame­ra­den bin ich ganz zufrie­den. Es sind alles ver­nünf­ti­ge, anstän­di­ge Kame­ra­den. Wir lie­gen jetzt 16 Mann in einer Stu­be. Der Weh­lener Berufs­ka­me­rad, auch einer von den Bischofs­wer­daern liegt mit da. Der Weh­le­ner Kame­rad ist zur sel­ben Abtei­lung abkom­man­diert. Bis­her habe ich g[ut] geschla­fen, dar­über bin ich recht froh. Die Zeit ver­geht schnell. Es wäre immer­hin schön, wenn man uns ein wenig sinn­voll beschäf­tig­te. Das Wet­ter ist unsi­cher und kühl wie zu Hau­se. Wir müs­sen doch ein wenig ver­rutscht sein.

Was wer­det Ihr nun anstel­len? Ich möch­te schon gern mal nach­se­hen. Urlaub? Na, dar­an will ich jetzt nicht den­ken und davon nicht reden. Wir sind trotz­dem bei­ein­an­der, Herz­lie­bes, und je grau­er das Einer­lei des Diens­tes sein wird, des­to lie­ber gehen mei­ne Gedan­ken zu Dir.

Behüt Dich Gott! Blei­be froh und gesund!

Grü­ße die lie­ben Eltern, erzäh­le Ihnen von mir.

Heu­te nach­mit­tag will ich das letz­te Stück Asch­ku­chen essen.

Es grüßt Dich aus wei­ter Fer­ner in treu­er Lie­be

Dein [Roland]

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

 

 

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