27. August 1940

GGrenR1 Offz u Grenadier 1824
Post­kar­te, 1824. Über Wiki­me­dia Com­mons. 09.2015.
[400827–1-1]

S. am 27. August 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Die­se Anre­de aus der Braut­zeit, aus uns[e]rer Zeit des War­tens, soll nun noch län­ger Gel­tung behal­ten. Nun komm, Herz­lie­bes, und laß Dir berich­ten. Voll Span­nung fuhr ich nun nach Dres­den. Ich gab mein Gepäck auf. Mit mei­nem Früh­stück bin ich durch den gro­ßen Gar­ten gegan­gen, unse­ren Weg, weißt Du noch, zum letz­ten Male in Frei­heit. Zurück zum Haupt­bahn­hof. Eine Fleisch­brü­he habe ich noch genos­sen — dann trat ich den schwe­ren Gang an, 10 Minu­ten vor 12. Ich fand dort schon alles ver­sam­melt und ein­ge­teilt, frag­te mich durch und stand dann und fand mich ver­las­sen mit­ten unter einer Grup­pe von Kraft­fah­rern.

Ver­le­sung. Zunächst Leu­te aus den Bezir­ken Mei­ßen, Dres­den, Zit­tau. Nun Pir­na. Ich spit­ze auf mei­nen Namen, ich kom­me nicht dran — da kommt hin­ter den Rei­hen ein Kame­rad, nennt zwei Namen, mei­nen dar­un­ter, und nimmt mich mit, auf einen ande­ren Flü­gel. Erleich­tert atme­te ich auf und fand mich nun in einer lie­be­ren Umge­bung: Kauf­leu­te, Leh­rer. Unter­des war auch schon durch­ge­si­ckert, daß es [f]ortging, die Kraft­fah­rer nach Kiel, die ‚Schrei­ber‘ nach S.. Nun gin­gen die tolls­ten Ver­mu­tun­gen um. Da erschie­nen auch schon die Trans­port­lei­ter, führ­ten uns hin­auf auf den Bahn­steig, und dann in einen Spei­se­raum des Haupt­bahn­ho­fes. Dort bekom­men wir eine Erbs­sup­pe und Kaf­fee, den ers­ten Sod­a­kaf­fee, weißt! Dann führ­te man uns zum Zug: Per­so­nen­zug Rich­tung Els­ter­wer­da — Ber­lin, Abfahrt […]. Ja, und nun ging[‘]s ab. Dres­den — Abschied von dem schö­nen Stadt­bild. Cos­wig  — unser Aus­flug. Gro­ßen­hain — den Eltern noch ein­mal am nächs­ten. Und hin­ein in die Ebe­ne. 4 Stun­den Fahrt nach Ber­lin. Ein bekann­tes Gesicht habe ich ent­deckt: eine [sic] Kol­le­ge aus W.. An ihn hal­te ich mich ein wenig. Ber­lin, Anhal­ter Bahn­hof.

1904 Stettiner-Bahnhof
Stet­ti­ner Bahn­hof, Ber­lin, 1904, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 08.2015.
Wir gehen zur Unter­grund­bahn, um zum Stet­ti­ner Bahn­hof zu fah­ren. Als wir dort ankom­men, ist der letz­te Zug nach S. schon weg. Nun ent­schließt sich der Trans­port­lei­ter, in Ber­lin zu über­nach­ten. Das dach­te ich am Abend vor­her: Wo wirst Du Dich mor­gen zur Ruhe legen? Wir wer­den es erle­ben: In der Alex­an­der­ka­ser­ne in Ber­lin, hoch oben, dicht unterm Dach, die­se Kaser­ne liegt unweit des Schlos­ses.

Berlin Museum-Dom-Schloss 1900
Der Ber­li­ner Dom und das Ber­li­ner Stadt­schloss, cir­ca 1900, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 08.2015.

Nun waren schon man­cher­lei Bekannt­schaf­ten geknüpft. Man hör­te Lachen, Reden in ver­schie­de­nen Zun­gen, am deut­lichs­ten die Edel­rol­ler. Die Gesich­ter: viel Bebrill­te, die meis­ten Intel­li­genz ver­ra­tend. Im Schlaf­saal nun Lachen und Ulken und das unver­meid­li­che Zoten. Die Nacht vor­her war Ber­lin von Flie­gern besucht wor­den, und mit Flie­ger­alarm war zu rech­nen. Ich war müde, konn­te aber nicht schla­fen. Wie die meis­ten, leg­te ich mich in Sachen schla­fen, weil es nur eine Decke gab. ½ 1 Uhr gab es prompt Flie­ger­alarm. Aber die Eng­län­der mach­ten es uns gnä­dig für[‘]s ers­te.

Bundesarchiv Bild 146-2008-0010, Berlin, Zentralflughafen, Luftaufnahme
Ber­lin, Zen­tral­flug­ha­fen, Juni 1931. Er war am 25. August 1940 das Angriffs­ziel der RAF. Bild: DBa, Bild 146‑2008-0010 / Klin­ke & Co. / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 08.2015.
Nach ¾ Stun­den kro­chen wir wie­der in die Klap­pe. ½ 5 Uhr Auf­ste­hen. […] Uhr ging’s mit dem Per­so­nen­zug nach S.. Nun ver­dich­te­te sich die Span­nung auf[‘]s Neue. Was wird wer­den? Vom Bahn­hof mar­schier­ten wir nach einer Kaser­ne in Nähe der Stadt. Hier stand auf dem Platz ver­sam­melt ein mäch­ti­ger Trupp aus unse­res Schla­ges aus der Leip­zi­ger Gegend. Von ihnen wur­den wir nun gewiß, daß wir tat­säch­lich als Schrei­ber irgend­wo ein­ge­setzt wer­den. Und nun ent­fal­te­te sich ein bun­tes, unmi­li­tä­ri­sches Trei­ben. Auf dem Hofe schmier­ten etli­che ihre neu­en Stie­fel, ande­re faß­ten Sachen. Und das Ergötz­lichs­te bei der Sache: Wir gehö­ren zur Mari­ne, und ein Teil der Leip­zi­ger. Schrei­ber wird tat­säch­lich mari­neblau ein­ge­klei­det. Die­se Bil­der! Und zu den­ken, daß die­se Leu­te, die noch nie ein Schiff gese­hen haben, dann in die­ser Kluft auf Urlaub fah­ren. Ein Teil, und dazu gehö­re ich hof­fent­lich auch ich, wird feld­grau ein­ge­klei­det. Aber nun die Haupt­sa­che: Wohin der Fahrt? Da stand ein Trupp frisch ein­ge­klei­det nach Nor­we­gen. Die meis­ten wer­den in den Mari­ne­gar­ni­so­nen an der Ost­see ent­lang ein­ge­setzt von Flens­burg bis Memel. Nun heißt[‘]s Treff Trumpf! Ja, Herz­lie­bes, dar­an ist nun Süßes und Sau­res. Und dabei wird[‘]s ja auch blei­ben. Hier in S. blei­ben die wenigs­ten. So, die Kame­ra­den rings­um wun­dern sich schon über mein lan­ges Schrei­ben. Du kannst, so wie es ist, gleich vor­le­sen.

Im nächs­ten Brief kann ich Dir viel­leicht mei­nen Stand­ort mit­tei­len. Halt den Dau­men!

Herz­lie­bes! Ich wer­de hier nichts Neu­es ler­nen. Nichts wird mich hal­ten, zu Dir zurück­zu­keh­ren in uns[e]re Schu­le der Ehe, wo es so viel zu ler­nen und zu schaf­fen gibt mit Dir.

Mit vie­len herz­li­chen Grü­ßen an die Lie­ben Eltern,

vie­lem herz­li­chen Dank für Eure Ver­sor­gungT&Savatarsm

blei­be ich immer Dein [Roland].

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