09. Juli 1940

[400709–2-1]

O., am 9. Juli 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, lie­ber [Roland], Du!

Hur­ra! Es gibt noch Brief­pa­pier! M.K. Papier! Und weißt Du, wer es ergat­tert hat für mich?, die Mutsch!! Gera­de die, die will, daß ich nicht mehr schrei­ben soll. Ich hab[‘] mich ja gefreut.

Nun schreib[‘] ich gleich schnell noch­mal heim­lich, denn da macht[‘]s doch noch­mal so viel Freu­de.

[A]llem vor­an, mein Lieb, will ich Dir recht herz­lich dan­ken für Dei­nen so lie­ben Sonn­tags­brief. Er war mir ein gro­ßes Geschenk, Du!

Ach, ich kann es aber nun kaum mehr erwar­ten, bis Du end­lich zu mir kommst, Herz­al­ler­liebs­ter! Noch 2 mal schla­fen. Am Sonn­tag hab[‘] ich Dei­ner beson­ders innig gedacht, da hat­te ich so gro­ße Sehn­sucht nach Dir, Du. Eben erhielt ich Dei­ne schö­ne Kar­te vom herr­li­chen Aus­flug ins Sude­ten­land, dahin wol­len wir bei­de noch­mal, zur S.. Ich freue mich, daß Du Dir [wen]igstens Zer­streu­ung suchst auf dem schier end­lo­sen Weg des War­tens, mußt so ganz allein war­ten, Du! Dafür will ich Dich so lieb beloh­nen, wenn Du kommst, mein [Roland]!

Es war ja nun der letz­te ein­sa­me Sonn­tag. Ich habe nach dem Kirch­gang noch­mal aus­pro­biert bei mei­ner Schnei­de­rin in L., dann Mit­tag­essen fer­tig gemacht u. nach­mit­tags 4 Stun­den geplät­tet, dazwi­schen kam ein tüch­ti­ges Gewit­ter. Gut, daß wir mit Gas plät­ten, ich hät­te mir sonst mein gan­zes Pro­gramm ver­der­ben las­sen müs­sen. Den Tisch und die Stüh­le haben wir aus M. geholt, das war eine Fuh­re mit dem Wagen. Nun sind wir ganz fer­tig mit Rei­ne­ma­chen, bis auf das Bet­ten frisch über­zie­hen, das kommt mor­gen früh dran. Nun gefällt’s mir wie­der bei uns. Heu­te nach­mit­tag soll ich Besuch bekom­men Elfrie­de S., geb. E. (die kl. Dicke [sic] aus der Kan­to­rei) mit ihrem Söhn­chen, sie muß gera­de an uns[e]rer Hoch­zeit früh weg­fah­ren, wie­der heim zu ihrem Mann. Und sie möch­te mich so ger­ne sehen, als Braut. Na, viel­leicht sieht sie mich auf dem Bil­de als Braut. Denk nur! An Geschen­ken ist bereits ein­ge­gan­gen: 1 gro­ßer Besen, eine Reib­ma­schi­ne, 1 Dreh­plat­te! 1 Sam­mel­tas­se, 1 Kaf­fee­wär­mer – Über­zug, etli­che dach­ten, es sei schon vergang[e]nen Sonn­abend Hoch­zeit!

Mein lie­ber, alter Brum­mel­bär! Nun sei aber ganz brav u[nd] fein stil­le, sonst sag[e] ich ‚Nein‘, Du! Laß nur die Alten auch mal bera­ten, es ist nun mal so, ganz pro­gramm­ge­mäß ver­läuft das best aran­gier­te Fest nicht. Es kommt doch noch anders, als man vor­her berät u. fest­legt. Es soll uns nur freu­en, wenn die bei­den Tan­ten mit­kom­men, es ist doch schö­ner, als wenn sie sich gar­nicht nach uns umse­hen wür­den. Hab’ ich nicht recht? Um[‘]s satt wer­den u. unter­brin­gen kei­ne Sor­ge. Es wird für alle Rat. Wenn alle Strän­ge rei­ßen, muß der „Rau­ten­kranz“ ran. Mei­ne Tan­ten kom­men doch auch alle mit, wenn sie nun auch erst alle hel­fen müs­sen, aber dafür ist ja das Fest bei uns daheim, Frem­de neh­men wir da nicht. Aber dabei sind sie auch alle. Und T[ante] H.’s Mann aus Chem­nitz will auch mit­kom­men; na, das war auch nicht vor­ge­se­hen und es geht auch. Jetzt sieht es mit der Bekös­ti­gungs­fra­ge bes­ser aus, als vor paar Wochen, es kriegt alles ein Geschi­cke!!

Es wird so gewe­sen sein: Tan­te G. war bei Euch, und da hat sie nun allen fro­hen Drasch mit erlebt [sic] und ich ver­ste­he ja so gut, daß sie Lust bekom­men hat mit­zu­fah­ren. Mut­ter u. Vater konn­ten da auch nicht unzu­gäng­lich sein. Vater schrieb u. auch Mut­ter schrieb und aus bei­der Zei­len lasen wir her­aus, daß Tan­te G. sehr ger­ne mit dabei wäre. Und es ist ja für uns alle selbst­ver­ständ­lich, daß wir uns einem sol­chen gehei­men Wun­sche nicht ver­schlie­ßen. Natür­lich muß nun auch Tan­te M. ran, sie wäre sicher böse. Es ist gut, daß Du gleich dran gedacht hast, nun kommt wenigs­tens die Ein­la­dung nicht gar so spät. Ich hät­te ohne Dein Auf­merks­amma­chen im Gedrän­ge zu Hau­se, nicht dar­an gedacht, sofort Tan­te M. zu schrei­ben. Sei uns des­halb nicht ärger­lich!! Es kommt doch auf eines mehr gar­nicht an. So, Schluß davon.

Eben hab[’] ich Onkel E. noch eine Kar­te geschrie­ben, er soll bit­te [ei]ne Bestel­lung mei­ner Groß­mutter, bei einem Land­wirt u. Plan­ta­gen­be­sit­zer ver­sor­gen u. die­sel­be am Sonn­abend mit­brin­gen. But­ter und 1 Korb Erd­bee­ren, für uns zum Nach­tisch. Onkel F., der Besor­ger ist doch beim Mili­tär. Auch von unser[e]m Pfar­rer soll ich mit herz­li­chen Grü­ßen bestel­len, er brau­che sich um nichts zu küm­mern, er bekä­me auch sei­nen Talar. Ich hab[’] ihm das mit­ge­teilt, er wird’s schon hal­ten, wie er denkt. Auch, daß sie bei­de in O. näch­ti­gen wer­den schrieb ich, daß auf kei­nen Fall ein Fest von mit­tags bis knapp gegen abend währt, bei uns. [Sie] kön­nen ja mit dem 1. Zug hier weg­fah­ren, am Sonn­tag­früh, wenn Onkel Dienst hat. Nun wis­sen sie wenigs­tens Bescheid.

Jetzt kommt die Fahr­ge­le­gen­heit dran: Eigent­lich soll­te ich Dir alles erzäh­len! Aber so kannst Du Dir unter­des­sen auf der Fahrt nach hier alles schon aus­ma­len. Einen Land­au­er bekom­men wir nicht. Ein ein­zi­ger war in L. da u. der ver­langt für 1 Std. 5 RM u. von der Minu­te an, wo der Wagen fer­tig gemacht wird zum Fah­ren. Das ist Wahn­sinn. Das muß nicht sein, da kau­fen wir uns was Nütz­li­ches für das Geld. Es dau­ert ja viel län­ger mit Pfer­den, als mit dem Auto, das Fah­ren. Nun haben wir einen Wagen, ein Auto, fest­ge­macht[.] Hof­fent­lich ist es nun auch in Dei­nem Sin­ne. Wir haben bestellt, ohne den Bestel­ler erst zu fra­gen! Aber Dir wird[‘]s schon recht sein. Er kennt uns gut, den Vater. Er fährt alle Gäs­te, wenn wir[‘]s ver­lan­gen. Eigent­lich darf er nur das Braut­paar zur Kir­che fah­ren. Er macht ‘was mög­lich. Sieh, wenn wir gewar­tet hät­ten bis Du kommst, wäre es zu spät mit dem Wagen bestel­len.

Bundesarchiv Bild 141-0678, Flugzeuge Heinkel He 111
For­ma­ti­on von tief­flie­gen­den Bom­bern Hein­kel He 111 über dem Ärmel­ka­nal, Juli 1940. Die Luft­schlacht um Eng­land find am 10. Juli 1940 an. Bild: DBa, Bild 141‑0678 / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 07.2015.
Die kirchl. Trau­ung fin­det um 1300 statt. Ich war auf dem Stan­des­amt[,] woll­te ½ 1300 getraut sein, er mach­te es nicht mög­lich; es wäre ½ 1300 Schluß u. außer­dem käme noch die Post zwi­schen drein. Um 1200 ja, es dau­ert 20 min., was soll­ten wir so lan­ge machen? Er sag­te, wir sol­len uns der­weil bei ihm im Zim­mer auf­hal­ten, daß wir um 1300 in [der] Kir­che wären. Ich hab[’] mir das nun über­legt. Ich gehe nicht als Braut zum Stan­des­amt, das wird ein gro­ßer Drasch daheim: 1. wol­len wir vor der Trau­ung Mit­tag essen, müß­ten wir aber schon um 1100 min­des­tens. 2. sehen mich dann schon alle daheim als Braut, das darf doch nicht; erst in der Kir­che. Wir wer­den nun vor­mit­tags 1000 stan­des­amt­lich getraut, ich zie­he mein Pol­ter­abend­kleid an u. Ihr ander[e]n, ich glau­be, Ihr könnt im Stra­ßen­an­zug gehen? Dann gehen wir wie­der heim. Wir gehen, wenn es schön ist, zu Fuß zum Stan­des­amt! Dort Zu Haus[e] kön­nen wir alle gem[ütl]ich essen, der Fri­sör u. die Schnei­de­rin brau­chen nicht so zei­tig zu kom­men. Und ich gehe dann in mein Stüb­chen, wo man mich schmückt u. lau­fe kei­nem in den Weg. Kurz vor 1300 kommt der lie­be Bräu­ti­gam mit dem gro­ßen Rie­che­busch und klopft ans Käm­mer­lein und holt sich sei­ne lie­be Braut, die schon sehn­süch­tig war­tet. Alle sind schon mit dem Auto zur Kir­che gefah­ren u. ste­hen dort und war­ten auf uns, Du! Auf das Haupt­er­eig­nis; da kom­men wir nun mit­ein­an­der u. nie­mand zuvor, als Du hat mich sehen dür­fen. Ist das so nicht schön?

Es ist nie­mand im Hau­se, wenn Du mich holst, als mei­ne Tan­te L. (Lau­be) die da bleibt, wenn Leu­te kom­men soll­ten. Ich freu[e] mich ganz toll, Du!! Heu­te abend ist Gene­ral­pro­be bei der Schnei­de­rin.

Wenn Du am Don­ners­tag kommst, hole ich Dich ab.

Du wirst gleich in die Wan­ne gesteckt, wir baden auch alle, gleich im Wasch­haus, da kön­nen wir rich­tig plan­schen.

Mor­gen kommt Dei­ne Mut­ter; da geht aber nun das Erzäh­len u. bera­ten bei uns 3 Mädeln rich­tig los!

Die Annon­ce für die Zei­tung geben wir am Frei­tag früh [m]iteinander auf?

Ach, was ich nun noch ver­ges­sen habe, ich will’s Dir sel­ber sagen. Ich weiß nun nichts mehr.

Ich muß nun wei­ter machen, sonst merkt die Mutsch, daß ich schwän­ze. Mußt auch die fürch­ter­li­che Schrift ent­schul­di­gen; aber lie­ber einen lan­gen Brief mise­ra­bel geschrie­ben, als gar kei­nen, ja??

Lieblich in der Brauete Locken
Hans Kauf­mann, Illus­tra­ti­on von Fried­rich Schil­lers „Das Lied von der Glo­cke“, 18. Jahr­hun­dert, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 07.2015.
Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Ich habe so gro­ße Sehn­sucht nach Dir!

Komm bald, hole mich zu Dir!

Ich will Dein sein, Du! Für alle Zei­ten!

Behüt Dich Gott! Erhal­te er Dich froh und gesund!

Wie ich Dich lie­be, Du?

Liebs­ter! Herz­al­ler­liebs­ter!

Ich will es Dir sagen, wenn ich Dich end­lich in mei­ne Arme schlie­ßen darf, Du!T&Savatarsm

Dei­ne [Hil­de].

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