05. Juli 1940

Bundesarchiv Bild 101I-223-0042-13, Guernsey, Entfernungsmessgerät auf Klippe
Eng­land, Guern­sey im Ärmel­ka­nal.- Drei Sol­da­ten mit Ent­fer­nungs­mess­ge­rät auf einer stei­len Klip­pe an der Küs­te, 1940. Deut­sche Trup­pen besetz­ten am 4. Juli 1940 alle die Kanal­in­seln. Bild: DBa, Bild 101I-223‑0042-13 / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 07.2015.
[400705–1-1]

S. am 5. Juli 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be [Hil­de]. Du!

Gott füg­te es gnä­dig, daß wir nun vor unse­rem Fes­te ste­hen. Eine stil­le freie Stun­de will ich benut­zen, von der Höhe, die wir erreich­ten, noch ein­mal Umschau zu hal­ten, ehe wir hin­ab­stei­gen in die Freu­de, den Tru­bel und die Erleb­nis­se unse­res Fes­tes.

Nun wol­len wir an hei­li­ger Statt den Bund der Ehe schlie­ßen. Daß wir ihn vor Got­tes Ange­sicht schlie­ßen, gibt ihm erst die rech­te Wei­he, Wei­he nicht nur als eine schö­ne, fest­li­che Zutat, son­dern Wei­he, die die­sen Bund zu einem gehei­lig­ten Bezirk mit gott­ge­setz­ten Schran­ken erhebt, zu einer unlös­ba­ren Schick­sal­ge­mein­schaft. Die­se Wei­he ver­leiht dem Bun­de erst die rech­te Wür­de und Grö­ße, erhebt ihn zur Idee. Ehe­ge­mein­schaf­ten ken­nen auch die Tie­re. Der Mensch erhöht sie durch Wei­he und Gelüb­de vor Gott zur Idee und erfüllt sie damit mit höhe­rem Sinn und grö­ße­ren Auf­ga­ben. „Bis daß der Tod euch schei­det!“, damit wer­den anstel­le der flie­ßen­den Gren­zen in der Natur fes­te, har­te Schran­ken gesetzt, aus dem rohen, unschein­ba­ren Stein wird ein leuch­ten­der, kost­ba­rer Kris­tall. Frei und froh tre­ten wir in die Schran­ken. Sie sind uns kei­ne been­gen­den, schre­cken­den Gren­zen. Voll Freu­de und Schaf­fens­lust betrach­ten und betre­ten wir den Bezirk, den sie umschlie­ßen, froh und glück­lich, nun ganz anein­an­der gewie­sen zu sein. Alle Kraft, alle Lie­be, alles Stre­ben gilt sei­ner Pfle­ge. Wir fürch­ten nicht Lee­re und Ein­sil­big­keit und Lan­ge­wei­le, und das Licht gött­li­cher Gna­de, um das zu sor­gen wir nicht müde wer­den wol­len, wird alle Dumpf­heit ver­trei­ben. Auf­ga­ben genug wer­den sich uns stel­len, an denen wir wach­sen und wir uns immer lie­ber gewin­nen.

Ich habe mich gesehnt nach die­sen Schran­ken, die­ser Ord­nung. Schran­ken­los leben schwächt, macht arm und leer und roh und zum Ver­äch­ter. In der gött­li­chen Ord­nung ist Stär­ke und Tie­fe und Frie­den. Aber so groß mein Ver­lan­gen auch war, so groß war doch auch die Sor­ge dar­um, den rech­ten Men­schen zu fin­den, in dem die glei­che Sehn­sucht brann­te. Da ließ Gott mich Dich fin­den. Ich weiß, Dei­ne gan­ze Kraft und Lie­be, Dei­ne liebs­ten und höchs­ten Gedan­ken gehö­ren unse­rem Glück. Daß Du mich liebst und Dich nun als mei­ne Lebens­ge­fähr­tin mir ganz anver­trau­en willst, Herz­al­ler­liebs­te, Du, es ist ein ganz uner­meß­li­ches Glück! Ich will es Dir dan­ken Lie­be um Lie­be, Ver­trau­en um Ver­trau­en, ich will es in Treu­en hoch­hal­ten als mei­nen bes­ten Schatz au[f] die­ser Erde. Seit wir uns ken­nen, hast Du aus dem Reich­tum Dei­ner Lie­be selbst­los geschenkt und hin­ge­ge­ben. Die Son­ne des Glü­ckes ist mir auf­ge­gan­gen. Nun kann ich nur noch unter ihr sein. Für immer hast Du mich an Dich gefes­selt. Dei­ne lie­ben Hän­de wer­de ich nim­mer­mehr las­sen.

So bringt uns bei­den der Hoch­zeits­tag letz­te und schöns­te Erfül­lung: Mein bist Du dann ganz. Dabei den­ke ich nicht, daß ich ein Recht an Dir habe. Ich mag nur, was und soviel Du mir schenkst. Nein, aber nun wer­den wir frei sein von jeder Auf­sicht und Zudring­lich­keit. Daß sie ver­bo­ten waren, hat uns die Frücht[e] nicht ver­süßt. Nun neh­men wir ganz auf uns, mit­ein­an­der zu tei­len und zu tra­gen.

Ludwig Emil Grimm Brüderchen und Schwesterchen
Brü­der­chen und Schwes­ter­chen; aus: Grimm Kin­der- und Haus­mär­chen, Gro­ße Aus­ga­be. 7. Aufl. Göt­tin­gen, Die­te­rich, 1857, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 07.2015.
Nun schließt er sich ganz der Kreis voll Heim­lich­keit und Trau­te: ich und Du, Liebs­te, Herz­al­ler­liebs­te, in Dei­nem Käm­mer­lein, Dei­ne lie­ben Hän­de will ich hal­ten, in Dei­ne Augen schau­en, wir wer­den glück­lich sein. Gott schen­ke uns die­ses Glück, er hal­te uns dar­in demü­tig und dank­bar!

Willst Du mit mir kom­men und mei­ne lie­be Frau wer­den? Vor der Rei­fe und Hoh­heit die­ser Fra­ge aus dem Mär­chen stand ich manch­mal bewun­dernd und sehn­süch­tig. Nun darf ich sie Dir stel­len und weiß, daß Du sie aus tie­fem, ver­ste­hen­den Her­zen beja­hen wirst, Du mei­ne lie­be [Hil­de]!

Bald will ich kom­men und mir die Ant­wort holen!T&Savatarsm

Herz­al­ler­liebs­te mein! Mei­ne lie­be [Hil­de] Du — Dein [Roland].

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.