03. Juli 1940

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Frank­reich wäh­rend der deut­schen Besat­zungs­zeit von 1940 bis 1944. Die Regie­rung des “Fran­zö­si­schen Staats” sie­del­te am 1. Juli 1940 nach Vichy über. Bild: Eric Gaba, Rama über Wiki­me­dia Com­mons, 07.2015.
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S. am 2. Juli 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Den gan­zen Sonn­abend und Sonn­tag hat es noch gegrollt, bis zum Abend, zum rei­ni­gen­den Gewit­ter, ich habe räson­niert und gerech­tet mit mir und Dir. Mit einem Gefühl des Unmu­tes begann es, und dann stan­den plötz­lich auch die Grün­de vor mir. Aber der Unmut war zuerst, und ich will ver­su­chen, ihm auf den Grund zu gehen: Ich wuß­te Dich glück­lich über den Vor­be­rei­tun­gen für unser Fest, jede Stun­de. Ich muß noch wer­ken bis kurz zuvor — Dich wuß­te ich allein damit beschäf­tigt, unse­res Glü­ckes zu war­ten — und das war mir so lieb — es will so gut gewar­tet sein, unser Glück, nicht nur mit den Hän­den und Ge, son­dern auch in Gedan­ken. Und in die­se Lieb­lings­vor­stel­lung fuhr Dei­ne Nach­richt als eine Ent­täu­schung: Soll­te ich Dich nun anders­wo suchen, soll­te Dich mit ande­rem beschäf­tigt wis­sen?  Ich ver­stand nicht, wie Du so schnell die eige­nen Plä­ne Dir konn­test stö­ren las­sen, ich ver­stand es nicht! Hat­ten wir doch Vaters hart­nä­cki­ges Wer­ben um Dei­ne Kraft beharr­lich abge­wehrt. Und ich konn­te mir nicht anders den­ken, als daß Dir der Herr Pfar­rer unter man­cher­lei Bezeu­gun­gen sei­nes Wohl­wol­lens Dir die­se Zusa­ge abge­nö­tigt habe, daß Du Dich vor­schnell ver­spro­chen habest. — So ist es wohl.

Ich hät­te aber auch aus einem ande­ren Grun­de [sic] Dir nicht zuge­stimmt. Dem Pfar­rer, dem ich die Orgel nicht geschla­gen hät­te, des­sen Hand­rei­chung bei uns[e]rer Trau­ung wir nicht unbe­dingt mögen — nun doch ander­weit zu Diens­ten sein? Ich habe nichts gegen die Per­son des Pfar­rers. Ich bin auch nicht so ver­holzt und ver­kalkt, daß ich mir nicht ein­mal eine and[e]re Mei­nung anhö­re und sie wür­di­ge, wir haben ja schon meh­re­re Pre­dig­ten besucht, Du kennst mein Urteil und weißt, daß ich mich dar­in um Gerech­tig­keit bemü­he. Mei­ne Stel­lung zu die­sem und jenem ist auch nicht ver­här­tet, aber so, wie die Lage der Kir­che jetzt ist, mei­ne ich, daß jeder Ver­such sie zu spal­ten und in sich zu ent­zwei­en als schäd­lich abzu­leh­nen ist. Das ist kei­ne per­sön­li­che Feind­schaft, aber eine kla­re, ehr­li­che Geg­ner­schaft. Und um einer gewis­sen Klar­heit und Ehr­lich­keit wil­len, mei­ne ich, ist es nötig, auch im per­sön­li­chen Umgang mit die­sem Geg­ner sich eine gewis­se Reser­ve auf­zu­er­le­gen. Wenn ich von mei­ner Befürch­tung schrieb, der Herr Pfar­rer könn­te in Dich drin­gen, dann nicht aus Furcht, daß er von mei­ner Auf­fas­sung erfüh­re, son­dern daß es zu einem Mei­nungs­aus­tausch kom­men könn­te, der, zwi­schen Mann und Frau geführt, mit ganz unglei[ch]en Kräf­ten aus­ge­tra­gen wür­de.

Rodolfo Graziani 1940 (Retouched)
Rodol­fo Gra­zia­ni, der am 1. Juli 1940 zu „Mar­schall von Ita­li­en“ und Ober­be­fehls­ha­ber der ita­lie­ni­schen Trup­pen in Nord­afri­ka bestellt wur­de, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 07.2015.
Und nun zu dem ande­ren, das Du nicht ver­ste­hen kannst. Die­ses „dazu bist Du mir schon noch zu gut‟ habe ich noch nach­träg­lich dran­ge­pfef­fert [sic]. Ich wuß­te, daß ich mit mei­nen Vor­hal­tun­gen Dei­ne Freu­de am Dienst schmä­lern müβ­te, aber das ware nicht mei­ne Absicht, ich woll­te Dich nir­gend­wie krän­ken. Mein Groll war, daß Du Dich gera­de jetzt in unse­ren Plä­nen stö­ren lie­ßest, daß Du sie hin­ten­an­stell­test sozu­sa­gen und damit mei­ne Lieb­lings­vor­stel­lung stör­test. Ich hat­te erwar­tet, daß Du dem Pfar­rer etwa so ant­wor­ten wür­dest: „Herr Pfar­rer, das tut mir leid, aber das ist mir jetzt ganz unmög­lich‟. Man soll sei­ne eige­nen Plä­ne nie gering ach­ten! Wer weiß, was er will, läßt sie sich nicht so leicht stö­ren. Die Hilfs­be­reit­schaft läßt uns zu leicht die eige­nen Vor­ha­ben gering ach­ten und hint­an­stel­len, zumal, wenn sie von uns über­ge­ord­ne­ten Per­so­nen in Anspruch genom­men wird. Es ist das Vor­recht des Herrn, ande­re Per­so­nen in ihren Krei­sen zu stö­ren und sie zu „brau­chen,‟ wann es ihm beliebt; es ist das Schick­sal der Magd, sich jeder­zeit „brau­chen‟ zu las­sen. Kommt die [Hil­de Lau­be] daher. Die kommt mir gera­de recht, die kann ich gera­de gebrau­chen. Anders die­se Situa­ti­on: Du gehst müßig. Sagst Dir, ich will mich nütz­lich machen, und gehst dar­auf aus, Dir eine Gele­gen­heit zu suchen. Aber so warst Du der Lücken­bü­ßer, die will­kom­me­ne Gele­gen­heit usw. usw. — — — Genug der Wor­te Liebs­te. Sie wol­len nichts ande­res mehr bezwe­cken, als mich Dir ver­ständ­lich machen. Der ich Dich sonst in der Zuver­sicht auf unser Glück bestärk­te, er hielt es dies­mal selbst in zu zar­ten, emp­find­li­chen Hän­den, er hat­te sich in ein unwirk­li­ches Träu­men ver­lo­ren. Ist es Eifer­sucht, daß ich Dich ganz für mich haben will, daß ich mir wün­sche, Du möch­test jetzt 4 Wochen, [f]ür die All­ge­mein­heit ganz nutz­los, aber mär­chen­haft reich und stolz und glück­lich nur für das Fest Dich berei­ten?

O nein, Liebs­te! Die­ses Wunsch­bild ent­sprang dem Reich­tum uns[e]res Lie­bes­glü­ckes, dem Ide­al der Hohen Zeit!

Nun wirst Du mich ganz ver­ste­hen? Auch, daß ich noch ein wenig trau­rig bin heu­te abend, nach­dem ich das geschrie­ben habe? Ich will noch ein wenig hin­aus­ge­hen.

Ich lie­be Dich! Du weißt es! Du!

Am Mitt­woch.

Herz­lie­bes! Nun will ich erst ein­mal Dei­ne Anfra­gen beant­wor­ten. Von Onkel E. mit Tan­te L., von Onkel K. mit Tan­te M. gin­gen Zusa­gen ein. Onkel K. wird sich der von mir emp­foh­le­nen Ver­bin­dung bedie­nen, er trifft ¾11 Uhr in O. ein. Für die Trau­zeit habe ich sel­ber kei­nen Wunsch. Auf die Kan­to­rei möch­ten wir Rück­sicht neh­men. Onkel K. und Onkel E. wer­den am Sonn­abend zurück­rei­sen wol­len. Onkel K. müß­te nach mei­nen Unter­la­gen um […] Uhr, Onkel E. um die ähn­li­che Zeit abrei­sen. Das wäre für die­se bei­den frei­lich ein kur­zes Fest und wir wür­den wohl auch Schwie­rig­keit haben, alle Mahl­zei­ten an den Mann zu brin­gen. Ich wer­de mich noch heu­te um die Gele­gen­heit zur Rück­fahrt küm­mern. Es wäre zu über­le­gen, ob die­se Gäs­te sonst eine Nacht unter­zu­brin­gen wären. Die­se Mög­lich­keit laßt Euch bit­te mal mit durch den Kopf gehen. Die Wei­sun­gen für das Braut­bu­kett erge­hen mit die­sem Brief. Umt das Bukett für Ger­trud G. kön­nen wir uns k[ü]mmern, wenn ich in O. bin, den­ke ich. Daß Du der Ein­la­dung uns[e]rer Sol­da­ten sol­chen Nach­druck von mili­tä­ri­schem Rang ver­schaf­fen konn­test, ist fein und hof­fent­lich von Erfolg gekrönt. Der Wett­lauf um das Orgel­spiel ist kuri­os, schlägt aber nicht in unser Fach und ich wer­de mich hüten, mich mit einem Wunsch in die Nes­seln eifer­süch­ti­ger, streit­ba­rer Kan­to­ren zu set­zen.

Bombing of haifa 13
Hai­fa, 09.1940, die die ita­lie­ni­sche Luft­waf­fe begann am 1. Juli zu bom­bar­die­ren, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 07.2015.
Mit die­sem Brief revan­chie­re ich mich für den hoch­fran­kier­ten: die Urkun­den zurück. Er ent­hält sogleich Dein ers­tes Ruhege[ha]lt. Ich soll­te es Dir Schlin­gel und Schwarz­ar­bei­ter eigent­lich kür­zen. Daß ich nun mit Dir tei­len soll, freut mich nur und ich wünsch­te, ich hät­te immer recht viel zu tei­len.

Der ver­gan­ge­ne Sonn­tag war sehr schwül. Erst in der vier­ten Nach­mit­tags­stun­de mach­te ich mich auf zu einem Spa­zier­gang in die E. bis zur ers­ten Kahn­fahrt. Mor­gen will ich noch ein­mal beim Schul­rat vor­spre­chen. Kom­men­den Sonn­tag will ich in S. den Got­tes­dienst besu­chen, wir wer­den da zum zwei­ten Male auf­ge­bo­ten.

Ob ich noch grol­le, Liebs­te? Nein, schon seit Mon­tag nicht mehr. Aber es dau­ert so lan­ge bei mir, ehe sich die Wet­ter ver­zie­hen. Und recht froh wer­de ich erst wer­den kön­nen, wenn der Anstoß uns[e]rer Miß­ver­ständ­nis­se aus dem Weg geräumt ist, viel­leicht erst, wenn ich bei Dir bin.

Behüt Dich Gott, Herz­lie­bes! Er erhal­te Dich froh und gesund!

Viel­leicht wirst Du manch­mal Geduld mit mir haben müs­sen.

Du bist die ein­zi­ge Son­ne, die mir lachen kann und lachen wird auch nach Tagen der Trüb­nis. Hal­te mich nur fest, so wie ich von Dir nim­mer las­sen wer­de.

Die ich mir so bräut­lich wie im Mär­chen wünsch­te, Herz­al­ler­liebs­te Du, ich lie­be Dich wie immer! Dein [Roland].T&Savatarsm

Den lie­ben Eltern bit­te vie­le Grü­ße.

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