29. Juni 1940

Hugo Mühlig Spaziergang im Wald
Hugo Müh­lig, Spa­zier­gang im Wald, 19. oder 20. Jahr­hun­dert, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
[400629–1‑1]

S. am 29. Juni 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de] Du!

Frei­tag­abend ist es. Eben bin ich zurück von mei­nem Abend­bum­mel zur Bau­stel­le in H.. Mit die­sem Spa­zier­gang schließt sonst mein Tages­lauf. Heu­te war es ein wenig frü­her, daß ich zurück­kehr­te.

Herz­lie­bes! War­ten müs­sen wir. Es ist ein Muß, das wir uns selbst auf­er­leg­ten. Die Zeit­span­ne ver­kürzt sich mehr und [m]ehr. Ob es mir schwer­fällt zu war­ten? Du weißt, wie ich bin. Nach­dem ich in das har­te Muß ein­ge­wil­ligt habe, wie­ge ich mich auch nicht län­ger in fal­schen Träu­men. Ganz fein still zu sein mühe ich mich. Einen Teil des Tages füllt die Arbeit aus. In der Frei­zeit darf ich Dei­ner den­ken, darf auf Post war­ten, und bin dann wie­der sel­ber dran mit schrei­ben. Daß Du mit Dei­nen Gedan­ken schon ganz bei unse­rem Tage bist, will ich Dir gern glau[b]en. Mir wird die gan­ze Bedeu­tung erst auf­ge­hen, wenn ich die Schul­tür hin­ter mir schlie­ße und mich anschi­cke, zu Dir zu rei­sen, zu mei­ner lie­ben Braut, Du, um sie ganz und für immer zu gewin­nen, Herz­al­ler­liebs­te, Du mei­ne lie­be [Hil­de]!

Am Sonn­abend

Herz­lie­bes! Mor­gen jährt sich der Tag unse­res ers­ten rich­ti­gen Stell­dich­eins zum zwei­ten Male. Ich habe ihn in so lie­ber Erin­ne­rung. Wir faß­ten schon an die­sem Tage größ­tes Ver­trau­en zuein­an­der — ich den­ke nur an die gro­ßen Rei­se­plä­ne — und wenn wir uns auch nicht in allen Stü­cken ken­nen­ler­nen konn­ten, so fühl­ten wir uns doch wie heu­te noch ver­wandt und stark und beweg­lich genug, uns inein­an­der­zu­le­ben [sic]. So wie an jenem Tage habe ich lan­ge nicht aus­ge­ruht in einem Frem­den Augen­paar.

Heu­te kam Dein lie­ber Bote. Ich hat­te ihn erwar­tet. Sag, hast Du nicht ein­mal auch nur lei­se dar­an gedacht, mich in Dei­nen Plan von­we­gen Dienst beim Pfar­rer ein­zu­wei­hen? Ich kann nicht ganz damit ein­ver­stan­den sein:

1) Stimmt es nicht zusam­men mit Dei­nem Plan, den Haus­halt zu füh­ren, des­sent­we­gen Du doch Dei­nen Dienst auf­gabst; ich habe Mutsch die­se klei­ne Erleich­te­rung recht gern gegönnt. Sie wird Dei­nen Schritt nicht ganz ver­ste­hen.

2) Kannst Du nun mit Dei­nen Anga­ben vor dem Arbeits­amt nicht mehr bestehen, und ich will nicht hof­fen, daß Dir gar Unan­nehm­lich­kei­ten von da ent­ste­hen; Du sitzt an einem öffent­li­chen Schal­ter und weißt, wie schnell in O. sich etwas her­um­spricht.

3) habe ich der Kirch­ge­mein­de O. Geld gera­de schon genug geschenkt. Wenn Herr H. auf Urlaub geht, mag er sich vor­her um eine Ver­tre­tung beküm­mern, ich muß­te es als Kan­tor auch, und Du bist mir schon zu gut dazu.

4) wird der Herr Pfar­rer sich die Gele­gen­heit kaum ent­ge­hen las­sen, doch ein­mal irgend­wie wegen mei­ner Stel­lung zu sei­nen Auf­fas­sun­gen in Dich zu drin­gen.

Alles in allem mei­ne ich — sei mir dar­um nicht böse — Du warst wie­der ein­mal zu gut und vor­ei­lig. Aus der For­mel, mit der Du mir die­se Neu­ig­keit eröff­nest „Ja, mein Hubo, nun–”, höre ich ein wenig das schlech­te Gewis­sen und auch die Reue. Zu spät. „Hät­test mir[’]s eher sagen sol­len, Frie­der!“ „Hät­test mich dar­um fra­gen sol­len, Kather­lies­chen!“ Das war, will ich hof­fen, der letz­te [Laube]sche Sei­ten­sprung.

HMSGarlandFL 008921
HMS Gar­land, April 1945. Am 28. Juni 1940 nahm die­ser Zer­stö­rer an die ers­ten See­schlacht zwi­schen ita­lie­ni­schen und alli­ier­ten Kriegs­schif­fe teil. Bild: gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
Und nun drohst Du auch schon, mich in mei­nen Rech­ten zu ver­kür­zen (Brie­fe­schrei­ben) und schützt erhöh­te Arbeit vor in den nächs­ten Tagen. Die­se Begrün­dung gilt nur abzüg­lich der 3½ Stun­den Ehren­dienst! Siehst Du, so recht­lich und lieb­los den­ken wir Män­ner, wir wägen und rech­nen und rech­ten und zei­gen Stolz, wo ihr Frau­en es nicht ver­mu­tet. Und dabei mei­ne ich es doch so lieb mit Dir; und wenn ich mich heu­te weh­ren muß und ver­tei­di­gen, etwas ver­tre­ten oder ableh­nen muß, so sehe ich Dich immer als mei­nen Schütz­ling neben mir und füh­le mich als dei­nen Beschüt­zer, es gibt für den Mann kei­ne schö­ne­re Auf­ga­be, sie kommt ihm zu und die Frau soll sie ihm ver­trau­ens­voll über­las­sen. Hier wird der Mann auf eine gewis­se Unter­ord­nung der Frau drin­gen müs­sen, wenn das über­haupt nötig ist, wäh­rend die The­se des Herrn Pfar­rer, die Frau [m]üsse jeden Augen­blick für ihren Mann dasein, durch­aus streit­bar ist. Aber genug davon.

Die erwar­te­te Absa­ge der Paten­tan­te Marie lege ich bei. Ich habe die übri­gen Ver­wand­ten mit ihren Rück­fra­gen u. Zusa­gen an das Haupt­quar­tier der Braut ver­wie­sen, also wun­dert Euch nicht, wenn Ihr sol­che Post bekommt. Die Feri­en begin­nen am 10. Juli. In der Zuschrift heißt es, daß bis zum 3. August Gele­gen­heit sein soll, sich zu erho­len und daß ab 3. August jeder sich zu Ern­te­ar­bei­ten zur Ver­fü­gung stel­len soll. Du kannst Dir danach schon einen klei­nen Plan zurecht­le­gen.

Death and Fire
Paul Klee, Feu­er und Tod, 1940. Klee ist am 29. Juni 1940 in der Schweiz gestor­ben. Bild: gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
Mor­gen Sonn­tag? Bei schö­nem Wet­ter viel­leicht mal eine Tour. Sonst ver­brin­ge ich ihn essend, schla­fend, lesend.

Ver­lebt auch ihr zu Hau­se einen recht fro­hen Sonn­tag! Denk an den, Lie­bes, der Dei­ner war­tet, still, aber nicht min­der sehn­süch­tig; der Dich liebt, lei­se und heim­lich, nur Dir sicht­bar, aber nicht min­der heiß und innig, Du!

Gott behü­te Dich mir! Er sege­ne unse­ren Bund und unser Vor­ha­ben!

Ich habe Dich von gan­zem Her­zen lie­be und blei­be immer

Dein [Roland].T&Savatarsm

Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern!

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