22. Juni 1940

Bundesarchiv Bild 146-1982-089-18, Waffenstillstand von Compiègne, Unterhändler
Frank­reich, Com­pièg­ne.- Deutsch-fran­zö­si­sche Waf­fen­still­stands­ver­hand­lun­gen.- Wil­helm Kei­tel, Charles Hunt­zi­ger; 22.06.1940. DBa, Bild 146‑1982-089–18 / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
[400622–1‑1]

S. am 22. Juni 1940.

Haupt­quar­tier des Bräu­ti­gams.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be [Hil­de], Du!

Zwei Brie­fe habe ich schon geschrie­ben, Du, nun mußt Dich mit dem begnü­gen, was noch übrig ist. Na, dann gleich mal ein Drü­ckerl [sic] und ein Bus­serl vor­weg, die sind alle noch da, ist noch kein[e]s ver­schrie­ben, Du! Es ist so warm, und am liebs­ten tät[e] ich ja jetzt a bis­serl Mit­tags­stun­de hal­ten, wenn[‘]s nur allein nicht so ein­tö­nig wä[re]. Ach Du! Wenn ich an den drei Wochen ent­langsehe, dann kom­men sie mir schon gar lang vor, ein wenig grau­sam, die letz­ten Wochen Jung­ge­sel­le und Bräu­ti­gam! Aber 3 Wochen sind’s gar nicht mehr ganz, mer­ke ich eben, Du! Na, und wenn es eins von uns gar nicht aus­hal­ten könn­te – – aber kei­ne Pro­be draus­ma­chen, wie lieb eins das and[e]re hat, sonst kom­me ich gleich.

Du hast gut war­nen vor den Nack­frö­scherln auf der Elb­wie­se, weißt ganz genau, daß Dein Hubo viel zu dumm und schwer­fäl­lig ist und gar kein[e]s kriegt mit sei­nem ange­grau­ten Haar und sei­nem dicken Dexl und daß, wenn er wirk­lich ein­mal dar­nach hin­schaut, doch nur an sein Nack­frö­scherl denkt.

Bundesarchiv Bild 183-M1112-500, Waffenstillstand von Compiègne, Hitler, Göring
Frank­reich, Com­pièg­ne.- Deutsch-fran­zö­si­sche Waf­fen­still­stands­ver­hand­lun­gen.- vlnr: Joa­chim von Rib­ben­trop, Wil­helm Kei­tel, Her­mann Göring, Rudolf Hess, Adolf Hit­ler, Walt­her von Brau­chitsch vor Eisen­bahn­wag­gon. DBa, Bild 183-M1112-500 / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
Nein, aber im Ernst, die gan­ze Nack­frö­schelei so vor aller Welt und die Bade­sit­ten uns[e]rer Zeit wer­den einem als unbe­tei­lig­ten Zuschau­er wie­der und wie­der zum Pro­blem. Was das Weib mit Recht scham­voll ver­füllt und sei­nem Ver­trau­ten auf­hebt als Geschenk sei­ner höchs­ten Gunst, das wird hier öffent­lich prä­sen­tiert und heil­ge­bo­ten jeder­mann zu Luft und Augen­wei­de. Nun höre ich Dich schon ein­wen­den: was könnt ihr Män­ner auch da schon abse­hen! Dar­auf muß ich nun erwi­dern: Was ver­steht ihr Wei­ber­chen davon! Der gan­ze Lieb­reiz, ich bekräf­ti­ge, der gan­ze Lieb­reiz eines Mäd­chens prägt sich in sei­ner Gestalt aus, schon in der ver­hüll­ten.  Wenn ich nun den­ke, wie Du lie­ben kannst, wie­viel Lie­be Du ver­schen­ken kannst, kannst Du dann ver­ste­hen, daß ich ein wenig um Dich ban­ge und sor­ge? Du tum­melst Dich harm­los und der Freu­de an Bewe­gung hin­ge­ge­ben und irgend­ein Mensch, viel­leicht gar ein böser, berauscht sich an Dir. Es ist auch eine Ver­su­chung. Du hast die­ses Pro­blem nun wie­der am eige­nen Lei­be ver­spürt und ver­stehst mich ganz gewiß. Aber wel­cher Aus­weg bleibt nun? Bade­zei­ten für Män­ner und Frau­en getrennt. Siehst du, wie­der ein Brauch aus der guten, alten Zeit. Wer ihn wie­der zu Ehren brin­gen woll­te, wür­de von allen Män­nern (ver­ständ­lich, all­zu ver­ständ­lich!) als prü­de ange­spro­chen. Und war es nicht ein guter, sit­ti­ger Brauch? War­um ver­liert die Lie­be unter den Men[sch]en immer mehr an Tie­fe und Geheim­nis und Kraft? Weil die Men­schen das Sel­te­ne gemein machen, das Ver­bor­ge­ne her­vor­zer­ren, und das pri­va­te und per­sön­lichs­te öffent­lich machen, weil sie den Sinn ver­lie­ren für den engs­ten Kreis des Ver­traut­seins zwi­schen Mann und Frau. Aber Man könn­te die­sen Satz auf­stel­len: Zei­ge mir, wie das Weib sich schä­men kann, und ich will Dir sagen, wie tief sie [^]es lie­ben kann. Am Scham­ge­fühl hän­gen so vie­le zar­te und fei­ne Fäden des Emp­fin­dens, die auch her­über­rei­chen  in die Sphä­ren des Geis­ti­gen und See­li­schen. Liebs­te, Herz­al­ler­liebs­te, daß Du an mir einen Men­schen gewin­nen möch­test, der Dei­ne tie­fe und fei­ne Lie­be ganz tei­len kann und ihrer wür­dig ist, das ist mein größ­ter Wunsch und Ehr­geiz. Daß sie ganz unser Eigen ist und mit all ihren Regun­gen eins an das ande­re bin­det, muß ihr unver­sieg­li­che Kraft geben.

Bundesarchiv Bild 183-L10819, Waffenstillstand von Compiègne, Berichterstatter
Frank­reich, Com­pièg­ne.- Deutsch-fran­zö­si­sche Waf­fen­still­stands­ver­hand­lun­gen.- Aus­län­di­sche Jour­na­lis­ten; 21./22.06.1940. DBa, Bild 183-L10819 / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
Es reg­net. Es hat ein Gewit­ter gege­ben. Hat mich gestört im Schrei­ben. Muß nun den Brief sel­ber an die Bahn brin­gen und mich beei­len, Dir das wich­tigs­te noch auf­zu­schrei­ben.

Mor­gen will ich dar­an gehen, die Ein­la­dun­gen auf­zu­set­zen und zu schrei­ben. Seit Don­ners­tag suche ich auch nach dem Bibel­wort für unse­re Trau­ung. Dei­nen Ein­schrei­ber erhielt ich heu­te. Dei­nen lie­ben Brief dazu. Sei recht bedankt dafür. Will alles gut befol­gen, was du mir rätst. Wirst bald wie­der  von mir hören. Über­nimm Dich nicht bei der Arbeit! Sei schön umsich­tig! Ver­liert auch den Humor, die gute Lau­ne und die Freu­de nicht dar­über. Die Freu­de! Herz­al­ler­liebs­te, Du! Daß Du nun mein wer­den sollst! Viel­leicht, daß wir noch heu­te oder mor­gen eine and[e]re  gro­ße Freu­de erle­ben. Paß gut auf! Ich will dabei fest an Dich den­ken.

Wie soll ich Dir zei­gen, daß eine gro­ße Freu­de in mir ist und ich Dich ganz sehr lie­be? Du, Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be [Hil­de]!

Gott behü­te Dich mir! Er seg­ne unser Vor­ha­ben und unse­re Wege!

Laß Dich her­zen und küs­sen, laß Dir sagen, daß ich ganz Dein bin und Dich von gan­zem Her­zen lie­be! Du! Herz­lie­bes!T&Savatarsm

Dein [Roland].

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