21. Juni 1940

Lawrence Alma-Tadema Between Hope and Fear
Law­rence Alma-Tade­ma, Zwi­schen Hoff­nung und Furcht, 1876, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2012.
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O., am 21. Juni 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber [Roland] Du!

Für Dei­nen so lie­ben Brief dan­ke ich Dir recht herz­lich, er hat mich recht froh wer­den las­sen. Er hat mir das Herz frei und den Blick weit gemacht in die­ser Zeit des Hof­fens und Ban­gens. Ich bin so dank­bar, daß ich Dir gehö­re, der Du mich immer wie­der so lie­be­voll und ver­ständ­nis­voll auf­zu­rich­ten weißt, wenn mein Sinn trü­be ist. Liebs­ter! Ich brau­che Dich. Du weißt es. [Ic]h will es Dir immer dan­ken, mit mei­ner gan­zen Lie­be, Du! Am 19. erhielt ich Dei­ne Post­kar­te mit den neu­es­ten Mel­dun­gen. Wel­che gro­ße, freu­di­ge Über­ra­schung Du mir damit berei­tet hast! Du, ich habe zwei­mal gele­sen. Ist es nicht wie ein gutes Vor­zei­chen im Hin­blick auf unser Fest, daß am Ende doch alles gut und nach unse­ren Wün­schen geht? Rich­tig befreit auf­ge­at­met habe ich, weil wir nun wenigs­tens eine Span­ne Zeit vor uns sehen, ohne Zwi­schen­fäl­le in bezug [sic] auf das Mili­tär. Ich glau­be ganz [si]cher, daß man Dich jetzt auf Wochen, ja viel­leicht Mona­te hin­aus nicht abbe­ru­fen wird. Hier in O. sind zwar am 15. vie­le Jhrg. 1907 weg, aber and[e]re wie­der haben Bescheid, daß sie nicht in Fra­ge kom­men. Unser[e]n Pfar­rer sprach ich, er muß auch nicht fort. Elly W.s Mann muß in 3 Wochen weg. Ich den­ke, sie neh­men erst die abkömm­lichs­ten Leu­te weg.

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Aus­zug aus dem Brief

Jetzt bin ich wie­der ein­mal ganz zuver­sicht­lich. Die stei­gen­de Gewiß­heit, daß es mit Frank­reich in Kür­ze zu Ende geht, trägt dazu bei. Ich bin über­zeugt, daß wir auf eine bes­se­re Zeit hof­fen dür­fen. Vol­ler Span­nung war­te ich auf das Ergeb­nis der Unter­re­dung unse­rer bei­den Staats­män­ner. Ich zeich­ne mir jetzt jeden neu­en Sieg, jede Errun­gen­schaft, jeden Vor­stoß auf einer Kar­te an. Ist es nicht gera­de­zu unwahr­schein­lich, die­se unge­heu­re Schnel­lig­keit, die­se über­le­ge­ne Schlag­kraft die unser Heer ent­wi­ckelt? Und wenn man jetzt die Berich­te ver­folgt, die zurück­grei­fen in das ® Kriegs­jahr 1918 u.s.w., dann wird einem erst mal die gan­ze Schänd­lich­keit bewußt, mit wel­cher uns der Fran­zo­se knech­te­te, haupt­säch­lich durch die­sen Ver­sail­ler Ver­trag. Ich den­ke, auf Gna­de und Huma­ni­tät brau­chen die­se Men­schen bei den jet­zi­gen Abma­chun­gen nicht zu rech­nen. Deutsch­land wird sich gehö­rig rächen.

Und nun zu den Papie­ren. Ich bekam sie nur unter dem Ver­spre­chen aus­ge­lie­fert, daß ich sie in Bäl­de wie­der­brin­ge, bis zur stan­des­amt­li­chen Trau­ung min­des­tens. Ohne die­se Urkun­den kann er uns nicht trau­en. Es wäre dann unser Ver­schul­den. Ich beru­hig­te ihn mit dem Bescheid, daß Du sie nur zu einer wich­ti­gen Ange­le­gen­heit benö­ti­gen wür­dest. Du schickst sie ja auch sofort wie­der, wenn Du sie nicht mehr brauchst? Sogar der Pfar­rer, der eben dort war, leg­te mir das drin­gend ans Herz. Ich soll Dich und den Onkel recht herz­lich grü­ßen.

Die Schnei­de­rin hat­te uns doch nun die Klei­der zurück gebracht, hat­te uns eini­ge ande­re genannt die uns anneh­men wür­den. Und so gin­gen wir nun los, 2 Aben­de hin­ter­ein­an­der. Kei­ne konn­te uns die Klei­der machen, alle waren besetzt bis Ende Juli. Die eine hat­te plötz­lich 2 Trau­er­fäl­le bekom­men. Da war guter Rat teu­er. Wir kamen zu dem Ent­schluß noch­mal zur ers­ten, deren Mann gefal­len ist, zu gehen und sie zu bit­ten, daß sie sie uns wenigs­tens zuschnei­den möch­te, nähen wol­len wir sie sel­ber. Sie sag­te auch zu und auch am Tag drauf schrieb sie einen Zet­tel, wir sol­len doch zu einer ihrer Kol­le­gin­nen gehen, sie hät­te selbst mit ihr gespro­chen u. die wol­le es ihr zulie­be mög­lich machen. Nun sind wir dahin u. die Klei­der sind wir los, Du kannst Dir vor­stel­len, wie ich aber dar­über froh bin. Die Mutsch hat­te sich schon wie­der so auf­ge­regt, daß sie nicht schla­fen und nicht essen konn­te. Sie hät­te müs­sen [sic] eine Woche vor dem Fest auf­hö­ren im Geschäft, [u]m die bei­den Klei­der fer­tig zu krie­gen. Wir haben doch auch das Pol­ter­abendkleid noch zu machen! Also Du! Es bleibt dabei, mor­gen in 3 Wochen, so Gott will, ist unser Tag und die Nach­fei­er hal­ten wir in M. ab, wir haben uns nun ent­schlos­sen mit­ein­an­der. Die Grün­der Tru­di war schon 2 mal bei mir in die­ser Woche, Du ahnst ja nicht, wie die sich freut. So auf­ge­regt wie sie ist.

Wallenstein bei seinem Astrologen Seni (19 Jh)
Anonym, Wal­len­stein bei sei­nem Astro­lo­gen Seni, 19. Jahr­hun­dert, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
Ges­tern sag­te sie, im Geschäft hät­te eine Dame einen ‚Lor­cher Kalen­der’ bekom­men (Astro­lo­gie) eigent­lich sind für 1940 gar kei­ne in die Öffent­lich­keit gelangt und da stün­de, daß am 13. Juli die Frie­dens­bot­schaft käme! Tru­di war ganz aus dem Häu­sel, das hät­te sie mir sofort sagen müs­sen! Noch man­ches erzähl­te sie, was schon zurück­liegt — stimmt aufs Datum. Unter ande­ren ste­he da zu lesen, Mstr. Chur­chill müß­te sei­ne Schuld mit dem Leben büßen, durch den Ein­marsch der Deut­schen in Engl.

Na, weißt Du! Abwar­ten!

Aber, wenn das mit dem Frie­den stimmt, Du! Ich gäbe Dir vor allen Leu­ten einen ganz fes­ten Kuß!

Ich muß ganz schnell schrei­ben, damit ich mei­ne Arbeit alle wie­der auf­ho­le, die ich ver­säu­me jetzt. Ich muß noch ein­ho­len gehen und die Haus­ord­nung scheu­ern; denn wenn Mutsch kommt, geht das Wäsche ein­wei­chen los. Sie hat mir aller­hand auf den Arbeits­plan geschrie­ben u. ich soll­te Dir heu­te gar­nicht einen Brief schrei­ben, nur die Papie­re u. paar Zei­len dazu, erst am Sonn­tag wie­der. Weil wir so viel Arbeit noch haben, aber ich bin doch nicht so dumm u. las­se die schö­ne unge­stör­te Zeit so dahin­ge­hen, ohne an Dich zu den­ken, Du stehst doch über allem Drasch. Mein lie­ber, lie­ber Lau­se­jun­ge Du! Ich möch­te mich jetzt gleich mal ver­hau­en mit Dir. Ach, mir ka[m] soo [sic] viel Arbeit u[nd] ich könn­te Dich in die­ser Zeit gar­nicht brau­chen, sonst säßen wir zum Fest noch im Schmut­ze da. Der Sonn­tag ist sowie­so nicht zum Fei­ern da, das sehe ich schon kom­men u[nd] Du müß­test ja doch gar so lang war­ten auf ein Zei­chen von mir. Ich stür­ze mich dann kopf­über in die Arbeit, wie 10 wil­de Affen so heißt es hier. Da merkt kei­ner was, daß ich paar ½ Stun­den gefau­lenzt habe. Ach Du! Eigent­lich ist es noch lan­ge bis zum 13 Juli.

Italian offensive Bourg Saint-Maurice-1940
Der Ein­marsch der Ita­lie­ni­schen in Frank­reich. Bild: gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
Wie wer­de ich mich freu­en wenn Du kommst, nach solch lan­ger Zwi­schen­pau­se. Du! Ich glau­be, ich habe schon jetzt Sehn­sucht nach Dir! Und eines will ich Dir sagen, schaff Dir unter­des­sen bloß kei­nen sol­chen Nack­frosch an vom Elbe­strand! Ich habe auch kei­nen ange­hört, als ich schwim­men war am Mitt­woch obwohl sie hin­ter­her waren, wie die Hech­te im Karp­fen­teich. Du! Ich gehe nicht wie­der baden.

Und nun Herz­al­ler­liebs­ter, blei­be gesund und froh in Dei­ner letz­ten Jung­ge­sel­len­zeit; alle guten Wün­sche gehö­ren Dir. Behü­te Dich Gott!

Ich war­te auf Dich, Du! Nun nicht mehr lan­ge als Braut.

Ich hab[‘] Dich so sehr lieb, Herz­al­ler­liebs­ter! Du!

Immer Dei­ne [Hil­de].T&Savatarsm

Vie­le herz­li­che Grü­ße sen­den Dir die Eltern.

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