18. Juni 1940

[400618–1‑1]

S. am 18. Juni 1940.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be [Hil­de] Du!

Nun weiß ich Dich wie­der in hei­mat­li­chen Gewäs­sern, will lie­ber schrei­ben Gefil­den. Wirst nun erzählt haben aus der ver­wir­ren­den Fül­le von Ein­drü­cken und Erleb­nis­sen, die noch in der letz­ten Stun­de alle auf­ge­hellt wur­den durch die gro­ße Freu­den­bot­schaft, und hast nun auch mit Dei­nem über­ra­schen­den per­sön­li­chen Erschei­nen die Freu­de ins Eltern­haus getra­gen. Wir durf­ten die­se Freu­de noch gemein­sam erle­ben, und ich habe sie Dir von gan­zem Her­zen gegönnt, Dei­nem jun­gen, hei­ßen, dank­ba­ren Her­zen, das sich doch manch­mal noch umdüs­tern läßt. Ist es Dir nicht wie ein Wink, wie eine Bestä­ti­gung mei­ner Wor­te davon, daß wir Ver­trau­en fas­sen sol­len in Got­tes Füh­rung, Ver­trau­en in unser Geschick, in das, was er uns schickt? Und war es bis­her nicht ein unver­dient gnä­di­ges Geschick? Herz­al­ler­liebs­te, wir wol­len es nicht ver­ges­sen. Der Glau­be ist nicht nur ein Wis­sen und eine Über­zeu­gung, son­dern er gewinnt Gestalt in uns[e]rer Hal­tung dem Leben gegen­über, er ist die ein­zi­ge fes­te Grund­la­ge für den Mut zum Leben. Der Aber­glau­be ist ein Irr­weg, ein schlech­ter Ersatz und eine unsi­che­re Zuflucht; die ihm anhän­gen, blei­ben voll Angst und Miß­trau­en zu ihrem Geshick. Kei­ne schö­ne­re Auf­ga­be kann uns gestellt sein, als daß wir mit­ein­an­der in der Schu­le unse­res gemein­sa­men Lebens den rech­ten Lebens­mut und Gott­ver­trau­en ler­nen, daß wir die rech­te Lebens­frei­heit gewin­nen und die Wei­te des Bli­ckes.

Bundesarchiv Bild 101I-126-0347-09A, Paris, Deutsche Truppen am Arc de Triomphe
Paris, Deut­sche Trup­pen am Arc de Triom­phe, 14. Juni 1940. DBa, Bild 101I-126‑0347-09A / Gut­jahr / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
Wenn ich mir die ver­gan­ge­nen Tage ver­ge­gen­wär­ti­ge, dann bleibt der Ein­druck: Ich bin so ganz eins mit Dir. Wir dür­fen getrost die Hän­de inein­an­der­le­gen und ich war­te voll Unge­duld auf die­sen Tag. Und nun ist es, als soll­te ich die Jung­ge­sel­len­se­lig­keit in ihrer gan­zen Enge und Lie­der­lich­keit die­se 4 Wochen noch ein­mal kos­ten. Ich bin jetzt auf das Zim­mer im Erd­ge­schloß beschränkt. Die Stu­be ist nur noch ein Gang zwi­schen Bett, Schrank, Sofa und Rega­len. Aber es ist immer noch freund­li­cher als bei D.s. Ich neh­me es durch­aus von der lus­ti­gen Sei­te. In die­sen som­mer­li­chen Tagen ist es leicht zu ertra­gen, und in 3 Wochen kann ich hier wie­der ent­wi­schen. S. ist jetzt voll besetzt wie in Frie­dens­zei­ten, auf den Wie­sen wim­melt es von Nack­frö­schen [sic], Adams und Evas, aber die, nach der ich mir schon den Hals ein­mal ver­dre­hen möch­te, ist nicht dar­un­ter. Ach, alle Süßig­keit, ich mag sie nur von der Einen, deren Herz mir gehört!

Heu­te erhielt ich Dei­ne lie­ben Zei­len. Flie­ger­alarm! Ver­schlaft ihn nur nicht!

Bundesarchiv Bild 183-L12579, Frankreich, Anti-englische Plakate
Pla­ka­te wer­den von deut­schen Sol­da­ten in einem fran­zo­si­schen Ort ange­bracht, auf denen auf die Kriegs­schuld Eng­lands hin­ge­wie­sen wird, wo die eigent­li­chen Kriegs­het­zer zu suchen sind, Juni 1940. DBa, Bild 183-L12579 / CC-BY-SA, über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2016
Deine Akten­stück vom Stan­des­amt habe ich schon wei­ter­be­sorgt. Ich muß Dich bit­ten, Dich noch ein­mal zum Stan­des­amt zu bemü­hen und zu fra­gen, ob sie mir mei­nen Geburts­schein und den Trau­schein mei­ner Eltern nun aus­lie­fern kön­nen. Heu­te hielt ich zum ers­ten­mal wie­der Schu­le, wie Du schon weißt. Die Fran­zo­sen zei­gen sich noch ein wenig unnach­gie­big, nicht lan­ge mehr. Der Angriff gegen Eng­land wird schon ein­ge­lei­tet.

Hier sitzt nun Hubo, gefan­gen, ver­bannt, er darf nicht rei­sen und soll gedul­dig war­ten bis — - ja bis — - Du! bis zu unse­rem Tag. Jetzt kommt es ihm noch lang vor, aber bald wird die Zeit ver­stri­chen sein, es ist nur einer von den Abstän­den, die wir im Frie­den hiel­ten.

Herz­al­ler­liebs­te! Behüt Dich Gott! Blei­be froh und gesund. In die­sen Tagen der Tren­nung, den letz­ten hof­fent­lich, will ich noch viel öfter Dei­ner den­ken, Dei­ner und unse­res Tages. Zu wem gin­gen sie lie­ber, mei­ne Gedan­ken, als der Ver­trau­ten mei­nes Her­zens, die so reich ist an allem?

Herz­al­ler­liebs­te Du! Ich habe Dich ganz lieb und bin und blei­be

Dein [Roland].T&Savatarsm

Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern.

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