05. Juni 1940

Bundesarchiv Bild 183-B14898, Calais, britische Kriegsgefangene
Calais, bri­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne, Mai 1940, DBA, Bild 183-B14898 / CC-BY-SA, 06.2015.
[400605–2‑1]

O., am 5. Juni 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter!  Mein lie­ber, lie­ber [Roland], Du!

Als ich heu­te früh den ers­ten Blick aus dem Fens­ter tat, weh­ten die Flag­gen fast an allen Häu­sern der S.straße.  Es blieb mir bis heu­te mit­tag ein Rät­sel, was wohl die­ser ganz beson­de­re Anlaß dazu sein muß. Dün­kir­chen ist gefal­len – ich erfuhr es beim Ein­kau­fen.  Eine lau­te, freu­di­ge Stim­mung tut sich über die­sen groβen Sieg nir­gends kund.  Dank­bar­keit, tie­fe Dank­bar­keit gegen Gott und unse­re lie­ben Sol­da­ten f[ü]hlen wir in uns; möge er gnä­dig wal­ten über dem deut­schen Geschick.  Ich emp­fin­de es mach­mal ungut, mach­mal gut, daβ wir kein Radio haben.  Vie­le auf­re­gen­de Ein­zel­hei­ten blei­ben so mir erspart und doch war­te ich bren­nend dar­auf, bis die Zei­tung kommt und das Wich­tigs­te mel­det.  Glaub mir, ich kann nicht ohne Anstren­gung mei­ne Fas­sung und trotz allem mei­nen Mut bewah­ren.  Die­ser Krieg ist so grau­sam.

Bundesarchiv R 49 Bild-0705, Polen, Herkunft der Umsiedler, Karte
Über­sicht zur Her­kunft deutsch­stäm­mi­ger Umsied­ler im Wart­he­land, 1939–1941, DBA, R 49 Bild-0705 / CC-BY-SA, 06.2015.
Wenn ich Front­be­rich­te oder sonst irgend­wel­che Ein­zel­hei­ten lese, mich so rich­tig hin­ein­ver­set­ze in das Gesche­hen, dann könn­te ich fast ver­zwei­feln, wenn ich an die Zukunft den­ke.  Bei uns kamen 50 Ver­wun­de­te an.  Heu­te fah­ren die Wolhynien–Deutschen weg, sie sagen, nach Pir­na ins Sam­mel­la­ger.  Wenn das Laza­rett- und Lager­le­ben eine Zeit so fort geht, neh­me ich an, daβ wir von der N‑S-V Ehren­diens­te zuge­wie­sen bekom­men.  Ich wür­de mich ohne wei­te­res täg­lich paar Stun­den zur Ver­füngung stel­len.

Mei­nes Erach­tens wird sich wohl nun sowie­so mei­ne Lebens­wei­se ändern.

NSDAP Volksgemeinschaft NS VOLKSWOHLFAHRT
NSDAP Volks­ge­mein­schaft NS VOLKSWOHLFAHRT. Bild: Tho­masTom­son, 17.05.2012, über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
Ich glau­be auf kei­nen Fall, daβ man mich unge­scho­ren läβt, wenn ich Dei­ne Frau bin und kei­nen eige­nen Haus­halt füh­re, Du beim Mili­tär bist.  Man wird mich schon zur Arbeit her­an­zie­hen. Aber lie­ber mel­de ich mich frei­wil­lig zum Roten Kreuz, oder zur N‑S-V im Orte, als daβ ich mich zurück in eine Fabrik ste­cken las­se, das steht fest.

Weiβt Du, was ich die­ser Tage immer den­ken muβ­te?

Es kann sein, daβ ich mit mei­ner Annah­me ganz dane­ben grei­fe.

Dei­ne Ein­be­ru­fung beruht auf Schi­ka­ne gewis­ser Per­sön­lich­kei­ten, die Dir von damals nicht wohl wol­len.  Wir haben ja kei­ne Ahnung, wie raf­fi­niert man­che Men­schen arbei­ten, und beson­ders wenn sie von der Par­tei aus an füh­ren­den Stel­len sit­zen.  Es wür­de ja nur ein klei­ner Typ genügt haben, um den Stein ins Rol­len zu brin­gen.  Ich kann mir nicht hel­fen, ich traue denen auch die letz­te Nie­der­träch­tig­keit zu.  Haben sie Dich in L. an Dei­nem Fort­kom­men gehin­dert, was soll­te sie wohl nun ver­an­las­sen, das Gegen­teil zu tun?  Glau­be ja nicht, daβ die He[rr]n nicht infor­miert sind über Dein poli­ti­sches Ver­hal­ten, wer sich ein­mal als sogen[anntes] schwar­zes Schaf gezeigt hat, den las­sen die Brü­der nie mehr aus den Augen.  Ich weiβ, es ist nicht Dein Ver­schul­den, wie die Din­ge jetzt lie­gen wegen Dei­ner Anmel­dung.  Die­sen Fall nen­ne ich ja auch nicht als aus­schlag­ge­bend hier­in.  Ich kann nur nicht ver­ges­sen, wie gemein sie damals waren und muβ aus dem Grun­de mei­ne Behaup­tung auf­recht erhal­ten, daβ da jemand ande­res als das Gesetz dahin­ter steckt.  Sie wis­sen ja alle, Du willst hei­ra­ten, wirst damit stän­dig wer­den.

Wir Frau­en urtei­len anders als ihr Män­ner.  Du magst mich ver­ur­tei­len, ich kann es Dir nicht weh­ren.  Du bist zu gut­gläu­big.

Doch das wis­sen wir bei­de: Es nis­tet viel Schlech­tig­keit u[nd] Nie­der­träch­tig­keit gera­de unter den Män­nern der Par­tei.

Es ist auch nicht Feig­heit oder ein schlech­ter Zug von mir, daβ ich will [sic] ande­re Men­schen ver­ant­wort­lich machen, schul­dig erklä­ren für Dein Geschick; denn sei­ner Bestim­mung ent­geht letz­ten Endes kei­ner; ich sage das auch nicht aus eigen­nüt­zi­gen Gefüh­len her­aus, war­um soll­te es gera­de mir bes­ser gehen, als den ande­ren.  Ich kann Unrecht nicht ver­ges­sen und bin voll Miβ­trau­en gegen jeden, der mir und uns bei­den Unrecht tat.

Liebs­ter!  Nimm das alles, was ich Dir dar­über schrieb, nicht als Ankla­ge gegen das Schick­sal.  Du weiβt, ich kann schwer ver­ges­sen, und die Bit­ter­keit stieg in mir hoch, als ich unse­re jet­zi­ge Lage und dann die Ver­gan­gen­heit ‚L.‛, an mir vor­über­zie­hen lieβ – ich muβ­te mir Luft schaf­fen.

Ich ver­spre­che Dir:, [sic] daβ ich unser Geschick mit fes­tem Griff anfas­se, daβ ich ihm unver­zagt und tap­fer ins Auge sehen will – es muβ uns gelin­gen, unse­re groβe Lie­be durch die­sen Kampf zu tra­gen, mit Got­tes Hil­fe hin­durch­zu­tra­gen um sie, wenn es an der Zeit ist, dop­pelt froh und glück­lich in unse­rem Heim Ein­zug hal­ten zu las­sen.  Herz­al­ler­liebs­ter!  Ges­tern war Wan­der­tag mit Frau Mama.  Das Wet­ter ver­sprach früh schon herr­lich zu wer­den, und Du in S. bekamst sicher auch eine Pro­be davon ab.  ½ 8 waren wir schon start­be­reit und ich schlug vor, wir gehen am Post­amt vor­bei und fra­gen, ob.….  Sie­he da, sogar ein Küβchen, da spie­le ich selbst­ver­ständ­lich den Emp­fän­ger!  Mit fro­hem Sinn reis­te ich ab.  Zu W. muβ­ten wir ½ Stun­de auf Anschluβ war­ten, und wie wir so vor­’m Bahn­hof in der Son­ne sit­zen den­ke ich, jetzt wirst du mal eben Vater [Nord­hoff] [ein]en Gruβ sen­den; W. die Stadt sei­ner Jugend­er­in­ne­run­gen!

Rollbraten Kartoffelsalat
Roll­bra­ten (auch Rollschin­ken) aus Schwei­ne­fleisch mit Kar­tof­fel­sa­lat. Bild: Ben­reis, 14.05.2015, über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
Die alte Krä­mers­frau gegen­über dem Bahn­hof, wo ich die Kar­te kauf­te, lieh mir auch ihren lan­gen Blei­stift und als ich mit ihr in’s Gespräch kam, stell­te es sich her­aus, daβ sie und ihre Brü­der Dei­nen Vater ken­nen; na, da habe ich sie gleich mit unter­schrei­ben las­sen.  Zu G. konn­ten wir uns nur 3 Stun­den auf­hal­ten, weil kei­ne and[e]re Mög­lich­keit bestand, vor Abend nach W. zu gelan­gen.  Es ist alles in Ord­nung mit unse­rer ‚Bestel­lung‛, wir bekom­men eine har­te Wurst und einen Rollschin­ken. Den­ke nur, Onkel Albert hat auch Bereit­schafts­or­der, er ist Jahr­gang 1906.  Du hast kei­ne Ahnung, wie unzäh­lig vie­le Män­ner dau­ernd auf Tante’s Straβe vor­bei nach den Kaser­nen zie­hen.  Sie sag­te, das geht schon über eine Woche so, und lau­ter älte­re Män­ner.  Sie mei­nen auch, daβ wir uns sol­len lie­ber noch stan­des­amt­lich trau­en las­sen, ehe Du weg muβt.  Sie zähl­ten paar Fäl­le auf, wo der Mann ziem­lich weit fort gekom­men ist und erst nach ¼ Jahr zum Hei­ra­ten heim konn­te, die eine war­tet heu­te noch.

Das ist ja nun frei­lich über­all anders und man kann nicht sagen, wohin Du sollst und wel­che Vor­ge­setz­ten Du haben wirst.  Ich sprach auch am Mon­tag mit der Toch­ter vom Lunk­witz B., bei uns an der Straβen­kreu­zung.  Sie ist mit einem Leh­rer in Leip­zig jung ver­hei­ra­tet, ihr Mann ist in Dei­nem Alter, unge­dient und seit März ein­be­ru­fen, gleich raus nach Ham­burg.  Wenn er nicht einen guten Bekann­ten als sei­nen Leut­nant gehabt hät­te, wäre er jetzt noch nicht dage­we­sen, mein­te sie; der hat ihm nach einem reich­li­chen ¼ Jahr Urlaub ver­schafft.  Das­sel­be Lied vom Urlaub erzähl­te sie von einem bekann­ten Ehe­paar, wo ‚er‛ nach W. ein­tref­fen m[u]βte.  Wenn das frei­lich so böse aus­sieht, wäre es zu über­le­gen, ob wir die stan­des­amt­li­che Trau­ung nicht doch vor­ver­le­gen.  Ich bin ja nun ohne Beruf und soll­te das sich bei uns auch so lang hin­aus­zie­hen, das geht nicht gut.  Ich bin dann ohne jeg­li­che Unter­stüt­zung. Ich habe mit den Eltern dar­über gespro­chen und die mei­nen, wir sol­len uns dar­über einig wer­den wenn ich zu Dir fah­re am Sonn­abend, sie sind unter sol­chen Umstän­den auch der Mei­nung, daβ wir uns erst noch trau­en las­sen; bei der kirch­li­chen Fei­er soll es vor­der­hand so blei­ben.  Sie wür­den uns eben sofort die Papie­re schi­cken; es ist ja alles bereit.  Also Liebs­ter!  Du wirst Dir das auch ein­mal über­le­gen, bis ich bei Dir bein, ja?  Am Monta[g] auf dem Gemein­de­amt wur­den mir nur die Papie­re aus­ge­hän­digt, die mei­ne Unter­su­chung bestä­ti­gen u. die Du bei Dei­ner Behör­de vor­le­gen muβt.  Ich brin­ge sie mit.

Mein Geld konn­te ich ohne wei­te­res abhe­ben, und B.s freu­ten sich, als ich Mon­tag schon zah­len kam.  Wir beka­men 34,50 M erlas­sen, ist doch schön, nicht?

Was ich heu­te ver­gaβ zu schrei­ben und was noch zu sagen wäre, das wol­len wir nun am Sonn­abend und an noch viel mehr Tagen münd­lich tun.  So Gott will, darf ich bald bei Dir sein, Du mein Herz­al­ler­liebs­ter!  Es will mir so eigen zumu­te wer­den, wenn ich den­ke:  noch ein­mal bei Dir und viel­leicht lan­ge, lan­ge nicht mehr dann.  Liebs­ter!  Ich habe einen Wunsch, einen groβen inni­gen Wunsch, es ist mein ein­zi­ger den ich habe.  Ich habe Angst, daβ Du ihn mir nicht erfül­len wirst;  doch wenn die­ser ein­zi­ge Wunsch mit Got­tes Plä­nen über­ein­stimmt, dann wird er erfül­len hel­fen.  Ich will ihn nicht nie­der­schrei­ben, Du!  Ich will ihn Dir selbst sagen.  Und nun behü­te Dich Gott!  Du!  Mein bes­ter, aller­liebs­ter Mensch!  Mein [Roland]!  Ich bin immer bei Dir mit mei­ner gan­zen groβen Lie­be und Sehn­sucht!T&Savatarsm

Zu Treue    Dei­ne [Hil­de].

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