04. Juni 1940

[400604–1‑1]

S. am 4. Juni 1940.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be [Hil­de], Du!

Ich möch­te die Gedan­ken, die Du in Dei­nem lie­ben Brief­lein anrührst, ein wenig wei­ter­spin­nen. Ges­tern las ich in einer Zei­tung die Anzei­ge des Hel­den­to­des zwei­er Brü­der in höhe­rem mili­tä­ri­schen Rang, aka­de­misch gebil­det, die Mut­ter und der drit­te im Fel­de ste­hen­de Bru­der waren unter­zeich­net. Furcht­bar erscheint uns das Her­ze­leid, wir kön­nen es nicht mit­emp­fin­den. Aber furcht­ba­rer berührt uns die Wucht und Gewalt die­ses Schla­ges, wenn wir glau­ben, daß auch er — wie alles Gesche­hen — bei Gott beschlos­sen war. Muß­ten die­se kost­ba­ren Men­schen­le­ben so beschlos­sen wer­den? War das ihr Sinn? Ob es die bei­den Men­schen vor­be­rei­tet traf? Und dann möch­ten wir mit unse­rem beschränk­ten Den­ken schnell ein Sys­tem die­ser Schi­ckun­gen auf­stel­len, möch­ten erklä­ren, begrei­fen, möch­ten Gott in die Kar­ten sehen. Und der nächst­lie­gen­de Gedan­ke ist dann [d]er an Lohn und Stra­fe, Beloh­nung und Ver­gel­tung.

Dunkerque retreat
Eva­ku­ie­rung der alli­ier­ten Trup­pen von Dün­kir­chen, Juni 1940, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 06.2015.
Er ist ein ganz mensch­li­cher, beschränk­ter Gedan­ke. Er ver­klei­nert Gott, von dem wir wis­sen, daß sei­ne Güte und Gna­de und Geduld unend­lich sein kann. Wir dür­fen uns nie ver­lei­ten las­sen, sol­che Schi­ckun­gen dem betrof­fe­nen als Lohn oder Stra­fe zuzu­rech­nen. Das ist Fre­vel, schlim­mer Fre­vel! Wer kann vor Gott so bestehen, daß er nicht eben sol­ches Schick­sal ver­dient? Nein, wir kön­nen nichts als ehrfü[r]chtig erschau­ern vor Got­tes Rat­schluß und müs­sen dar­über ernst und stumm wer­den. Got­tes Gerech­tig­keit muß uns selbst­ge­rech­ten und ego­is­ti­schen Men­schen immer ver­bor­gen blei­ben in ihren letz­ten Zusam­men­hän­gen. Ja, wor­auf grün­det sich dann die Zuver­sicht v auf sei­ne Gna­de, die Hoff­nung auf sei­ne Hil­fe? „Denen, die Gott lie­ben, müs­sen alle Din­ge zum Bes­ten die­nen [Römer 8:28]“ Ver­führt die­ses Wort nicht wie­der auch zu Hoch­mut, Selbst­zu­frie­den­heit, zum Anspruch auf Gna­de, ich lie­be dich, Gott, also müs­sen mir alle Din­ge zum Bes­ten die­nen!? O nein, das wäre eine fal­sche Aus­le­gung. „Alle Din­ge“, dar­un­ter fal­len auch Krank­heit, Ver­fol­gung, Tod. Ein ganz demü­ti­ges Wort ist es gleich dem: „Was mein Gott will, gescheh all­zeit!“


Und „zum Bes­ten die­nen“, das soll nicht hei­ßen zu irdi­schem Erfolg, Wohl­stand und Besitz, das kann nur hei­ßen, dem Men­schen zum Heil, zum He[i]l sei­ner See­le, zum Heil sei­nes Her­zens, das Gott allein ansieht. Trotz­dem dan­ken und bit­ten wir Gott auch um die Erfol­ge und Güter des irdi­schen Lebens. Von allen ent­schei­den­den Wen­dun­gen unse­res Lebens glau­ben wir, daß sie mit sei­nem Wil­len gesche­hen. Als beson­de­re Gna­de betrach­te ich es, daß wir einen Zugang zu Gott haben, ein Ohr für sein Wort. Wie­viel Men­schen haben es nicht und nicht mehr. Daß wir ein­an­der fan­den, dar­in sehen wir sei­ne Fügung, nicht nur in den selt­sa­men Umstän­den und dem glück­haf­ten Sich­fin­den un[d] Zunei­gen uns[e]rer Her­zen, son­dern auch dar­in, daß die­se Lie­be uns[e]re Her­zen rei­nigt, klärt und läu­tert, daß sie die unru­hi­gen Trie­be zähnt und zur Ord­nung ruft, daß sie die­se Trie­be ver­edelt. Ich habe Dir davon schon manch­mal geschrie­ben, Herz­lie­bes. Du bist mir an die Hand gege­ben, Herz­lie­bes! Ich hal­te Dei­ne Hand fest mit aller Lie­be und Treue und will mit Dir gehen. Mutig wol­len wir uns[e]re Stra­ße wan­dern und uns[e]re Hän­de rüh­ren. Und wol­len doch auch still und demü­tig Got­tes Stim­me lau­schen und unser Leben dar­nach rich­ten. Denn erst von Gott erhält es sei­nen hohen Sinn, sei­ne Wei­se, sei­nen Adel.T&Savatarsm

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