Trug und Schein: Ein Briefwechsel

27. Mai 1940

Plakat "Gesunde Eltern - Gesunde Kinder!", Hg.: NS Volkswohlfahrt, Reichsführung, Berlin, Entwürf: Franz Würbel, 1933, DHM 1990/533, 04.2015
Pla­kat “Gesun­de Eltern — Gesun­de Kin­der!”, Hg.: NS Volks­wohl­fahrt, Reichs­füh­rung, Ber­lin, Ent­würf: Franz Wür­bel, 1933, DHM 1990/533, 04.2015

[400527–1‑1]

S. am 27. Mai 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be [Hil­de] Du!

Dar­an muß ich den­ken, daß in dei­nem All­tag in die­ser Woche eine ein­schnei­den­de Ver­än­de­rung ein­tritt. Um mir zu fol­gen, Herz­lie­bes, willst Du Dei­ne Arbeits­stät­te ver­las­sen. Unauf­halt­sam und immer deut­li­cher tritt das Vor­ha­ben uns[e]rer Ver­bin­dung her­an mit Umstän­den [u]nd Ver­än­de­run­gen. Waren es erst nur Ver­än­de­run­gen, die geheim nur uns bei­de angin­gen, so sind es jetzt bedeut­sa­me, allen ver­nehm­ba­re Schrit­te. Und fes­ter müs­sen wir unse­re Zuver­sicht und Glau­ben in die Hand neh­men: was jetzt geschieht und sich voll­zieht ist unser Schick­sal, das wir aus Got­tes Hän­den emp­fan­gen.

Sjöllingstad IMG 3299 Jacquard german 1939 Sachsische Webstuhlfabrik (Louis Schönherr) Chemnitz
Lou­is Schön­herr (Säch­si­sche Web Stuhl­fa­brik) in der Stadt Chem­nitz pro­du­ziert Loch­kar­ten Web­stuhl. Die Maschi­ne wur­de von Sigurd Bjørt­ve­dt 1939 zwei Mona­te vor dem Aus­bruch des Zwei­ten Welt­krie­ges erwor­ben und nach Nor­we­gen gebracht. Bild von der Sjøl­ling­stad Woll­wa­ren Fac­to­ry (Sjøl­ling­stad Uld­va­re­fa­brik), dem ursprüng­li­chen Kauf Fabrik, in Man­dal / Lin­des­nes Gemein­de, Vest-Agder, Nor­we­gen. Bild von Bjo­ert­ve­dt, 27 April 2013, über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015
Ich habe, und Du hast die­sen Tag manch­mal her­bei­ge­wünscht, an dem Du aus der Tret­müh­le der Fabrik­ar­beit, die­ser abstump­fen­den, alle Idea­le [t]ötenden Arbeit, schei­den könn­test. Und es wäre für mich ein Tag gro­ßer Freu­de, wenn ich Dich nun gleich in den ande­ren, bes­se­ren Pflich­ten­kreis hin­über­füh­ren könn­te. Sie wird ein klein wenig gedämpft, durch die Unge­wiß­heit dar­über, wann und wo das wird sein kön­nen. Aber das soll uns nicht klein­mü­tig machen. Nichts berech­tigt uns, an der Hoff­nung auf das Gelin­gen uns[e]rer Plä­ne zu zwei­feln. Im Gegen­teil. Und ich weiß, daß Du bereit bist, mit mir ein paar Wider­wär­tig­kei­ten froh­ge­mut und tap­fer auf Dich zu neh­men.

Es wird für Dich ein Tag des Abschie­des von ver­trau­ten Gewohn­hei­ten, Arbei­ten und Men­schen. Die Fabrik­ar­beit zwingt die Men­schen zu einer Ord­nung. Jede Ord­nung ist wohl­tu­end und jeder Mensch mit Halt kommt und strebt zu einer Lebens­ord­nung. Eine alte, auf­ge­zwun­ge­ne, skla­vi­sche Ord­nung ver­läßt Du; eine neue, eige­ne mußt Du nun erst fin­den. Der Men­schen­kreis, in den Du bei Dei­ner Arbeit gestellt warst, er war Dir auch auf­ge­zwun­gen, Du konn­test ihn nicht ein­mal flie­hen, wenn er gar zu auf­dring­lich Dich bedräng­te. Die klei­nen gemein­sa­men Freu­den und Nöte des All­tags ver­ban­den Dich mit ihm, wenn auch nur locker und äußer­lich. Fes­ter bin­den Dich dar­an die Teil­nah­me an den Schick­sa­len, die Du ken­nen­lern­test, und die Maß­stä­be, die Du gewannst, wenn Du an die­sen Schick­sa­len Dein eige­nes maßest und aus­rich­te­test. Und mit Recht schei­dest Du des­halb nicht ohne Weh­mut und Dank­bar­keit. Jeder stre­ben­de Mensch erkennt dank­bar, daß jede Stre­cke uns[e]res Lebens­we­ges, auch die ödes­te, not­wen­dig ist und den Men­schen formt. Und so dank­bar ich bin, daß ich Dich gewann so wie Du bist, füh­le ich mit Dir den Dank für den Lebens­ab­schnitt, den Du nun beschlie­ßen willst.

Bundesarchiv Bild 183-S55480, Polen, Parade vor Adolf Hitler
Polen, Para­de vor Adolf Hit­ler, 09.1939, Scherl Bil­der­dienst: Aus dem Film “Feld­zug in Polen,” her­aus­ge­ge­ben 4.2.1940, DBa, Bild 183-S55480 / CC-BY-SA, 04.2015
Herz­al­ler­liebs­te! Heu­te erhielt ich Dei­nen Brief. Was Du mir dar­in berich­test, hat mich den gan­zen Tag bewegt. Was ist das für eine Zeit, in der wir jetzt leben! O Du! Ich besin­ne mich auf den Sep­tem­ber, den Tag der Kriegs­er­klä­rung. Das gan­ze gro­ße Unglück und Her­ze­leid die­ses Kriegs­bran­des stand für Minu­ten mit aller Wucht und Deut­lich­keit vor mir. Seit­dem sind wir schon här­ter gewor­den, gefaß­ter. Herz­al­ler­liebs­te! Was auch noch kom­men mag, hal­te fest am Glau­ben und am Gebet, das bit­te ich Dich! Unser Hell­muth ist nach Leit­me­ritz ver­scho­ben wor­den. Von Sieg­fried traf am Sonn­tag eine Nach­richt vom 16. Mai ein.

Dunkirchreccon
Eine Lock­heed Hud­son von No. 220 Squa­dron RAF nähert Dün­kir­chen auf einem Späh­trupp bei der Eva­ku­ie­rung des bri­ti­schen Expe­di­ti­ons­korps aus dem Hafen im Mai und Juni 1940 (Ope­ra­ti­on DYNAMO). 26. Mai bis 4. Juni 1940, Roy­al Air Force offi­ci­al pho­to­gra­pher, Impe­ri­al War Muse­um, Coll. 4700–11, 04.2015
Liebs­te, vor der Sor­ge um das gro­ße Gan­ze ver­schwin­den uns[e]re klei­nen Sor­gen!

Der Sonn­tag zu Hau­se war im gro­ßen gan­zen recht befrie­di­gend. Sonn­tag­vor­mit­tag gin­gen wir zum Möbel­händ­ler G., weißt, das ist der neben B., bei dem wir ver­se­hent­lich ein­mal vor­spra­chen. Ich war auf[‘]s höchs­te gespannt auf die Schlaf­stu­be zu 650 M, und war dann froh über­rascht: eine über­aus gefäl­li­ge, mir ganz zusa­gen­de Schlaf­stu­be nicht in Esche, wie Mut­ter fälsch­lich berich­te­te, son­dern in Schäl­bir­ke, freund­lich, hell, schön gema­sert. Ich war bereit sofort ein­zu­schla­gen. Aber die da stand, war [sch]on ver­kauft. Mor­gen früh erwar­te ich Nach­richt von Mut­ter, wann die­sel­be Schlaf­stu­be lie­fer­bar ist, Herr G. hat noch 2 bestellt, nicht weit von K., in O.-O.. Mit 75% haben wir die­ses Zim­mer sicher. Der Schrank dazu mißt 1,80 M, die Bet­ten 1x2 M, Stahl­rah­men lie­fert er mit. Wir wur­den über­aus freund­lich abge­fer­tigt, Herr G. fu[e]hrte uns durch Werk­statt und alle Räu­me. Wir bekom­men von sei­nem Geschäft den bes­ten Ein­druck, sahen ein paar ganz [h]ervorragend gear­bei­te­te Pols­ter­mö­bel, sodaß ich mit Mut­ter dar­in einig den Laden ver­ließ, daß wir uns[e]re Pols­ter­mö­bel ein­mal bei dem anfer­ti­gen las­sen.

Anschlie­ßend besuch­ten wir den Tisch­ler­meis­ter und Möbel­bau­er K., uns schräg gegen­über. Die­ser Mann mach­te einen ehr­li­chen und guten Ein­druck und ist bereit, uns eine Küche zu bau­en nach vor­lie­gen­den Model­len, unter Berück­sich­ti­gung uns[e]rer Son­der­wün­sche, hat auch noch Äsche, Lin­ole­um, baut uns für 400–500 M eine gute Küche — aber kann sie vor Ende Okto­ber! nicht Lie­fern [sic]. Er baut jetzt Stu­ben­mö­bel und Möbel für Her­ren­zim­mer und baut dann wie­der ein­mal nur Küchen, und so lan­ge muß­ten wir uns gedul­den. Da ist nun wie­der man­cher­lei zu wägen und zu raten. Über Sonn­tag schickt uns Mut­ter einen Kata­log nach O., da kön­nen wir Kriegs­rat hal­ten. Die Eltern sind dafür, daß wir die­ses Ange­bot anneh­men. Vater meint, unter den jet­zi­gen Ver­hält­nis­sen kommt ihr vor Okto­ber ohne­hin nicht zu einem fes­ten Wohn­sitz, soll­te doch, dann fän­de sich auch dann noch Rat, der Okto­ber ist schnell her­an und von den 3½ Mona­ten, die bis dahin ver­strei­chen sind fast 2 Mona­te Feri­en. Das sind alles Grün­de, zu denen wir uns am Sonn­tag ein­mal äußern müs­sen. Ich habe also fest [vo]r, Sonn­abend zu Dir zu kom­men. Ich möch­te Dich bit­ten, bis dahin noch ein­mal zum Stan­des­amt zu gehen, und Dir die Unter­la­gen zur Bestel­lung des Kirch­li­chen Auf­ge­bots geben zu las­sen. Viel­leicht, daß wir dazu­kom­men, das Auf­ge­bot zu bestel­len.

Wc0107-04780r
Win­ston Chur­chill wur­de 10. Mai 1940 Pri­mär­mi­nis­ter des Ver­ei­nig­ten König­reichs. 13. Mai 1940 hielt er sei­nen berühm­ten „Blut, Müh­sal, Trä­nen und Schweiß“-Rede vor dem bri­ti­schen Unter­haus des Par­li­a­ments. Bild: US Libra­ry of Con­gress, über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
Herz­al­ler­liebs­te! Das sind so man­cher­lei Sor­gen durch­ein­an­der. Nicht zu zuviel [sic] sor­gen! Die Sor­ge nicht über­trei­ben! Die Ruhe behal­ten. Wenn Du mir nur bleibst! Wenn Gott nur über unser[e]m Glü­cke gnä­dig wal­tet! Was sind dane­ben all die­se Sor­gen? Sei­fen­bla­sen, nich­tig, bedeu­tungs­los. Herz­lie­bes! Dun­kel ist der Hin­ter­grund zu unse­rem Glück. Und Leid und Schmerz um uns, sie las­sen es mich umso köst­li­cher erschei­nen. Du! Mei­ne lie­be [Hil­de]! Gott will ich loben und dan­ken an dem Tag, da die­ses Dun­kel um uns weicht. Möch­te er nicht mehr fer­ne sein. Und nie ver­ges­sen wol­len wir die­se Zeit des Ban­gens, der Heim­su­chung. Sie soll uns fest und innig ver­bin­den für alle Zeit.

Mit Dir bin ich so glück­lich und froh­ge­mut! Behü­te Dich Gott! Am Sonn­abend will ich bei Dir sein, Herz­al­ler­liebs­te Du! Ich lie­be Dich von gan­zen Her­zen, Du mei­ne lie­be [Hil­de]! Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern.

T&SavatarsmDein [Roland].

Plea­se fol­low and like us:
27. Mai 1940

Ein Gedanke zu „27. Mai 1940

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben scrollen