25. Mai 1940

Belgian refugees. United Nations - NARA - 535895
Bel­gi­sche Flücht­lin­ge, 1940, Office for Emer­gen­cy Manage­ment, Office of War Infor­ma­ti­on, US NARA, RG 208 (ARC iden­ti­fier: 535890), über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015
[400525–1‑1]

S. am 23. Mai 1940.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be [Hil­de], Du!

So lan­ge brauch­te ich nicht nach der Feder zu grei­fen! Still ist es wie­der gewor­den in mei­nem Hau­se [sic], nach fro­her Gesel­lig­keit nun dop­pelt und selt­sam still. Ich spü­re früh­mor­gens nicht mehr den Atem hin­ter mei­ner Tür, brau­che nicht mehr rück­sichts­voll lei­se zu tre­ten. Du stehst nicht mehr bequem leib­haf­tig vor mir nach dem Dienst, ich muβ Dich wie­der suchen, und wir müs­sen uns mit Wor­ten wie­der ver­ständ­lich machen. Ich mag Dich so gern suchen, Liebs­te, so wie von Anbe­ginn uns[e]rer Freund­schaft und Lie­be! Wenn ich mei­ne Gedan­ken nun wie­der zu Dir schi­cken muβ und sie in künst­li­che Wor­te zwin­gen, so leuch­tet durch den Dunst und die Schwü­le der Sinn­lich­keit uns[e]rer ver­gan­ge­nen Tage[n] doch wie­der etwas von der kla­ren, rei­nen Wesen­heit uns[e]rer Lie­be. Du ver­stehst mich recht: es ist nur natür­lich, daβ wir bei­de im Ban­ne die­ser sinn­li­chen Lie­be ste­hen und wir wer­den es, solan­ge wir uns so sel­ten begeg­nen und im Schut­ze der Eltern­häu­ser noch ohne eige­ne Ver­ant­wor­tung neben­ein­an­der­le­ben [sic]. Und wir möch­ten doch bei­de nicht aus­lö­schen und til­gen, was wir bis­her an Stre­bun­gen und Zie­len in die­se Lie­be setz­ten. Ich bin doch so froh, daβ ich bei der Lie­be noch ein­mal in die Schu­le gehen darf, daβ die gröβ­te unter allen Him­mels­ga­ben mein Lehr­meis­ter wer­den soll. Ich muβ ja noch so viel ler­nen, und die ers­ten Übun­gen machen mir viel Freu­de: Rück­sicht neh­men, tei­len, sich küm­mern um ande­re, auf­merk­sam sein, ver­zei­hen. Liebs­te, das alles braucht der Jung­ge­sel­le nicht, das kennt er nicht, und wenn er es frü­her zu Hau­se übte, er ver­lernt es. Und solch Jung­ge­sel­le war ich. Und nun modelst Du mich um. Und das befreit mich, das liegt mei­nem Wesen mehr als ein­spän­nig daher­zu­fah­ren. Du glaubst ja nicht, wie schwer es mir fiel, Dir die klei­ne Nich­tig­keit zu ver­zei­hen. Ich bin froh, daβ ich das ler­nen muβ. Und es macht Freu­de, sich zu über­win­den. Weiβt Du, es war gut, daβ wir Besuch hat­ten wäh­rend uns[e]rer Tage, aus man­cher­lei Grün­den, wir haben schon dar­über gespro­chen.

Bundesarchiv Bild 101I-382-0248-33A, Im Westen, Panzer II und Panzer I
Im Wes­ten, Pan­zer II und Pan­zer I im Wald, Kriegs­be­rich­ter Kom­pa­nie Luft­waf­fe 4, Mai 1940, DBa Bild 101I-382‑0248-33A / Böcker / CC-BY-SA, 04.2015
Ich bin wie­der an die Arbeit gegan­gen. Es war man­ches lie­gen geblie­ben. Heu­te Frei­tag ist auch der Rohr­stock wie­der in Funk­ti­on getre­ten, die Bürsch­chen haben im Über­mut die Fens­ter­schei­ben einer Lau­be zer­don­nert. Don­ner­wet­ter war auch über der Elbe, ges­tern und heu­te. Mor­gen Sonn­abend ist schul­frei, Sport­fest der Jugend. Für mich ist trotz­dem Dienst: Schul­lei­ter­zu­sam­men­kunft auf der Schloβ­bas­tei in B.. Bei güns­ti­gem Wet­ter will ich anschlieβend nach L. fah­ren. Am Sonn­tag muβ ich an den Jah­res­be­richt gehen, am Vor­mit­tag. Am Nach­mit­tag will ich den Som­mer­frisch­ler spie­len und mei­ne Gedan­ken frei spa­zie­ren las­sen, ver­steht sich in der Frei­heit, die ihnen das gold[e]ne Ring­lein zumiβt, hin­ter den gol­de­nen Git­tern und Fes­seln der Frei­heit mit Dir, Herz­al­ler­liebs­te Du! Sie ist ja so groβ und weit und süβ und kost­bar, Du!

Herz­al­ler­liebs­te, Du! Eben bin ich heim von der S.er Tagung. Sie brach­te nichts Neu­es, immer bes­ser als etwas Schlech­tes. Zurück zum Elb­schlöβchen fand ich dort Mut­ters Brief, den ich Dir mit­schi­cke. Soeben habe ich mich ent­schlos­sen, wegen der Möbel nach­her ¾ 7 nach K. zu fah­ren.

16May-21May Battle of Belgium
Der deut­sche Vor­marsch an den Ärmel­ka­nal zwi­schen 16. Mai und 21. Mai 1940, the Histo­ry Depart­ment of the United Sta­tes Mili­ta­ry Aca­de­my, über Wiki­me­dia Com­mons, 04.2015.
Wenn mir das esche­ne Schlaf­zim­mer gefällt, und ich will es schon auch ein wenig mit Dei­nen Augen anse­hen, dann machen wir es fest. Das ande­re kommt mei­ner Ansicht wegen sei­nes Prei­ses und der Poli­tur nicht in Fra­ge. Was Mut­ter von der Küche schreibt, bringt mich auf den Gedan­ken, im Not­fall einen Tisch­ler in G. anzu­ge­hen, bei dem ich einst wohn­te. Weiβt, Du, ich bin ganz zuver­sicht­lich, daβ am Ende noch alles ein gutes Geschick kriegt. Rüh­ren müs­sen wir uns frei­lich und das tun wir ja auch. Ja, so schnell [ä]ndern sich die Plä­ne. Und Du siehst es an mei­ner Schrift, sie zit­tert schon von Ent­schluβ­freu­dig­keit und Rei­se­fie­ber! Bei mei­ner Rei­se nach O. am kom­men­den Sonn­abend bleibt es zunächst. Liebs­te, ich will schon gern zu Dir kom­men! Aber wenn Geschäf­te für uns dazwi­schen­kä­men, wür­de ich auch dar­auf ver­zich­ten. Du, bis­her hät­te ich kei­nen Sonn­tag her­ge­ben wol­len, den ich bei Dir weil­te! Aber nun, da wir rech­nen kön­nen, daβ wir doch uns[e]re Hoch­zeit fei­ern kön­nen, selbst wenn ich ein­ge­zo­gen wür­de, bin ich nicht mehr ganz so ängst­lich.
Entpannen Sie Sich! Vichy Propagandaplakate, atelierdezarts, La propagande du régime de Vichy, 23.02.2011, herunterladen 04.2015.
Ent­pan­nen Sie Sich! Vichy Pro­pa­gan­da­pla­ka­te, ate­lier­de­zarts, La pro­pa­gan­de du régime de Vichy, 23.02.2011, her­un­ter­la­den 04.2015.

Wie herr­lich wür­de es, wenn wir bis dahin den Frie­den hät­ten! Herz­lie­bes, viel Arbeit und Sor­ge ist noch bis zu unse­rem Fest! Aber davon wer­de ich mir nicht die Freu­de ersti­cken las­sen, daβ an die­sem Tage unse­re Hän­de für immer inein­an­der­ge­legt wer­den, daβ wir dann ein­an­der gehö­ren und auf uns gestellt, Du auf mich, und ich auf Dich, uns[e]re gemein­sa­me Lebens­fahrt antre­ten sol­len. Herz­lie­bes, dar­auf freue ich mich, Du! So sei mit den lie­ben Eltern für heu­te aufs herz­lichs­te gegrüβt. Wo ist es schö­ner, in Elb­schlöβchen oder im Dorn­rös­chen­schloβ? Du!! Unheim­lich ist’s im Elb­schloβ, ein vogt­län­di­scher Unruh­geist geht da um. Bald brau­chen wir ihn nicht mehr zu fürch­ten! Herz­al­ler­liebs­te Du! Ich bin so froh Dei­nes Besit­zes, ich gehö­re Dir ganz und immer! Behüt Dich Gott!

Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich von gan­zem Her­zen!

T&SavatarsmDein [Roland]

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